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MOTORRAD besuchte einen der größten Helmfabrikaten der Welt. HJC steht für bezahlbare, aber qualitativ hochwertige Motorradhelme und ein Blick hinter die Kulissen lohnt sich.

In der Helmfabrik bei HJC in Vietnam Besuch beim modernsten Helmproduzenten HJC

HJC steht für bezahlbare, aber qualitativ hochwertige Motorradhelme. Das südkoreanische Unternehmen ist einer der größten Helmfabrikanten der Welt. MOTORRAD wirft einen Blick hinter die Kulissen der jüngsten und modernsten HJC-Produktionsstätte im Norden von Vietnam. Hier macht die Firma einiges anders als andere Unternehmen im Niedriglohnland.

Die Weltkarte zeigt, wie intensiv HJC die Märkte beackert, zeigt aber auch, wo noch Wachstumspotenzial wäre. HJC hat momentan eine Jahres-Gesamtproduktion von über einer Million Helmen aller Gattungen, kann dieses Volumen aber noch steigern. Allerdings möchte man nicht nur stückzahlenmäßig wachsen, sondern auch das hohe Niveau in Sachen Sicherheit, Qualität und Komfort weiter pushen.

Es war im Januar 2008, als der Fahrtwind aufhörte, das Haupthaar sämtlicher Motorradfahrer in Vietnam nach hinten zu frisieren. Soeben hatte die Regierung eine landesweite Helmpflicht verfügt. Die wenigsten Vietnamesen leisteten sich sofort einen Helm, sondern taten dem neuen Gesetzt zunächst mit fantasievoll getragenen Töpfen, Hüten, Eimern oder Babybadewannen Genüge.

Bereits vor diesem Regierungserlass beschloss die südkoreanische Firma Hong Jin-Crown (HJC) die Produktion von Motorradhelmen im Fabrikationsparadies Vietnam. Einerseits mit Blick auf den eventuellen zukünftigen lokalen Millionenmarkt, andererseits, um die bereits seit langem bestehenden Produktionsstätten in Korea und China bei der Belieferung des Weltmarktes zu unterstützen.

HJC ist ein echter Global Player. Das 1971 von Mister Hong gegründete Unternehmen unterhält Vertriebsorganisationen, Forschungs- und Designzentren in den USA und in Europa. Bereits 1992 eroberten die Südkoreaner mit einem Marktanteil von über 30 Prozent die Marktführerschaft in Nordamerika, woran sich bis heute nichts geändert hat. Am Weltmarkt ist HJC mit über fünfzehn Prozent beteiligt. Wenn man sich den Aufwand ansieht, mit dem die Helme hier in Vietnam gefertigt werden, verwundert solche Marktpräsenz nicht.

Blitzsauber schmiegt sich der 33000 Quadratmeter große Industriekomplex in die Landschaft. Fahl strahlt die Sonne auf gepflegte Blumenbeete, mehrere große Hallen und Nebengebäude, die sich fast schüchtern in umliegende Hügel schmiegen. Grüppchen von Arbeiterinnen schlendern Hand in Hand auf den Straßen zwischen den Hallen, Männer verzehren auf Bänken ihren Pausenimbiss. Freundlich mustern sie die Besucher, erzählen freimütig, sie seien froh, hier einen Job zu haben.

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Foto: Biebricher
Hat die Fertigungsprozesse beim Aufbau des Werkes in Vietnam optimiert: Le Duy Cuong, Ingenieur aus Südkorea.
Hat die Fertigungsprozesse beim Aufbau des Werkes in Vietnam optimiert: Le Duy Cuong, Ingenieur aus Südkorea.

Anders als bei den zahlreichen Textil- oder Elektronik-Produktionsstätten im armen Nordvietnam verdienen die 330 Arbeiter bei HJC-Vina, wie die vietnamesische Dependance heißt, rund 130 Dollar im Monat und erfreuen sich überdurchschnittlicher Sozialleistungen. Ihre Kollegen in anderen Industriesparten gehen bei längerer Arbeitszeit oft mit dem Äquivalent von 55 US-Dollar nach Hause.

Auch von innen wirken die Hallen hell, sauber und aufgeräumt. Die Fertigungstiefe liegt bei weit über 90 Prozent, nur die Visiere kommen bislang noch aus Südkorea. Hier in Hanoi wird sogar das EPS-Material für die stoßabsorbierenden Innenschalen selbst hergestellt. Große Maschinen der deutschen Firma Kurtz spucken fertige Teilschalen aus, die bei 45 Grad Umgebungstemperatur nochmal sechs Stunden austrocken müssen, bevor sie weiterverarbeitet werden können. Auch die für die Produktion notwendige Wärme erzeugen die HJCler in einem eigenen Mini-Kraftwerk.

Geführt von Mister Nam, dem Werksdirektor und Le Duy Cuong, dem für alle Herstellungsprozesse verantwortlichen Ingenieur, gelangen wir in die Näherei, wo rund 80 Mitarbeiter vom Kinnriemen bis zum Futter alle Helminnereien in präzise organisierter Handarbeit aus Rohmaterial ausschneiden, vernähen und zusammenfügen.

Dann kommt die Fertigung der Außenschalen, wo mit viel logistischem Aufwand eine ganze Bandbreite an Arbeiten realisiert wird. Zum Teil automatisiert, zum Teil in Handarbeit. Was immer wieder auffällt: Die Arbeitsatmosphäre ist unverkrampft, aber konzentriert. Präzision wird großgeschrieben, zur Sicherheit stehen alle Arbeitsschritte in Bild und Schrift noch einmal über den jeweiligen Stationen an der Wand. Nach jedem Produktionsschritt erfolgt eine minutiöse Qualitätskontrolle. Sollte die Ausschussrate zu groß werden, scheut man sich nicht, die Produktion an-zuhalten und den Ursachen auf den Grund zu gehen, versichert Le Duy Cuong.

Frau Nguyen ist eine junge Arbeiterin, die mit ihren Kolleginnen Dekorbögen ausschneidet und auf die Außenschalen klebt. Unverkennbar, dass die Damen Spaß an dieser Tätigkeit haben. Das Aufkleben ist Präzisionsarbeit und erfordert extrem ruhige Hände. Anschließend kommen die Schalen in eine antistatische Luftdusche, dann geht es in die Lackierstraße, wo sie eine Klarlackgrundierung erhalten. Für einen Teil der Modellpalette gibt es eine Acryl-Beschichtung, die anderen erhalten eine mehrschichtige Endlackierung.

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Foto: Biebricher
Das fertige Helmfutter zeugt vom extremen Aufwand für Komfort und Sicherheit.
Das fertige Helmfutter zeugt vom extremen Aufwand für Komfort und Sicherheit.

Die beim Lackieren entstehenden Nebel und Dämpfe werden abgesaugt und chemisch neutralisiert. Das Gleiche gilt für die übrigen Abgase von HJC Vina, die durch diverse Katalysatoren und Filteranlagen müssen, bevor sie aus hohen Schornsteinen in die Atmosphäre entlassen werden. Direktor Nam wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass HJC Vina eine der umweltfreundlichsten Fabriken in ganz Vietnam ist und hier eine Vorreiterrolle spielt. Der internationale Besucherandrang deswegen ist groß.

Wie in einem Automobilwerk kommen alle Helm-Einzelteile "just in time" in einer großen Montagehalle zusammen. Jetzt ist es nicht mehr weit zum fertigen Helm. Auch hier drängt sich der Eindruck auf, dass die Arbeiter nicht lieblos ein Industrieprodukt zusammenschustern, sondern eher ein Uhrwerk ineinanderfügen.

Das Verpacken erfolgt mit einem automatischen Barcode-System und einer ausgeklügelten Kartonierung. Von jedem Auftrag werden acht Helme als Stichprobe entnommen und separat penibelst überprüft. Es ist schwer zu fassen, doch unter den Arbeitern herrscht gute Laune, was vielleicht damit zu tun hat, dass sie alle zwei Stunden zehn Minuten Pause haben. Oder dass es über Mittag in einer großen Kantine eine Mahlzeit gibt, die in der werkseigenen Küche zubereitet wird und für alle Arbeiter und Angestellten kostenlos ist. Achtstundentag, eine Stunde Mittagspause, Ruheräume für konzentrationsfördernden Schnellschlaf ("Power Nap") zwischendurch und echte Aufstiegschancen machen HJC Vina zu einem begehrten Arbeitgeber, nicht nur für Arbeiter, auch für Ingenieure oder andere hochqualifizierte Kräfte.

Diese optimieren permanent Betriebs- und Organisationsabläufe oder arbeiten im Testlabor, wo die Prüfzyklen aller existierenden Helmnormen für die unterschiedlichsten Märkte duchgeführt werden. Waren bis vor kurzem nur Südkoreaner in den verantwortungsvollsten Positionen beschäftigt, wachsen nun auch mit großem Erfolg immer mehr Vietnamesen in die Management-Ebene hinein.

Foto: Biebricher
Muss auf den Millimeter genau stimmen: das Bekleben der Außenschalen mit den Dekorbögen der HJC-Designer.
Muss auf den Millimeter genau stimmen: das Bekleben der Außenschalen mit den Dekorbögen der HJC-Designer.

Das Testlabor hat für die Besucher höchsten Unterhaltungswert, weil hier die Helme bewusst und unter permanenter wissenschaftlicher Analyse zerstört werden. "HJC versucht, über die internationalen Anforderungen hinaus die Sicherheit der Helme zu erhöhen", sagt Mister Nam und feuert mit einem festinstallierten Gewehr eine Kugel auf ein Visier, das anschließend nur einen kleinen Abdruck zeigt. Das Labor steckt voller Einrichtungen, die alle denkbaren Crash-Situationen und Industrie-Normen simulieren können. Hier arbeitet man an einer optimalen Synthese aus Stabilität, Flexibilität, Gewicht und Stoßabsorbtionsfähigkeit in allen Helmbereichen.

Weil dieser Prozess immer weiter fortschreitet, die Preise aber nicht in den Himmel wachsen, gewinnen HJC-Helme schon mal den einen oder anderen Vergleichstest oder zieren die Köpfe berühmter Rennfahrer. Schön zu wissen, dass es auch in Niedriglohnländern Unternehmen gibt, die auf andere Dinge Wert legen als auf reine Gewinnmaximierung.

Foto: Biebricher
Produktionsstandorte und Märkte von HJC.
Produktionsstandorte und Märkte von HJC.

Produktionsstandorte und Märkte von HJC.

Die Weltkarte zeigt, wie intensiv HJC die Märkte beackert, zeigt aber auch, wo noch Wachstumspotenzial wäre. HJC hat momentan eine Jahres-Gesamtproduktion von über einer Million Helmen aller Gattungen, kann dieses Volumen aber noch steigern. Allerdings möchte man nicht nur stückzahlenmäßig wachsen, sondern auch das hohe Niveau in Sachen Sicherheit, Qualität und Komfort weiter pushen.

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