Test: Schadstoffe in Motorradjacken (Archivversion) Mitgift?

Wer Leder trägt, fährt sicherer! Wer Leder trägt, lebt gefährlicher? Wie giftig ist das Naturprodukt? Ein Schadstofftest klärt auf.

Jeder trägt Leder. Benutzt der Normalbürger es hauptsächlich, um seine Füße zu schützen, besitzt die gegerbte Tierhaut bei gesellschaftlichen Randgruppen mehr Fetischcharakter. Direkt auf der Haut ist geil, und sogar Leder-Kopfkissen mit eingestickten Namen sollen manch ein Bett zieren.Auch in Motorradfahrerkreisen bestimmen nicht allein sicherheitsrelevante Aspekte die Kleiderwahl. Eine Kombi aus Leder gibt ein Feeling, das Kunstfasertextilien vermissen lassen. Oder einfach: Natur tut gut.Ein klarer Fall von Denkste, sagen kritische Lederfachleute wie beispielsweise die Autoren der Broschüre »Betrifft: Leder« von der Verbraucherzentrale Hamburg. Ihrer Ansicht nach sind nur 80 Prozent des Bekleidungsleders noch Natur, der Rest besteht aus chemischen Substanzen. So verwundert es kaum, daß diese nicht alle unbedenklich für den menschlichen Körper sein sollen. Farbstoffe, die bekanntermaßen Krebs erregen können, Konservierungsmittel, die möglicherweise Mißbildungen bei Embryos verursachen, Schwermetalle, die vielleicht Allergien und Asthma auslösen, all dies kann sich im geschmeidigen Naturprodukt verbergen.Der Motorradmarkt blieb bis dato von Skandalen über gesundheitsschädigende Substanzen verschont. Aber gerade Motorradfahrer schwitzen oft im Sommer in ihren Handschuhen, Stiefeln und Kombis, müssen von Regengüssen durchweicht manch unerwünschte Färbung über sich ergehen lassen - sie stehen in einem sehr engen Kontakt zu ihrer Lederkleidung.Nur ein Test kann Aufschluß geben, wie unbedenklich Motorradbekleidung wirklich ist. Daher kaufte MOTORRAD sieben Lederjacken aktueller Kollektion und ein älteres Modell stichprobenartig und inkognito bei ganz normalen Verkaufsstellen. Wichtig war dabei, daß die Spanne von der 250-Mark-Jacke bis zum 1100-Mark-Produkt reichte.Alle Lederjacken wanderten zum Lederinstitut Gerberschule Reutlingen, eine Institution, die neben Ausbildungen und Forschungsvorhaben auch Schadstoffprüfungen übernimmt. Hier läßt sich gleich noch eine Antwort auf die Frage finden, wie eigentlich die ganze Chemie ins Leder kommt.Der Weg vom friedlich auf der Wiese grasenden Rind bis zur geschmeidigen Lederjacke ist lang, drei Stationen geraten dabei aus gesundheitlichen und umweltpolitischen Gründen immer wieder in die Kritik: Das Konservieren, das Gerben und das Färben.Damit die Tierhaut zwischen Schlachtung und Gerben nicht fault, muß sie geschützt werden. Neben Salz und Eis sind vor allem in sogenannten Billiglohnländern chemische Konservierungsmittel sehr beliebt, dabei gelten viele dieser Substanzen wie beispielsweise Formaldehyd als gesundheitlich nicht unbedenklich. Das bekannteste, Pentachlorphenol (PCP), ist seit 1989 in Deutschland verboten. Es besitzt nicht nur toxische Wirkung auf Menschen, sondern schadet wegen seiner geringen biologischen Abbaubarkeit in großem Maße der Umwelt.Problematisch für unser Ökosystem sind auch die Rückstände des Gerbens mit dem Schwermetall Chrom, was deutsche Betriebe zu verschärften und entsprechend teuren Entsorgungsmaßnahmen zwingt. Da aber 90 Prozent des weltweit produzierten Leders durch Chromgerbung entsteht, wurde ein Großteil der Produktion in Länder mit geringerer staatlicher Reglementierung verlegt.Gegerbt wird heutzutage fast ausschließlich mit Chrom (III)-Salzen, die für den Menschen ungiftig sind, während sechswertiges Chrom, das sich als krebserregend und erbgutschädigend herausgestellt hat, so gut wie nicht mehr eingesetzt wird. Vorteile der Chromgerbung: Sie liefert geschmeidige, leichte, helle, temperaturbeständige und reißfeste Leder bei kurzen Herstellungszeiten.Als nennenswerte Alternative kommt nur die pflanzliche Gerbung in Frage. Sie belastet Mensch und Umwelt weniger, dauert aber mehrere Monate. Das dabei entstehende Leder ist hart, schwer und dunkel, doch seine Abriebwerte sind besser als die des chromgegerbten. Es wird hauptsächlich in der Schuhproduktion eingesetzt. Eine Umstellung von mineralischer zu pflanzlicher Gerbung hätte allerdings gravierende ökologische Auswirkungen: Um den weltweiten Bedarf an Leder garantieren zu können, würde die benötigte Menge an pflanzlichen Gerbstoffen in kürzester Zeit den Tod der Regenwälder bedeuten, die einen großen Teil der benötigten Gerbstoffe lieferen. Ökologen schlagen deshalb vor, schon erprobte Kombinationen beider Methoden zu verbessern und auszubauen.Der letzte kritische Punkt der Lederproduktion ist die Färbung: Der Großteil der dabei verwendeten synthetischen Farbstoffe gehört zur Gruppe der Azo-Farbstoffe. Azo-Farbstoffe selbst gelten für den Menschen als ungefährlich, denn sie sind nicht bioverfügbar. 150 davon enthalten aber als Stoffgruppen krebserregende Amine, die von Enzymen der Leber abgespalten werden. Diese können dann, wie beispielsweise das Benzidin in der Harnblase, bösartige Tumore bilden.Die deutsche Regierung reagierte schon 1994 mit einem Verbot, beugte sich aber immer wieder der Lederlobby mit einem Aufschub. Heute gilt die Auflage, daß seit 31. März 1997 keine mit jenen 150 Azo-Farbstoffe gefärbten Produkte in Deutschland hergestellt oder importiert werden dürfen, ihr Verkauf ist noch bis Ende diesen Jahres erlaubt, der von Second Hand-Kleidung unbegrenzt.Untersucht werden sollte nun, ob das Verbot von Azo-Farbstoffen und PCP auch eingehalten wird und ob die Lederjacken Formaldehyd und Chrom (VI) enthalten. Auch wenn es für letztere Substanzen keine speziellen Verbote gibt, so gilt doch, daß keine toxischen Substanzen in Bedarfsgegenständen enthalten sein dürfen.Entwarnung kann nach den Ergebnissen der PCP-Untersuchung gegeben werden: Das Verbot hat offensichtlich gegriffen, die Industrie ihre Produktionsverfahren umgestellt. Auch Formaldehyd wurde nur in sehr geringer Dosierung gefunden.Bei den Azo-Farbstoffen kam die Gerberschule zunächst ebenfalls zu einem erfreulichen Resultat. Die neuen Jacken sind alle frei von den verbotenen Azo-Farbstoffen. Besorgniserregend ist hingegen die hohe Konzentration krebserregender Amine in der Dainese-Jacke Tosa, als Referenzmodell für alte Modelle gedacht. Um zu klären, ob »alte« Bekleidung generell hoch mit Schadstoffen belastet ist, hat MOTORRAD eine Untersuchung von Produkten verschiedener Hersteller bereits in Auftrag gegeben.Leider wiesen drei der neuen Jacken (Louis, Furygan und Schwabenleder) und die Dainese Tosa Bestandteile an sechswertigem Chrom auf. Bei der billigen, in Indien hergestellen Louis-Jacke könnte man noch vermuten, daß neben dem unschädlichen Chrom (III) doch Chrom (VI) zum Gerben eingesetzt wurde. Doch was ist mit der teuren Schwabenleder Performance Evolution? Immerhin wirbt diese Firma damit, daß ihre Produkte ausschließlich aus Deutschland kommen.Dr. habil. Kellert, Leiter der Abteilung Materialprüfung in Reutlingen, ist das Phänomen nicht unbekannt. Seit zirka zwei Jahren findet sich immer wieder Chrom (VI) in Leder, bei dessen Herstellung nur Chrom (III) verwendet wurde. Unbekannte chemische Prozesse? Die Forschung darüber läuft, erklärt Kellert, doch das nützt den Motorradfahrern derzeit wenig. Die Verbraucherverbände fordern unter anderem eine Kennzeichnungspflicht des Herstellungslands, in diesem Fall keine große Hilfe. Sie fordern weiterhin eine Kennzeichnungspflicht aller Chemikalien, die bei der Lederherstellung eingesetzt wurden. Angesichts der Masse an Stoffen ein unmögliches Unterfangen, ganz davon abgesehen, daß nicht jeder Mensch ein Chemie-Lexikon zu Hause hat. Wirksamere staatliche Kontrollen wären natürlich wünschenswert, mehr Handeln im Interesse der Verbraucher als im Interesse von Industrie und Handel ebenfalls. Die Industrie selbst bestückt ihre Produkte gerne mit Anhängern wie »Echt Leder« oder gar »PCP frei«, doch diese besitzen allenfalls Marketingwert. Einen gewissen Schutz gegen die verbotenen Azo-Farbstoffe und PCP, gegen Formaldehyd und Chrom (VI) versprechen die Prüfsiegel für Schadstoffe renommierter Institute wie Forschungsinstitut Hohenstein, TÜV Rheinland oder der Gerberschule Reutlingen, um nur drei zu nennen - auch wenn nicht jede einzelne Jacke, die dann solch ein Zertifikat trägt, selbst geprüft wurde. Aber deren Kontrolle überliegt dannZeitschriften wie MOTORRAD, der vierten Gewalt.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote