Test: Bluetooth-Helme und Nachrüstkits Vorübergehend erreichbar

Während der Fahrt flockig Benzin plaudern, dem Chef ein »Komme heute später« auf der Mailbox hinterlassen – immer mehr Helme werden mit dem Hightech-Funk namens Bluetooth ausgestattet. Unser Praxistest klärt, wo die Systeme wieder sprachlos machen.

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Während der Fahrt flockig Benzin plaudern, dem Chef ein "Komme heute später" auf der Mailbox hinterlassen – immer mehr Helme werden mit dem Hightech-Funk namens Bluetooth ausgestattet. Unser Praxistest klärt, wo die Systeme wieder sprachlos machen.

Und da war es wieder zu spüren, das Brummen in der Jackentasche. Die Mailbox ist ausgeschaltet, der Anrufer penetrant. Er lässt durchklingeln: Heb doch endlich ab! Im dichten Feierabendverkehr raus aus der City ist das gar nicht so einfach. Eine Lücke tut sich auf, rasch ist die Spur gewechselt. Handschuh aus, Reißverschluss geöffnet, das Mobiltelefon liegt pulsierend in der Hand. Schnell die Rufannahme drücken, doch just in dem Moment ist das Gespräch weg. Die Gegenseite hat aufgelegt und zu allem Überfluss keine Rufnummer hinterlassen. Die ständig gewollte, grenzenlose Erreichbarkeit – auf dem Motorrad bewegt man sich oftmals durchs Tal der Ahnungslosen.

Das soll sich jetzt ändern. Was für viele Autofahrer und Fußgänger mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden ist, hält nun auch in die Motorradwelt Einzug: die kabellose, multimediale Kommunikation via Bluetooth. Noch ist der Markt überschaubar. Helmanbieter wie Dainese, Nolan oder BMW haben sich mit Komplettlösungen in den Hightech-Bereich gewagt, Midland oder Bluebike bieten universal passende Anbaukits für Integral- wie Jethelme an. André Walek, Geschäftsführer der deutschen Nolan-Vertretung, ist überrascht von der Akzeptanz: »Durch unser modular aufgebautes System können Kunden die drahtlose Kommunikation mit kabelgebundenen Varianten zum Gegensprechen, Telefonieren oder Musikhören ergänzen. Doch fast alle greifen zum Bluetooth-Kit. Der in der Regel nicht gerade billig ist.

270 Euro sind’s beim Nolan, satte 400 Euro Aufpreis werden fällig, wenn man zum Systemhelm 5 von BMW greift. Will man mit dem Partner kabellos kommunizieren, legt man für zwei Helme schnell über 1600 Euro auf die Ladentheke. Und das Ende der Rechnung ist offen. Denn Bluetooth-Helme sind erst der Anfang. Bei BMW ist ein Steuergerät in der Entwicklung, das dann nach Wunsch Musik vom MP3-Player, Verkehrsfunkdurchsagen des Bordradios oder Sprachanweisungen des Navigationsgerätes in den Helm einspielen soll. Noch halten sich die Verantwortlichen bedeckt, ob das System bis zur Intermot Mitte Oktober marktreif ist. Ebenso ist der Preis noch offen. Niedrig wird der nicht ausfallen: Bei Bluebike kostet ein ähnliches System stolze 650 Euro.

Gewarnt sei hier vor der berühmten »Plug and Play«-Vorstellung. Die Schwierigkeit beginnt beim Kauf. MOTORRAD musste feststellen, dass Schnelligkeit und Hightech nicht immer konform gehen. Schuberth und Vemar bieten offiziell zwar ebenfalls Helme mit der Bluetooth-Verbindung an, aber unsere Anfrage überraschte die Vertriebsabteilungen: Zum derzeitigen Zeitpunkt, so bekamen wir lapidar zu hören, könne man die Helme noch nicht zur Verfügung stellen. Wer also vor der Urlaubstour eine solche Anschaffung geplant hat, sollte nicht kurz vor Ladenschluss und Abfahrtstermin beim Händler aufkreuzen. Beim Thema Bluetooth ist mit längeren Lieferfristen zu rechnen.

Ob das eigene, Bluetooth-fähige Mobiltelefon überhaupt mit dem Helm vernetzt werden kann, muss schon im Laden gut geprüft werden. Denn obwohl bestimmte Standards existieren, die eigentlich alle Bluetooth-Geräte erfüllen sollten, kann es beim Verbindungsaufbau immer wieder Fehlermeldungen geben. Auf den Internetseiten der jeweiligen Helmhersteller werden in der Regel die Handy-Typen gelistet, mit denen ein problemloser Verbindungsaufbau möglich ist. Empfehlenswert ist es auf jeden Fall, die Helm-zu-Handy-Vernetzung vor dem Kauf auszuprobieren.

Problematisch ist nach wie vor die gleichzeitige Verbindung von zwei Helmen im Gegensprechmodus plus ein zugeschaltetes Telefon auf einen der Helme. Obwohl das bei allen Systemen funktionieren sollte, verabschiedete sich im Test wiederholt die ein oder andere Verbindung. Und schnell war man wieder zu Sprachlosigkeit verdammt. Nahezu unlösbare Aufgaben stellt sich derjenige, der neben der Gegensprech- und Telefonfunktion auch noch die Sprachanweisungen des Navigationsgerätes in den Helm einspielen will. Bei unserem Test war die gleichzeitige Nutzung aller drei Merkmale bei keinem Probanden möglich.

Inwiefern sich schließlich kernige Bikerhymnen in den Knitterfreien einspielen lassen, bleibt ebenfalls noch abzuwarten. Passend ausgestattete Endgeräte sind Mangelware. Zwar gibt es Bluetooth-Kits für MP3-Player oder den bekannten I-Pod von Apple, doch diese sind stets fest mit einem entsprechenden Headset verknüpft und lassen den Helm als Alternative nicht zu.

Somit bleibt zum Schluss die Empfehlung: Wer warten kann, der sollte warten. In wenigen Wochen ist die Intermot, spätestens dort werden weitere Anbieter das Thema Bluetooth bereichern. Wie bei jeder neuen Technik wird der Preis künftig deutlich fallen. Das Leistungsspektrum der getesteten Systeme ist – gemessen am Preis – noch sehr mau.
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Einzeltests

Bluebike Basic

Plus: Sauber ausjustiertes Mikrofon, klare Sprachausgabe, tolle Musikwiedergabe in HiFi-Qualität. Wetterfest gummiertes Bedienpanel mit großen, Handschuh-geeigneten Funktionstasten.

Minus: Starr vorgeformtes Bedienpanel nicht immer exakt an diverse Helmrundungen
anzubringen, Unterbringung hinten erschwert Handhabe. Nicht wassergeschützte Steckverbindungen. Aufrüstoptionen sehr teuer.

Fazit: Sehr teure Speziallösung von Bluebike. Die Basic-Anlage ermöglicht nur das Telefonieren, für das Gegensprechen ist ein zweiter Kit erforderlich. Und für den Musikgenuss ein Steuergerät (650 Euro). Die rustikale Optik passt nicht zum Preis. Ein Einbauservice wäre wünschenswert.

BMW Systemhelm 5 WCS-1

Plus: Stereo-Lautsprecher, im Stirnbereich untergebrachte Mikrofone ermöglichen auch das Sprechen mit geöffnetem Kinnteil. Insgesamt sauber in den Helm integrierte Anlage. Präzise und leicht verständlich abgefasste Bedienungsanleitung.

Minus: Anlage durch optionales Steuergerät (Markteinführung noch unbekannt) nur auf-wendig und teuer auszubauen. Insgesamt hoher Anschaffungspreis. Funktionstasten sehr fummelig zu handhaben. Sprachübertragung leicht scheppernd und zum Teil zerhackt. Funkreichweite nur mäßig.

Fazit: Trotz aufwendiger Ausstattung in HiFi-Stereo-Qualität kann der BMW-Helm seine Vorteile in diesem Test nicht ausspielen. Schon bei moderatem Autobahntempo war eine angenehme Kommunikation von Helm zu Helm sowie das Telefonieren kaum möglich.

Dainese Airstream Course Bluetooth

Plus: Klare Sprachausgabe, sauberes Mikrofon-Ansprechverhalten, hohe Reichweite beim Gegensprechen von Motorrad zu Motorrad von über 100 Metern, überzeugend komfortabler Sitz mit sehr gut gedämmten Windgeräuschen.

Minus: Komplizierte Ersteinrichtung des Systems, erschwert durch umständlich abgefasste Bedienungsanleitung. System nur für Sprachübertragung geeignet, keine Erweiterungsoption für Musikgeräte.

Fazit: Erreicht zwar mit knappem Abstand die meisten Punkte, doch in Sachen Unterhaltung fehlt die Musikoption. Die gut gedämmte Windkulisse ermöglicht selbst das Gegensprechen bei flottem Autobahntempo jenseits von Tempo 160. Praxisgerecht geformte, stets sicher bedienbare Multifunktionstaste.

Midland BT Intercom Bluetooth

Plus: Sauber vorgefertigte Einbaulösung mit wasserdicht vergossenen Anschlüssen und robustem Gehäuse, Mono-Lautsprecherpaar zum Einkletten ins Helmpolster, gut positionierbares Schwanenhals-Mikrofon.

Minus: Klemmlösung nicht immer universell einsetzbar, je nach Helmtyp und -marke können Probleme auftreten. Sehr blecherne Sprachqualität, kleine, extrem fummelige Bedientasten, kaum Handschuh-geeignet.
Fazit: Umfangreicher Nachrüstkit zu einem attraktiven Preis. Allerdings befindet sich der Bluetooth-Chip nur im Fahrer-Headset, die Gegensprechfunktion erfolgt über einen abgeänderten Chipsatz. Telefone, Funk- oder GPS-Geräte lassen sich somit nur beim Fahrer mit anschließen


Momo Jet Bluetooth

Plus: Leichter und komfortabler Jethelm für die Stadt, wertige Erscheinung. Multikompatibles Bluetooth-Element von Motorola, fix abzunehmen und damit auch abseits des Motorrads (Rad, Spaziergang, Auto) durch umfangreiches Zubehör nutzbar.

Minus: Bereits bei flottem Stadttempo an der Leistungsgrenze. Mikrofon mit sehr schlechter Übertragungsqualität. Stark eingetrübter Hörgenuss durch nur einen Lautsprecher. Bedienknöpfe extrem fummelig und selbst mit dünnen Handschuhen kaum zu ertasten.

Fazit: Pfiffiger Helm von Momo, pfiffiger Bluetoothkit von Motorola. Doch die Kombination der beiden kann auf dem Motorrad gar nicht überzeugen. Schon bei flüssiger Fahrt durch die Stadt ist’s vorbei mit der unbeschwerten Kommunikation. Maximal für 50er-Roller geeignet.

Nolan N 102 N-Com

Plus: Modular aufgebautes System, lässt sich durch preisgünstige Kabellösungen einfach und effektiv erweitern. Gut platzierte Bedienelemente, auch mit Handschuhen sicher zu betätigen. Gegensprechen von Motorrad zu Motorrad auf über 100 Metern möglich.

Minus Leicht dumpfe Sprachausgabe, Musik nur in Mono-Qualität. Aufbau Telefon- und Gegensprechverbindung im Test nicht immer erfolgreich. Üppiges Helmgewicht von knapp zwei Kilogramm. Störende Windkulisse ab 120 km/h erschwert Kommunikation.

Fazit: Pfiffige Lösung von Nolan. Die Klapphelmreihe N 102 ist ab Werk so vorgerüstet, dass der Kunde neben der Bluetooth-Verbindung auch Zusatzgeräte wie CD-Player oder die Gegensprech-Funktion per Kabel nutzen kann. In Sachen Preis/Leistung ein Kauftipp.
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Hintergrund

Komplettsysteme

Das hätte König Harald I. von Dänemark nicht gedacht: Da eint er im zehnten Jahrhundert die zerstrittenen Volksstämme der Dänen und Norweger, und 1000 Jahre später wird nach seinem Beinamen Blåtand (zu deutsch: Blauzahn, englisch: Bluetooth) ein schnöder Industriestandard für die drahtlose Vernetzung von elektronischen Geräten benannt. Bluetooth ist im Prinzip nichts anderes als ein Kurzstreckenfunk, der wie die Mikrowelle in der Küche im lizenzfreien 2,4-Gigahertz-Spektrum arbeitet und damit weltweit einsetzbar ist. Der kabellose Datenverkehr fußt auf einem kleinen Mikrochip, der wenig Energie verbraucht und günstig herzustellen ist. Beim Verbindungsaufbau (Pairing) identifizieren sich die Geräte über eine individuelle Seriennummer. Danach tauschen die Geräte je nach Sendeleistung auf bis zu 100 Metern Daten miteinander aus.


Daten und Ausstattung

Um Bluetooth-Geräte sicher miteinander verbinden zu können, müssen bestimmte Standards erfüllt werden. Ganz wichtig sind die so genannten Bluetooth-Profile. Die beiden gängigen Freisprech-Profile sind das Headset- und Handsfree-Profil, die jede Sprechanlage in diesem Test beherrscht. Schwieriger wird es mit der HiFi-Übertragung. Das dafür entwickelte Profil A2DP (Advanced Audio Distribution Profile) ist noch sehr neu, an A2DP-Zuspielern mangelt es noch gewaltig. Bei den Helmanlagen beherrschen nur BMW und Bluebike dieses Profil, für die Musikübertragung in den Helm sind aber zusätzliche Steuergeräte erforderlich. Bei Nolan ist eine Musikquelle per Kabel anschließbar, allerdings nur in Mono-Qualität.

Endwertung

Die Technik ist noch jung, Probleme gibt es immer wieder, in der Summe kommt kein System über die Note »befriedigend« hinaus. Im Ranking vorne stehen mit Dainese und Nolan zwei italienische Anbieter, deren Bluetooth-Kit vom gleichen Zulieferer (Stilo) stammt. Wobei der Dainese-Helm aufgrund der besseren Allroundeigenschaften (Gewicht, Fahrgeräusche) knapp vor dem Nolan-Helm liegt. In Sachen Kommunikation bietet der Nolan allerdings mehr Anschlussoptionen. Der BMW-Helm enttäuschte mit schlechten Sprachverbindungen bereits bei moderatem Autobahntempo, der Momo war schon in der Stadt überfordert. Bei den Nachrüstkits beeindruckt Bluebike mit guter Audioqualität.
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Rechtliches und Autorenstandpunkt

Recht & Rat

Telefonieren auf dem Motorrad: Wie soll denn das gehen? Der Sprecher des Bundesverkehrsministeriums reagiert sehr konsterniert auf die Anfrage von MOTORRAD, welche rechtlichen Einschränkungen es geben könne. Über die technischen Möglichkeiten aufgeklärt, verweist er dann aber auf den § 23 StVO, nach dem das Telefonieren während der Fahrt ohne Freisprechanlage verboten ist. Ähnlich sieht das ein Sprecher des Polizeipräsidiums Stuttgart: "Eigentlich müssten hier die gleichen Bedingungen wie im Auto gelten." Sprich: Mit der Freisprechanlage im Helm darf auf dem Motorrad telefoniert werden. Ein offizielles Statement will allerdings keine Seite abgeben. "Dafür", so heißt es, "liegen uns noch keine Erfahrungswerte vor." Sollten sich in Zukunft Motorradunfälle häufen, bei denen ein Telefon im Spiel war, könnte es nach offizieller Einschätzung zu einer Neuregelung kommen. Die Anbieter aus diesem Test empfehlen übrigens, Telefonate nur im Stand zu führen.


Standpunkt

Bluetooth-Freisprechanlagen fürs Auto gibt’s schon lange, und grundsätzlich funktioniert das alles ganz gut. Kompatibilitätsprobleme wie sie beim Kopieren des Handy-Adressbuchs in die Freisprechanlage noch ab und an auftreten, spielen auf zwei Rädern keine Rolle. Welcher Biker lötet sich schon freiwillig Fernbedienung und Zusatzdisplay an den Lenker? Ist der Kauf eines Helms mit Funk-Freisprecher also gefahrlos? Fast. Solange man mit dem Funk-Helm nur Anrufe entgegennimmt, die ihm das Bluetooth-Handy zufunkt, sind keine Probleme zu erwarten. Aber schon wenn man mit dem Sozius via Intercom (Walkie-Talkie-Funktion) plaudern will, ist bei einigen Systemen Schluss. Sie können lediglich eine Funkverbindung aufrecht halten. Plaudert man also mit dem Mitfahrer, werden eingehende Anrufe nicht mehr durchgestellt. Das ist arm, insbesondere, da diese Funk-Kopfschützer alles andere als billig sind. Für den Aufpreis von durchschnittlich 300 Euro gegenüber dem Standard-Helm kriegt man problemlos fünf ordentliche Freisprechanlagen fürs Auto. Immerhin, mancher Bluetooth-Helm beherrscht mehr als eine Verbindung, was am unangenehm hohen Preis aber wenig ändert. Wer im Grunde lieber seinen Drehzahl-Orgien lauscht statt zu Hause anzurufen, sollte deshalb noch ein, zwei Jahre warten. Die Preise werden purzeln, und mehrere gleichzeitige Funkverbindungen sollten dann Standard sein. Die Funk-Anlagen fürs Auto haben schließlich auch einen enormen Preissturz hinter sich.

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