Vergleichstest Sporthandschuhe

Der letzte Schliff

Mit ebenso bewährter wie aufwendiger Labortechnik ergründete MOTORRAD, wie es zum Beispiel um die Abriebfestigkeit von Sport-Handschuhen bestellt ist.

Fünf Bier für die Männer vom Sägewerk - ein abgedroschener Gag, über den jene Rennfahrer nicht so recht lachen können, die sich nach einem Highspeed-Sturz Finger oder Teile davon beim Rutschen über den Asphalt abgeraspelt haben. Auch ihnen liefert der Ober mitunter nur drei oder vier Getränke. Daß die Finger bei einem Sturz nicht den letzten Schliff bekommen, kann allein ein guter Handschuh verhindern. Schmerzhafte Erfahrungen vieler Rennfahrer haben in den letzten Jahren zu Verbesserungen im Aufbau von Sporthandschuhen geführt. Dainese entwickelte als erster Anbieter ein Modell mit geformten Einsätzen aus Karbon-/Kevlar-Gewebe (siehe Kasten Seite 141).
Die starren Formteile verbessern allerdings weniger den Schutz an den Fingern, sondern eher an Handrücken und Knöcheln. Im Rennsport ist das deswegen wichtig, weil die Fahrer häufig in Schräglage stürzen und die Hand nicht mehr schnell genug unter dem Motorrad wegziehen können. Die eingeklemmte Hand schleift dann mit dem Rücken über den Asphalt, zusätzlich durch das Gewicht der Maschine belastet. Dazu muß angemerkt werden, daß Rennfahrer oft bewußt hartnäckig den Gasgriff festhalten, in der optimistischen Meinung, noch irgend etwas retten zu können. Ganz Clevere wollen durch das Festhalten der Maschine auch verhindern, daß das Motorrad sich überschlägt.
Sicherlich bringen solche Hartschalen-Einsätze nicht nur im Renneinsatz, sondern auch im Alltagsbetrieb Vorteile. Denn grundsätzlich gilt: Je mehr Material die Hand umgibt, um so besser ist die Schutzwirkung. Gerade beim Handschuh gibt es jedoch einen Zielkonflikt, denn die Beweglichkeit von Fingern und Handgelenk sowie das Griffgefühl sollen uneingeschränkt erhalten bleiben. Das wiederum erfordert zumindest auf der Innenseite und an den Fingern ein möglichst dünnes, geschmeidiges Material. Gerade die Innenhand wird aber bei vielen Unfällen oder Ausrutschern auf der Straße besonders beansprucht. Zum Beispiel, wenn der Fahrer bäuchlings über die Straße rutscht und sich dabei mit den Händen abstützt und stabilisiert. Vor allem die Kante der Innenseite ist gefährdet und wird oft mit Nieten, Lederdoppelungen oder Kevlarfutter verstärkt. MOTORRAD testete daher die Abriebfestigkeit auf dem Schleifprüfstand der TU Darmstadt an Proben beider Seiten.
Neben abriebfestem Material sind stoßdämpfende Polster bei einem Handschuh wünschenswert, wenn auch nicht von so großer Bedeutung wie bei Helmen oder Anzügen. Denn die Masse einer Hand und somit auch die Energie beim Aufprall ist vergleichsweise gering. Günstig erscheint die Verteilung eines Stoßes auf eine größere Fläche, nur so können die fragilen Fingerknochen einen heftigen Schlag aushalten. Diese Funktion erfüllen die - teilweise zumindest - starren Kevlar-/Karbon-Einsätze, das bestätigte sich auch bei den Testexemplaren.
Geht es um den Abrieb an der Hand-Innenseite, zählt kein optisches Blendwerk, sondern nur hochwertiges Leder und verstärkende Maßnahmen. Reine Lederware wie der Held Galaxy schneidet hier nicht unbedingt schlechter ab als die Karbon-bewehrten Kollegen. Erstaunlich, daß sich das dünne und geschmeidige Leder von Dainese, Haveba, Held oder Spidi als sehr beständig erwies.
Damit das Leder auch nach längerem Gebrauch zäh und weich bleibt, ist die richtige Pflege wichtig: Handschuhe sollten nach Gebrauch an der Stulpe aufgehängt werden, verschmutzte Handschuhe dürfen unter lauwarmen Wasser abgespült werden, gehören aber nie in die Waschmaschine. Nasse Handschuhe nicht in der Sonne oder auf der Heizung trocknen, sondern in einem trockenen Raum aufhängen. Und gelegentlich mit etwas Lederbalsam einfetten, das erhält die Geschmeidigkeit. Ein gut gepflegter Top-Handschuh könnte so dazu beitragen, daß bei der Bestellung in der Kneipe stets die korrekte Anzahl Getränke geliefert wird.
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Die Schleifer vom Dienst

Die Abriebfestigkeit testete MOTORRAD auf dem Rutsch-Simulator der TU Darmstadt. Dabei werden zirka 50 Millimeter große Proben auf gut 100 km/h beschleunigt und auf einer Asphaltbahn abgesetzt, so daß sie sich anschließend infolge der Reibung bis zum Stillstand abbremsen. Der Anpreßdruck ist dabei relativ gering, in der Realität kann die Flächenpressung erheblich höher sein. Solche Belastungen treten zum Beispiel dann auf, wenn ein Fahrer den Aufprall nach einem Highsider zuerst mit den Händen aufzufangen versucht. Geprüft wurden je drei Ausschnitte von der Innenfläche der Hand am Daumenansatz sowie aus dem Handrücken, jeweils der komplette Materialaufbau mit allen Schichten. Die Proben wurden in drei Schleifrichtungen aufgespannt, denn es macht einen Unterschied, in welche Richtung Nähte, Einsätze oder Lederdopplungen belastet werden. Sicherlich gibt diese Laborprüfung nur einen schmalen Ausschnitt des realen Unfallgeschehens wider, in der Praxis kann das Leder und die Nähte an allen möglichen Stellen auf vielfältige Weise beansprucht werden. Neben dem Abriebverhalten ist auch die Reißfestigkeit oder der Schutz gegen Durchdringung wichtig. Ein Leder, das auf dem Rutschsimulator besteht, wird jedoch auch anderen Belastungen gewachsen sein.

Bunte Überraschungen

Wirklich ärgerlich ist es, wenn sich das farbenfrohe Design der neuen Handschuhe nach der ersten Tour auf der Haut wiederfindet. Zumal der Farbstoff in der Haut anscheinend resistenter ist. Da hilft nur längeres Einweichen der Hände im Seifenbad und kräftiges Rubbeln mit harter Bürste. Früher passierte das auch bei teuren Handschuhen renommierter Hersteller, bei Billigware war es allgemein üblich. MOTORRAD-Leser erinnern sich vielleicht noch an den aufgeregten Leitartikel des früheren Chefredakteurs Fiedler, der als Motorrad-Neuling erste Erfahrungen mit verfärbten Händen machen mußte. Seitdem haben sich viele Hersteller ins Zeug gelegt und an der Weiterentwicklung farbechter Lederqualitäten gearbeitet. Man sollte eigentlich davon ausgehen können, daß zumindest bei den getesteten Handschuhen der oberen Preisklasse grundsätzlich nur noch farbechtes Leder verwendet wird. Aber eine Devise der Service-Abteilung von MOTORRAD lautet: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Alle Handschuhe mußten daher folgenden Test durchlaufen: Sie wurden zunächst im Wasserbad durchfeuchtet und anschließend mit der Hand durchgewalkt. Zur Dokumentation wurden dabei dünne, weiße Baumwoll-Handschuhe übergezogen. Überraschendes Ergebnis: Bei einer ganzen Reihe von Handschuhen verfärbten sich die vorher blütenweißen Überzieher blitzschnell. Sicherlich kein praxisfremder Test, dasselbe passiert bei einer Fahrt durch einen Regenguß. Aber auch bei trockenem Wetter färben die Handschuhe durch Schweiß ab, wie sich bei Praxistests bestätigte. Neben der hartnäckigen Reinigung ist die Lederfarbe noch aus einem weiteren Grund unerwünscht: Farbstoffe sind chemische Produkte. Auch wenn sie bestimmt nicht hochgiftig sind, so kann es doch zu allergischen Reaktionen kommen. Und ein Restverdacht auf etwaige gesundheitliche Konsequenzen läßt sich nicht mit letzter Sicherheit ausschließen.

Die Karbon-Story

Eine neue Ära im Handschuh-Design begann 1996: Dainese konstruierte für die Rennfahrer ein Modell mit geformten Hartschalen-Einsätzen aus Kevlar-/Karbon-Matten. Jeder einzelne Handschuh wurde für den Fahrer maßgefertigt und in aufwendiger Handarbeit zusammengesetzt, der Aufwand für die Näherinnen war vergleichbar mit einer kompletten Lederkombi. Allein Max Biaggi verbrauchte in der 96er GP-Saison 16 Paar. Einige warf er nach einem Sieg in die Zuschauermenge, was die Näherinnen bei Dainese wohl weniger witzig fanden. Auch Nicht-Dainese-Piloten waren scharf auf den Karbon-Fingerling, selbst Ralf Waldmann wurde damit gesichtet. 1997 kamen erste Serienmodelle in den Handel, deren Preis von anfangs 800 Mark auf mittlerweile 500 Mark sank. Bereits im vorigen Jahr tauchten die ersten in Fernost gefertigten Kopien auf, in diesem Jahr wird der Markt von einer wahren Kevlar-/Karbon-Welle überschwemmt.

Teil-Ansicht

Fünfzig bis hundert Teile müssen beim Nähen eines Handschuhs millimetergenau zusammengefügt werden. Neben dünnem Rindleder werden andere Lederarten verwendet, die besonders geschmeidig und reißfest sind. Zum mBeispiel vom Haarschaf, einer in Afrika lebenden Kreuzung aus Ziege und Schaf. Außerdem ist die auch als Pittards-Leder bekannte Haut sehr beständig gegen Schweiß und Feuchtigkeit, sie behält die Form und Geschmeidigkeit. Ähnliche Eigenschaften hat Känguruhleder. Moralische Bedenken gegen die Verwendung dieses Leders muß keiner haben. Es stammt vom Riesenkänguruh, in Australien eine Landplage, die Verwertung unterliegt dem Artenschutzabkommen. Känguruhleder gilt bei richtiger Zurichtung und Gerbung zudem als absolut farbecht.

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