Sicherheit (Archivversion) Guten Rutsch

MOTORRAD verpaßte den Test-Anzügen nicht nur jede Menge harter Schläge, sondern auch eine gehörige Abreibung.

Die »zweite Haut« nannte Harro in den sechziger Jahren die berühmten Lederkombis der ersten Generation. Das gegerbte Tierfell sollte beim Sturz aufopferungsvoll verhindern, daß die kostbare Haut des Motorradfahrers angekratzt wird. Zweit-Haut kennt auch Dr. Christoph Scholl, der als Arzt und Betreuer an den Wochenenden auf internationalen Rennstrecken unterwegs ist: In seiner Ausrüstung findet sich jede Menge Kunsthaut, die bei größeren Hautverletzungen den Heilungsprozeß beschleunigt. Daß diese Ersatzhaut nicht gebraucht wird, sollen abriebfeste Materialien verhindern. Hautabschürfungen nach einem harmlosen Ausrutscher sind lästig und schmerzhaft, der Heilungsprozeß langwierig. Oft können schon harmlos erscheinende Abschürfungen viel Ärger bringen. Bei Brüchen oder inneren Schädigungen führen eindringende Verschmutzungen häufig zu Komplikationen. Neben guter Schlagdämpfung von Protektoren ist daher die Abriebfestigkeit von großer Bedeutung. Um die theoretischen Laborversuche auf dem Prüfstand der TH Darmstadt zu untermauern, führte MOTORRAD neben den umfangreichen Labortests einen Praxisversuch durch (siehe Kästen). Dabei zeigte sich, daß Textilien beim Rutschen auf der Fahrbahn grundsätzlich anders reagieren als Leder. Die Tierhaut wird auf dem Prüfstand kontinuierlich abgeraspelt, der Masseverlust oder die Restdicke geben ein Maß für den Verschleiß. Das Verschleißverhalten ist vorhersehbar. Bei Kunstfasern kann die Lochbildung sehr plötzlich einsetzen, sobald die ersten Fasern reißen. Was bei 50 km/h noch intakt ist, kann bei Tempo 60 schon vollkommen zerrissen sein. Sicherlich haben in der Praxis auch die Protektoren einen positiven Einfluß auf den Schleifschutz eines Anzugs. Um einen Protektor durchzuschleifen, muß man schon sehr lange auf der gleichen Stelle herumrutschen. Schützen kann der Protektor aber nur, wenn er an der vorgesehenen Position bleibt. Beim Zugtest hinter dem Auto zeigte sich deutlich, daß Protektoren in Textilkombis sich sehr leicht von den zu schützenden Körperteile wegdrehen oder verschieben. Außerdem verabschiedet sich ein Protektor manchmal schon nach kurzer Schleifdauer, wenn die äußere Hülle aufreißt. In solchen Fällen rächt es sich, daß die Protektoren anders als in manchen Lederkombis nicht fest eingenäht und/oder verklebt sind. Daher ist es besonders positiv zu beurteilen, wenn nicht nur an besonders verletzungsgefährdeten Stellen, sondern auch im Rest des Anzugs widerstandsfähigeres Material eingesetzt wird. Ein Beispiel ist der BMW-Anzug Orlando, der komplett aus dem Schoeller-Textil Dynatec aufgebaut ist, das an vielen Stellen sogar gedoppelt ist. Auch Gericke setzt das bessere Material fast überall ein. Dabei muß berücksichtigt werden, daß solche festen Faserwerkstoffe als Rohmaterial nicht ganz billig sind. Bei einem Anzug der unteren Preiskategorie (Büse, MQP, Difi) müssen zwangsläufig Zugeständnisse gemacht werden. Bei den Schleiftests war denn auch deutlich zu erkennen: Für weniger Geld gibt es in aller Regel auch weniger Sicherheit.Die beiden teuren Anzüge aus steif wirkendem Dreilagen-Laminat von Dane und Rukka bekamen sehr unterschiedliche Noten. Der Dane Projekt GT ist von oben bis unten aus dem Laminat aufgebaut, im Bereich der Protektorentaschen doppellagig. Die großen Protektorflächen schützen beim Aufprall und beim Rutschen. Nachteil der Konstruktion: Das Grundmaterial ist nur eingeschränkt widerstandsfähig, leicht kann es durchgeschliffen und die Schutzpolster aus der Tasche herausgerissen werden. Rukka verstärkt die Protektorenbereiche mit Kevlar, das macht sich bei den Prüfstands-Ergebnissen positiv bemerkbar. Da bei allen Sicherheitstest zu Vergleichszwecken eine Lederkombi mitlief, wurden mit Lederproben auch Rutschtests auf dem Prüfstand durchgeführt. Selbst die hohe Startgeschwindigkeit konnte verschiedenen Lederproben jedoch kaum etwas anhaben, das Material wurde nur oberflächlich angekratzt. Während bei Lederkombis die Verarbeitung zum Beispiel der Nähte sehr wichtig ist, spielen diese beim Schleifschutz der Textilanzüge kaum eine Rolle. Sie werden schlicht und ergreifend zusammen mit dem Material weggeraspelt. Auf eine spezielle Bewertung der Nähte wurde anders als beim letzten Lederkombivergleich daher verzichtet. Protektoren aus einer Lederkombi des Herstellers Schwabenleder liefen auch bei den Stoßdämpfungstests beim TÜV Rheinland mit. Dort wurde mit einem Fallprüfstand in Anlehnung an die aktuelle CE-Norm die Stoßdämpfung der eingebauten Protektoren geprüft. In diesem Punkt haben die Textilkombis in den letzten Jahren deutlich aufgeholt. Waren früher oft nur weiche Schaumplatten mit miserabler Dämpfung eingesetzt, so haben die meisten Anzüge heute vernünftige Protektoren mit befriedigenden bis guten Dämpfungseigenschaften. Den hohen Standard der Schwabenleder-Kombi erreichen sie zwar nicht, aber mit mittelprächtigen Lederanzügen können sie es hinsichtlich Stoßabsorption aufnehmen.Allerdings wurde bei manchen Anzügen selbst aus höheren Preisklassen gespart. Der Hüftprotektor fiel hier und da dem Rotstift zum Opfer. Ärgerlich, weil man gerade an dieser Stelle oft zuerst Kontakt mit der Straße hat. Ohne Protektor ist vor allem auch der Schleifschutz stark herabgesetzt. Außerdem verzichten einige Hersteller in der Serienausstattung auf den Rückenprotektor. BMW bieten ihn als Zubehör an, Dainese empfiehlt die hauseigenen Rückenpanzer. Ob die in den übrigen Anzügen durchweg eingebauten Schaumplatten ernsthafte Wirbelsäulenverletzungen verhindern können, muß bezweifelt werden. Brüche entstehen fast immer durch hohe Schlagenergie von oben oder unten, davor kann kein Protektor schützen. Trotzdem machen große Schaumplatten im Rücken Sinn. Sie können Weichteilverletzungen mindern und beim Rutschen das Abriebverhalten verbessern. Aus den genannten Gründen wurden die Dämpfungswerte in Abstimmung mit der Expertenrunde im Gegensatz zu denen der übrigen Protektoren nur einfach gewertet. Sind die Laborwerte beim Stoßdämpfungstest meist zufriedenstellend, so mangelt es oft am festen Sitz der Sturzpolster und an der Überdeckung der wichtigen Körperteile. Der großzügige, bequeme Schnitt vieler Anzüge bringt es mit sich, daß die Schaumteile manchmal nicht da sitzen, wo sie hingehören. Beim Gericke-Anzug, dessen Hiprotec-II-Protektoren akzeptable Dämpfung bieten, kann sich der Ellbogen zum Beispiel sehr leicht neben dem zwar großen, aber plattenförmigen Polster herausdrücken. Bei BMW liegt das Hüftploster eindeutig zu tief, es deckt eher den durch Muskulatur geschützten Oberschenkel als die Hüftknochen ab. Die Knie-Hartschale von Dainese trifft wohl nur, wer genau zielt. Gut macht es Dane, dort wird mit sehr großflächigen Schaumpolstern gearbeitet, die in Klett-Taschen untergebracht sind und durch den engeren Schnitt des Anzug die Körperteile vorbildlich umschließen. Negativ wurde in der Expertenrunde bewertet, wenn sich Hosenbeine oder Ärmel leicht verdrehen oder verschieben können. Ähnliches gilt für die Verbindung von Jacke und Hose. Die Praxis hat gezeigt, daß bei einem Sturz einzelne Jacken manchmal komplett über den Oberkörper bis unter die Arme geschoben werden, der Körper liegt dann nahezu im Freien. Umlaufende Reißverschlüsse wie bei BMW, Dane oder Ixs sind dagegen der beste Schutz. Bei lang geschnittenen Jacken kollidiert die Verbindung jedoch mit dem Thermofutter. Polo hat immerhin einen kurzen Reißverschluß im Rücken installieren können, bei Clover gibt es eine Schlaufe als Anker. Die Schrittgurte, die das Hochrutschen beim Sitzen auf dem Motorrad verhindern soll, nützen bei einem Unfall praktisch nichts, sie öffnen sich schon bei sehr geringen Kräften.Es sind im Bereich Sicherheit also noch reichlich Defizite vorhanden. Eine vergleichsweise in allen Kriterien mitbewertete Lederkombi kam auf knapp 180 von 200 möglichen Punkten, 60 Punkte Abstand zum besten Textilanzug sind eine Menge mehr an passiver Sicherheit bei einem Unfall.

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