Szenereport Motorradbekleidung (Archivversion) Echte Anzugswerte

Motorradfahrer in Jeans, Braincap oder Badelatschen: Diese Typen trifft man immer wieder auf Deutschlands Straßen. Doch wie verbreitet ist diese lässige Art, um Kurven zu räubern oder Kilometer zu fressen? Eine Lesestoffprobe von den Treffpunkten dieser Republik.

Wie ein Düsenflugzeug, bei dem die Schubumkehr einsetzt, schwebt die ZZR 1400 auf der Autobahntankstelle Wunnenstein nahe Heilbronn ein. Markus schiebt das Visier hoch, schaut mich an: »Weißt du eigentlich, dass Gore-Tex und Klapphelme der Untergang der Menschheit sind?« – »Warum?« – »Weil’’s einfach übel aussieht und sich die Klamotten furchtbar anfühlen!« Bevor ich einen klima-komfortablen Einwand machen kann, ist das Visier des Fotoreporters von MOTORRAD schon wieder fest verschlossen. Unwillig schüttelt er sich in der Textilkombi, die ich ihm aufgeschwatzt habe. Leder wäre ihm lieber gewesen. Egal, Hauptsache gut angezogen. Denn 72 Stunden Deutschland stehen auf dem Programm. Die Augen und das 300er-Tele gnadenlos darauf gerichtet: Was tragen Deutschlands Biker am liebsten? Wie viele Badelatschen sind unterwegs? Mit welcher Entschuldigung reden sich Fahrer in Jeans raus?
Kurz vor dem nächsten Tankstopp überrascht uns ein kleiner, aber heftiger Regenschauer. Beim Spritfassen schweigt der Fotograf trotzig. Wohl doch nicht so schlecht, eine wasserfeste Kombi zu tragen. Der Weg führt über Frankfurt Richtung Nordwest. Auf der Autobahn ziehen wir an einigen Zweirad-Kollegen vorbei. Schon jetzt spannt sich ein weiter Bogen auf: ­nagelneue Yamaha FJR 1300, an Bord ­ein monstermäßig aufgeblähter Blouson, Jeans und Halbschuhe. Handschuhe? Fehl­anzeige. Das Kennzeichen deutet darauf, dass mit dem Big Bike gerade keine Kurzstrecke gestemmt wird. Sieben Kilometer weiter brummt eine abgehalfterte XS 650 über die Bahn, der Pilot komplett in Leder gehüllt. Old style, aber sehr ansehnlich. Der Helm dazu ist keine zwei Jahre alt. Kann es noch facettenreicher sein?
Dunkle Wolken hängen über Dortmund, als wir in Hohensyburg aufschlagen. Der Treffpunkt am Rande des Potts gilt als Klassiker. Früher brannte hier der Busch, heute hat sich ein kleines Grüppchen unter Bäumen zusammengerottet. Die fehlende Sonne verdüstert die Atmo­-s­phäre zusätzlich. Mitten auf dem ge-schotterten Platz steht eine abgetakelte Ba­racke. Auf der Speisekarte des »Driver’s Picknick« das, was zu einem anständigen Treff da­zugehört: Currywurst, Pommes-Majo. Die Portion ist üppig. Auch beim ­Kaffee zeigt man sich nicht kleinlich. Randvoll schwappt die Koffeinbombe in den Plastikbechern.
Mit welchem Anzug aufs Moped? Die Hohensyburger fahren eine geschlossene Front auf: eigentlich nur in Leder, an heißen Sommertagen darf’s zur Lederhose auch mal eine luftige Textiljacke sein. Für den Winter hängen gut isolierte Kunstfaser-Anzüge im Schrank. Gefahren wird aber immer in kompletter Montur mit Hand-schuhen und Stiefeln.
Kompromisse lässt die Bikergruppe, im Schnitt der Ü-50-Generation angehörend, nicht gelten. Auch in Sachen Farbe. Schwarz wie die Kohle, einst das Leben­selixier im Revier, sind die Klamotten. Echte Kumpelatmosphäre bei den Jungs, die mit Yamaha FJR 1300, BMW K 1200 RS und Suzuki GSX 1400 keine kleinen Kaliber bewegen und im Jahr stolze 20000 Kilometer pro Mann und Maschine sammeln. Viele aus der Hohensyburger Clique sitzen seit mehr als drei Jahrzehnten auf dem Bock. Was hat sich anzugstechnisch für sie geändert? Bequemer, sagen sie, sei vieles geworden, biete einen besseren Schutz vor Wind und Wetter. Nur bei extremer Kälte muss man doch wieder auf die alten Tricks wie die Zeitung vor der Brust zurückgreifen.
Allerdings sei manches definitiv zu über­laden, mit Taschen oder Gurten, die kein Mensch auf dem Motorrad brauche. Vieles, was auf dem Dortmunder Treffpunkt zu sehen ist, kommt von den großen Shopketten. Qualitativ reiche das, heißt es hier, ansonsten müsse man ja gleich den teuren Markennamen mitbezahlen. Und die Auswahl in den Shops sei ohnehin gigantisch: Wer da nichts finde...
Das einheitliche Gruppenbild wird nur durch den jungen Patrick durcheinandergewirbelt, der auf einer schwarzen Kawa ZX-10R in Jeans, Schnürboots und Weste auf den Treff rollt. Ob wir ein Bild von ihm machen dürfen? Nein, dürfen wir nicht: »Das bin nicht ich. Eigentlich fahre ich nur vernünftig, habe mir gerade erst einen ­neuen Einteiler für 800 Euro gekauft.« Und der legere Look? »Ich komme hier gerade von der Arbeit auf ’nen Kaffee vorbei.« Den trinken wir noch zusammen, dann satteln wir ZZR und R1. Die Speicherkarte der Kamera ist gefüllt mit viel Leder, wenig Textil und kleinen Skurrilitäten. Wie dem Stahlhelm-Fransenjacken-Outfit von Eddy aus Bayern. Jeans und Turnschuhe fehlen noch genauso wie Braincap und Badelatschen.
Haus Scheppen steht auf der Marschroute, ein beliebtes Ziel für Biker, die dem Großstadtmief von Essen entkommen wollen. Nach kurzer Fahrt durch ein unglaublich grünes Stück Ruhrgebiet steht ein mächtiger Rührkuchen vor unserer Nase. Bikertreffs setzen auf kuli­narisch Solides – das aber in großen Por­tionen. Es ist früher Abend, die Sonne hat sich mittlerweile durchgesetzt und taucht die mittelalterliche Kulisse am Baldeneysee in warmes Licht. Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Pärchen und Solofahrer, die sich in lockerer Runde um ihre Motorräder gruppieren, kaum vom Dortmunder Treff. Die meisten sind korrekt bis zu den Finger- und Zehenspitzen in Schutzkleidung gehüllt. Leder und Textil halten sich die Waage, sehen allerdings durch die Bank einen Tick teurer aus. So wie beim BMW-Pärchen, das in Vollausstattung aus gleichem Hause auf der 1200er-GS sitzt – zusammen mit dem glitzernden Wasser im Hintergrund könnten die beiden glatt für ein Werbefoto der Münchner Marke posieren.
Was am Essener Treff besonders ins Auge sticht: auffallend junge Biker, die auffallend gut gekleidet sind. Für sie gehört die komplette Ledermontur inklusive Stie­-feln und Handschuhen zum Fahren dazu. Selbst wenn es nur auf einer Feierabendrunde quasi um den Block geht und Haus Scheppen als Einkehrschwung genommen wird: So viel Schutz muss einfach sein. Betonen auch die 20-jährige Julia und der drei Jahre ältere Sebastian, die in knackfrischen FLM-Lederkombinationen auf Yamaha FZ6 und Aprilia RS 250 sitzen. Fotograf Markus schaut resigniert aufs Wasser, murmelt was von der »Jeans, mit der wir damals...« Plötzlich zieht er die Kamera hoch, er hat Joachim erspäht, der mit Jethelm, T-Shirt und Weste einrollt. Für den Africa-Twin-Treiber, der mal als Bremsentester in Spanien gearbeitet hat, ist die luftigleichte Kluft normal. Und wenn es regnet? »Fahre ich erst gar nicht los!« Neben ihm steht Uwe, der seine CX 500 (»seit 164000 Kilometern, das muss gesagt werden!«) in einer farbenfrohen Textilkombi in Pink-Mint aus den späten Achtzigern bewegt: »Gekauft habe ich die damals nur, weil sie runtergesetzt war. Nicht wegen der Farben!«
Die Sonne hat einen leichten Lila-­Grünstich, als die Nasen von Yamaha und Kawa Richtung Osten stoßen. Unser Ziel: der Harz, beliebtes Ausflugsrevier norddeutscher Biker, die nach endlosen Fast-forward-Etappen auf schnurgeraden Highways eine gewisse Kurvensucht ver­­spüren.
Auf der Anfahrt nach Torfhaus schnupfen ZZR und R1 einige Reisegruppen. Viele BMWs, viel Textil. Sehr teuer, sehr neu, sehr schwarz – so die schnelle Bilanz im Vorbeifahren. An diesem Bild ändert sich auch nichts, als wir mit wunderbarem Blick auf den Brocken den Treffpunkt zwischen Bad Harzburg und Braun­-lage erreichen. Touristen tragen Textil. So einfach ist das. Abgenutzte, runtergerittene Ware ist kaum zu sehen. Die Anzüge sind im Schnitt nicht viel älter als die Motor­-räder, und die sind in der Regel sehr neu. Alle vier Jahre, so ist von vielen zu hören, stehe ein neuer Anzug ins Haus. Ungefähr im gleichen Turnus wird der Helm aus-getauscht. Dazwischen gibt es schon mal ein neues Handschuh- oder Stiefelpärchen. Pro Jahr investiert man im Schnitt mindestens 250 Euro in neue Ausrüstung.
Für Reisende hat die Allwettertaug-lichkeit hohe Priorität. Die Schutzfunktion wird maximal in einem Nebensatz erwähnt. Als sich über dem Westharz eine dramatische Regenfront zusammenbraut, ist der Parkplatz auf 800 Höhenmetern im Nu leergefegt. Nur ein harter Kern trotzt dem schroffen Klimawandel. Und nun ist der Torfhaus-Typ ein gänzlich anderer – trägt Bandithelme mit wilder Airbrush-Optik, sitzt in Schnürjeans auf einer Ducati 998 oder schwört seit zwei Jahrzehnten auf den altbekannten Bullson-Blouson. Das meiste, was hier in entspannter Lässigkeit einläuft, ist unter Feierabendverkehr zu verbuchen: noch schnell mal auf ’nen Kaffee hoch nach Torfhaus.
Wir machen die Harzer Rolle rück­-wärts, blasen mit 370 PS wieder Richtung Stuttgart, oder genauer: zum Glemseck. Dort sind häufig die wildesten Typen versammelt. Und tatsächlich, 500 Kilometer weiter südlich ist an dieser Showmeile die bizarrste Melange der Tour zu sehen: Harley-Fahrer mit mächtig angespitzten Cowboy-Stiefeln, Muscle-Shirt und Nierengurt, gnadenlos Gebückte im Racing-Einteiler mit – immerhin farblich passenden – Turnschuhen, Boxer-Fans mit Jeans und weit geöffnetem Klapphelm.
In der Applauskurve an der alten Solitude-Rennstrecke am Rande Stuttgarts sind sie noch einmal alle versam­-melt: die Vernunftbetonten, die Sicherheits­apostel, die Lässigen, die Coolen. Markus breitet die Arme aus: »Das hier ist Motorrad­fahren. Jeder so, wie er will.« Gerade will er das Tele anlegen, als Mehrdad uns antippt: Was wir hier tun? – Eine Reportage für MOTORRAD. – Warum wir Textilkombis tragen? – Weil wir uns auf dieser Rundfahrt auch gegen schlechtes Wetter schützen wollten. – Ob wir denn nicht wüssten, dass Leder viel, viel sicherer ist? Er trabt davon, das seinem Club zu erzählen: Die von MOTORRAD – steigen ohne Lederkombi aufs Bike...

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote