Textil- oder Lederkombi: Beratung (Archivversion)

Stoffwechsel

Früher war Leder der Stoff, aus dem Motorrad-Anzüge gemacht wurden. Heute wechseln immer mehr Fahrer zu Kunstfasern. Können die Multifunktions-Anzüge Lederkombis, Thermoanzüge und Regenkombi ersetzen?

Vor zehn, zwanzig Jahren war ganz klar: Wer als Biker zünftig gekleidet sein wollte, trug die klassische schwarze Lederkombi. Wenn die Temperaturen tropische Werte annahmen, wich die Lederhose der Jeans, bei Regen wurde die unter der Sitzbank deponierte Regenkombi übergestreift und bei extremen Minustemperaturen der Thermoboy aus dem Schrank geholt. Etliche Motorradfahrer schwören auch heute noch auf diese Bekleidungs-Kollektion, lediglich die Lederkombi muß nicht mehr zwangsläufig schwarz sein. Aber in den letzten Jahren sind auf Deutschlands Straßen immer mehr Fahrer zu sehen, die statt Leder Textiles bevorzugen. Multifunktion lautet das Zauberwort, das die Kunstfaser-Anzüge zur attraktiven Alternative macht. Als Vorteile werden aufgeführt, daß sie wasserdicht sind und durch herausnehmbare Futter bei allen Temperaturen und lassen wegen des großzügigen Schnitts auch über normaler Alltagskleidung getragen werden können. Die Jacken lassen sich aufgrund der zivilen Optik auch als Freizeitjacke einsetzen und mit anderen Bekleidungsstücken wie Lederhosen kombinieren. Ist damit die eierlegende Wollmilchsau gefunden und das Ende der für Motorradfahrer jahrzehntelang typischen Lederkombination eingeläutet? Ganz so einfach ist es nicht. Kritiker interpretieren Multifunktion folgendermaßen: Alles ein bißchen können, aber nichts so richtig. Vielleicht sieht der Materialmix Lederkombi plus Regenkombi plus Thermoanzug im Vergleich ja doch nicht so schlecht aus. Wo liegen die Vor- und Nachteile?Stichwort Wasserdichtigkeit. Hier muß die Lederkombi passen. Sie hält vielleicht einen kurzen Regenguß ab, mehr aber nicht. Der Spezialist für feuchte Fälle ist die Regenkombi. Ein guter, einteiliger Plastiküberzieher kostet nicht viel und dichtet wirklich zuverlässig. Er läßt sich klein zusammenfalten und meistens unter dem Höcker oder Sitzbank verstauen. Nachteil: Unter der Regenkombi kann es ganz schön warm werden, was aber nicht so tragisch ist, weil es im Regen in der Regel eh kälter wird. Schon ärgerlicher: Sobald es wieder trocken ist, sind die Plastikteile unausstehlich, also muß man sich nach jedem Guß wieder herauswinden. Länger dicht halten auch gute Textilanzüge. Viele lassen aber bei Dauerberieselung Feuchtigkeit durch. Vor allem dann, wenn der Zahn der Zeit an ihnen genagt hat. Das gilt nicht nur für preiswerte Anzüge mit PU-Beschichtungen - deren oft phantasievolle Namen meist auf -tex enden - , sondern auch für manch teuren Anzug mit namhafter Funktionsmembran wie Gore-Tex oder Sympatex. Stichwort Trageklima. Ganz eindeutig liegt hier eine Stärke textiler Kombis. Eine Lederkombi ist nur in einem sehr schmalen Bereich wirklich angenehm zu tragen. Bei mehr als 25 Grad schmort man im eigenen Saft, bei unter zehn Grad friert der Lederfan. Das läßt sich durch Unterkleidung kaum ändern. Bei weit geschnittenen Fahranzügen hat der Biker mehr Möglichkeiten. Er kann im Sommer das Futter herausnehmen und in der Übergangszeit durch dicke, warme Unterbekleidung ergänzen. Allerdings können die Textilanzüge bei Hitze auch zu warm sein. Mit der Atmungsaktivität ist es dann vorbei, denn die funktioniert nur bei einem Gefälle zwischen Körper- und Außentemperatur. Und wenn das Thermometer Ricjhtung Frostgrenze sinkt, hilft nur noch ein spezieller Winteranzug.Stichwort Sicherheit. Hier kommt der große Auftritt der Lederkombi. Bisher sind die Kunstfasern den Beweis schuldig geblieben, in puncto Abriebverhalten mit Leder gleichziehen zu können. Selbst extrem reißfestes Kevlargewebe kam im letzten großen Vergleichstest von MOTORRAD nicht an Leder heran. Was neue Materialien wie Schoeller K 300 oder Dynatec können, wird MOTORRAD im Frühjahr testen. Die Protektoren in Textilanzügen sind in letzter Zeit deutlich besser geworden. Viele Anzüge haben heute gut geformte Schaum- oder Hartschalenprotektoren mit wirksamer Schlagdämpfung an exponierten Stellen. Trotzdem kann hinsichtlich passiver Sicherheit kein Textilanzug mit einer gut sitzenden Lederkombi konkurrieren. Deren Protektoren sind stabiler verankert, verrutschen auch unter Belastung beim Unfall weniger, und die Gefahr, daß Ärmel oder Beine des Anzug hochrutschen und Körperteile freilegen, ist durch den engen Schnitt und das feste Material wesentlich geringer. Das Kräftemessen Textil gegen Leder läuft also auf ein klassisches Unentschieden hinaus. Wer auf Sicherheit den größten Wert legt, kommt an der Lederkombi kaum vorbei. Dennoch kann ein Textilanzug für Lederfans eine sinnvolle Ergänzung sein. Das wird dann allerdings eine teure Sache. Eine gute Lederkombi kostet leicht über 1000 Mark, bei Maßanfertigung und freier Farbwahl kann es auch das Doppelte werden. Ein hochwertiger Textilanzug bringt es locker auf 1500 Mark. Letztlich zählt nicht nur das Für und Wider, es ist auch eine Frage der Philosophie. Sportlich orientierte Fahrer werden weiterhin beim Leder bleiben, während es Gelegenheitsfahrer und Touristen eher zur Kunstfaser zieht. So läuft es in Zukunft wohl eher auf ein friedliches Miteinander als auf einen Kampf Leder gegen Textil hinaus.
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BMW-Kombis im Langstreckentest (Archivversion) - Trockenzeit

Eine wasserdichte Lederkombi - das bietet nur BMW mit dem Gore-Tex-Lederanzug Atlantis. MOTORRAD schickte den 2664 Mark teuren Dichtkünstler im Vergleich mit dem 500 Mark billigeren Textilanzug Madison über 30 000 Kilometer durch Wind und Wetter. Schon rein äußerlich betrachtet zeigte der Atlantis sich von der Testdistanz wenig beeindruckt: Ein leichter Grauschleier und die weniger rauhe Oberfläche wirken eher wie eine Patina als wie Spuren des Alters. Das weiche, empfindlich erscheinende Leder hat einen erstaunlichen Selbstreinigungseffekt. Selbst extreme Verschmutzungen nach Enduro-Touren sind nach dem nächsten Regenguß einfach weggewaschen, ansonsten tut es zur Reinigung künstliche Bewässerung mittels Schwamm. Die wasserabweisend imprägnierte Außenhaut hält Regen derart effizient ab, daß der Gore-Tex-Z-Liner nur selten aktiv werden muß. Angenehmer Nebeneffekt der Imprägnierung: Das Leder saugt sich nicht mit Wasser voll, im Gegensatz zu einer herkömmlichen Lederkombi wirkt der Atlantis auch bei strömendem Regen nicht wie ein nasser Sack. Die Gore-Tex-Membran hielt bis zum Testende dicht. Wenn Wasser eindrang, dann an den wenig variablen Armabschlüssen oder am Kragen. Der Kunstfaser-Anzug Madison veränderte sich im Laufe der Zeit deutlicher. Die Farben verblassen etwas, wenn er auch nicht mehr so stark ausbleicht wie der legendäre BMW-»Müllmannanzug«. Leichter Verschleiß des Obermaterials ist an den Ärmelbündchen und Taschenabschlüssen sichtbar. Trotz eines Sturzes bei 80 km/h hielt der Madison stets zuverlässig dicht. Die Abschlüsse sind besser einstellbar als beim Atlantis. Der Rutscher über den Asphalt beeindruckte das Kevlar/Nylon-Gewebe des Madison nicht, die Oberfläche ist kaum sichtbar angegriffen. Die Protektoren sind im übrigen bei beiden Anzügen gleich - abgesehen vom fehlenden Hüftprotektor des Atlantis, den kann und sollte man nachrüsten. Das Futter des Atlantis ist mitsamt der Gore-Tex-Membran herausnehmbar. Daher ist der Lederanzug auch im Sommer noch angenehm zu tragen, während der Fahrer im Madison bereits im eigenen Saft kocht. Denn bei ihm ist das Futter fest eingenäht. Die Atmungsaktivität des Textil-Zweiteilers scheint ohnehin nicht mehr ganz so gut zu sein wie die seiner Vorgänger. Paßform und Schnitt beider Anzüge sind durchaus vergleichbar. Beide sind nicht so eng wie eine maßgeschneiderte Lederkombi geschneidert, aber auch nicht so großzügig wie die meisten zweiteiligen Fahranzüge. Der Tragekomfort ist bequem. Die gut geformten Protektoren sitzen nicht ganz so fest wie in eng anliegenden Kombis und drehen sich beim Sturz leicht weg. Fazit: Mit dem Atlantis bietet BMW eine interessante, wenn auch nicht ganz billige Alternative zum Textilanzug. Beide Anzüge sind qualitativ sehr gut und dürften eher den Tourenfahrer als den sportlich orientierten Biker ansprechen.

Zum Thema (Archivversion)

Bei den MOTORRAD-Redakteuren ist`s wie im richtigen Leben: Die Meinungen sind geteilt.
Wie habe ich diese Gummi-Überzieher in Orange immer gehaßt. Man schwitzt drunter, es flattert - und wenn man sie brauche, lag die Regenkombi meist zu Hause. Hate man sie übergestreift, hörte es garantiert auf zu regnen. Heute genieße ich mit dem Textilanzug das Gefühl, bei einsetzendem Regen einfach weiterzufahren. In praller Sonne ist das Klima deutlich angenehmer als unter der Lederpelle. Und bei Kälte setze ich bei meinem Dane-Anzug einfach das Thermofutter ein. Leder im Alltagsbetrieb - nein, danke, da bin ich einfach zu bequem geworden. Sommer, Sonne, Feierabend. Nix wie raus zu einer kleinen Tour. Jeans, Turnschuhe, flottes Textiljäckchen drüber und die Karbonschüssel über die Rübe. Warum in die unbequeme Protektorenkombi steigen? Genau dann knallt`s, wenn man garantiert nicht damit rechnet. Und es ist ein Scheißgefühl, wenn dir der Asphalt die Pelle abzieht und der Hüftknochen gegen den Randstein knallt. So bitte nicht. Ich will optimal geschützt sein, bei jeder Fahrt. Und das schafft nur eine gute Lederkombi. In die schlüpfe ich daher nicht nur bei Testfahrten auf der Rennstrecke. Auch wenn`s manchmal unbequem ist.

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