Vergleichstest Textilanzüge (Archivversion)

Ein Herz für Rinder

Das Rindvieh kann sich freuen: Leder ist bei vielen Bikern out, Textilanzüge ersetzen immer mehr die Lederkombi. MOTORRAD nahm 16 Synthetik-Anzüge unter die Lupe. Welchen Unfallschutz bieten die Zweiteiler, wie bewähren sie sich in der Praxis?

»Was sich so rauh anfühlt, ist Gore-Tex. Das ist richtig stabil, viel besser als Leder.« Solchen Unsinn hört man gelegentlich, wenn man sich von vermeintlichen Experten beraten läßt. Was moderne Textilanzüge abriebfest macht, ist nicht etwa die in tieferen Schichten verborgene, hauchdünne Membran, sondern steifes Cordura oder Kevlar-verstärktes Nylon. Aber erst die Kombination hochwertiger Oberstoffe mit den High-Tech-Membranen bringt handfeste Vorteile für den Motorrad-Alltag. Multifunktion lautet das vielversprechende Zauberwort, mit dem die Verkäufer von Textilanzügen den Bikern die Lederkombi ausreden wollen. Denn Rinderhaut ist ziemlich unflexibel, aus Sicht des Bekleidungsphysiologen macht sie als Funktionsbekleidung für Motorradfahrer wenig Sinn. Leder isoliert weder gegen Kälte noch gegen Hitze, das Trageklima ist nicht gerade berauschend, wasserdicht ist Leder schon gar nicht. In diesen Punkten können synthetische Materialien schon einiges mehr bieten. Das haben in den letzten Jahren sehr viele Motorradfahrer erkannt. Neben den funktionellen Vorzügen spielt für den Sinneswandel vieler Kradfahrer auch das zivilere Aussehen der Textilanzüge eine Rolle, das nicht nur Wiedereinsteiger und ältere Semester zu den Kunstfasern greifen läßt. In der Praxis sprechen viele Argumente für die synthetischen Multitalente. Zunächst einmal ist ihr thermischer Einsatzbereich erheblich breiter, die meisten Anzüge sind mit herausnehmbarem Innenfutter in Jacke und Hose ausgestattet. Im Sommer wird allein mit der Außenhülle gefahren, in der kühlen Übergangszeit kommt das wärmende Futter rein. Sind die Abschlüsse und Übergänge gut abgedichtet und isoliert, so läßt sich der Kälteschutz mit dicker Unterkleidung ohne weiteres bis zu Temperaturen um den Gefrierpunkt verbessern. Wasserdicht sollen Kunststoff-Kombis auch sein, die Regenkombi kann demnach zu Hause bleiben. Bei Wärme steigert der lockere, luftige Schnitt den Tragekomfort. Zudem sollen trickreiche Membrane auf wundersame Weise den Schweiß von innen nach außen transportieren. Manche Jacke kann auch beinahe das Topcase ersetzen: Riesige Taschen bieten Stauraum für den Kurztrip. Zu all diesen phantastischen Vorzügen als Motorradanzug kommen vielfältige Einsatzmöglichkeiten: Jacken mit herausnehmbaren Protektoren und Futter lassen sich auch für Sport und Freizeit nutzen, mitunter sind die Innenjacken oder -hosen einzeln tragbar. Warum zum Teufel gibt es da noch Lederkombis? Wegen der Sicherheit, wird der erfahrene Sportbiker jetzt einwenden. Oder fährt irgendein Rennfahrer mit einer Textilkombi herum? Aber auch diesbezüglich proklamieren die Anbieter für die weiterentwickelten Kunstfasern hohe Abriebfestigkeit, Beispiele sind die von dem schweizerischen Hersteller Schoeller speziell für die Anforderungen des Motorradbereichs entwickelten Textilien Dynatec, K 300 oder Keprotec, das nun sogar schon mit Edelstahlfäden verstärkt ist. In der Werbung scheuen manche Hersteller den direkten Vergleich mit dem Lederanzug nicht mehr. Dazu kommen hochwertige Protektoren, die denen von Lederkombis hinsichtlich Dämpfung nicht mehr nachstehen. Dieser Test gliedert sich daher in zwei große Blöcke: zunächst der wichtige Bereich Sicherheit, das ist quasi das Pflichtprogramm für jeden Motorradanzug. Können sich die Textilien hier bereits mit Leder messen? Dieses Thema gliedert sich in die Unterpunkte Schleifschutz und Aufprallschutz. Die Kür ist der Praxisblock, hier kann ein Anzug seine pfiffigen Detaillösungen und das durchdachte Gesamtkonzept in die Waagschale werfen. Beide Blöcke werden auch im Endergebnis getrennt, der Käufer soll selbst Schwerpunkte und Prioritäten setzen. Das Testfeld: 16 zweiteilige Textilanzüge in der Preisklasse von 850 bis 2000 Mark, also die Mittel- bis Oberklasse. Dabei sind unterschiedliche Konzeptionen erkennbar: Die Spannweite reicht vom Vertreter der Kategorie leger geschnittener Überziehanzug, zum Beispiel Ixs Futura, der locker auch über die Straßenkleidung paßt, bis zum eng geschnittenen Anzug im Stil einer Lederkombi wie der Dane Projekt GT. Andere Hersteller setzen auf das Baukasten-System: Aus einem breiten Angebot können verschiedene Hosen und Jacken je nach Geschmack, Geldbeutel oder Verwendungszweck kombiniert werden. Mitunter sind Jacke und Hose auch vollkommen unterschiedlich aufgebaut, es werden unterschiedliche Obermaterialien und Funktionsmembrane verwendet.
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Sicherheit (Archivversion) - Guten Rutsch

MOTORRAD verpaßte den Test-Anzügen nicht nur jede Menge harter Schläge, sondern auch eine gehörige Abreibung.
Die »zweite Haut« nannte Harro in den sechziger Jahren die berühmten Lederkombis der ersten Generation. Das gegerbte Tierfell sollte beim Sturz aufopferungsvoll verhindern, daß die kostbare Haut des Motorradfahrers angekratzt wird. Zweit-Haut kennt auch Dr. Christoph Scholl, der als Arzt und Betreuer an den Wochenenden auf internationalen Rennstrecken unterwegs ist: In seiner Ausrüstung findet sich jede Menge Kunsthaut, die bei größeren Hautverletzungen den Heilungsprozeß beschleunigt. Daß diese Ersatzhaut nicht gebraucht wird, sollen abriebfeste Materialien verhindern. Hautabschürfungen nach einem harmlosen Ausrutscher sind lästig und schmerzhaft, der Heilungsprozeß langwierig. Oft können schon harmlos erscheinende Abschürfungen viel Ärger bringen. Bei Brüchen oder inneren Schädigungen führen eindringende Verschmutzungen häufig zu Komplikationen. Neben guter Schlagdämpfung von Protektoren ist daher die Abriebfestigkeit von großer Bedeutung. Um die theoretischen Laborversuche auf dem Prüfstand der TH Darmstadt zu untermauern, führte MOTORRAD neben den umfangreichen Labortests einen Praxisversuch durch (siehe Kästen). Dabei zeigte sich, daß Textilien beim Rutschen auf der Fahrbahn grundsätzlich anders reagieren als Leder. Die Tierhaut wird auf dem Prüfstand kontinuierlich abgeraspelt, der Masseverlust oder die Restdicke geben ein Maß für den Verschleiß. Das Verschleißverhalten ist vorhersehbar. Bei Kunstfasern kann die Lochbildung sehr plötzlich einsetzen, sobald die ersten Fasern reißen. Was bei 50 km/h noch intakt ist, kann bei Tempo 60 schon vollkommen zerrissen sein. Sicherlich haben in der Praxis auch die Protektoren einen positiven Einfluß auf den Schleifschutz eines Anzugs. Um einen Protektor durchzuschleifen, muß man schon sehr lange auf der gleichen Stelle herumrutschen. Schützen kann der Protektor aber nur, wenn er an der vorgesehenen Position bleibt. Beim Zugtest hinter dem Auto zeigte sich deutlich, daß Protektoren in Textilkombis sich sehr leicht von den zu schützenden Körperteile wegdrehen oder verschieben. Außerdem verabschiedet sich ein Protektor manchmal schon nach kurzer Schleifdauer, wenn die äußere Hülle aufreißt. In solchen Fällen rächt es sich, daß die Protektoren anders als in manchen Lederkombis nicht fest eingenäht und/oder verklebt sind. Daher ist es besonders positiv zu beurteilen, wenn nicht nur an besonders verletzungsgefährdeten Stellen, sondern auch im Rest des Anzugs widerstandsfähigeres Material eingesetzt wird. Ein Beispiel ist der BMW-Anzug Orlando, der komplett aus dem Schoeller-Textil Dynatec aufgebaut ist, das an vielen Stellen sogar gedoppelt ist. Auch Gericke setzt das bessere Material fast überall ein. Dabei muß berücksichtigt werden, daß solche festen Faserwerkstoffe als Rohmaterial nicht ganz billig sind. Bei einem Anzug der unteren Preiskategorie (Büse, MQP, Difi) müssen zwangsläufig Zugeständnisse gemacht werden. Bei den Schleiftests war denn auch deutlich zu erkennen: Für weniger Geld gibt es in aller Regel auch weniger Sicherheit.Die beiden teuren Anzüge aus steif wirkendem Dreilagen-Laminat von Dane und Rukka bekamen sehr unterschiedliche Noten. Der Dane Projekt GT ist von oben bis unten aus dem Laminat aufgebaut, im Bereich der Protektorentaschen doppellagig. Die großen Protektorflächen schützen beim Aufprall und beim Rutschen. Nachteil der Konstruktion: Das Grundmaterial ist nur eingeschränkt widerstandsfähig, leicht kann es durchgeschliffen und die Schutzpolster aus der Tasche herausgerissen werden. Rukka verstärkt die Protektorenbereiche mit Kevlar, das macht sich bei den Prüfstands-Ergebnissen positiv bemerkbar. Da bei allen Sicherheitstest zu Vergleichszwecken eine Lederkombi mitlief, wurden mit Lederproben auch Rutschtests auf dem Prüfstand durchgeführt. Selbst die hohe Startgeschwindigkeit konnte verschiedenen Lederproben jedoch kaum etwas anhaben, das Material wurde nur oberflächlich angekratzt. Während bei Lederkombis die Verarbeitung zum Beispiel der Nähte sehr wichtig ist, spielen diese beim Schleifschutz der Textilanzüge kaum eine Rolle. Sie werden schlicht und ergreifend zusammen mit dem Material weggeraspelt. Auf eine spezielle Bewertung der Nähte wurde anders als beim letzten Lederkombivergleich daher verzichtet. Protektoren aus einer Lederkombi des Herstellers Schwabenleder liefen auch bei den Stoßdämpfungstests beim TÜV Rheinland mit. Dort wurde mit einem Fallprüfstand in Anlehnung an die aktuelle CE-Norm die Stoßdämpfung der eingebauten Protektoren geprüft. In diesem Punkt haben die Textilkombis in den letzten Jahren deutlich aufgeholt. Waren früher oft nur weiche Schaumplatten mit miserabler Dämpfung eingesetzt, so haben die meisten Anzüge heute vernünftige Protektoren mit befriedigenden bis guten Dämpfungseigenschaften. Den hohen Standard der Schwabenleder-Kombi erreichen sie zwar nicht, aber mit mittelprächtigen Lederanzügen können sie es hinsichtlich Stoßabsorption aufnehmen.Allerdings wurde bei manchen Anzügen selbst aus höheren Preisklassen gespart. Der Hüftprotektor fiel hier und da dem Rotstift zum Opfer. Ärgerlich, weil man gerade an dieser Stelle oft zuerst Kontakt mit der Straße hat. Ohne Protektor ist vor allem auch der Schleifschutz stark herabgesetzt. Außerdem verzichten einige Hersteller in der Serienausstattung auf den Rückenprotektor. BMW bieten ihn als Zubehör an, Dainese empfiehlt die hauseigenen Rückenpanzer. Ob die in den übrigen Anzügen durchweg eingebauten Schaumplatten ernsthafte Wirbelsäulenverletzungen verhindern können, muß bezweifelt werden. Brüche entstehen fast immer durch hohe Schlagenergie von oben oder unten, davor kann kein Protektor schützen. Trotzdem machen große Schaumplatten im Rücken Sinn. Sie können Weichteilverletzungen mindern und beim Rutschen das Abriebverhalten verbessern. Aus den genannten Gründen wurden die Dämpfungswerte in Abstimmung mit der Expertenrunde im Gegensatz zu denen der übrigen Protektoren nur einfach gewertet. Sind die Laborwerte beim Stoßdämpfungstest meist zufriedenstellend, so mangelt es oft am festen Sitz der Sturzpolster und an der Überdeckung der wichtigen Körperteile. Der großzügige, bequeme Schnitt vieler Anzüge bringt es mit sich, daß die Schaumteile manchmal nicht da sitzen, wo sie hingehören. Beim Gericke-Anzug, dessen Hiprotec-II-Protektoren akzeptable Dämpfung bieten, kann sich der Ellbogen zum Beispiel sehr leicht neben dem zwar großen, aber plattenförmigen Polster herausdrücken. Bei BMW liegt das Hüftploster eindeutig zu tief, es deckt eher den durch Muskulatur geschützten Oberschenkel als die Hüftknochen ab. Die Knie-Hartschale von Dainese trifft wohl nur, wer genau zielt. Gut macht es Dane, dort wird mit sehr großflächigen Schaumpolstern gearbeitet, die in Klett-Taschen untergebracht sind und durch den engeren Schnitt des Anzug die Körperteile vorbildlich umschließen. Negativ wurde in der Expertenrunde bewertet, wenn sich Hosenbeine oder Ärmel leicht verdrehen oder verschieben können. Ähnliches gilt für die Verbindung von Jacke und Hose. Die Praxis hat gezeigt, daß bei einem Sturz einzelne Jacken manchmal komplett über den Oberkörper bis unter die Arme geschoben werden, der Körper liegt dann nahezu im Freien. Umlaufende Reißverschlüsse wie bei BMW, Dane oder Ixs sind dagegen der beste Schutz. Bei lang geschnittenen Jacken kollidiert die Verbindung jedoch mit dem Thermofutter. Polo hat immerhin einen kurzen Reißverschluß im Rücken installieren können, bei Clover gibt es eine Schlaufe als Anker. Die Schrittgurte, die das Hochrutschen beim Sitzen auf dem Motorrad verhindern soll, nützen bei einem Unfall praktisch nichts, sie öffnen sich schon bei sehr geringen Kräften.Es sind im Bereich Sicherheit also noch reichlich Defizite vorhanden. Eine vergleichsweise in allen Kriterien mitbewertete Lederkombi kam auf knapp 180 von 200 möglichen Punkten, 60 Punkte Abstand zum besten Textilanzug sind eine Menge mehr an passiver Sicherheit bei einem Unfall.

Die Expertenrunde (Archivversion)

Für die Sicherheit sind nicht nur Laborwerte wie Stoßdämpfung und Abriebverhalten entscheidend, sondern auch Größe, Sitz und Verankerung der Protektoren. Der beste Protektor nützt nichts, wenn der Ellbogen oder die Kniescheibe ungeschützt daneben aufprallt. Um diese Kriterien zu beurteilen, berief MOTORRAD eine Expertenrunde ein. Neben dem Autor waren dabei: Dietmar Otte, der sich als Unfallforscher an der Medizischen Hochschule Hannover einen Namen gemacht hat und auch an der europäischen Schutzkleidungsnorm mitwirkt, Bernd Schüttler, Leiter des Referats Motorrad beim TÜV Rheinland, sowie Dr. Christoph Scholl, Rennarzt mit einem riesigen Erfahrungsschatz aus langjähriger Praxis. Bewertet wurde nach dem Schulnotensystem, ob die gefährdeten Körperteile durch Protektoren ausreichend abgedeckt sind und ob diese sich bei einem Sturz leicht verschieben können. Außerdem wurde beurteilt, wie gut der Anzug an Arm- und Beinabschlüssen sitzt und ob Jacke und Hose durch gute Paßform oder Verbindungsreißverschluß gegen Hochrutschen gesichert sind.

Der Schleiftest (Archivversion)

Praxistests wie der Schleifversuch hinter dem Auto geben wichtige Hinweise, für eine vergleichende, objektive Beurteilung eignet sich ein praxisnaher Laborversuch jedoch besser. Für Prüfungen des Abriebverhaltens ist der Prüfstand des Fachbereichs Fahrzeugtechnik der TH Darmstadt seit Jahren spezialisiert. Im Standardversuch wird der Sturz eines 75 Kilogramm schweren Fahrers mit knapp über 100 km/h Geschwindigkeit simuliert, der auf einer relativ großen Fläche seines Körpers über eine Aspaltbeton-Fahrbahn rutscht. Die Proben werden durch einen Motor beschleunigt, dann auf der Kreisbahn abgesetzt und durch ihre Reibung bis zum Stillstand abgebremst. Der Rutschweg entspricht somit realen Verhältnissen. Leder wurde bei diesem Test nur oberflächlich leicht angekratzt. Textilmaterialien reagierten durchweg mit Lochbildung, obwohl der gesamte Materialaufbau (ohne Protektoren und Innenfutter) geprüft wurde. Daher wurden die Bedingungen in einer zweiten Prüfreihe entschärft. Die Ausgangsgeschwindigkeit wurde auf 50 km/h reduziert. Geprüft wurde nun allein das Obermaterial. Diesen Mindestanforderungen sollten gute Textilmaterialien genügen. Die Proben wurden aus sturzgefährdeten Stellen wie Ellbogen, Schulter und Knie entnommen. Außerdem wurde das Grundmaterial von Jacke und Hose geprüft, welches in den meisten Fällen deutlich weniger abriebfest ist.

Textil gegen Leder (Archivversion)

Laborwerte sind ja schön und gut, aber wie sieht`s denn im richtigen Leben aus? Das kann nur ein echter Schleiftest beantworten. Um die wertvolle Gesundheit der Redakteure nicht zu gefährden, wurde ein Freiwilliger gesucht und gefunden: Rudi Holl von der Verkehrspädagogischen Akademie in Kirchheim hatte solche Demonstrationen bereits im Rahmen seiner Tätigkeit als Ausbilder von Fahrlehrern durchgeführt. Er ließ sich von einem Auto bis auf Tempo 50 beschleunigen, die zurückgelegte Strecke betrug etwa 70 Meter. Dabei wurde der erste Durchgang in Seitenlage durchgeführt, die Auflagefläche war im wesentlichen Ellbogen und Hüfte. Der Textilanzug (stichprobenartig und willkürlich ausgewählt eine Jacke von Modeka, die Hose von Clover) schliff dabei trotz Kevlarverstärkungen komplett durch, die Protektortaschen am Ellbogen war schon nach wenigen Metern offen. Erheblich besser überstand die Lederkombi (Schwabenleder) die Schleiferei. Obwohl auch bei ihr wegen der hohen Flächenpressung die Oberlage punktuell durchgeschliffen war, schützten der Protektor und die Kevlarlagen den Fahrer wirksam. Dabei zeigte sich auch die hervorragende Verarbeitung der doppelt vernähten und verklebten Nähte, die ein Aufreißen der Schutzhaut verhinderte. Während bei einer Lederkombi die Nähte tendentiell eher eine Schwachstelle sind, spielen sie beim Textilanzug keine wesentliche Rolle: Das Material ist meist so schlecht, daß es darauf nicht mehr ankommt.

Fazit Schleifschutz (Archivversion)

Cordura, Keprotec, Dynatec, K 300, Edelstahlfäden - solche Stoffe können das Abriebverhalten eines Textilanzugs verbessern. Wichtig ist dabei, daß mit den teuren Materialien nicht gespart wird. Gericke macht es vor, wie zu einem moderaten Preis ein einigermaßen zufriedenstellendes Ergebnis erreicht werden kann. Ebenfalls mit Minimalschutz: BMW, Rukka und Restless. Erschreckend hingegen der äußerst mangelhafte Schleifschutz bei Büse, Difi und Polo. Hier machen sich Preis-Zugeständnisse offensichtlich sehr negativ bemerkbar. Aber auch teure Kombis schützen nicht unbedingt überzeugend, siehe Dane. Zugute halten muß man der Dane-Kombi allerdings den guten Sitz, der in die Bewertung Aufprallschutz einfließt. Eine Klasse für sich ist immer noch Leder, an deas keines der getesteten Materialien annähernd herankommt.

Die Stoßdämpfung (Archivversion)

Protektoren finden sich heutzutage nicht nur in Lederkombis, sondern durchweg auch in guten Textilanzügen. Alle getesteten Anzüge besitzen an den gefährdeten Körperpartien Polster. Die Bauart ist allerdings recht unterschiedlich. Von der Hartschale bis zum vorgeformten, mehrschichtigen Schaumprotektor gibt es alle erdenklichen Varianten. Der Fallversuch auf dem Prüfstand des TÜV Rheinland soll den Aufprall auf ein hartes Hindernis wie etwa einen Leitplankenpfosten oder ein Autoteil nachempfinden. Dabei fällt ein fünf Kilogramm schweres Gewicht aus einem Meter Höhe auf den komplett mit allen Schichten aus dem Anzug getrennten Protektorenbereich, der auf einer leicht gewölbten Stahlunterlage liegt. Der Meßaufbau ist an die geltende CE-Norm für Protektoren angelehnt, wurde aber um einige Zusatzversuche erweitert. Um unterschiedliche Unfallmechanismen abzudecken, wurde mit einem flachen und einem kantenförmigen Fallgewicht ähnlich dem Kantenaufprall der Helmnorm geprüft. Versuchsreihen mit rundem Fallkörper bei 20 und 40 Grad Celsius sollten zeigen, ob sich die Stoßabsorption mit der Temperatur ändert. Es wurden jeweils zwei Aufschläge in der Mitte und 60 Millimeter zum Rand versetzt durchgeführt, jedoch höchstens zehn Millimeter vom äußeren Rand entfernt. Dabei wurde der Spitzenwert der Restkraft gemessen. Insgesamt waren mehr als 500 Schlagversuche nötig. Als Referenz diente eine Meßreihe mit einer hochwertigen Lederkombi. Ganz sicher fallen Textilanzüge im Vergleich mit Lederkombis ab, wenn es um den Sitz der Protektoren geht. Wegen des großzügigen Schnitts können die Polster leicht von der vorgesehenen Position wegrutschen, was bei einer guten, enganliegenden Lederkombi nur unter ungünstigen Bedingungen passiert.

Die CE-Norm (Archivversion)

Normalerweise sind wir Deutschen die Weltmeister, wenn es um Normen und Vorschriften geht. Bei der Schutzkleidung für Motorradfahrer kommen die Impulse allerdings eher aus England, wo sich einige Sicherheitsapostel um das leibliche Wohl der Motorradfahrer Sorgen machen. Eine europaweit gültige CE-Norm für Protektoren gibt es bereits, innerhalb einer laufenden Übergangsfrist dürfen aber noch Protektoren ohne den CE-Sticker verkauft werden. Bereits jetzt darf in der Werbung nur noch von Schutz, Sicherheit oder Protektoren gesprochen werden, wenn zertifizierte Protektoren eingebaut sind. Diese CE-Prüfung konnten schon einige der im Frühsommer beschafften Anzüge vorweisen, beispielsweise MQP, Restless oder Rukka. Andere Anbieter werden nachziehen oder haben es zwischenzeitlich schon getan, wobei sich an den Protektoren nicht unbedingt etwas ändern muß. Die Norm schreibt unter anderem die Größe der gepolsterten Flächen vor, allerdings sind die Anforderungen hier minimal. Die Stoßdämpfung darf nach dem in diesem Test angewendeten Verfahren keinen höheren Wert als 35 kN ergeben, das gilt jedoch nur für den flachen Aufprall bei Raumtemperatur.

Fazit Aufprallschutz (Archivversion)

Mit durchschnittlichen Lederkombis können einige gute Textilanzüge hinsichtlich Stoßdämpfung durchaus mithalten, an die Topklasse kommen sie jedoch nicht heran. Die besten Dämpfungswerte erreichte im Durchschnitt die Restless-Kombi, Defizite gibt es bei Difi, MQP und Polo, zum Teil aufgrund fehlender Protektoren an Rücken und Hüfte. Das Hauptmanko ist in vielen Fällen aber weniger die Dämpfung, sondern eher der allzu lockere Sitz der Protektoren. Die Chance, mit der Kniescheibe beim Sturz eine kaum größere Hartschale zu treffen, ist ziemlich gering. Auch können sich Armel oder Beine leicht verdrehen. Wichtig ist daher, daß der Anzug nicht allzu weit geschnitten ist. Deshalb bekamen hier eng geschnittene Anzüge wie die von Dane oder Clover die besseren Beurteilungen. Positiv sind prinzipiell auch Gurte oder Reißverschlüsse, die den Sitz bei Bedarf enger machen können.

Praxis (Archivversion) - Wasser marsch

Schweiß soll raus, aber Wasser nicht rein. Zauberei? Nein, trickreiche Membrane sollen Wassermolekülen die Marschrichtung vorgeben
Tusch, jetzt kommt der große Auftritt der Textilanzüge. Mußten sie im Bereich Sicherheit im Vergleich zu Lederkombis noch klein beigeben, können die Funktions-Multis im Alltagsbetrieb ihre Trümpfe ausspielen. Als Zaubermittel setzen die Hersteller auf unterschiedliche Rezepte: Gore-Tex, Miprorex, Sympatex, Reissa oder Technotex heißen die wundersamen Membrane, die den Wassertransport in richtige Bahnen lenken sollen. Der umgangssprachlich als »Atmungsaktivität« bezeichnete Wasserdampfaustausch funktioniert physikalisch gesehen auf recht unterschiedliche Weise, er basiert jedoch in jedem Fall auf der Dampfdruckdifferenz zwischen innen und außen. Die wiederum ist abhängig vom Temperatur- und Feuchtigkeitsgefälle. Ist es außen extrem heiß und feucht, kann sich der gewünschte Effekt sogar ins Gegenteil verkehren, der Anzug wird innen naß. In unseren Breitengraden ist es üblicherweise jedoch außerhalb des Anzugs kälter und/oder trockener als drinnen, dann kann die Schweißbildung bei einem guten Funktions-Anzug spürbar vermindert werden. Dazu ein Tip: Auch im Sommer sollte man Mikrofaser-Unterwäsche tragen, das verbessert den Transport von Flüssigkeit und das subjektive Trageklima enorm.BMW, Dainese, Dane, Difi, Ixs, Polo und Rukka vertrauen auf die mikroporöse Gore-Tex-Membran. Diese ist in der Regel als von außen nicht sichtbarer Z-Liner wie eine Innenjacke zwischen Obermaterial und Futter eingehängt. Dane und Rukka verkleben die empfindliche Gore-Membran zwischen zwei Nylon-Schichten, das ergibt ein steifes, atmungsaktives Dreilagen-Laminat, bei dem aber jede einzelne Naht mit Klebeband aufwendig von innen abgedichtet werden muß. Das macht die Herstellung teuer und schränkt den Spielraum für Design und Applikationen stark ein. Die Gore-Konfektionäre kommen in der Atmungsaktivität durchweg auf gute bis befriedigende Ergebnisse, nur die Polo-Jacke sowie die Hose von Dainese fallen negativ auf. Der Grund: Das Obermaterial ist so stark beschichtet, daß es nahezu undurchlässig wird. Solche starken Differenzen zwischen Jacke und Hose beurteilt der Bekleidungsphysiologe Karl-Heinz Umbach von den Hohensteiner Instituten besonders negativ, anzustreben sind gleichmäßig niedrige Werte. Gericke und Modeka (Jacke) verwenden Sympatex-Z-Liner, bei denen Wassermoleküle auf chemischem Weg nach außen transportiert werden. Damit lassen sich bei richtigem Aufbau ebenfalls gute Werte erreichen, siehe Gericke. Z-Liner mit anderen Funktionsmembranen bauen Clover, Dieter Braun, Held, MQP und Spidi ein, dies sind in der Regel PU-Beschichtungen eines Trägermaterials, die grundsätzlich auf ähnliche Weise wie Sympatex funktionieren. Die Atmungsaktivität dieser Testanzüge ist zum Teil noch akzeptabel, oft aber auch unbefriedigend. Sehr mangelhaft ist die Wasserdampfdurchlässigkeit bei MQP-Z-Liners. Eine PU-Beschichtung des Außenmaterials findet sich bei Büse, damit können offensichtlich keine guten Werte erreicht werden. Alle Meßwerte beziehen sich auf Anzüge ohne wärmende Innenfutter. Mit Innenfutter wird die Atmung stark vermindert. Dies wurde nicht bewertet, da bei kalten Temperaturen eine wärmende Isolierung weitaus wichtiger als guter Feuchtigkeitstransport ist. Außerdem: Auch zusätzliche, wärmende Unterkleidung mindert die Atmung. Aber wie sieht es mit der Wasserdurchlässigkeit von außen nach innen aus? Für diese Tests stellte Gore in Putzbrunn den gefürchteten Regenturm zur Verfügung, in dem eine mit einem Meßanzug gekleidete Versuchspuppe unter Hochdruck mit Wasser berieselt wird. Hier zeigte sich, daß die Schwachstellen in der Regel nicht die Membrane, sondern Verarbeitungsmängel sind. Durchgesteppte, nicht abgedichtete Nähte transportieren zum Beispiel Wasser nach innen. Ein negatives Beispiel ist der MQP-Anzug, bei dem es unter anderem im Bereich der Brusttaschen zu raschem Wassereinbruch kam. Auch beim Held-Anzug zieht eine durch den Z-Liner genähte Halsnaht das Wasser nach innen, der gleiche Fehler findet sich am Armabschluß. Bei Büse ist das Problem der schlecht abgedichtete Frontverschluß der Jacke, außerdem läßt sich der weite Halsabschluß nicht abdichten. Beim Zerlegen der Jacke fiel außerdem auf, daß das Dichtband des Z-Liners sich überall ablöste, hier ist auf Dauer mit starken Wassereinbrüchen zu rechnen. Beim ansonsten sehr dichten BMW Orlando saugen die Armbündchen etwas Feuchtigkeit. Die Fahrtests fanden im wesentlichen in den italienischen Alpen rund um das Stilfser Joch statt. Dort herrschten Temperaturen von mehr als 30 Grad im Tal bis runter auf 5 Grad in den Gebirgsregionen. Die Anzüge wurden auf zwei Motorrädern in etwas sportlicherer (Yamaha TRX 850) und tourenmäßiger Sitzposition (Suzuki Bandit 600) getestet und in zwei Durchgängen mit und ohne Futter gefahren. Grundsätzlich sind die Textilanzüge zwar locker und bequem geschnitten, in Paßform und Tragekomfort konnte aber kein Anzug voll und ganz überzeugen. Jacken und Hosen sind in vielen Fällen für einen stehenden Menschen zugeschnitten. In sitzender Position zieht es die Hosenbeine hoch, am Rücken sind die Hosenabschlüsse zu kurz, Jacken bauschen sich im Brustbereich auf oder spannen am Rücken. Heikel sind grundsätzlich die Abschlüsse. Viele Jacken sind am Hals zu weit geschnitten, nicht hoch genug und kaum variabel. Lobenswert sind für die Kälte einknöpfbare Zusatzkragen, das gibt es bei BMW, Gericke, Held und Spidi. Arm- und Beinabschlüsse sind ebenfalls Problemzonen, oft ist der Einstellbereich zu gering. Daher ist es kaum verwunderlich, daß am Ende Anzüge von Herstellern vorn liegen, die schon lange im Textilgeschäft sind und viel Erfahrung einfließen ließen.

Die Atmungsaktivität (Archivversion)

Die »Atmungsaktivität« im Praxistest zu bewerten, fällt nicht leicht, das Gefühl kann hier leicht in die Irre führen, zumal gleiche Testbedingungen - Wetter, Luftfeuchtigkeit, momentaner Zustand des Testers - für alle Anzüge kaum zu bekommen sind. Die Abteilung Bekleidungsphysiologie des Hohensteiner Instituts hat daher ein aufwendiges Meßverfahren entwickelt, das realen Verhältnissen recht nahekommt. Das sogenannte Hohensteiner »Hautmodell« ist von den USA bis Australien weltweit in viele Standards aufgenommen und durch ausgiebige Praxisversuche untermauert worden. Im Gegensatz zu dem sogenannten MVTR-Verfahren eignet es sich zu einer vergleichenden Beurteilung der Wasserdampfduchlässigkeit sehr unterschiedlich aufgebauter Membrane oder Beschichtungen. Das MVTR-Verfahren ist schneller, billiger und wird zum Beispiel bei Gore angewendet, um die laufende Produktion zu überwachen, die Ergebnisse sind jedoch kaum auf andere Bedingungen übertragbar. Die Wasserdampfdurchlässigkeit wurde getrennt bei Jacke und Hose geprüft, hier ergaben sich zum Teil extrem unterschiedliche Werte. Falls herausnehmbar, wurde ohne Innenfutter gemessen, ansonsten aber der komplette Aufbau mit Obermaterial, Z-Liner und Futterstoff aufgespannt. Bei der Jacke von Clover und der Hose von Restless wird die Wasserdichtigkeit nur mit Innenjacke bzw. Innenhose hergestellt. Weil der wasserdichte Zustand bei Textilanzügen der praxisnähere ist, wurde dieser Zustand bewertet diese Meßwerte bewertet. Neben den Laborwerte wurde eine subjektive Beurteilung des Trageklimas vorgenommen. Dabei floß auch ein, daß die großen Protektorflächen vieler Anzüge recht schweißtreibend wirken. Ebenso führten negative Einflüsse wie weite Halsabschlüsse, in die Kälte hineinzieht, zu Abwertungen.

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