Test Klapphelme (Archivversion) Offen für alles

Ein kurzer Boxenstopp an der Eisdiele, ohne den Helm abzunehmen, ist nur einer von vielen Vorteilen der immer beliebteren Klapphelme. MOTORRAD nahm die wichtigsten Modelle sämtlicher Anbieter unter die Lupe.

Dass sich die Nachfrage früher oder später auf das Angebot niederschlägt, zeigt sich deutlich bei den Klapphelmen. Der Markt wächst und wächst. Nahezu jeder größere Helmhersteller bietet mittlerweile ein Modell mit klappbarem Kinnteil an. Damit der Überblick nicht verloren geht, hat MOTORRAD sich 20 aktuelle Kandidaten aus sämtlichen Preisklassen von 89 bis knapp 400 Euro schicken lassen und einem Praxistest unterzogen.Aufgrund der extremen Preisdifferenzen handelt es sich nicht um einen üblichen Vergleichstest – das wäre gegenüber den preisgünstigen Modellen reichlich unfair –, sondern im Grunde um 20 Einzeltests, bei dem am Ende jeder Klapphelm ein extra Urteil erhält. Unabhängig davon waren die Testkriterien für alle Kandidaten die selben. Die beiden wichtigsten: Klappmechanismus und Passform. Zu den weiteren Kriterien gehörten Aerodynamik, Ausstattung, Belüftung, Brillentauglichkeit, Fahrgeräusche, Gewicht, Handhabung, Kinnriemenverschluss und Visier (unter anderem Antifog und Visierwechsel).Zunächst prüften mehrere MOTORRAD-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter Passform, Ausstattung und Funktionalität der Helme. Besonderes Augenmerk richteten die Tester auf den Klappmechanismus. Wie gut lässt er sich bedienen? Genügt ein sanfter Druck mit einem Finger, oder werden gar beide Hände zum Öffnen und Schließen des Kinnteils benötigt? In diesem Punkt schneiden die beiden Louis-Helme (Probiker und Streetfighter) schlecht ab, da zum Entriegeln gleichzeitig rechts und links entsprechende Tasten betätigt werden müssen. Ebenfalls Abzüge bekommt der brandneue Spirit von Held, dessen Seilzug-Mechanismus hakte.Des weiteren untersuchten die Prüfer den Komfort beim An- und Ausziehen. Beispielsweise lassen sich die meisten Klapphelme nur mit hochgeklapptem Kinnteil auf- und absetzen. Den Punktabzug machen diese Helme meist dadurch wieder wett, dass sie mit einer besseren Passform überzeugen. Denn wesentlich wichtiger als rasches Aufsetzen ist die Führung und der gute Sitz im Fahrbetrieb.Womit wir bereits bei den Fahrtests angelangt sind. Dabei mussten alle Klapphelme ihr Können bezüglich Aerodynamik, Geräuschentwicklung und Belüftung zeigen. Im Kriterium Aerodynamik ging es darum, wie neutral die Helme bei Geschwindigkeiten bis zu 150 km/h im Wind liegen. Wie stark ist der Auftrieb? Kann der Fahrer bedenkenlos den Kopf zur Seite drehen? Das Ganze fand zur besseren Beurteilung natürlich nicht hinter einer Verkleidungsscheibe statt, sondern im frei angeströmten Luftstrom auf einem Naked Bike.Bei der Gelegenheit zeigte sich mal wieder eines der großen Mankos von Klapphelmen: die Fahrgeräusche. Bis auf die angenehm leisen Modelle von BMW und Schuberth liegt das Lärmniveau relativ hoch. Dafür zeichnen die Kanten und Fugen der klappbaren Kinnteile und häufig außenliegenden Mechaniken verantwortlich. Weiterer Nachteil im Vergleich zu Integralhelmen: Aufgrund der vielen benötigten Bauteile sind Klapphelme schwer. Doch sie haben auch ganz entscheidende Vorteile. Die Möglichkeit, bei Hitzestau das Kinnteil hochzuklappen und das Gesicht wie bei einem Jethelm vom Fahrtwind kühlen zu lassen, zählt allerdings nicht dazu. Sowohl Helmhersteller als auch MOTORRAD raten von dieser Art zu fahren ab. Die Gefahr, dass sich das hochgeklappte Kinnteil bei einem Unfall irgendwo verhakt und es zu folgenschweren Halswirbelverletzungen kommt, ist einfach zu groß. Ganz abgesehen davon, dass hochgeklappte Kinnteile das Gesicht des Helmträgers nicht schützen.Um die Kühlung während der Fahrt sollten sich besser die dafür vorgesehenen Belüftungsöffnungen kümmern. Am besten gelingt dies dem Concept von Schuberth, gefolgt von BMW und Shoei. Bei fast allen anderen Helmen war von einer Belüftung quasi nichts zu spüren – ein Problem, das auch von den meisten Integralhelmen bekannt ist. Vielleicht reißen sich deren Träger deshalb bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Helm vom Kopf. Und da sind Klapphelmträger eindeutig im Vorteil. Tankstellen, Mautstationen, Pinkel- oder Zigarettenpausen und sogar Ampelstopps sind bestens geeignet, das Kinnteil aufzuklappen und ohne hektisches Helm Ab- und Aufsetzen Sonne zu tanken – oder ein Eis zu schlecken.

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