Vergleichstest Textilanzüge (Archivversion) Ein Herz für Rinder

Das Rindvieh kann sich freuen: Leder ist bei vielen Bikern out, Textilanzüge ersetzen immer mehr die Lederkombi. MOTORRAD nahm 16 Synthetik-Anzüge unter die Lupe. Welchen Unfallschutz bieten die Zweiteiler, wie bewähren sie sich in der Praxis?

»Was sich so rauh anfühlt, ist Gore-Tex. Das ist richtig stabil, viel besser als Leder.« Solchen Unsinn hört man gelegentlich, wenn man sich von vermeintlichen Experten beraten läßt. Was moderne Textilanzüge abriebfest macht, ist nicht etwa die in tieferen Schichten verborgene, hauchdünne Membran, sondern steifes Cordura oder Kevlar-verstärktes Nylon. Aber erst die Kombination hochwertiger Oberstoffe mit den High-Tech-Membranen bringt handfeste Vorteile für den Motorrad-Alltag. Multifunktion lautet das vielversprechende Zauberwort, mit dem die Verkäufer von Textilanzügen den Bikern die Lederkombi ausreden wollen. Denn Rinderhaut ist ziemlich unflexibel, aus Sicht des Bekleidungsphysiologen macht sie als Funktionsbekleidung für Motorradfahrer wenig Sinn. Leder isoliert weder gegen Kälte noch gegen Hitze, das Trageklima ist nicht gerade berauschend, wasserdicht ist Leder schon gar nicht. In diesen Punkten können synthetische Materialien schon einiges mehr bieten. Das haben in den letzten Jahren sehr viele Motorradfahrer erkannt. Neben den funktionellen Vorzügen spielt für den Sinneswandel vieler Kradfahrer auch das zivilere Aussehen der Textilanzüge eine Rolle, das nicht nur Wiedereinsteiger und ältere Semester zu den Kunstfasern greifen läßt. In der Praxis sprechen viele Argumente für die synthetischen Multitalente. Zunächst einmal ist ihr thermischer Einsatzbereich erheblich breiter, die meisten Anzüge sind mit herausnehmbarem Innenfutter in Jacke und Hose ausgestattet. Im Sommer wird allein mit der Außenhülle gefahren, in der kühlen Übergangszeit kommt das wärmende Futter rein. Sind die Abschlüsse und Übergänge gut abgedichtet und isoliert, so läßt sich der Kälteschutz mit dicker Unterkleidung ohne weiteres bis zu Temperaturen um den Gefrierpunkt verbessern. Wasserdicht sollen Kunststoff-Kombis auch sein, die Regenkombi kann demnach zu Hause bleiben. Bei Wärme steigert der lockere, luftige Schnitt den Tragekomfort. Zudem sollen trickreiche Membrane auf wundersame Weise den Schweiß von innen nach außen transportieren. Manche Jacke kann auch beinahe das Topcase ersetzen: Riesige Taschen bieten Stauraum für den Kurztrip. Zu all diesen phantastischen Vorzügen als Motorradanzug kommen vielfältige Einsatzmöglichkeiten: Jacken mit herausnehmbaren Protektoren und Futter lassen sich auch für Sport und Freizeit nutzen, mitunter sind die Innenjacken oder -hosen einzeln tragbar. Warum zum Teufel gibt es da noch Lederkombis? Wegen der Sicherheit, wird der erfahrene Sportbiker jetzt einwenden. Oder fährt irgendein Rennfahrer mit einer Textilkombi herum? Aber auch diesbezüglich proklamieren die Anbieter für die weiterentwickelten Kunstfasern hohe Abriebfestigkeit, Beispiele sind die von dem schweizerischen Hersteller Schoeller speziell für die Anforderungen des Motorradbereichs entwickelten Textilien Dynatec, K 300 oder Keprotec, das nun sogar schon mit Edelstahlfäden verstärkt ist. In der Werbung scheuen manche Hersteller den direkten Vergleich mit dem Lederanzug nicht mehr. Dazu kommen hochwertige Protektoren, die denen von Lederkombis hinsichtlich Dämpfung nicht mehr nachstehen. Dieser Test gliedert sich daher in zwei große Blöcke: zunächst der wichtige Bereich Sicherheit, das ist quasi das Pflichtprogramm für jeden Motorradanzug. Können sich die Textilien hier bereits mit Leder messen? Dieses Thema gliedert sich in die Unterpunkte Schleifschutz und Aufprallschutz. Die Kür ist der Praxisblock, hier kann ein Anzug seine pfiffigen Detaillösungen und das durchdachte Gesamtkonzept in die Waagschale werfen. Beide Blöcke werden auch im Endergebnis getrennt, der Käufer soll selbst Schwerpunkte und Prioritäten setzen. Das Testfeld: 16 zweiteilige Textilanzüge in der Preisklasse von 850 bis 2000 Mark, also die Mittel- bis Oberklasse. Dabei sind unterschiedliche Konzeptionen erkennbar: Die Spannweite reicht vom Vertreter der Kategorie leger geschnittener Überziehanzug, zum Beispiel Ixs Futura, der locker auch über die Straßenkleidung paßt, bis zum eng geschnittenen Anzug im Stil einer Lederkombi wie der Dane Projekt GT. Andere Hersteller setzen auf das Baukasten-System: Aus einem breiten Angebot können verschiedene Hosen und Jacken je nach Geschmack, Geldbeutel oder Verwendungszweck kombiniert werden. Mitunter sind Jacke und Hose auch vollkommen unterschiedlich aufgebaut, es werden unterschiedliche Obermaterialien und Funktionsmembrane verwendet.

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