8 Bilder
Kontrolle ist besser: Im Nolan-Labor stehen viele Stichproben auf der Tagesordnung.

Jubiläum: 40 Jahre Nolan-Helme Nolan-Betriebsführung in Italien - Wie werden Helme hergestellt

Da wird man nett zur Betriebsführung eines Helmherstellers nach Italien eingeladen und dann büxt man einfach aus den Werkshallen aus. Keine Frage, das war unhöflich, doch es gab gute Gründe für den Ausbruch.

Bella Italia. Tatsächlich schön hier.

Die Sommersonne scheint, nein, sie knallt. Vor dem geistigen Auge: lässige Strandbar, heiße Italo-Miezen am Pool oder wenigstens eine cremige Latte macchiato im schattigen Straßencafé. Stattdessen: Zwar ordentlich belüftete, aber dennoch etwas stickige Hallen, der einlullende Geruch von Kleber und Lacken, und pressende, hämmernde, stampfende, kreischende Industriegeräusche fahren in die Ohren. Hier wird gearbeitet, hier wird produziert, das sieht man, hört man, spürt man in jeder Körperzelle. Draußen brütet es mit 33 Grad, drinnen kaum weniger, und der Ingenieur im hauseigenen Testlabor erklärt, warum wie wo was am Helm so und so gemacht wird. Alles ist durchdacht, alles hat Sinn und Zweck, und das Ganze ist zugegebenermaßen auch hochinteressant. Aber verdammt, schon die erste Runde durch die Produktionsstraße hat reichlich Energie gekostet. Sich nun auf Restkraftwerte, spezielle Spritzgussverfahren oder neu gestaltete Automatisierungsprozesse konzentrieren zu müssen - puh.

Auf dem Hof stehen Motorräder. Wie einfach wäre es, jetzt auszubüxen? Rauf auf die Böcke, raus aus Bergamo. Hier, mitten im norditalienischen Wirtschaftszentrum rund um Mailand, sitzt die Nolangruppe. Zu der gehören die Helmmarken Grex, Nolan und X-Lite. Nolan feiert dieses Jahr den 40. Geburtstag und nahm dies zum Anlass, Pressevertretern die Werkstore zu öffnen.

Zu verbergen gibt es eigentlich nichts, eher ist man stolz zu zeigen, dass man in Europa wohl der einzige größere Hersteller sei, der seine Helme noch bis zur letzten Schraube im -eigenen Haus fertigt. Immerhin hätten dadurch über 400 Beschäftigte vor Ort ihr Auskommen und man brauche nicht in Billiglohnländer abwandern, was der Philosophie der traditionsbewussten Firma widerspräche. Behauptet zumindest der Mann für Öffentlichkeitsarbeit. Ehrenwert, wenn das Versprechen auch auf Dauer gehalten wird. In diesem Moment, da die Maschinen munter rattern, ist das sehr glaubhaft.

Im Hintergrund steht ein älterer Herr. Weißes Haar, Brille, zurückhaltendes Lächeln. Auf die Frage, was hier seine Aufgabe sei, antwortet der Mann, er sei als Berater tätig, hätte lange Zeit die Produktion geleitet. - Seit wann er für Nolan arbeite? - Seit 40 Jahren. - Sieh an, also von Anfang an mit dabei. - Ja, richtig, er sei der Mitarbeiter mit der Personalnummer eins, erklärt er und schüttelt herzlich die Hand: Domenico Maggioni - aber bitte nur Domenico. Numero uno gähnt kurz und offenbart dann, dass er jetzt viel lieber Motorrad fahren würde, als durchs Werk zu führen, das kenne er schließlich schon in- und auswendig. Dieses Jahr habe er noch kaum Motorradkilometer gesammelt, Rückenprobleme. Ansonsten fahre er aber jeden Samstag in den südlichen Alpen alle möglichen Pässe und Orte auf und ab: Stilfser Joch, Maloja, Splügen, Sankt Moritz, Bernina, Livorno - bis zu 500 reine Alpen-Kilometer spule er ab, wenn er einen guten Lauf hat. Als Tagesausflügler wohlgemerkt. Der 68-Jährige wird immer sympathischer.

Anzeige
Foto: Dentges

Beim Vorschlag zum Fluchtversuch vom Betriebsgelände leuchten seine Augen spitzbübisch: warum nicht? Die Zündschlüssel klimpern in den Händen, also los, ab durch die Mitte und schnell die Biege machen. Mit den Leihmotorrädern geht es zunächst durchs Industriegebiet entlang kochend heißer Asphaltschluchten. Dichter Verkehr, Jugendliche - vermutlich ohne Führerschein - auf schreiend lauten Motorrollern - offenbar ohne Auspuff - drängeln sich durch. Hier ist Italien, neuerdings Land der Warnwesten und strengen Nichtraucherzonen, noch altgewohnt. Gut so. Ein noch älteres Stück Italien steuert Domenico eine halbe Stunde später an: Eine Kirche aus dem 15. Jahrhundert mit angeschlossenem Weingut lädt mit netter, kleiner Gastronomie ein. Der Nolan-Mann schwärmt vom spritzigen Weißen und -schwups, werden auch schon die Gläser serviert.

Während der Weinrast erinnert sich Domenico an die ersten Tage bei seinem langjährigen Arbeitgeber: Lander Nocchi, der -Firmengründer (aus den ersten beiden Buchstaben des Nachnamens und den ersten drei des Vornamens ergab sich übrigens der Markenname Nolan), suchte 1972 einen Techniker für den Aufbau der Produktion in Bergamo. Kühlschränke, Haushaltsgeräte - damit hatte Domenico bis dahin zu tun, diese reizten ihn aber nur wenig, und auch der Werkstoff Polycarbonat, aus dem Lander Nocchi zuvor Windschutzscheiben fertigte und mit dem er nun ins Helmgeschäft einsteigen wollte, versprühte nur wenig Charme. Doch als begeisterter Motorradfahrer unterschrieb er einfach aus dem Bauch heraus. Noch bevor die Werkshallen standen, war er also Nocchis erster Mann. In den 1970ern konnten nur wenige Helmhersteller große Mengen produzieren, und die Nachfrage nach guten, sicheren Helmen war seinerzeit größer als das Angebot. Die norditalienische Firma setzte von Anfang an auf ein massenproduktionstaugliches Spritzgussverfahren, folglich entwickelte sie sich schnell und prächtig. Domenico erledigte seine Arbeit als Leiter der Produktion gut und zuverlässig, sah nicht nur die Aufträge wachsen, sondern auch die Zahl der Mitarbeiter. Die Nolangruppe vertreibt ihre Helme weltweit, und das erfüllt Mitarbeiter Nummer eins, geboren und aufgewachsen in der Region, noch heute mit Stolz, denn an jedem Helm hänge auch nach so vielen Jahrzehnten noch ein Stück seines Herzbluts. Nur knapp 25 Helme pro Tag stellten sie 1972 her - und zwar nur auf Anfrage. Dann, in den 80ern, wurde in Italien die Helmpflicht eingeführt und der Markt boomte. Aktuell rollen trotz starker Konkurrenz von fernöstlichen Billigherstellern jährlich rund eine halbe Million Helme vom Band in Bergamo, erklärt Domenico und setzt seinen Klapphelm zur Weiterfahrt auf.

Nächstes Tourenziel: ein weiteres Stück Vergangenheit. Domenico steuert auf eine Wohnsiedlung zu, biegt in eine Seitenstraße und hält vor einem Garagentor. Er verschwindet hinter dem Haus daneben, ein paar Minuten später kommen er und ein anderer älterer Signore heiter gestikulierend und plaudernd zurück. Giuseppe Bonfanti (71) sei ein Freund und immer einen Besuch wert. Warum, erklärt sich von selbst, als der Gastgeber seine heiligen Hallen öffnet und Sammlerschätze aus den 1950ern und 1960ern vorführt: Aermacchi, Gilera, Mondial, Moto Morini und ein Original-Werksrenner von Motorsportlegende Giacomo Agostini. Ja, den habe er auch schon persönlich kennengelernt, erzählt Domenico, ebenso wie andere Rennfahrer. Das bleibe bei der Arbeit nicht aus, denn die Sportfahrer gehen ja ein und aus im Hause Nolan. Während er zuvor sachlich und nüchtern über Produktionszahlen und Firmenhistorie dozierte, leuchten nun seine Augen.

Hier, zwischen diesen feinen Traummaschinen, die aus einer Vergangenheit stammen, als Domenico vom Geist des Motorradfahrens beseelt wurde, hier, in dieser Garage beim Motorradkumpel lebt er jedes Mal auf. Erinnert sich an seine erste Guzzi, schwärmt mit bescheidenem Stolz von seiner Gilera Saturno, die er besaß, als er bei Nolan anfing. Vier Jahrzehnte Nolan: Das ist für Domenico mehr als nur eine Berufsvita. Das beschränkt sich nicht nur darauf, aus Kunststoffgranulat Motorradhelme zu spritzen. Er sei immer auch als Mensch gefragt gewesen, betont er. Als etwa dem damaligen deutschen Importeur Edmund Bühler in Renningen in den 1980ern das Lager abbrannte - grande Katastrophe - und noch viele offene Händleraufträge unweigerlich zum geschäftlichen Ruin von Bühler geführt hätten, trommelte Domenico als Produktionsleiter unmittelbar am Wochenende alle verfügbaren Leute in Bergamo zusammen, um in einer Hauruck-Aktion dem deutschen Unternehmen als Notrettung auf die Schnelle 2500 Helme liefern zu können. Solche Aktionen schweißen natürlich zusammen und erklären ein Stück weit, warum der Mann mit der Personalnummer eins trotz seines Alters noch immer nicht an seinen wohlverdienten Ruhestand denken mag. Genauso wenig, wie er das Motorradfahren drangeben will, obwohl die Knochen ab und zu nicht mehr so richtig mitmachen wollen.

Anzeige
Foto: Dentges

Die Zeit ist wie im Flug vergangen, keine Sekunde Langeweile. Etwas unbeholfen versucht der ruhelose Irgendwann-mal-Rentner die verflucht schwere 1600er-Leih-BMW (normalerweise schwingt Domenico mit seiner Yamaha XJ6 Diversion durch die Gegend) auf einem Schotterparkplatz zu wenden, kurz vorm Umkippen fängt er die Fuhre noch auf, italienisch intonierte Schimpftiraden dringen leise aus dem Helm. Über kurvige Bergsträßchen geht es durch das hügelige Hinterland nach Bergamo zurück zum Nolan-Stammsitz. Hoffentlich hat niemand die kleine Flucht von der Werksführung bemerkt … Aber beim Einrollen durch das Werkstor stehen da schon ein paar Kollegen und grinsen: „Ciao Domenico, wieder mal abgehauen? Die anderen warten schon.“

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote