Winterbekleidung: Beratung (Archivversion)

Manche Prinzipien werden geritten,
andere machen Sinn. Bergsteiger und
Polarforscher wissen’s, winterreisende Motorradfahrer hoffentlich auch: Das Zwie-
bel-Prinzip, also das Tragen von mehre-
ren, dünnen Schichten bringt bei Kälte
riesige Vorteile. Denn die Luft zwischen
den Schichten speichert die Körperwärme. Außerdem kann Körperfeuchtigkeit effizienter nach außen transportiert werden. Als erste Schicht ist klimatisierende Funktionsunterwäsche der Hit. Die hier vorgestellte, zweiteilige Ullfrotté-Unterwäsche für 133 Euro, Socken ab elf Euro, besteht zu 60 Prozent aus Merino-Wolle und zu 40 Prozent aus Kunstfasern (Infos: www. scandic.de). Vorteile von Wolle: Selbst feucht wärmt sie noch und vermittelt ein trockenes Trageklima, die Geruchsbildung gegenüber reinen Synthetikprodukten ist geringer. Die Kunstfasern werden zum besseren Feuchtigkeitstransport beigemischt. Außerdem eignet sich als erste Schicht auch Unterwäsche aus dünnem Fleece, etwa Polartec-100, oder einem klimatisierenden Kunstfasergewebe wie Tactel.
Als zweite Schicht wählt man am besten erneut ein dünnes, atmungsaktives Gewebe. Perfekt ist Unterwäsche mit einer Gore-Windstopper- oder vergleichbaren winddichten Membran. Die Bikers-Wäsche von JF Motosport, Telefon 06002/910391, kostet als Satz 180 Euro und hat sich in Praxistests von MOTORRAD schon mehrfach bewährt. Bei zweiteiliger Unterwäsche sollte man beim Anziehen unbedingt auf faltenfreien Sitz und ausreichende Überlappung achten, sonst zieht oder drückt es später im Hüftbereich.
Besonders empfindlich auf Fahrtwind-Kälte reagieren durch ihre exponierte Lage die Füße und Knie. Als erste Lage für die Füße empfehlen sich dünne Socken mit Kunstfaseranteil, wie sie auch für Laufsportarten genutzt werden. Darüber zieht man engmaschige, dickere Socken aus Wolle oder speziellen Synthetikmischungen wie zum Beispiel Thermolite (Gewebe mit Hohlfasern). Baumwollsocken sind ungeeignet, da sie Feuchtigkeit anziehen.
Für die Knie gibt es spezielle Schützer aus Neopren, Fleece oder windabweisendem Textil (im Bild: Thermo Boy Kniewärmer für 12,95 Euro; Anbieter: Polo, Telefon 0211/ 9796-699).
Als nächste Schicht für den Oberkörper eignet sich ein Fleece-Pulli (zum
Beispiel in Polartec-200-Qualität) oder ein dicht gestrickter Wollpullover, vorzugsweise aus Merino-Wolle. In diesen Kleidungsstücken entstehen wärmende Luftpolster. Aufpassen: Eventuell vorhandene Reißverschlüsse können später am Kehlkopf drücken, und ein dicker Rollkragen kann unter der Jacke beengend wirken. Besser den Halsbereich mit einem dünnen Halstuch oder einer -krause schützen.
Ein Nierengurt hält einerseits die kälte-
empfindlichen Organe warm und dient
gleichzeitig dazu, den Pulli zu fixieren, um
Kältebrücken zu vermeiden.
Generell gut eignet sich für die oberste Schicht Textilbekleidung mit wasserdichter Klimamembran und herausnehmbarem Thermo-Innenfutter. Beim Kauf sollte man unbedingt die komplette Unterbekleidung plus Pullover anziehen und überprüfen, ob in voller Montur noch genügend Bewegungsfreiheit bleibt. Ansonsten lieber eine Nummer größer nehmen. Eine ideale Lösung bietet Rukka, Telefon 040/5511055, mit der SRO-Kombi: Integriert in die Gore-Tex-Jacke ist eine aufblasbare Airvantage-Innenjacke. Je nach Luft-Füllungsgrad lässt sich die Isolationsleistung regulieren. Das hat leider seinen Preis: Die Rukka-
Jacke kostet 1299 Euro, die Airvantage-Jacke gibt’s einzeln für 299 Euro.
Auch beim Schuhwerk empfiehlt sich eine Klimamembran, um Feuchtigkeit rauszuhalten. Die bewährten Tourenstiefel Big Travel GTX mit hohem Schaft für 270 Euro von Daytona, Telefon 08721/9644-0, sind absolut wasserdicht. Aufgrund ihres eher weiten Schnitts bieten sie zwei Paar
Socken genügend Platz. Hier gilt ebenfalls: Lieber eine Nummer größer kaufen. Die Hose wird über dem Stiefel getragen
und möglichst eng am Stiefelschaft fixiert,
damit keine Kälte reinkriecht.
Sehr viel mehr Körperwärme kann man allerdings über den stark durchbluteten Kopf- und Halsbereich verlieren. Deshalb müssen hier Kältebrücken unbedingt vermieden werden. Eine gute Lösung ist eine dünne, unter dem Helm komfortable Fleece-Sturmhaube mit integrierter, windabweisender Halskrause wie das gezeigte Modell von Hein Gericke, Telefon 0211/ 9898-9, für 25 Euro. Beim Helm darauf achten, dass die Belüftung im Stirnbereich geschlossen, die Frischluftzufuhr zum Mund jedoch gewährleistet ist. Für Durchblick sorgen Anti-Beschlagmittel und spezielle Visiere, wie zum Beispiel die erprobte
Pinlockscheibe (Infos: www.nordver.de). Das Visier aus feuchtigkeitsabsorbierendem Kunststoff gibt’s für fast alle Helme und kostet 26,50 Euro.
An die Hände sollten nur ausgewie-
sene Winterhandschuhe kommen, die in Tests gut abgeschnitten haben (zum Beispiel Ixs Grönland für 90 Euro oder Dane Nordkap GTX für 70 Euro). Fünffinger-Modelle kühlen wegen der größeren Oberfläche zwar schneller aus, dafür verhindern Drei-Finger-Handschuhe feinfühliges Kuppeln und Bremsen. Ein ganz heißer Tipp für kalte Tage sind Funktions-Unterhandschuhe aus dünnem Fleece oder speziellen Thermo-Geweben. Kombiniert mit Windabweisern am Lenker lässt sich so auch ohne Heizgriffe bissige Kälte ertragen.
Bevor’s losgeht, sollte man sich in
verschiedenen Positionen bewegen und die komplette Ausrüstung auf richtigen
Sitz überprüfen: Sind Jacke und Hose gekoppelt? Irgendwo störende Wülste? Kann
etwas verrutschen und dadurch eine Kältebrücke entstehen? Ist alles paletti, dürften selbst mehrstündige Winterfahrten Laune machen. Wer zusätzlich noch spezielle Thermo-Kleidung (im Bild: Insize-Latzhose von Götz für 43 Euro, Telefon 07476/933-150; Difi-Einteiler Husky II von Motoport für 169 Euro, Telefon 04451/915-210) trägt, hat anscheinend Größeres vor. Es ist verlockend, solche Kleidung etwa für den täglichen Arbeitsweg einfach über der Straßenkleidung zu tragen. Aber: Wegen des weiten Schnitts bietet reine Thermo-Kleidung ohne Motorradklamotten drun-
ter wenig Sicherheit. Das beschriebene Mehrschichten-Anzieh-Prozedere ist zwar aufwendig, für den perfekten Winter-Wear jedoch notwendig. Prinzipiell.

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