Produkttest sportliche Integralhelme Helme für die Rennstrecke

Wie schlagen sich die Motorradhelme der Profifahrer im harten Alltagsgeschäft auf Landstraßen und Autobahnen, was leisten sie auf dem Prüfstand? Der MOTORRAD-Helmtest förderte einiges mehr an Überraschungen zutage.

Foto: 2snap

Es hätte so schön sein können: „Lasst uns einen Sporthelmtest machen. Natürlich Highend, nur die erstklassige Ware aus der Boxengasse!“ Optimistisch macht sich die Service-Crew von MOTORRAD an die Recherche und stellt aus dem Fahrerfeld der Königsklassen des Motorradrennsports ein ebenso großes wie illustres Testfeld zusammen. Doch schon bei der ersten Testanfrage stellt sich Ernüchterung ein: „Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass die Burschen tatsächlich den Helm tragen, dessen Marke auch draufklebt!“ Immerhin, so wenden wir ein, sehen sie den Modellen im Laden aber ziemlich ähnlich. Schon der zweite Anruf soll eines Besseren belehren: Casey Stoner, so heißt es beim zuständigen Nolan--Importeur, trägt den Schriftzug der Traditionsmarke aus alter Verbundenheit, der Helm selbst kommt von der hauseigenen Edelmarke X-Lite. Genau das Modell, das auch Konkurrent Jorge Lorenzo trägt - der Mallorquiner allerdings korrekt gelabelt. Nolan ist nicht die einzige Marke, die gestrichen werden muss. Andere begründen ihre Testabsage mit modellbedingtem Wechsel, reagieren erst gar nicht auf Anfragen oder blocken sie brüsk ab (u. a. -Airoh, Suomy). Allerdings gibt es auch Hersteller, die ohne prominente Aushängeschilder sportliche Helme bauen. Weshalb zum Schluss doch noch ein illustrer Kreis zusammenkommt. Als Platzhirsche -natürlich die beiden Rivalen aus Japan (Arai, Shoei) - seit Jahren feste Größen im Motorradrennsport und entsprechend mit Erfahrung gesegnet. Daneben aber auch Newcomer wie die Italo-Marke Blauer, die über Moto-GP-Piloten wie Michele Pirro auf größere Bekanntheit drängt. Das Testfeld umfasst Einsteigermodelle (diese allerdings nicht als Replica-Version, sondern in schnöden Uni-Farben) für knapp unter 300 Euro, die teuersten Anbieter liegen bei sagenhaften 1500 Euro (Blauers Limited Edition-Serie). Was wird für’s Geld geboten?

Schauen wir uns die Helme im Detail an. Zum Beispiel in der Verschlusstechnik. Selbstverständlich setzen die meisten Sporthelmhersteller auf den simplen, für den Rennsport vorgeschriebenen Doppel-D-Verschluss. Natürlich ist das Ratschenschloss beim BMW oder Schuberth schneller verschlossen. Solange die Gurtlänge stimmt. Muss die aber neu justiert werden, ist Fummelei angesagt. Ein Problem, das beim Doppel-D erst gar nicht entsteht, auch wenn man nun an einem Tag mit blankem Hals und am nächsten mit dickem Buff unterwegs ist.

Kommen wir zum Visierverschluss. Die beste Lösung präsentieren Arai und Schuberth: Beim festen Schließen der Visiere drückt man automatisch einen kleinen Pin in die Haltenase und hat beide Frontscheiben gegen unbeabsichtigtes Öffnen (beim Unfall!) gesichert. Bei anderen Herstellern muss die Verriegelung dagegen über einen extra Handgriff erfolgen. Das gelingt bei Shoei durch einen gut zugänglichen Hebel noch recht einfach, bei anderen bricht man sich ob der schwergängigen Mechanik fast den Finger ab (X-Lite) oder verzweifelt an fummeligen Knöpfen (Scorpion, Vemar). Allerdings sollte man es auch nicht so machen wie Blauer, die auf eine Visier- Verriegelung ganz verzichten.

Mittlerweile scheint sich im Sportbusiness herumgesprochen zu haben, dass auch die Heizerfraktion schnell in Schlechtwettergebiete geraten kann - weshalb ein beschlagfreies Innenvisier (z. B. Pinlock) bereits in Serie vorhanden sein sollte. Dieses Feature bieten fast alle Testteilnehmer, zeigen aber Unterschiede in der konstruktiven Gestaltung. Denn bei den meisten Helmen ist die Silikonfuge des Innenvisiers bei sportlich-gebückter Haltung direkt im Sichtfeld - ein auf Dauer unerträglicher Zustand. Die bessere Lösung: eine Pinlock-Scheibe, die nahezu den gesamten Visierausschnitt abdeckt (bei Scorpion serienmäßig, bei Arai mit dem Max-Vision-Visier für knapp 100 Euro Aufpreis), oder die beschlagfreie Beschichtung, wie sie bei den Helmen von Blauer und Vemar vorhanden ist.

Einig sind sich alle Hersteller, dass Sportpiloten unter allen Umständen einen kühlen Kopf bewahren sollten. Weshalb bei jedem Helm im Test ein umfangreiches Belüftungsprogramm geboten wird. In Sachen Effektivität besteht bei den meisten Probanden kein Zweifel, dürftig bleibt allenfalls der Luftdurchsatz bei Blauer und Vemar. Allerdings hapert es gewaltig an der Bedienung der Aircondition: Bei Arai müssen winzige, über den Helm verteilte Kippschalter betätigt werden, die zur Entlüftung vorgesehenen Schieber am Hinterkopf sind fast gar nicht zu erreichen. Ähnlich akrobatisch wird es bei Shoei, und die Hebel bei Blauer wirken bereits im Neuzustand ausgeleiert. Vorbildlich dagegen: der zentral platzierte Schieber bei Schuberths S2.

Auch wenn diese Punkte die Grundfunktion der Helme (satter Sitz, solider Unfallschutz) nicht beeinträchtigen: Im Sportgeschäft kommt es eben unterm Strich auf jede Zehntel an.

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Foto: MPS-Fotostudio

Arai RX-7 GP

Anbieter: Arai Helmet (Deutschland), Telefon 0 28 02/94 84 80, www.araideutschland.de; Preise: Uni-Farben 849 Euro, Dekor-Versionen 999 Euro; Größen: XS bis XXL; Gewicht (Gr. L): 1560 ± 50/1592 Gramm (Herstellerangabe/gewogen); Farben: Schwarz, Weiß, Grau plus elf Dekor-/Replica-Versionen; Helmschale: GFK-Mix; Verschluß: Doppel-D; erstellungsland: Japan; ECE-Prüfzeichen: E 4 (Niederlande); Ersatzvisiere: klar/getönt 69,95 Euro, verspiegelt 119,95 Euro, Max-Vision mit integriertem Pinlock-Visier 99,95 Euro, Rennvisier/Fünfer-Set Abreißfolien 74,95/14,95 Euro; Ausstattung: ausziehbarer Windabweiser am Kinn, Polster herausnehmbar, Wangenpolster mit Notfallentriegelung, Pinlock-Visier (beigelegt), Helmbeutel, Pflegeöl, Visier-Einstellwerkzeug

Plus
Sehr gute, knackige Passform mit satter, straffer Polsterung (Stichwort: Turnschuh!), umschließt den Kopf sehr gut; Kinnriemen perfekt zu schließen; sehr gute Aerodynamik mit stabilem Sitz; hocheffektive Belüftungsfunktion; sehr großes Sichtfeld, wird bei sportlicher Haltung nicht eingeschränkt; sehr gute Brillentauglichkeit

Minus
Helm bekommt beim Schulterblick ab Tempo 160 spürbaren Windimpuls; insgesamt sehr
laut, Windgeräusche bereits ab Tempo 80 sehr präsent; extrem fummelige

Fazit
Reinschlüpfen und sich wohlfühlen. Auch das sportliche Topmodell von Arai verwöhnt mit sensationeller Passform und tollem Tragekomfort. Allerdings stören Gewicht, Lautstärke und hohe HIC-Werte.

MOTORRAD-Urteil: gut

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Foto: MPS-Fotostudio

Blauer Force One

Anbieter: FC Moto, Telefon 0 24 05/4 95 00 50, www.fc-moto.de; Preise: Dekor-Versionen 409/429 Euro, Limited Edition 1500 Euro; Größen: XS bis XL; Gewicht (Gr. L): 1290 ± 50/1344 Gramm (Herstellerangabe/gewogen); Farben: Schwarz, Weiß, Rot, Grün, Blau plus 19 Limited Edition-Versionen; Helmschale: GFK-Mix; Verschluß: Doppel-D; Herstellungsland: Italien; ECE-Prüfzei-chen: E 3 (Italien); Ersatzvisiere: klar/getönt-/verspiegelt 39,90/49,90/59,90 Euro; Ausstattung: Atemluftabweiser, beschlagfreies Visier, herausnehmbares Polster, Helmbeutel

Plus
Knackige Passform (mit allerdings sehr eng anliegendem Kinnteil); Sichtfeld auch bei sportlicher Haltung gut; geringes Gewicht; sehr gute Brillentauglichkeit

Minus
Sehr dünne, leicht schwitzige Polsterung mit wenig Komfort und vielen Druckstellen (Stirn, Schläfe, Hinterkopf), dünstet im Neuzustand stark aus; dünner Kinnriemen, verdreht sich beim Einfädeln, schlechte Aerodynamik mit starkem Auftrieb ab Tempo 130; hoher Geräuschpegel mit hochfrequenter Pfeifkulisse, Lüftungshebel bereits im Neuzustand ausgeleiert (Oberkopf) bzw. schwergängig (Kinn); Kinn- und Oberkopfbelüftung zu schwach, dafür starker Dauerzug von unten; Visierbelüftungsstellung zu weit; keine Visierarretierung

Fazit
Der Blauer punktet durch knackigen Sitz, gute Sicht und tolle HIC-Werte, nervt im Alltag aber durch viele Unzulänglichkeiten wie seine laute Geräuschkulisse, die Windanfälligkeit und den zugigen Innenraum.

MOTORRAD-Urteil: befriedigend

Foto: MPS-Fotostudio

BMW Sport

Anbieter: BMW Motorrad, Telefon 01 80/5 00 19 72, www.bmw-motorrad.de; Preise: Uni-Farben 425/445 Euro, Dekor-Versionen 490 Euro; Größen: 52/53 bis 62/63; Gewicht (Gr. 60/61): 1450 ± 50/1464 Gramm (Herstellerangabe/gewogen); Farben: Schwarz, Weiß, Grau plus drei Dekor-Versionen; Helmschale: GFK; Verschluß: Ratsche*; Herstellungsland: Deutschland; ECE-Prüfzeichen: E 13 (Luxemburg); Ersatzvisiere: klar/getönt 55/75 Euro; Ausstattung: Windabweiser am Kinn, Antifog-Innenvisier (montiert), herausnehmbares Polster, Helmbeutel

Plus
Kormfortables Polster mit hohem Kuschelfaktor (für Sportfahrer gegebenenfalls eine Spur zu soft); umschließt den Kopf mit weit herunter-gezogener, eng anliegender Halskrause sehr gut; bietet viel Platz im Kinnbereich; sehr gute Aerodynamik mit sattem, stabilem Sitz bei allen Tempolagen; sehr gute Geräuschdämmung; hoch wirksame Belüftung; straffe Visierrastung mit praxisnaher Belüftungsstellung; sehr gute Brillentauglichkeit

Minus
Extrem enger Ein- und Ausstieg, kann schmerzhaft sein; Kinnbelüftungstaster sehr schwergängig; Blickfeld seitlich durch Keilform eingeschränkt; Visierverriegelung mit zu schwacher Rückmeldung

Fazit
Ein BMW-Helm mit echtem S-Klasse-Feeling. Paart Sport mit viel Komfort und überzeugt durch top HIC-Werte, leisen Innenraum und satten Sitz. Sportfans werden sich aber am Ratschenschloss stören. sehr gut

MOTORRAD-Urteil: sehr gut

Foto: MPS-Fotostudio

Schuberth S2

Anbieter: Schuberth, Telefon 03 91/8 10 60, www.schuberth.de; Preise: Uni-Farben 499,99 Euro, Fluo-/Dekor-Versionen 569,99/579,99 Euro; Größen: 50/51 bis 64/65; Gewicht (Gr. 58/59): 1450 ± 50/1480 Gramm (Hersteller-angabe/gewogen); Farben: Schwarz, Weiß, Mattschwarz, Mattweiß, Leuchtgelb plus drei Dekor-Versionen; Helmschale: GFK-Mix; Verschluß: Ratsche*; Herstellungsland: Deutschland; ECE-Prüfzeichen: E 13 (Luxemburg); Ersatzvisiere: klar/getönt/verspiegelt 55/70/75 Euro; Ausstattung: Windabweiser am Kinn plus einklettbare Verlängerung, Sonnenblende, Antennen-Vorrüstung für Bluetooth-Einbau, Pinlock-Visier (beigelegt), herausnehmbares Polster, Helmbeutel

Plus
Satte Passform, die den Kopf sehr gut umschließt; vermittelt ein geborgenes Gefühl durch dicht anliegenden Halsabschluss; gute Aerodynamik mit allerdings kleinem Impuls beim Seitenblick bei flottem Tempo (130 plus); sehr leiser Innenraum; noch gute Belüftung (für den Sporteinsatz gegebenenfalls zu schwach); leichtgängige Belüftungsschieber; gute Brillentauglichkeit

Minus
Ratschenschloss drückt durch weit hinten platzierte Aufhängung stark auf Kehlkopf; Sicht bei sportlicher Haltung durch ausgeprägte Kante am oberen Rand eingeschränkt

Fazit
Müssen Sportfahrer leiden? Nein, sagt Schuberth und schickt mit dem S2 einen absolut komfortablen Sporthelm mit umfangreicher Ausstattung (Sonnenblende!) auf die Strecke. Manko: der Kinnriemen

MOTORRAD-Urteil: gut

Foto: MPS-Fotostudio

Scorpion Exo-1000 Air

Anbieter: Scorpion Sports, Telefon 08 00/1 83 08 99, www.scorpionsports.eu; Preise: Uni-Farben 299,90 Euro, Fluo-/Dekor-Versionen 329,90 bis 354,90 Euro; Größen: XS bis XXL; Gewicht (Gr. L):k. A./1606 Gramm (Herstellerangabe/gewogen); Farben: Schwarz, Weiß, Silber, Mattschwarz, Mattanthrazit plus 23 Dekor-Versionen; Helmschale: GFK-Mix; Verschluß: Doppel-D; Herstellungsland: China; ECE-Prüfzeichen: E 9 (Spanien); Ersatzvisiere: klar/getönt/verspiegelt 35,90/35,90/44,90 Euro; Ausstattung: Windabweiser am Kinn, Atemluftabweiser, Sonnenblende, Pinlock-Visier (montiert), aufpumpbare Wangenpolster, herausnehmbares Polster, Helmbeutel

Plus
Leichter Einstieg; stabiler Sitz auch bei hohem Tempo (allerdings minimaler Störimpuls beim Seitenblick spürbar); leiser und zugfreier Innenraum; sehr gute HIC-Werte; gut erreichbare Belüftungsschieber; Brillentauglichkeit noch okay

Minus
Synthetisches, leicht kratziges und schwitziges Futter mit zu dünner Polsterung, die Druckstellen an Stirn und Schläfen hervorrufen kann; sehr wenig Platz im Kinnbereich; Sichtfeld bei sportlicher Haltung durch Kante und Sonnenblende im Blick stark eingeschränkt; Kinn- und Oberkopfbelüftung insgesamt zu schwach; wackliger Hebel für Visierarretierung

Fazit
Der Scorpion macht durch seine umfangreiche Ausstattung (Sonnenblende, Luftpolsterung) sowie die guten HIC-Werte auf sich aufmerksam. In der Praxis muss er aber an Komfort zulegen. Sehr schwer!

MOTORRAD-Urteil: gut

Foto: MPS-Fotostudio

Shoei XR-1100

Anbieter: Shoei, Telefon 02 11/1 75 43 60, www.shoei-europe.com; Preise: Uni-Farben 419 Euro, Metallic-/Dekor-Versionen 449/519 Euro, Replica 549 Euro; Größen: XXS bis 3XL; Gewicht (Gr. L): 1465/1488 Gramm (Herstellerangabe/gewogen); Farben: Schwarz, Weiß, Grau, Silber, Rot, Mattschwarz, Mattgrau plus 21 Dekor-/Replica-Versionen; Helmschale: GFK-Mix; Verschluß: Doppel-D; Herstellungsland: Japan; ECE-Prüfzeichen: E 6 (Belgien); Ersatzvisiere: klar/getönt 69 Euro, verlaufend getönt 69 Euro, verspiegelt 99 Euro, Rennvisiere 119 Euro; Ausstattung: Windabweiser am Kinn, Pinlock-Visier (beigelegt), herausnehmbares Polster, Helmbeutel

Plus
Sehr bequeme Passform mit satt anliegender, straffer und hautsympathischer Polsterung; umfasst den Kopf sehr gut, ohne dabei zu sehr zu entkoppeln; viel Platz fürs Kinn; leichtes sowie sehr gut austariertes Tragegefühl; stabiler, auftriebsfreier Sitz bei allen Geschwindigkeiten; sehr effektive Belüftung (ideal für Sporteinsätze); sehr gutes Sichtfeld auch bei sportlicher Haltung, sehr gute Brillentauglichkeit

Minus
Visierrastung zu weich (schließt aber satt); Belüftungsschieber teils schlecht erreichbar; leichtes (hochfrequentes) Grundpfeifen stört die ansonsten leise Akustik; reagiert minimal auf Turbulenzen hinter kleinen Verkleidungsscheiben

Fazit
Der Turnschuh für den Kopf: Shoei verwöhnt viele Köpfe mit exzellenter Passform und hohem Wohlfühlklima. Trotz der guten Note bleiben einige Baustellen: bessere HIC-Werte, leichter erreichbare Schieber.

MOTORRAD-Urteil: gut

Foto: MPS-Fotostudio

Vemar Eclipse

Anbieter: FC Moto, Telefon 0 24 05/4 95 00 50, www.fc-moto.de; Preise: Uni-Farben 369,90 Euro, Dekor-/Replica-Versionen 399,90 bis 489,90 Euro, derzeit preisreduziert ab 289,90 Euro (uni) erhältlich; Größen: XXS bis 3XL; Gewicht (Gr. M): 1390 ± 50/1432 Gramm (Herstellerangabe/gewogen); Farben: Schwarz, Weiß, Silber, Mattschwarz plus 20 Dekor-/Replica-Versionen; Helmschale:GFK-Mix; Verschluß: Doppel-D; Herstellungsland: Italien; ECE-Prüfzeichen: E 3 (Italien); Ersatzvisiere: klar/getönt/verspiegelt 49/59/69 Euro, Antifog 59 Euro; Ausstattung: Windabweiser am Kinn, beschlaghemmendes Visier, herausnehmbares Polster, Helmbeutel

Plus
Stabiler Sitz bei allen Geschwindigkeiten; straffe Visierrastung; gute Brillentauglichkeit

Minus
Kratziges Futter mit dünner Polsterung, liegt leicht zerklüftet an und kann partiell auf Wangen und Stirn drücken; Innenraum dünstet im Neuzustand stark aus; sehr laute Geräuschentwicklung mit penetranter Pfeif- und Heulkulisse; Belüftungsschieber nur fummelig zu erreichen beziehungsweise sehr schwergängig, Belüftung selbst sehr dürftig, dafür aber starker, nicht regelbarer Luftzug von unten; Visierverriegelung mit Handschuhen schlecht zu bedienen

Fazit
Dürftig gepolstert, laut und zugig. Der Vemar wirkt wie ein Relikt aus den frühen Neunzigern und bietet nur minimalen Komfort. Zu den Defiziten im Alltag gesellt sich der schlechteste HIC-Wert im Test.

MOTORRAD-Urteil: ausreichend

Foto: MPS-Fotostudio

X-Lite X-802 R

Anbieter: Nolangroup Deutschland, Telefon 0 71 59/9 31 60, www.nolangroup.de; Preise: Uni-Farben 449,95 Euro, Dekor-Versionen 489,95 bis 529,95 Euro, Replica-Versionen 579,95; Größen: XS bis XXL; Gewicht (Gr. L): 1360/1410 Gramm (Herstellerangabe/gewogen); Farben: Schwarz, Weiß, Mattschwarz plus 26 Dekor-/Replica-Versionen; Helmschale: GFK-Mix; Verschluß: Doppel-D; Herstellungsland: Italien; ECE-Prüfzeichen: E 3 (Italien); Ersatzvisiere: klar/getönt 46,95 Euro, blau/silber verspiegelt 62,95/73,95 Euro, Rennvisiere ab 54,95 Euro, Abreißvisier-Dreierset 23,95 Euro; Ausstattung: Windabweiser am Kinn, Pinlock-Visier (beigelegt), herausnehmbares Polster, Helmbeutel, Pflegeöl, Visierputztuch

Plus
Sehr bequem auf- und abzusetzen, vermittelt auf Anhieb einen satten Sitz mit einwandfreiem Tragekomfort; sehr hautsympathisches Futter mit angenehm aufgerauter Oberfläche; stabiler Sitz bei allen Geschwindigkeiten (allerdings -minimaler Impuls beim Seitenblick); leiser, zugfreier Innenraum; hervorragend austarierte Belüftung; sehr gute Brillentauglichkeit

Minus
Visier mit unpraktischer, weil zentral platzierter Öffnerlasche öffnet in Belüftungsstellung zu weit; fummelige, zum Teil zu schwergängige Schieber/Taster (Visierverriegelung, Belüftung)

Fazit
Der Helm der Weltmeister: Lorenzo trägt ihn so, Stoner nur inkognito. Verstecken braucht sich der X-Lite jedenfalls nicht, punktet nicht nur durch hohen Tragekomfort, sondern auch gute HIC-Werte.

MOTORRAD-Urteil: sehr gut

Aufgefallen im Test

Foto: Herder

Sonnenblenden:
sind bei Klapphelmen Standard, machen auch vor sportlichen Integralhelmen nicht mehr Halt. In diesem Test sind Schuberths S2 und Scorpions Exo-1000 mit der praktischen KlappSonnenbrille ausgestattet. Erhöht das Helmgewicht aber um rund 200 Gramm.

Foto: herder

Anpassbare Polsterung:
lässt sich bei den meisten Helmen über optional erhältliche Wangenpolster in unterschiedlichen Stärken vornehmen. Scorpion setzt dagegen auf eine fest integrierte Push-up-Polsterung, die per Luftpumpe justiert wird.

Foto: Herder

Kinnriemen:
Als Standard hat sich bei sportlichen Integralhelmen der Doppel-D-Verschluss etabliert. Vorteile: leicht, kompakt und mit einem Handgriff stets eng anliegend verzurrt. Auf das vermeintlich komfortablere Ratschenschloss setzen nur Schuberth und BMW.

Foto: Herder

Belüftung:
das große Dilemma im Test. Gute Lösungen durch zentrale Luftschieber mit hohem Wirkungsgrad bieten nur wenige (Schuberth, BMW), bei anderen hapert’s an der Bedienung (Arai, Shoei), am Wirkungsgrad (Scorpion) oder an beidem (Vemar, Blauer, im Bild).

Foto: Herder

Visierarretierung:
Klappe zu und gut? Damit das Visier im Worst Case sicher geschlossen bleibt, bedarf es einer Extra-Sicherung. Top gelöst bei Arai und Schuberth, bei anderen muss über fummelige Schieber (Vemar, im Bild) oder schwergängige Taster (X-Lite) verriegelt werden.

Foto: Herder

Keine Hilfe für Ersthelfer.
Beim Unfall gilt: schnell runter mit dem Helm. Arai will es Ersthelfern leicht machen und hat die Wangenpolster mit einer Notentriegelung versehen. Leider lässt sich der entsprechende Hinweis (Foto) bei aufgesetztem Helm kaum wahrnehmen.

Auf dem TÜV-Prüfstand

Foto: Herder

Harte Realität auf dem Fallprüfstand des TÜV Rheinland in Köln. Zusammen mit TÜV-Helmexperte Peter Schaudt und Unfallforscher Florian Schueler (Uni Freiburg) hat MOTORRAD den Sigmapfosten-Test entwickelt. Und: Anders als in der Helmnorm ECE-R 22.05 schlagen die Helme nicht tiefgekühlt, sondern bei Raumtemperatur auf dem Leitplankenträger auf. Um das Verhalten bei niedrigen Sturzgeschwindigkeiten zu prüfen, fallen die Helme nicht nur mit ECE-üblichen 7,5 m/s, sondern auch mit 5,5 m/s auf den blanken Stahl. Die ECE (bei der übrigens sechs exakt festgelegte Prüfpunkte vorgegeben sind, die Hersteller „normgerecht“ verstärken können) erlaubt eine maximal zulässige Beschleunigung von 275 g. Der aus Beschleunigung und weiteren Parametern (u. a. Dauer der Krafteinwirkung) berechnete HIC-Wert (Head Injury Criterion) als Maß für die mögliche Schädel-/Hirn-Verletzung darf nach Norm maximal 2400 betragen.

Foto: Archiv

Die Tabelle zeigt: Alle Helme bleiben innerhalb der Grenzwerte, zeigen aber eine starke Spreizung. Toll der HIC-Wert von BMW (1168), mau dagegen Arai und Vemar (1808 bzw. 1813). Bei der Kinnteilprüfung, die bei MOTORRAD mit 7,5 m/s (ECE: 5,5 m/s) stattfindet, ließe sich ein HIC-Wert errechnen, dem es aber an Aussagekraft mangelte, da ein Teil der Kraft in den Kinnriemen weitergeleitet wird. Folglich nimmt dieser Punkt keinen Einfluss auf die Wertung, zeigt aber konstruktive Stärken und Schwächen der Helme: Bestwert bei Scorpion, enttäuschend dagegen Shoei.

So testet MOTORRAD

Foto: Herder

Platz, Platz, Platz: Wenn bei MOTORRAD ein Helmtest auf dem Programm steht, muss Raum geschaffen werden. Schließlich wer-den pro Anbieter fünf Testmuster aus der Serienfertigung angefordert - was den verantwortlichen Redakteur zu Analog-Tetris-Spielen in seiner Schreibstube verführen könnte. Zeit dazu bleibt aber keine: Drei unterschiedliche Größen werden in ausführlichen Fahrtests auf ihre Praxistauglichkeit untersucht: Aerodynamik und Geräuschentwicklung bei wechselnden Geschwindigkeiten sowie Windanfälligkeit beim Schulterblick werden genauso erfasst wie Bedienung und Wirkungsgrad der Belüftung, Größe des Sichtfeldes und die generelle Handhabung des Helms. In einer Trockenprobe dürfen noch einmal viele Köpfe ihre Meinung zu Passform und Tragekomfort abgeben. Und zwei weitere Größen sind nach dem Test schrottreif: Zusammen mit dem TÜV Rheinland werden die Schlagdämpfungseigenschaften der Helme beim Aufprall auf einen Leitplankenträger („Sigmapfosten“) ermittelt.

Foto: Archiv

Die Endwertung

Gibt es den perfekten Sporthelm? Der Blick auf die Abschlusstabelle zeigt klar: Luft nach oben ist noch reichlich vorhanden. Beim Testsieger X-Lite ist auf jeden Fall noch ein wenig mehr Bedienkomfort wünschenswert, der Zweitplatzierte (BMW) sollte ein größeres Sichtfeld bieten, und Schuberth drückt durch seinen Kinnriemen auf Kehlkopf und Gemüt. Shoei und Arai bauen klasse Rennhelme, die aber die Schlagdämpfungsprüfung zwar im grünen Bereich, im Vergleich zur Konkurrenz aber nur unter „ferner liefen“ absolvieren. Nach dem Test ist vor dem Test!

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