Test neue Helme (Archivversion)

Frisch-Waren

Die ersten neuen Helme für die Saison 2006 sind eingetroffen. MOTORRAD hat sich fünf interessante Modelle herausgepickt und in Labor und Praxis getestet.

Nicht alles, was als Neuheit angekündigt wird, ist wirklich neu. Das gilt auch für den Helmmarkt. Oft ändern sich
nur Kleinigkeiten wie das Dekor oder eine Belüftungsklappe,
und schon sprechen manche Hersteller von einem neuen Helm.
Lässt man diese Modelle außer Acht, bleiben gar nicht so
viele übrig, die 2006 den Markt bereichern. Allerdings sind
etliche 2006er-Modelle erst im Frühjahr lieferbar. Einem ersten Test stellen sich Integralhelme von Arai, HJC, Ixs, Nolan und Uvex. Diese fünf neu entwickelten Kandidaten sind dafür
besonders interessant, alle bieten ganz spezielle Details. Beim
HJC beispielsweise handelt es sich um den weltweit ersten Voll-
karbonhelm aus einer speziell gewebten Karbonfaser (3K-thread-Carbon), der Nolan besitzt als erster Integralhelm eine von außen aufgesteckte Sonnenblende.
Das Testprocedere umfasste einen ausgiebigen Praxistest und einen Stoßdämpfungstest auf dem kalibrierten Prüfstand des
TÜV in Köln (siehe Tabelle auf Seite 74). Der Stoßdämpfungstest erfolgte bei einer Temperatur von minus 20 Grad Celsius mit dem flachen Amboss – der laut vielen Experten höchsten Anforderung nach der aktuellen Prüfungsnorm ECE 22.05. Helme, die bei
diesen Bedingungen die zulässigen Grenzwerte einhalten, sollten auch bei höheren Prüftemperaturen und der zweiten in der
ECE verankerten Ambossform (Kantenamboss) keine Schwierigkeiten bekommen. Die zulässigen Grenzwerte betragen bei der Beschleunigung 275 g und beim HIC-Wert 2400. Letzterer gilt als Maß für die zu erwartenden Schädel-Hirn-Verletzungen. Erfreulich: Alle Probanden lagen – teilweise sogar deutlich – unter den zulässigen Grenzwerten.
In der Praxis hinterließen die Helme ebenfalls einen überwiegend positiven Eindruck. Die größten Unterschiede ergaben sich im Kriterium Belüftung. Nach wie vor gelingt es nur ganz
wenigen Herstellern, für eine ausreichende und vor allem gut spürbare Kopfbelüftung zu sorgen. Arai und HJC gehören zu den am besten belüfteten Modellen im vorliegenden Vergleich. Aufgrund der außerdem sehr gut zu bedienenden Belüftungstasten schneidet der HJC HQ-1 in diesem Kriterium insgesamt am besten ab – die oben liegenden, klitzekleinen Arai-Kippschalter sind beim Fahren mit Handschuhen kaum zu finden und schlecht zu verstellen. Das trifft ebenso auf die Schalter des Ixs-Helms zu.
Der Schiebeschalter bei Nolan ist zwar ausreichend groß, aber so flach, dass auch er mit Handschuhen kaum zu ertasten ist.
Die weiteren Kriterien des Praxistests. Aerodynamik: Wie hoch sind die bei Geradeaushaltung und beim Kopfdrehen auf den Nacken wirkenden Kräfte beim Fahren, wie stark der Auftrieb? Akustik: Wie hoch ist das Geräuschniveau beim Fahren? Zugluft: Verwirbelungen im Gesichtsbereich trotz geschlossenen Visiers nerven nicht nur gehörig, sondern trocknen die Augen aus. Visier: Ist es beschlagfrei, gut zu bedienen, und lässt es sich schnell sowie ohne Werkzeug wechseln? Wie groß ist das Sichtfeld, und wird dieses beispielsweise durch den Rand einer vorhandenen Doppelscheibe gestört? Passform: Sitzt der Helm satt und ohne Druckstellen auf dem Kopf? Auf-/Absetzen: Wie komfortabel sind Ein- und Ausstieg? Brilleneignung: Sind Aussparungen für die Brillenbügel vorhanden, und sitzt die Brille ohne zu drücken auf der Nase auf? Verschluss: Wie gut lässt sich der Verschluss bedienen? Ist der Kinnriemen leichtgängig, lässt er sich während der Fahrt nachjustieren? Können die Gurtenden sicher fixiert werden? Verursacht das Schloss Druckstellen? Verarbeitung: Wie sauber und hochwertig ist der Helm verarbeitet? Gewicht: Je leichter ein Helm, desto geringer die Belastung für den Nacken.
Fazit: Die neuen Helme besitzen pfiffige Details, doch auch in Zukunft bleibt noch Raum für weitere Ideen, um den Kopfschutz noch besser zu machen.
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ARAI Viper GT (Archivversion)

Anbieter: Arai Helmet Deutschland, Telefon 02802/948480,
www.araideutschland.de; Preis: ab 499 Euro bis 619 Euro; Größen: XS bis XXL; Farben: sieben Unifarben und vier Dekore in zusammen 13 Farbvarianten
Plus Gut spürbare Belüftung; schneller Visierwechsel; Visierarretierung; absolut beschlagfreie Pinlock-Doppelscheibe; sehr gute Brilleneignung; leichtgängiger Kinnriemen, Ende per Druckknopf fixiert; top Verarbeitung
Minus Zu kleine Belüftungstasten im Oberkopfbereich; Visier schlecht zu
bedienen (zu kleiner Bediennippel); Sichtfeld durch speziell geformte Pinlock-Scheibe eingeschränkt; enger Ein-/Ausstieg
Fazit Die Helme der japanischen Edelmarke überzeugen durch ihre hochwertige Verarbeitung und die für die meisten »europäischen« Köpfe gut geeignete Passform – das gilt auch für den neuesten Spross, den Viper GT. Durch die vergleichsweise kleine Außenschale liegt er gut im Wind, die Belüftung ist wirkungsvoll, allerdings sollten die Bedientasten größer ausfallen. Die ungewöhnliche
Arai-eigene Visier-Wechselmechanik schreckt viele Käufer ab, da sie rigoroses Zupacken erfordert. Im Ernstfall funktioniert der Wechsel aber tadellos und in Sekundenschnelle. In der Endabrechnung geht der teuerste Helm im Vergleich
als Sieger über die Ziellinie.

HJC HQ-1 (Archivversion)

Anbieter: HJC Europe Deutschland, Telefon 02131/523560, www.hjc-germany.de;
Preis: ab 449,95 Euro bis 499,95 Euro; Größen: XS bis XXL; Farben: Karbonlook (Foto), Dekor in drei Farbvarianten (Blau, Rot, Schwarz/Silber)
Plus Gut spürbare Belüftung; sehr gut zu bedienende Belüftungstasten; top Visierwechselmechanik; Visierarretierung; großes Sichtfeld; gute Brilleneignung; leichtgängiger Kinnriemen, Ende per Druckknopf fixiert; vorbildliche Kinnriemenpolsterung; geringes Gewicht
Minus Visier beschlägt; im Wangenbereich etwas zu weit geraten; Karbon-Oberfläche mit geringen Einlagerungen (Harzflecken)
Fazit Ein Vollkarbonhelm für unter 500 Euro – die asiatische Fertigung macht’s möglich. Der HQ-1 vom weltgrößten Helmhersteller HJC fällt mit rund 1300 Gramm zwar einige hundert Gramm schwerer aus als die leichtesten Vollkarbon-Modelle anderer Anbieter, dennoch wiegt er wesentlich weniger als die
allermeisten Integralhelme aus GFK oder Polykarbonat, was den Tragekomfort spürbar verbessert. Sehr positiv: die gute Belüftungsfunktion und Tasten-Bedienung. Etwas ärgerlich im Test: das beschlagende Visier – das kann HJC definitiv besser.

IXS HX 402 (Archivversion)

Anbieter: Hostettler, Telefon 07631/18040, www.ixs.com; Preis: ab 219 Euro bis 249 Euro; Größen: XS bis XXXL; Farben: Schwarz, Schwarz-Matt, Silber, Blau/Schwarz/Weiß, Rot/Schwarz/Weiß, Schwarz/Weiß/Silber
Plus Absolut beschlagfreie Pinlock-Doppelscheibe; einfacher Visierwechsel;
komfortables Auf-/Absetzen; gute Brilleneignung; leichtgängiger Kinnriemen; geringes Gewicht
Minus Belüftung kaum spürbar; zu kleine Tasten für Kopfbelüftung; Sichtfeld durch tief sitzende Pinlock-Scheibe eingeschränkt; kein Knopf als Durchrutschsicherung am Kinnriemen; Riemenende lediglich per Gummibändchen fixiert; unsauberer Dekorübergang am Spoiler
Fazit Alljährlich bringt die Schweizer Marke neben diversen Bekleidungs- und Zubehör-Produkten jede Menge neue Helme auf den Markt. Einer der wichtigsten für 2006 ist die 400er-Serie, die durch kleine Detailverbesserungen wesentlich besser abschneiden würde: Im Centbereich läge beispielsweise die Investition für einen Druckknopf am Kinnriemenende, unsaubere Dekorübergänge lassen sich in der Produktion vermeiden, und den oberen Rand der Pinlockscheibe höher zu setzen sollte auch kein Problem sein. Trotz der kleinen Mängel haben die Schweizer mit dem 402 einen guten und angenehm leichten Integralhelm zu bieten.

NOLAN N 84 (Archivversion)

Anbieter: Nolangroup Deutschland, Telefon 07159/93160, www.nolangroup.de;
Preis: ab 159,50 Euro bis 244,50 Euro; Größen: XS bis XXL; Farben: sechs Unifarben und fünf Dekore in zusammen 17 Farbvarianten
Plus Vergleichsweise leise; völlig zugfreier Innenraum; absolut beschlagfreie Visier-Doppelscheibe; top Visierwechselmechanik; pfiffiges Sonnenvisier; großes Sichtfeld; gute Brilleneignung; praktischer Ratschenverschluss; top Verarbeitung
Minus Pfeifgeräusche bei hochgeklapptem Sonnenvisier; Belüftungstaste auf Kopf mit Handschuhen kaum zu finden; etwas zu kleine Nase am Visier; kantiger Ratschenverschluss drückt auf den Unterkiefer; im Wangenbereich etwas zu weit geraten; vergleichsweise hohes Gewicht
Fazit Zu den weltweit größten und dank intensiven Rennsport-Engagements bekanntesten Marken gehört die italienische Nolangroup. Ihre Helme zeichnen sich durch innovative Details wie Ratschenverschluss oder das neue VPS-Sonnenvisier aus, das bei tief stehender Sonne ein echtes Sicherheitsplus
darstellt. Allerdings erhöht sie das Helmgewicht – in diesem Kriterium dürfte
der N 84 gern besser abschneiden. Ebenso in puncto Belüftung. Dafür glänzt
der preisgünstige Italiener mit tadelloser Verarbeitung.

UVEX RS 730 (Archivversion)

Anbieter: Uvex Sports, Telefon 0911/97740, www.uvex-sports.de;
Preis: 299,95; Größen: XS bis XL; Farben: Blau/Silber/Weiß, Gelb/Silber/Weiß, Grün/Silber/Weiß, Rot/Blau/Weiß, Silber/Weiß/Anthrazit
Plus Absolut beschlagfreies Visier; guter Visierwechsel; großes Sichtfeld; Kinnriemenende per Druckknopf fixiert
Minus Pfeifgeräusche ab etwa 80 km/h; Belüftung kaum spürbar; beim Kopfdrehen starke Zugluft im Augenbereich; relativ laut; etwas zu kleine Nase
am Visier; für Brillenträger wenig geeignet; Doppel-D-Verschluss extrem
hakig; unsaubere Übergänge an den Hutzen; vergleichsweise hohes Gewicht
Fazit Was die Visiertechnologie anbelangt, zählt Uvex sicherlich zu den besten Herstellern weltweit. Das beweisen sie auch beim neuen RS 730, dessen
Visier selbst bei widrigsten Bedingungen absolut beschlagfrei bleibt. An einigen Details sollten die Fürther jedoch noch feilen. Beispielsweise am völlig missratenen Doppel-D-Verschluss – statt der gleichlangen Stahlbügel einfach zwei unterschiedliche aus dem Regal nehmen, und schon ist die Sache behoben.
Das Gewicht zu reduzieren und die Belüftung zu verbessern dürften allerdings
schwieriger werden.

Ausstattung (Archivversion)

Nur wenige Lücken zeigen sich in der Ausstattungs-liste – fast alle Helme weisen die wichtigsten Kom-fortmerkmale auf. Allerdings besitzen nur zwei der fünf Testhelme eine Visierverriegelung, die verhindert, dass sich das Visier durch die Windkräfte beim Kopfdrehen öffnet oder beim Sturz allzu leicht aufklappt. Das Vorhandensein von Belüftungseinrich-tungen allein sagt nichts über deren Funktion aus. Lufthutzen auf der Helmschale sind in erster Linie ein optischer Gimmick. Funktionell hingegen ist die zusätzliche Sonnenblende, wie sie Nolan anbietet.

Helmtest: Neue Helme 2006 (Archivversion) - Fallstudien

Auf dem Fallprüfstand des TÜV in Köln wurden
die Stoßdämpfungseigenschaften ermittelt. Die Prüftemperatur, auf die die Helme über mindestens
vier Stunden abgekühlt wurden, betrug minus 20 Grad Celsius. Nach Entnahme eines Testkandidaten
wurden innerhalb weniger Minuten alle sechs
Aufschlagpunkte geprüft. Die Mindestaufprallgeschwindigkeit auf den flachen Amboss muss laut
ECE 22.05 7,5 m/s betragen. Ausnahme: Bei der Kinnteilprüfung sind es »nur« 5,5 m/s. Sensoren im Prüfkopf zeichnen die Beschleunigungskurven auf und leiten sie an den Computer weiter, der daraus den HIC-Wert berechnet. Dieser ist ein Maß für den zu erwartenden Verletzungsgrad. Werte oberhalb 2400 führen zu irreparablen Hirnschädigungen. Positiv, dass die für die Punktevergabe relevanten Durchschnittswerte bei allen Testhelmen deutlich
darunter liegen.

Fazit (Archivversion)

Die getesteten neuen Integralhelme für 2006 haben ihre erste Prüfung absolviert und bis auf den Uvex RS 730 mit gutem Ergebnis bestanden. Lästige und vor allem unnötige Detailmängel lassen das Uvex-Modell im Vergleich hinterherhinken. Positiv fiel bei allen Kandidaten die
Überprüfung der Stoßdämpfungswerte aus. Kein Kandidat hatte Schwierigkeiten, die zulässigen Grenzwerte nach ECE einzuhalten.
In der Endabrechnung liegen die Modelle von Arai, HJC, Nolan und
Ixs sehr eng zusammen. Knapp in Führung: der Testsieger von Arai – gleichzeitig teuerster Helm im Vergleich. Beachtlich ist das Preis-Leistungs-Verhältnis des Nolan. Wesentlich günstiger als Arai und
HJC, liegt er nur zwei Punkte hinter dem Sieger zurück und erhält
deshalb den MOTORRAD-Kauftipp.

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