Test Karbon-Helme (Archivversion) Ganz schön viel Kohle

Ohne Kohle kein Karbon – das gilt zumindest bei einigen Exemplaren im doppelten Sinn. Denn wer sich für einen Helm mit Kohlenstoff-Außenschale entscheidet, wird im Extremfall mit fast 1500 Euro zur Kasse gebeten. Ob sich die Ausgabe lohnt, klärt MOTORRAD in einem großen Labor- und Praxistest aller aktuell erhältlichen Integralhelmmodelle mit Karbon-Hülle.

Eins gleich vorneweg: Kein Karbon-Helm besteht aus reinem Karbon. Unter den von außen sichtbaren Kar­-bon-Matten liegen grundsätzlich mehrere Schich­ten aus GFK und/oder Kevlargewebe. Nur so lassen sich die Anforderungen an Elastizität, Härte und Widerstandskraft hinsichtlich der Stoßdämpfungsprüfungen nach ECE einhalten. Reines Karbon wäre einerseits zu hart, andererseits zu spröde. Wobei diese Eigenschaften auch durch die Art der Herstellung beeinflusst werden. Und zwar je nachdem, wie die Karbonmatten ausgerichtet werden und wie viel Harz beim Fertigungsprozess zugegeben wird.
Außerdem werden nicht alle Helme im äußerst aufwendigen und teuren Autoklaven-System im Vakuumofen hergestellt, was für geringstes Gewicht und höchste Stabilität sorgen soll. Das ist lediglich bei den Helm-Außenschalen von BMW und Schuberth der Fall. Für das Ergebnis des MOTORRAD-Tests spielt das Herstellungsverfahren jedoch keine Rolle. Entscheidend sind die tatsächlichen Eigenschaften der Helme, die sich aus den Laborversuchen und aus den in der Praxis gesammelten Ergebnissen ergeben.
Zunächst unterzog der TÜV Rheinland sämtliche Kandidaten einem Stoßdämp­fungstest, bei dem 20 Punkte von insgesamt 100 Punkten zu erreichen waren. Näheres zum Ablauf inklusive der Messwerte im Kasten auf Seite 63.
Bei den Fahrversuchen überprüften und bewerteten die MOTORRAD-Tester sämtliche für die Praxis relevanten Kriterien.
Passform/Trageverhalten (20 Punkte): optimal, wenn der Helm bei allen Geschwindigkeiten sicher und fest sitzt und weder mit Druckstellen nervt noch beim Kopfdrehen verrutscht. Am besten schnitt diesbezüglich das BMW-Modell ab.
Aerodynamik (10 Punkte): Je ge­ringer die Luftwiderstands- und Auftriebskräfte bei Geradeausfahrt und beim Blick über die Schulter ausfallen, desto höher die erreichte Punktzahl. Vor allem aufgrund seiner geringen Nackenkräfte beim Kopfdrehen liegt hier der Uvex vorn.
Akustik (10 Punkte): Ein offener ­Helmunterbau, eine kantige Außenschale, hervorstehende Visiere und abstehende Belüftungsschieber verursachen beim Fahren Lärm. Den mit Abstand ruhigsten Kopfschutz bietet Schuberth – allerdings auf Kosten eines engen Einstiegs.
Belüftung (10 Punkte): Gut spürbare und auch mit Handschuhen sicher ­zu bedienende Belüftungseinrichtungen sind leider die Ausnahme. Was nutzt beispielsweise eine sauber durchgebohrte Helmschale, wenn wie beim Probiker Fiber Wing ein falsch platziertes Innenfutter die Luft­-zufuhr zur Kopfhaut verhindert? Bester Kandidat auch hier: der Schuberth.
Handhabung (10 Punkte): Wie bequem ist der Helm an- und aus­zuziehen? Funktioniert der Verschluss leichtgängig? Wie gut lässt sich das Visier bedienen und auswechseln?
Weitere Punkte konnten die Proban-den in den Kriterien Ausstattung/Ver­arbeitung (10 Punkte) und Gewicht (10 Punkte) sammeln. Lobenswert: Selbst die schwersten Karbon-Helme im Test sind wesentlich leichter als vergleichbare Model­le mit GFK- oder Polycarbonat-Außen­schale. Und das ist der größte Vorteil des edlen Werkstoffs – der meist allerdings auch ganz schön viel Kohle kostet.

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