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Porträt Mitch Arai Firmenpatriarch und begeisterter Motorradfahrer

75 Jahre alt ist Mitch Arai, Sohn des Hutmachers Hirotake. Seit 1986 leitet er den Familienbetrieb im japanischen Ohmiya in zweiter Generation. Ein Porträt über den Leiter des japanischen Motorradhelmherstellers.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Im Fernsehen läuft gerade einer Ihrer geliebten US-Thriller an, und der schon etwas angegraute Hauptdarsteller betritt die Szene. Die ersten Worte fallen, er spricht mit dieser bekannten Synchronstimme: sonor, bassig, rauchig. Eine durch und durch sympathische Stimme, die nicht nur absolut vertraut klingt, sondern gleichzeitig auch absolutes Vertrauen schenkt. Mit der Ruhe einkehrt, in der aber auch reichlich Spannung steckt. Sind Sie genug eingestimmt?

Dann sitzen Sie jetzt mit uns bei diffusem Licht in einem schmucklosen Raum, auf einem billigen Plastikstuhl, an einem abgewetzten Tisch in Ohmiya/Japan und hören Mitch Arai reden, wie er die Story seines Lebens erzählt. Eigentlich, so beginnt Mitch, der eigentlich Michio heißt und am 22. Juli 1938 geboren wird, ist die Geschichte von Arai schon mehr als 100 Jahre alt.

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Vom Hut über den Bauarbeiterhelm zum Motorradhelm

Sie beginnt in besagtem Ohmiya, einer Industriestadt nahe Tokio, die heute zur Millionenmetropole Saitama gehört. Um die Jahrhundertwende waren dort die Hüte seines Großvaters Yuichiroh in Diplomatenkreisen und bei loka­len Politgrößen besonders begehrt. Wer es auf dem gesellschaftlichen Parkett zu Ansehen gebracht hatte, setzte sich einen Hut von Arai-san auf den Kopf. Ein Jahr vor Mitchs Geburt sollte sein Vater Hirotake die entscheidenden Weichen für die Zukunft von Opas Familienbetrieb stellen.

Mit 31 Jahren gründete er eine Hutfabrik, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Herstellung von Schutzhelmen für Bauarbeiter und Bergleute spezialisierte. Aber Mitchs Vater war nicht nur Unternehmer. Er war auch leidenschaftlicher Motorradfahrer. Einen echten, sprich wirkungsvollen Kopfschutz gab es in den Nachkriegsjahren noch nicht, weshalb Hirotake einen seiner Bauhelme für den Eigenbedarf anpasste. So etwas sprach sich schnell in der Szene herum, und Hirotake begann Anfang der 1950er-Jahre damit, Motorradhelme für japanische Rennfahrer zu bauen.

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Foto: Arai
Moderne: Hochfeste Kunstfasern sollen die Schale extrem robust machen.
Moderne: Hochfeste Kunstfasern sollen die Schale extrem robust machen.

Immer wieder, so erzählt uns sein Sohn heute, tauche natürlich die Frage auf, wer tatsächlich zuerst diese moderne Variante eines Motorradhelms entwickelt hat. Denn gleichzeitig entstanden in Kalifornien die ersten Bell-Helme. Um darauf die richtige Antwort zu finden, lacht Mitch, müsse man noch mal ein paar Historiker beauftragen. Die Geschäfte seines Vaters nahmen jedenfalls immer mehr Fahrt in Richtung Zweirad auf – wozu auch der Kontakt zu Soichiro Honda beitrug, der damals bei der Entwicklung seiner legendären Super Cub auf der Suche nach geeigneten Zulieferern war. Es waren die spannenden Gründerjahre der japanischen Motorradindustrie, in der sich die geschäftlichen Netzwerke erst noch etablieren mussten.

Auch wenn seit dieser Zeit mittlerweile sechs Jahrzehnte vergangen sind und natürlich vieles an technischen Weiterentwicklungen, modernen Werkstoffen und natürlich auch medizinischen Erkenntnissen in den Bau von Motorradhelmen eingeflossen ist – zwei wesentliche Bausteine aus den späten 1950er-Jahren haben sich bei Arai bis heute nicht geändert: die Basiskonstruktion der Helmschale aus Fiberglas, darunter ein stoßdämpfender Kern aus EPS, besser bekannt unter dem Markennamen Styropor. Um die Wirksamkeit seiner Ideen und Prototypen zu überprüfen, musste Hirotake damals eigene Testmethoden entwickeln – die wirklich relevanten Helmnormen in aller Welt sollten sich erst Jahre später entwickeln.

Besonderes Augenmerk auf die maximale Durchdringungsfestigkeit

Wie sein Vater war auch der junge Mitch ein begeisterter Motorradfahrer, den es vor allem auf die Rennstrecke zog. Doch irgendwann reifte in ihm die Selbsterkenntnis: „Es gibt zu viele, die schneller fahren als ich. Aber dafür kann ich die besseren Helme bauen.“ Nach einigen Jahren, die Mitch in den USA verbrachte (und wo sein japanischer Vorname schließlich ins Englische „transferiert“ wurde), stieg er 1962 ins Familiengeschäft ein und konzentrierte sich auf den Ausbau des lukrativen USA-Geschäfts. Inzwischen hatten sich erste Helmnormen etabliert, und bereits 1963 erfüllte Arai als erster japanischer Hersteller die amerikanische „Snell“-Prüfung, bei der ein besonderes Augenmerk auf die maximale Durchdringungsfestigkeit von Schutzhelmen gelegt wurde. Auch diese Philosophie prägt bis heute die Machart der Arai-Helme.

Doch damit allein sollte sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten noch nicht der entscheidende Erfolg einstellen. Die überschaubare Modellpalette, die bis dahin aus einigen wenigen Jet- und Integralhelmen (seit 1967) bestand, trug auf der Stirn lediglich die Initialen ihres Erbauers Hirotake Arai. Doch das dezent angebrachte HA war nicht wirklich geeignet, um dem amerikanischen Konsumenten die japanische Ware schmackhaft zu machen. Zusammen mit dem damaligen USA-Importeur George S. Nicholson brütete Mitch 1970 bei einem Besuch in New York über einer Lösung.

Junger Designstudent entwarf das Arai-Logo

Beide waren sich einig, dass es bei der Geschichte der Marke eigentlich nur der Familienname sein konnte, der künftig alle Helme zieren sollte. Gemeinsam wurde skizziert, begutachtet und wieder verworfen. Zufällig war in dem New Yorker Büro an diesem Tag gerade ein junger Designstudent als Aushilfe beschäftigt. Die beiden Männer drückten dem 19-Jährigen ihre Entwürfe in die Hand, mit der Bitte, daraus ein Logo für die Helmmarke zu entwerfen. Am nächsten Morgen lag das bis heute bekannte, schlicht gehaltene Logo auf dem Schreibtisch – der Name Arai in Schreibschrift, umrahmt von einem Oval. Mitch war begeistert und fragte den Jungen, was er für seine Arbeit haben wolle. „Geben Sie mir einfach ein Abendessen aus, und wir sind quitt“, sagte der bis heute unbekannte Junge. „Aber dann ein richtig großes“, erwiderte Mitch und drückte ihm 90 Dollar in die Hand – alle Scheine, die er in seinen Taschen fand.

Wie aber Motorradhelme verkaufen, wenn sie nicht getragen werden müssen? Mitch Arai setzt wie Bell-Gründer Roy Richter auf das Argument, das der Rennsport liefert: maximaler Schutz bei Unfällen! In den 1970er-Jahren war der US-Konkurrent noch die Macht auf der Piste, doch zunehmend stülpten auch Spitzenfahrer Arai-Helme auf. Hirotake erlebte 1983 noch Arais ersten WM-Titel mit Freddy Spencer, bevor er 1986 starb und Mitch nun die Arai Helmet Limited weiterführte. Und wie einst sein Vater denkt auch der 75-jährige Firmenpatriarch als weiterhin begeisterter Motorradfahrer (BMW R 1200 GS) heute nicht ans Aufhören, obwohl sein Sohn Akihito schon aktiv in die Firmenleitung eingebunden ist. Auch das scheint bei Arai Tradition zu haben.

Foto: Lohse
Auch in der Fabrik heißt es: Schuhe aus, rein in die Pantinen.
Auch in der Fabrik heißt es: Schuhe aus, rein in die Pantinen.

Untwerwegs in Japan: Immer schön lächeln

Man stelle sich den umgekehrten Fall vor: der eigene Arbeitsplatz, die gewohnten Kollegen – und plötzlich steht ein Trupp exotisch anmutender Menschen vor einem. Schaut einem genau auf die Finger, zückt unvermittelt die Kamera und unterhält sich noch dazu untereinander in einer absolut unverständlichen Sprache. Nicht anders muss es Japanern gehen, wenn für einen Werksbesuch plötzlich eine Gruppe aus dem fernen Europa auftaucht und wissbegierig hinter die Kulissen schaut.

Doch wenn man ein paar Dinge berücksichtigt, ist das Eis auf beiden Seiten schnell gebrochen. Dazu zählt in erster Linie natürlich Respekt und das selbstverständliche Ak­zeptieren kultureller Eigenarten, etwa das Begrüßungsritual ohne Händedruck, aber immer mit einer lächelnden Verbeugung.

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