Produkttest: Günstige Integralhelme Was taugen Helme unter 100 Euro?

Reichen maximal 100 Euro, um einen gut schützenden Helm zu erhalten? Das Angebot in der unteren Preisklasse ist groß. MOTORRAD hat 15 Integral-Modelle in Labor und Praxis getestet.

Foto: Sdun
Außer Frage steht: Die Hauptaufgabe von Motorradhelmen ist ihre Schutzfunktion. Und den umfassendsten Schutz bieten Integralhelme mit festem Kinnteil. Die Preise für solche Modelle beginnen bei unter 100 Euro und reichen bis weit über 1000 Euro. Während sich das Segment der exklusiven Hightech-Helme nur gut eine Handvoll Marken teilen, tummeln sich in der unteren Preisregion zahlreiche Anbieter. Dieser Umstand und die Frage, ob unter den Sparmaßnahmen der 100-Euro-Klasse möglicherweise die Sicherheit der Helme leidet, hat MOTORRAD dazu veranlasst, 15 Modelle der Marken Akira, Bayard, FM, Germot, Gmac, Held, HJC, Ixs, Lazer, LS2, Nexo, Probiker, Streetfighter, Takachi und Uvex in die Mangel zu nehmen. Und zwar nach folgenden, aus vergangenen Helmtests bewährten Testkriterien. Stoßdämpfung (20 Punkte): Eine der wichtigsten Aufgaben eines Helms, die passive Sicherheit, hat MOTORRAD in Zusammenarbeit mit dem TÜV Rheinland in Köln bewertet.

Passform/Trageverhalten (20 Punkte): Motorradhelme sollten möglichst druckstellenfrei und dennoch fest und stabil auf dem Kopf sitzen. Außerdem gehören die Unterpunkte Sichtfeld (wird der Seitenblick durch hochgezogene Wangenbereiche eingeschränkt?) und Brilleneignung zu diesem Kriterium. Für ein besonders angenehm zu tragendes, kuscheliges Futter gibt’s maximal zwei Bonuspunkte. Insgesamt liegt in diesem Kapitel der FF350 von LS2 vorn – nicht zuletzt wegen seines weichen Futters und seiner tollen Passform. Der Lazer Vertigo ist für Brillenträger am besten geeignet, und die Helme von Germot, Held und Ixs bieten das größte Sichtfeld.

Aerodynamik (10 Punkte): Wie hoch sind die Luftwiderstandskräfte beim Fahren? Bei den von MOTORRAD gewählten Test-Geschwindigkeiten von 150 und 180 km/h zeigt sich schnell, ob Helme zu lästigem Auftrieb neigen – spätestens beim Kopfdrehen, also einem Blick über die Schulter.

Akustik (10 Punkte): Versenkte Visiere, flache Belüftungstasten, Windabweiser am Kinn und ein enger Abschluss am Hals sorgen für ein niedriges Geräuschniveau beim Fahren. Diesbezüglich hapert’s praktisch bei allen Kandidaten. Lediglich beim Akira Nara ist der Lärmpegel erträglich.

Belüftung (10 Punkte): Tarnen und täuschen scheint das Motto der 15 vorliegenden Modelle. Was nutzen teilweise gut zu bedienende Belüftungstasten, wenn die Luft überhaupt nicht zum Kopf vordringen kann, weil sie von einem winddichten Futter blockiert wird oder die Styroporschalen nicht die erforderlichen Bohrungen besitzen? Am ehesten sorgt noch der CS-12N von HJC für ein klein wenig Kühlung.

Handhabung (10 Punkte): Wie komfortabel lassen sich die Helme an- und ausziehen? Wie funktionell ist der Kinnriemenverschluss? Außerdem gehören die Visierbedienung, die Visierrastung und der Visierwechsel zum Kriterium Handhabung, in dem der FF350 von LS2 als einziger Kandidat die volle Punktzahl erreicht.

Ausstattung/Verarbeitung (10 Punkte): Rein äußerlich sind alle Testteilnehmer recht sauber verarbeitet. Auch lassen sich fast ausnahmslos Futter und Wangenpolster entnehmen. Gut sichtbares Reflexmaterial findet sich jedoch nur bei drei Modellen (in zwei Fällen als mitgelieferte Zubehöraufkleber), und ein beschlagfreies Visier besitzt gar nur das Uvex-Modell – die Sparmaßnahmen der 100-Euro-Klasse lassen grüßen.

Gewicht (10 Punkte): Leichte Helme schonen Nacken- und Halsmuskulatur und erhalten entsprechend mehr Punkte.

Fazit: Wer sich im Fachhandel Helme der 100-Euro-Klasse anschaut und anprobiert, wird überrascht sein, wie gut diese Modelle verarbeitet sind und welch gute Passform sie besitzen. Abgesehen von beschlagenden Visieren zeigen sich die Unterschiede zu teuren Helmen erst beim Fahren. Schlechte Belüftung und ein hohes Geräuschniveau sind fast schon Standard. Dabei wären oft nur kleine konstruktive Änderungen nötig, um diese Mängel zu beheben. Doch Entwicklungsarbeit kostet Geld, das für die unterste Preisklasse nicht vorgesehen ist. Erfreulicherweise glänzen die "Billigmützen" mit teilweise ausgezeichneten Stoßdämpfungswerten – zumindest der Unfallschutz leidet also nicht unter den Sparmaßnahmen.
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Auf dem Fallprüfstand des TÜV Rheinland

Nach der aktuell gültigen europäischen Norm für Motorradhelme, der ECE-R 22.05, müssen alle geprüften und zuge­lassenen Helme – natürlich völlig unabhängig von ihrem Preis – vorgegebene Grenzwerte einhalten. Für die Beschleunigung liegt dieser bei 275 g, der HIC-Wert (Head Injury Criterion – ein Maß für die zu erwartenden Schädel-Hirn-Verletzungen) darf maximal 2400 betragen. Im Beisein von MOTORRAD prüften die Experten des TÜV Rheinland alle Kandidaten im besonders kritischen Temperatur­bereich von minus 20 Grad Celsius und dem dabei vorgeschriebenen flachen Amboss.

Jeder Helm wurde an den sechs von der Norm vorgegebenen Punkten (Stirn, rechte und linke Helmseite, Scheitel, Hinterkopf und Kinn) geprüft und die zugehörigen Daten aufgezeichnet. Sämtliche Falltests fanden mit Helmen der Größe M (57/58) und dem entsprechenden Prüfkopf statt, in dessen Inneren Sensoren die auftretenden Beschleunigungen aufzeichnen und an den Rechner weiterleiten, der daraus den HIC-Wert berechnet.

Insgesamt fallen die Ergebnisse sehr erfreulich aus, auch wenn eine Handvoll Kandidaten den einen oder anderen Grenzwert überschreitet. Die meisten Testhelme liegen zum Teil deutlich unter den zulässigen Höchstwerten und sammeln verdientermaßen fleißig Punkte. Gut zu wissen, dass Sparmaßnahmen bei der Helmfertigung nicht unbedingt zu Lasten der Sicherheit gehen.
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