Test: Bluetooth-Helme und Nachrüstkits (Archivversion) Vorübergehend erreichbar

Während der Fahrt flockig Benzin plaudern, dem Chef ein »Komme heute später« auf der Mailbox hinterlassen – immer mehr Helme werden mit dem Hightech-Funk namens Bluetooth ausgestattet. Unser Praxistest klärt, wo die Systeme wieder sprachlos machen.

Und da war es wieder zu spüren,
das Brummen in der Jackentasche. Die Mailbox ist ausgeschaltet, der Anrufer
penetrant. Er lässt durchklingeln: Heb doch endlich ab! Im dichten Feierabendverkehr raus aus der City ist das gar nicht so
einfach. Eine Lücke tut sich auf, rasch
ist die Spur gewechselt. Handschuh aus, Reißverschluss geöffnet, das Mobiltelefon liegt pulsierend in der Hand. Schnell die Rufannahme drücken, doch just in dem Moment ist das Gespräch weg. Die Gegenseite hat aufgelegt und zu allem Überfluss keine Rufnummer hinterlassen. Die ständig gewollte, grenzenlose Erreichbarkeit – auf dem Motorrad bewegt man sich oftmals durchs Tal der Ahnungslosen.
Das soll sich jetzt ändern. Was für viele Autofahrer und Fußgänger mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden ist, hält nun auch in die Motorradwelt Einzug: die kabellose, multimediale Kommunikation via Bluetooth (siehe Kasten Seite 68). Noch
ist der Markt überschaubar. Helmanbieter wie Dainese, Nolan oder BMW haben sich mit Komplettlösungen in den Hightech-
Bereich gewagt, Midland oder Bluebike bieten universal passende Anbaukits für Integral- wie Jethelme an.
André Walek, Geschäftsführer der deutschen Nolan-Vertretung, ist überrascht von der Akzeptanz: »Durch unser modular aufgebautes System können Kunden die drahtlose Kommunikation mit kabelge-
bundenen Varianten zum Gegensprechen, Telefonieren oder Musikhören ergänzen. Doch fast alle greifen zum Bluetooth-Kit.« Der in der Regel nicht gerade billig ist.
270 Euro sind’s beim Nolan, satte 400 Euro Aufpreis werden fällig, wenn man zum
Systemhelm 5 von BMW greift. Will man mit dem Partner kabellos kommunizieren, legt man für zwei Helme schnell über 1600 Euro auf die Ladentheke.
Und das Ende der Rechnung ist offen. Denn Bluetooth-Helme sind erst der Anfang. Bei BMW ist ein Steuergerät in der Entwicklung, das dann nach Wunsch Musik vom MP3-Player, Verkehrsfunkdurchsagen des Bordradios oder Sprachanweisungen des Navigationsgerätes in den Helm einspielen soll. Noch halten sich die Verantwortlichen bedeckt, ob das System bis zur Intermot Mitte Oktober marktreif ist. Ebenso ist der Preis noch offen. Niedrig wird der nicht ausfallen: Bei Bluebike kostet ein ähnliches System stolze 650 Euro.
Gewarnt sei hier vor der berühmten »Plug and Play«-Vorstellung. Die Schwierigkeit beginnt beim Kauf. MOTORRAD musste feststellen, dass Schnelligkeit und Hightech nicht immer konform gehen. Schuberth und Vemar bieten offiziell zwar ebenfalls Helme mit der Bluetooth-Verbindung an, aber unsere Anfrage überraschte die Vertriebsabteilungen: Zum derzeitigen Zeitpunkt, so bekamen wir lapidar zu hören, könne man die Helme noch nicht zur Verfügung stellen. Wer also vor der Urlaubstour eine solche Anschaffung geplant hat, sollte nicht kurz vor Ladenschluss und
Abfahrtstermin beim Händler aufkreuzen. Beim Thema Bluetooth ist mit längeren Lieferfristen zu rechnen.
Ob das eigene, Bluetooth-fähige Mobil-
telefon überhaupt mit dem Helm vernetzt werden kann, muss schon im Laden gut geprüft werden. Denn obwohl bestimmte Standards existieren, die eigentlich alle Bluetooth-Geräte erfüllen sollten, kann es beim Verbindungsaufbau immer wieder Fehlermeldungen geben. Auf den Internetseiten der jeweiligen Helmhersteller werden in der Regel die Handy-Typen gelistet, mit denen ein problemloser Verbindungsaufbau möglich ist. Empfehlenswert ist es auf jeden Fall, die Helm-zu-Handy-Vernetzung vor dem Kauf auszuprobieren.
Problematisch ist nach wie vor die gleichzeitige Verbindung von zwei Helmen im Gegensprechmodus plus ein zugeschaltetes Telefon auf einen der Helme. Obwohl das bei allen Systemen funktio-
nieren sollte, verabschiedete sich im Test wiederholt die ein oder andere Ver-
bindung. Und schnell war man wieder
zu Sprachlosigkeit verdammt. Nahezu un-
lösbare Aufgaben stellt sich derjenige, der neben der Gegensprech- und Telefonfunktion auch noch die Sprachanweisungen des Navigationsgerätes in den Helm einspielen will. Bei unserem Test war die gleichzeitige Nutzung aller drei Merkmale bei keinem Probanden möglich.
Inwiefern sich schließlich kernige Bikerhymnen in den Knitterfreien einspielen lassen, bleibt ebenfalls noch abzuwarten. Passend ausgestattete Endgeräte sind Mangelware. Zwar gibt es Bluetooth-Kits für
MP3-Player oder den bekannten I-Pod von
Apple, doch diese sind stets fest mit einem entsprechenden Headset verknüpft und
lassen den Helm als Alternative nicht zu.
Somit bleibt zum Schluss die Empfehlung: Wer warten kann, der sollte war-
ten. In wenigen Wochen ist die Intermot,
spätestens dort werden weitere Anbieter das Thema Bluetooth bereichern. Wie bei jeder neuen Technik wird der Preis künftig deutlich fallen. Das Leistungsspektrum der getesteten Systeme ist – gemessen am Preis – noch sehr mau.

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