Praxiswertung (Archivversion)

Was nützen die besten Stoß-
dämpfungswerte und die perfekte
Aerodynamik bei Laborbedin-
gungen, wenn der Helm in der
Praxis nicht taugt? Das Visier lässt sich nicht richtig schließen, die Passform fällt miserabel
aus, der Verschluss hakt...

Für die Praxiswertung haben sich mehrere MOTORRAD-Experten mit den 20 Testhelmen tagelang ins stille Kämmerlein zurückgezogen und anschließend knapp eine Woche aufs Bike geschwungen. Die Handhabungstabelle auf Seite 62 zeigt die erzielten Ergebnisse.
Passform/Tragekomfort: ganz klar Kriterium Nummer eins. Zuallererst muss das gute Stück passen. Andernfalls kann es nicht wirkungsvoll schützen, und außerdem macht es keinen Spaß, mit einem schlecht sitzenden Exemplar zu fahren. Renommierte Hersteller verwenden für
nahezu jeden Kontinent unterschiedliche Innenschalen, da sich die Kopfformen
beispielsweise von Asiaten und Europäern voneinander unterscheiden. Nur wenn der Helm gleichmäßig und druckstellenfrei am ganzen Kopf sauber anliegt, Kinn und Nase nirgends anstoßen und stramme
Polster für tadellosen Sitz sorgen, gibt’s die maximale Punktzahl. Da freilich auch nicht alle europäischen Köpfe gleich sind, waren an den Passformtests ein Dutzend MOTORRAD-Mitarbeiter beteiligt. Folglich handelt es sich bei den Bewertungen in der Tabelle um Durchschnittsnoten. Am wohlsten fühlten sich die Tester im Shoei. Auf wenig Gegenliebe stieß der Probiker.
Auf-/Absetzen: Größe M ist nicht gleich Größe M – zumindest, wenn es um den Komfort beim Helman- und -ausziehen geht. Gleiches gilt für alle anderen Helmgrößen. Als unangenehm beim Auf- und Absetzen erweisen sich fast alle Kandidaten mit engem Einstieg und solche, die sich beim Runternehmen geradezu in den Ohren verbeißen (beispielsweise BMW und Schuberth). Ebenfalls negativ bewertet wurden kratzige Innenfutter (die beim
Absetzen zu Scheuerstellen führen) und scharfe Kanten oder wulstige Nahtstellen.
Zugluft: Auf Dauer sehr nervig ist Zug-
luft trotz geschlossenen Visiers und geschlossener Belüftungen. Ständig tränen die Augen, außerdem können Fliegen oder Staubpartikel ins Innere gelangen. Als Gegenmittel legen mittlerweile nahezu alle Helmhersteller so genannte Windabweiser mit bei oder montieren sie vor. Doch
selbst die sind je nach Ausführung keine Garantie für zugfreie Innenräume. Besonders windig geht’s im Takachi zu.
Perfekt: BMW, Schuberth und Shoei.
Regendichtheit: Mangels Normregen in freier Wildbahn ermittelte MOTORRAD
diesen Wertungspunkt mit Hilfe einer Winddüse (80 km/h) und herkömmlichen Wasserdüsen in den Testlabors von
Schuberth. Jeder Helm musste zehn Minuten auf einer Messpuppe im simulierten
Wolkenbruch ausharren. Zuvor wurden die Helme mit saugfähigem Papier ausge-
kleidet, um eindringendes Wasser nach-
zuweisen. Als extrem anfällig stellten sich bei den meisten Kandidaten die Visierdichtungen heraus. Nur der Marushin erhielt die volle Punktzahl.
Belüftungsfunktion: ein leidiges Thema, wie bereits vergangene Helmtests aufzeigten. Bei den meisten Modellen gelangt nicht mal ein sanfter Hauch auf die Kopfhaut. Und doch zeigen BMW, Schuberth und Shoei, wie gute Belüftungen funktionieren können.
Bedienung Belüftungstasten: Groß sollten sie sein, leicht zu finden und eine
exakte Rastung besitzen. Noch finden sich viel zu viele »Mini-Schalter«, die sich mit Handschuhen kaum bedienen lassen.
Verarbeitung: Zerfranste Innenfutter, große Spaltmaße, labbrige Schalter und Tasten sowie Lackfehler führen zu Abzügen.
Brilleneignung: Offenbar sitzen in den Entwicklungsabteilungen der Helmhersteller kaum Mitarbeiter mit Brille. Jedenfalls eignen sich nur wenige der getesteten
Modelle für Brillenträger. Sehr gut: Shoei und Suomy.
Betätigung Schloss: Wie lange dauert Öffnen und Schließen, und wie einfach ist die Bedienung des Schlosses? Ratschen- und Clickverschlüsse haben hier gegenüber Doppel-D-Ausführungen Vorteile.
Kinnriemen einstellen: nervig bei den meisten Click-Schlössern. Optimal flutscht die Sache bei Doppel-D-Verschlüssen.
Kinnriemensicherung: Gibt es einen Druckknopf oder eine Lasche, die das Ende des Kinnriemens fixiert?
Kinnriemenpolsterung: Wie fällt sie aus – weich, ausreichend lang, gut fixiert? Besonders positiv: Lazer und Schuberth.
Visierwechsel: Wird spezielles Werkzeug benötigt? Wie lange dauert ein Wechsel, und wie fummelig ist er? Bei den meisten fuktionierts problemlos. Bei Takai und vor allem Suomy dauert’s länger.
Visierbetätigung: Lässt sich das Visier auch mit Handschuhen sauber betätigen? Wie groß sind Griffleiste oder Nippel am Visier? Wie hoch sind die Bedienkräfte?
Visierrastung: Wie viele Rastenstellungen besitzt das Visier? Gibt es eine minimal
geöffnete Stellung für geringe Luftzufuhr? Wie exakt rastet das Visier ein?
Visierarretierung: Sie dient dazu, dass sich das Visier bei einem Unfall oder beim Kopfdrehen bei hohen Geschwindigkeiten nicht ungewollt öffnet. In diesem Kriterium überzeugen nur Shoei und Suomy.

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