Test: Schadstoffe in älteren Lederkombis (Archivversion)

Pro Natura

Schadstoffe in neuem Leder, Schadstoffe in altem Leder? Ein Test von zwölf Motorradkombis unterschiedlichen Alters bringt Klarheit. Bleibt danach nur die nackte Kuhhaut?

Schadstoffe im Leder, die Dritte. Nach der Untersuchung von sechs Lederjacken in MOTORRAD 3/1998, einer Darstellung der Reaktion von Herstellern und Vertreibern in MOTORRAD 5/1998 folgt jetzt ein weiterer Test von Lederkombis älterer Produktion.Zunächst noch mal ein kurzer Rückblick: Aufgrund der seit Jahren immer wieder auftauchenden Untersuchungen von Giften und Schadstoffen in allerlei Lederkleidungsstücken wie Schuhen, Röcken oder gar Dessous beschloß MOTORRAD Anfang des Jahres, sechs Lederjacken stichprobenartig zu kaufen und im Lederinstitut Gerberschule Reutlingen prüfen zu lassen.Das Ergebnis war überraschend positiv: Alle Jacken erwiesen sich frei von den schädlichen Konservierungsstoffen Formaldehyd, PCP und auch frei von Azo-Farbstoffen, die krebserregende Amine abspalten können. Diese komplizierte Ausdrucksweise ist notwendig, denn fast alle in der Lederfabrikation verwendeten Färbemittel gehören zur Stoffamilie der Azo-Farbstoffe - der Name kommt von der chemischen Formel -, und nur jene 150 davon sind inzwischen auf dem Index der Bedarfsmittelverordnung, die in der menschlichen Leber zu krebserregenden Verbindungen gespalten werden können.Also ein für die Industrie positives Resultat, wenn nicht zwei weitere Ergebnisse gewesen wären. Erstens konnten in drei Jacken Bestandteile des Metalls Chrom in seiner sechswertigen Form gefunden werden, und dieses Chrom VI ist bekanntermaßen nicht nur giftig, sondern krebserregend und erbgutschädigend.Allerdings kann von keinem Hersteller behauptet werden, er hätte dieses Gift wissentlich in das Leder hineingetan. Gegerbt wird nämlich, seit die gesundheitsschädliche Wirkung von sechswertigem Chrom bekannt ist, ausschließlich mit dreiwertigem Chrom. Aus immer noch nicht bekannten Gründen wandelt sich das weitgehend unschädliche in das schädliche Metall um. Die betroffenen Firmen haben eigene Untersuchungen vornehmen lassen und bemühen sich - allen voran Claus Hämmer von Schwabenleder -, dem Phänomen auf die Spur zu kommen (siehe Kasten »Nicht alles Chrom, was glänzt«, Seite 168). Das zweite Ergebnis aus Heft drei, das MOTORRAD schließlich dazu bewegte, diese Nachuntersuchung in Auftrag zu geben, betraf eine vor drei Jahren gefertigte Jacke, die aber noch im Handel zu finden ist. Sie enthielt beträchtliche Mengen eben jener indizierten Azo-Farbstoffe.Seit Ende März 1997 sind zwar Produktion und Import dieser Lederwaren hierzulande verboten, doch der Verkauf ist bis Ende dieses Jahres noch erlaubt, danach drohen drakonische Strafen des Gesetzgebers. Die Änderung der sogenannten Bedarfsgegenständeverordnung, unter die auch Kleidungsstücke fallen, stand 1994 zum ersten Mal auf dem Programm des Gesundheitsministeriums. Der Verkauf von Ware, die mit diesen Azo-Farbstoffen gefärbt wurde, sollte verboten werden. Laut Industrie drohte aufgrund der hohen Lagerbestände mit einem kurzfristigen Verbot der Ruin des Einzelhandels, und sie erreichte mit diesem Argument einen Aufschub.Doch selbst der Verband der deutschen Lederindustrie verurteilte den Einsatz von unter Krebsverdacht stehenden Azo-Farbstoffen, verzichtete nach eigenen Aussagen lange vor dem ersten angekündigten Verbot auf diese Azos und hat auch nie eine Verlängerung der Verbotsfristen gefordert.Mehr Probleme als heimische Konfektionäre haben jene Importeure, die ihre Ware bei großen Lederverarbeitern in Nordafrika oder Fernost einkaufen. Zwischen Produktion und Verkauf im Handel liegen oft Monate, flexibles Reagieren auf neue gesetzliche Verordnungen ist kurzfristig nicht machbar. Außerdem gestaltet sich die Kontrolle der Zulieferer mehr als schwierig. Selbst Zertifikate, die Schadstoff-Freiheit garantieren, müssen immer wieder überprüft werden. Was soll nun der Nachtest? Nach Untersuchung Nummer eins ergaben sich zwei zwingende Fragen: Wie kann sich ein Käufer schützen, der jedes Gesundheitsrisiko ausschließen will? Und Frage Nummer zwei: Wie weit ist etwas ältere Leder-Kleidung belastet, die täglich von Motorradfahrern getragen wird?Beide Fragen erschöpfend zu beantworten überschreitet die Möglichkeiten selbst einer so großen Zeitschrift wie MOTORRAD. Die Flut der Modelle ist unüberschaubar, und auch wenn sich ein Modell einer Marke frei von Schadstoffen erweist, können sich in einem anderen Belastungen ergeben. Vor allem bei großen Handelsketten, die beispielsweise in Fernost fertigen lassen, kann bei verschiedenen Chargen ein und desselben Modells unterschiedliches Leder verwendet werden. Deshalb sind nur Stichproben möglich, und allenfalls Tendenzen können aufgezeigt werden.Auf Lederkombis fiel diesmal die Wahl und als Fundus dienten hauptsächlich die Kleiderschränke der MOTORRAD-Redakteure. Elf Kombis verschiedener Fabrikate zwischen Produktionsjahr 1990 und 1995 wurden ausgesucht. Und sozusagen als besonderes Schmankerl trennte sich ein netter Freund des Hauses von seinem 13 Jahre alten FLM-Rennanzug, ein damals durchaus gängiges Modell.Da offenbar schon seit langem Formaldehyd und PCP kein Thema sind, beschränkte das Lederinstitut Gerberschule Reutlingen seine Suche auf die krebserregenden Amine aus Azo-Farbstoffen und Chrom VI. Und die Reutlinger Diagnose? Siebenmal Amine, viermal sechswertiges Chrom - ein zu erwartendes Ergebnis. Wirft man einen Blick auf die Spalten mit den Herstellern, die in Deutschland fertigen lassen, dann bewahrheitet sich die Aussage des Verbands der deutschen Lederindustrie, daß sie schon Jahre vor dem Verbot keinen der 150 indizierten Azo-Farbstoffe mehr einsetzten. Bei keinem der Kleidungsproduzenten wie BMW, Erbo, Modeka oder Schwabenleder wurden diese Azos gefunden.Bei den belasteten Modellen dagegen reicht die Bandbreite von der fünffachen Menge der Nachweisgrenze von 30 ppm (Dainese Testona mit 152,6 ppm Benzidin) bis zur mehr als 150fachen Menge (Uvex Motion mit 4697 ppm Benzidin). Das Gesundheitsrisiko steigt natürlich mit der Größenordnung der gefundenen Schadstoffe. Das Ergebnis einer Umfrage, ab wann die Vertreiber der hier getesteten Produkte Azo-freie Ware garantieren können, findet sich in der Tabelle, Kauftips im Kasten auf Seite 170.Im Vergleich dazu liegen die Werte an gefundenem Chrom VI von 4,6 bis 13,8 ppm in einem Bereich, der keinen Anlaß zur Panik gibt (siehe Kasten Seite 168), die Nachweisgrenze von 3 ppm wird in den meisten Fällen nur wenig übertroffen. Dennoch kann nur Motorrad-Lederkleidung ohne Schadstoffe das einzige Ziel sein. Und um das zu erreichen, muß die Konsequenz nicht unbedingt Kuhfell heißen.
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Gift im Leder: Test der Schadstoffe in älteren Kombis (Archivversion) - Nicht alles Chrom, was glänzt

Einige Milligramm Chrom VI im Leder -woher kommt es, wie gefährlich ist es, und was kann dagegen getan werden?
In seiner Stellungnahme zum Artikel »Mitgift?« aus MOTORRAD 3/1998 schreibt der Industrieverband Motorrad (IVM): »Trotz aller Forschungsarbeiten und trotz aller Gesetze und Verordnungen ist es natürlich nie auszuschließen, daß neue Untersuchungen schädliche Substanzen nachweisen, deren Vorkommen bislang unbekannt war beziehungsweise die in einschlägigen Regelungen nicht erfaßt sind....Das Aufspüren von Chrom VI in einigen untersuchten Jacken ist deshalb sicher als Verdienst von MOTORRAD zu werten, auch wenn die gefundenen Konzentrationen weit davon entfernt sind, ein erhebliches Gesundheitsrisiko darzustellen...« Derart Lob kommt immer gut an, auch wenn die Adresse falsch ist. Es muß hier noch einmal bemerkt werden, daß nicht MOTORRAD, sondern das Lederinstitut Gerberschule Reutlingen mittels einer DIN-Prüfung Chrom VI »aufgespürt« hat. Und so unbekannt, wie der IVM meint, ist das Vorkommen des schädlichen Schwermetalls in Leder nicht, denn schon 1994 haben so etablierte Lederhersteller wie Wollsdorf Leder aus Österreich Materialien auf »eventuell vorhandene Chrom VI-Verbindungen« untersuchen lassen. Und das, obwohl auch in Österreich zu diesem Zeitpunkt ausschließlich mit dreiwertigem Chrom gegerbt wurde.Das heißt zum einen, daß - im Gegensatz zu allen anderen Schadstoffen - niemand vorsätzlich oder wissentlich diese nicht nur giftige, sondern krebserregende und erbgutschädigende Substanz in seine Lederstücke gepackt hat. Es heißt aber auch, daß das Problem bekannt war. Seit einem halben Jahr wird jetzt in Reutlingen nach den Ursachen der Wandlung des dreiwertigen Chroms in sechswertiges, vom ungefährlichen zum gesundheitsschädlichen, geforscht. Dr.-Ing. habil. H.-J. Kellert, Leiter der Abteilung Materialprüfung/Analytik am Lederinstitut dazu: »Wir tappen noch völlig im dunkeln. Mögliche Zusammenhänge mit den Farben haben sich als unbegründet erwiesen.«Vier, fünf, sechs oder 13 ppm (Parts per Million) sind nicht viel, nämlich höchstens 13 Milligramm pro Kilogramm Leder, bei drei Kilogramm reinem Leder also allenfalls 39 Milligramm. Dennoch äußern sich vorsichtige Wissenschaftler wie Dr. Peter Schmezer, Leiter der Arbeitsgruppe »Genetische Toxikologie, Abteilung Krebsrisiko-Faktoren« beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, kritisch: »Bei nachgewiesenermaßen krebserregenden Stoffen, die auch noch das Erbgut angreifen, ist ein Grenzwert nicht sinnvoll, denn nach unten hin gibt es keine Expositionen, die unschädlich sind.« Und: »Wenn diese Chrom VI-Salze im Leder wasserlöslich sind, also vom Schweiß herausgewaschen werden können, dann wollte ich so ein Kleidungsstück nicht auf der Haut haben.« Daß die Chrom VI-Verbindungen im Leder wasserlöslich sind, das bestätigt wiederum Dr. Kellert von der Gerberschule.Solange nicht geklärt ist, wie das sechswertige Chrom im Leder entsteht, hilft also nur Testen jedes Stücks, das die Gerberei verläßt. Das verspricht Claus Hämmer von Schwabenleder: »Wir verlangen für jede Lieferung von unseren Herstellern eine Chrom VI-Prüfung. Außerdem erhalten ab April unsere Kunden beim Kauf einer Lederkombi eine Schadstoff-Fibel mit allen nötigen Informationen.“

Gift im Leder: Test der Schadstoffe in älteren Kombis (Archivversion)

Bis nächstes Jahr zum Azo-Verbot warten oder doch jetzt schon eine neue Kombi? Dann aber bitte ohne Schadstoffe
Neue, aktuelle Lederkleidung ist frei von jenen Azo-Farbstoffen, die krebserregende Amine abspalten können, das hat MOTORRAD in einer Stichprobenanalyse festgestellt. Ältere Modelle aber können sehr wohl noch mit diesen Azo-Farbstoffen belastet sein, das hat die neuerliche Untersuchung bewiesen. Viele Motorradfahrer fahren mit diesen Kombis noch herum, möchten eventuell auf schadstofffreie Kleidung umsteigen. Aber viele dieser Modelle werden noch - und zwar bis Ende des Jahres völlig legal - verkauft. Wie kann sich ein Lederfreund nun vor so einem Fehlkauf schützen? Gleich bis 1999 warten? Eine Möglichkeit, die aber auch keine hundertprozentige Sicherheit bietet. Wer gewährleistet, daß die »Altware« dann wirklich aus dem Handel verschwunden ist?Alternative 1: Den Blick auf den Standort Deutschland werfen. Laut Verband der deutschen Lederindustrie wird von den Herstellern hierzulande schon lange Jahre vor dem Azo-Verbot auf den Einsatz dieser Farbstoffe verzichtet. Wichtig dabei ist, daß nicht der Markenname, sondern das Material aus Deutschland oder Österreich kommen muß. Viele Vertreiber kaufen günstiges Leder in aller Welt ein oder lassen gleich in Fernost produzieren (siehe Tabelle).Alternative 2: Nur die neuesten Modelle kaufen, sich nach dem Herstellungsdatum erkundigen. Ist kein jährlicher Katalog vorhanden, der über aktuelle Lederartikel Auskunft gibt, kann möglicherweise anhand der sogenannten Chargennummer, die auf einen Etikett steht, Produktionsort und -termin festgestellt werden. Wenn dieser Termin nach dem 31. März 1997 liegt, muß das Kleidungsstück per Gesetz sauber sein. Manch Konfektionär hat auch schon vorher seine Produktion umgestellt. Die Zeiten variieren stark: So läßt Motorradkleidungshersteller Dieter Braun seit 1996 ohne diese Azo-Farbstoffe fertigen, Harro seit 1994, Dainese seit Mitte 1995, Hein Gericke seit Januar 1995 und so weiter. Im Sinne der Verbraucher wäre es, wenn alle Lederhersteller und Großhändler ihre aktuellen Kollektionen mit »Schadstoff-frei«-Zertifikaten ausstatten würden.

Gift im Leder: Test der Schadstoffe in älteren Kombis (Archivversion)

Ich habe sie immer geliebt, meine wunderbare Super Moto-Rennkombi von Dainese. Dank Maßanfertigung sitzt sie wie die sprichwörtliche zweite Haut, und bei Stürzen hat sie mich mit Sicherheit bereits mehrfach vor Blessuren geschützt. Kurzum - ich fühle mich auf dem Motorrad wohl in Leder. Und ich habe es meiner Kombi auch nie wirklich übel genommen, wenn ich ihr leuchtendes Rot gelegentlich im T-Shirt oder auf der Haut wiedergefunden habe. Bisher kam ich auch nicht ins Grübeln, wenn beim Abduschen des verdreckten Anzugs die rote Brühe in die Badewanne lief. Von solchen liebgewonnenen Dingen trennt man sich ungern. Aus diesem Grund hat meine Kombi auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Und so ist es ziemlich wahrscheinlich, daß sie mit Azo-Farben gefärbt wurde, denn Dainese hat erst ab dem Produktionsjahr 1995 auf Azo-freie Färbung umgestellt. Soll ich den guten Rennanzug nun also auf den Müll werfen oder gar als Sondermüll entsorgen? Eine Frage, über die ich zumindest kurz nachgedacht habe. Das Ergebnis: Ich werde das gute, alte Stück weiter benutzen - vorerst jedenfalls. Die »Gefahr«, die davon ausgeht, halte ich für sehr gering. Vor allem im Vergleich zu dem, was ich meinem Körper tagtäglich bewußt oder unbewußt antue. Gifte sind heute schließlich allgegenwärtig, ob in Lebensmitteln, in Textilien oder im Teppich. Andererseits hat mich die Schadstoff-Untersuchung doch sensibilisiert. Ich werde mit dem alten Anzug etwas vorsichtiger umgehen. Ein kompletter Unteranzug nützt vielleicht nur wenig, ist aber außerdem noch sicherer und praktischer. Und bei der Wahl der nächsten Kombi werde ich bewußt darauf achten, daß keine Schadstoffe enthalten sind. Eigentlich kann der Kunde selbstverständlich beim Neukauf einwandfreie Ware erwarten. Die Hersteller sollten alles daran setzen, Schadstoffe zu vermeiden - nicht nur im Leder. Ob das in der Vergangenheit immer der Fall war, muß bezweifelt werden. Vielleicht hat MOTORRAD ja nicht nur die Verbraucher, sondern auch Kombi-Hersteller, Importeure und nicht zuletzt auch die Leder-Lieferanten wachgerüttelt.

Gift im Leder: Test der Schadstoffe in älteren Kombis (Archivversion) - Fazit

Leder mit Schadstoffen oder weniger Schutz beim Sturz? Pest oder Cholera? Oder Druck auf die Hersteller...
Nicht jeder, der raucht, erkrankt an Lungenkrebs, nicht jeder, der gern einen Wein trinkt, stirbt an Leberzirrhose. Sicherlich ist das Gefahrenpotential, aufgrund einer schadstoffbelasteten Lederkombi Harnblasenkrebs oder Erbgutschädigungen zu bekommen, recht gering. Dennoch hat jeder Mensch das Recht, sich bewußt mit den Gesundheitsrisiken, die sich hinter seiner Nahrung oder seiner Kleidung verbergen, auseinanderzusetzen. Deshalb macht MOTORRAD solche Untersuchungen. Wer sich danach entscheidet, seine auch noch so wenig belastete Kombi von nun an im Kleiderschrank hängen zu lassen oder auf den Müll zu werfen, handelt sicherlich im Sinne seiner Gesundheit. Nicht sinnvoll ist eine generelle Verdammung von Leder. Dieser Stoff ist nach wie vor das Beste, was es in puncto Sicherheit für Motorradfahrer gibt. Gerade die Abriebswerte bleiben noch lange Zeit von allen Textilien unerreicht. Und ob die dann schadstofffrei sind, sei einmal dahingestellt.

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