Renn-Handschuhe, neue (Archivversion)

Für eine Handvoll Dollar...

...gibt es den neuen Kevlar-Rennhandschuh von Dainese noch lange nicht: Stolze 800 Mark sollen Kunden für den optimalen Handschutz ausgeben.

Wenn Max Biaggi in der letztjährigen Saison einen Grand Prix gewann - und das passierte ja nicht selten -, löste das nicht bei allen Angestellten seines Bekleidungs-Sponsors Dainese Freude aus. Denn der gute Max hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, nach einem Sieg neben dem Helm auch seine Handschuhe ins Publikum zu werfen. Was Max dabei wohl vergaß: Die Fingerlinge waren nicht irgendwelche Fernost-Massenware, sondern in aufwendiger Handarbeit angefertigte Maß-Handschuhe. Für Dainese bedeutete das jedes Mal: Arbeit, viel Arbeit. Denn schon für ein Serien-Pärchen des »Full-Protection«-Handschuhs braucht die Näherin einen vollen Tag, eine normale Lederkombi läßt sich deutlich schneller zusammennähen.Der hohe Aufwand erklärt den Püreis des Full Protection: 800 Mark werden dafür verlangt - und auch gezahlt. Schon fast 1000 Vorbestellungen weltweit liegen vor. Die Renn-Abteilung von Dainese, in der die Handschuhe gefertigt werden, hat bereits reichlich Überstunden angemeldet. Die Kundschaft ist sehr unterschiedlich strukturiert: Sie reicht vom Hobby-Rennfahrer, denen das Teuerste gerade gut genug ist, über Renn-Profis, die möglichst optimale Sicherheit wollen, bis zum Motorrad fahrenden Klavierspieler oder Chirurgen, deren Hände ihr Kapital ist und die alles für den Schutz ihrer Finger tun wollen. Während für Rennfahrer die Kohlefaser/Kevlar-Applikationen nach Maß angefertigt werden (siehe Kasten), muß sich der Normal-Kunde mit fünf Standard-Größen begnügen. Damit dürften die meisten Kunden klarkommen. Technisch bestehen aber praktisch keine Unterschiede zwischen dem Serien-Handschuh und dem, den Biaggi gern ins Publikum wirft. Im Gegensatz zu handelsüblichen Handschuhen erfordert der Kevlar-Handschutz absolute Präzision an der Nähmaschine. Schon ein Millimeter daneben kann die Paßform und den Tragekomfort negativ beeinflussen. Dabei müssen 58 Einzelteile zusammengefügt werden. Kompliziert wird die Näharbeit durch weitere Besonderheiten: Sehr unterschiedliche Materialien, Karbon/Kevlargewebe und Leder, wollen verbunden werden. Außerdem kann der Handschuh nicht auf die übliche Art genäht werden: Das heißt Zusammennähen von der auf links gewendeten Seite, abschließend Umstülpen des komplett fertig genähten Handschuhs. Das geht beim Full Protection wegen der großen Karbon/Kevlar-Einsätze nicht, er muß von der »richtigen« Seite her vernäht werden. Für den Käufer steht natürlich der Sicherheits-Aspekt im Vordergrund. Zum Schutz von Fingern und Hand hat der Full Protection einiges zu bieten. Gegen Abrieb schützen die prägnanten Karbon/Kevlar-Einsätze, zudem ist die Oberseite mit Kevlarfilz unterlegt. Der kleine Finger, den sich schon einige GP-Fahrer (zum Beispiel Kevin Schwantz) abgeraspelt haben, wird besonders mit Kevlar und Leder-Verstärkungen geschützt. PU-Schaum-Unterlagen sollen Schläge dämpfen. Der Normalsterbliche, der 800 Mark über den Tresen schieben mußte, wird mit den kostbaren Full Protection-Handschuhen wohl vorsichtiger umgehen als Biaggi. Aber auch der müßte nun mehr Sorgwaölt walten lassen, da er nicht mehr von Dainese unterstützt wird. Der kommenden Saison kann die Rennabteilung von Dainese also gelassener entgegensehen.
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15 Paar von den kostbaren Handschuhen »verbrauchte« Biaggi in der Saison 1996, aber auch eine ganze Reihe weiterer GP- und Superbike-Piloten wie Troy Corser, John Fogarty, Mike Hale, Loris Capirossi oder Jürgen Fuchs verschlissen jeweils sechs bis neun Paar von den maßgefertigten Full Protection-Rennhandschuhen. Maßarbeit bedeutet, daß die Dainese-Techniker bei jedem Rennfahrer nicht nur die Form der Hand exakt vermessen, sondern auch einen Abdruck der kompletten Oberhand abnehmen. Nach diesem werden die Karbon/Kevlar-Matten geformt, welche die Gelenke vor Abrieb schützen sollen. Diese Einsätze sind keine starren, harten Formteile, sondern bleiben dank einer besonderen Behandlung dauerhaft etwas flexibel. Der Tragekomfort wird dadurch möglichst wenig geschmälert. Die Handschuhe wurden im Laufe der letzten beiden Jahre entwickelt. Dabei flossen die Erfahrungen aus vielen Stürzen ein, jeder Crash wird von den Dainese-Technikern sorgfältig analysiert. Bei der Auswertung half auch Rennarzt Dr. Costa mit. Daß die Top-Piloten sich besonders oft an der Hand verletzen, liegt zunächst an der Tatsache, daß sie naturgemäß häufiger vom Motorrad fallen als der Alltagsfahrer. Dabei lassen Rennfahrer den Gasgriff erst extrem spät los in der Hoffnung, das Motorrad schnell wieder aufstellen und weiterfahren zu könnnen, ohne daß der Motor abstirbt. Folglich rutschen sie oft längere Strecken mit der Hand am Gasgriff über den Asphalt. Aus diesem Grund stand der Schutz gegen Abrieb bei der Entwicklung eines perfekten Rennhandschuhs im Vordergrund.

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Zwischen Dainese und Spidi herrscht schon seit langem gesunde Konkurrenz. Daher verwundert es auch nicht, daß Spidi zeitgleich auf der IFMA einen Handschuh präsentierte, der dem Full Protection ziemlich ähnlich sieht. Der besitzt ebenfalls Einsätze aus Kevlar/Karbon. Der »Carbo 1« ist zwar immer noch kein Sonderangebot, kostet aber deutlich weniger als der Dainese, nämlich knapp 500 Mark. Allerdings ist er auch nicht ganz so aufwendig gemacht. Wie der Dainese-Pendant wird er im Frühjahr im Handel sein.

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