Großer Helmtest 2005 Schlagfeste Argumente

Helm ist nicht gleich Helm – auch wenn sich die Modelle auf den ersten Blick von außen kaum unterscheiden. Wichtig ist, was drinsteckt. Und genau das hat sich MOTORRAD bei 20 Integralhelmen aus verschiedenen Preisklassen genauer angeschaut.

Foto: Bilski
Kommt ein Motorradfahrer in den Laden und sagt: »Ich hätte gern einen Helm.« Sagt der Verkäufer: »Hier, nehmen Sie den. Kostet 500 Euro.« Meint der Biker: »Und was ist der Unterschied zu diesem Modell für 100 Euro?« Antwortet der
Verkäufer: »Der Preis!« Glücklicherweise geben nicht alle Verkäufer so simple Antworten, sondern liefern wesentlich fundiertere Auskünfte. Dennoch erleichtert es die Kaufentscheidung, wenn sich Interessenten im Vorfeld Gedanken machen, was sie von ihrem Helm erwarten. Dass es gute Gründe gibt, warum manche Helme deutlich teurer sind als andere, ist kaum zu
bezweifeln. Um aufzuzeigen, wie groß die Unterschiede tatsächlich sind, hat sich MOTORRAD 20 Integralhelme aus vier
verschiedenen Preisklassen besorgt und in die Mangel genommen. Und zwar jeweils fünf Modelle aus den Preissegmenten um 100 Euro, um 150 Euro, um 250 Euro und über 400 Euro. Nahezu alle namhaften Hersteller sind auf diese Weise vertreten und stellen sich dem aufwendigsten Helmtest in der MOTORRAD-Geschichte.
Leider fehlt im Testfeld ein Modell des japanischen Herstellers Arai. MOTORRAD war sehr überrascht, als die Absage der Arai-Europazentrale eintraf. Die Redaktion bedauert die Entscheidung, muss sie aber akzeptieren. Begründet wurde die Absage damit, dass die geplanten Stoßdämpfungstests sowie die Untersuchungen zur Aerodynamik und Aeroakustik im Labor beziehungsweise im Windkanal des Helmherstellers Schuberth durchgeführt werden sollten. Dabei bestand jedoch für alle
Hersteller die Möglichkeit, diesen Testreihen persönlich beizuwohnen – wovon immerhin 16 der 20 teilnehmenden Firmen Gebrauch machten. So konnten sie sich vor Ort überzeugen, dass sämtliche Tests absolut seriös abliefen. Zusätzlich sorgte einer der führenden Helmexperten in Deutschland, Peter Schaudt vom TÜV Rheinland, als unabhängiger und kompetenter Sachverständiger dafür, dass die
in den Schuberth-Labors durchgeführten Prüfungen in enger Anlehnung an die
aktuell gültige Helmnorm ECE-R 22.05
erfolgten und die verwendeten Prüfapparaturen den Richtlinien entsprachen. Und selbstverständlich begleitete der
Autor dieser Geschichte sämtliche Tests
in Windkanal und Labor.
Nachvollziehbar ist die Absage von Arai folglich nicht. MOTORRAD wird alles daran setzen, in Kürze einen separaten Test (mit ECE-Prüfungen beim TÜV Rheinland) mit einem Helmmodell der Premium-Marke aus Japan durchzuführen.
Doch zurück zum vorliegenden Test. Zusätzlich zu den aufwendigen Testreihen bei Schuberth ließ MOTORRAD die Visiere aller Probanden in Braunschweig in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) zunächst in kleine Proben zerschnippeln und anschließend auf ihre Kratz-
empfindlichkeit beziehungsweise Streulichtdichte sowie ihre Beschlagneigung
hin untersuchen. Für diese Prüfung waren die beiliegenden Pinlock-Doppelscheiben
(Lazer, Nolan, Shoei, X-Lite), sonstige Doppelscheiben (Dainese) oder beschlaghemmenden Folien (Takai) montiert.
Um den Helmtest abzurunden, mussten außer den mehr oder weniger sterilen Laboruntersuchungen natürlich auch Praxiseindrücke zusammengetragen werden. Den wichtigsten Teil bildeten hier die knapp einwöchigen Testfahrten von drei MOTORRAD-Mitarbeitern. Auf einer 20 Kilometer langen Strecke mit einem nicht geschwindigkeitsbeschränkten Autobahnabschnitt konnten sie sich ausgiebig auf sämtliche praxisrelevanten Prüfkriterien konzentrieren. Mehr dazu ab Seite 60.
Abschließend noch ein paar Tipps zum Helmkauf. Damit ein Helm seine volle Schutzfunktion entwickeln kann, muss er passen. Ein zu enger Kopfschutz taugt ebenso wenig wie ein zu weites Exemplar. Straff muss er sitzen, doch wo liegt die Grenze zwischen zu groß und zu klein?
Ob ein Helm zu eng sitzt, bekommt man schnell zu spüren. Schon nach wenigen Minuten auf dem Kopf führt eine zu kleine Helmschale zu unerträglichen Druckschmerzen. Schwieriger ist auszumachen, wann ein Exemplar zu groß ist. Zunächst sollten in aufgesetztem Zustand keine
Finger zwischen Helmschale und Stirn oder Schläfe passen. Außerdem darf sich der Kopfschutz nicht seitlich kippen oder
verdrehen lassen. Sorgfältige Anproben (etwa 15 Minuten) oder noch besser eine Probefahrt, wie von guten Fachhändlern angeboten, verhindern Fehlkäufe. Apropos Kauf: Wer viel mit dem Motorrad unterwegs ist, sollte sich wenigstens alle vier bis fünf Jahre eine neue Mütze gönnen.

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