Günstige Lederkombis

Preiswerte Kombis

Lederkombis zu Schleuderpreisen. Doch was, wenn man ins Schleudern gerät und schmerzhafter Asphaltkontakt droht? MOTORRAD hat fünf billige Zweiteiler unter die Lupe genommen, sagt, was man für mehr Geld bekommt, und gibt Tipps für einen erfolgreichen Einkauf.

Foto: Jahn
Günstige Lederkombis für Einsteiger: Maximaler Schutz zu minimalen Preisen?
Günstige Lederkombis für Einsteiger: Maximaler Schutz zu minimalen Preisen?
Früher, so heißt es, habe die Marine gerne Nichtschwimmer auf Kriegsschiffen verpflichtet. Denn bei denen sei die Verteidigungsbereitschaft höher. Eine mehr als fragwürdige Taktik. Aufs Motorrad übertragen hieße das, ohne Schutzkleidung zu fahren, um aus Angst vor Sturzfolgen nicht hinzufallen. Absurd.

So viel vorneweg: Besser als die allseits beliebte Jeans-und-Nierengurt-Kombi ist jede der hier getesteten Lederkombination aus der Low-Budget-Klasse für 270 bis 420 Euro. Klar ist aber auch, dass diese Kombis nicht mit den Anzügen konkurrieren können, die Dottore Rossi und Kollegen auf der Rennstrecke tragen und mehr als das Vierfache kosten. Dennoch gilt für beide Extreme eines gleichermaßen: Sie sind in allererster Linie Schutzanzüge, auf die sich Motorradfahrer im »worst case« verlassen können müssen. Die Nähte müssen beim Sturz halten, das Leder darf nicht durchschleifen oder gar komplett aufreißen, und die Protektoren sollen schmerzhafte Knochenbrüche vermeiden.
Aber hält die Lederkombi tatsächlich, was man sich gemeinhin von ihr verspricht? Insider beobachten seit Längerem, dass der hautenge Dress zum Modeartikel verkommt. Die Lederkombi als reiner Schutzanzug – das war einmal (siehe Interview, Seite 82). Ein Schwachpunkt besonders billiger Angebote ist natürlich die Materialgüte: die Verwendung von schnell reißendem Spaltleder mit miesem Abriebverhalten, der Verzicht auf Sicherheitsnähte, dazu schlecht positionierte oder verrutschende Protektoren. Sogar bei renommierten Marken kann es zu Problemen kommen. Wenn beispielsweise anstelle hochwertiger Marken-Reißverschlüsse billige Fälschungen eingesetzt werden.
Unter der Hand geben Branchenkenner unumwunden zu, dass viele Schwierigkeiten mit den allseits beliebten Produktionsstandorten in Fernost zusammenhängen: »Was willst du machen, wenn der Container mit deiner bestellten Ware auf dem Hof steht und die Schnittvorgaben bei 5000 Kombis nicht eingehalten wurden? Oder das Leder nicht die gewünschte Qualität aufweist?« Zu beheben wären viele Mängel mit einer permanenten Qualitätskontrolle vor Ort, was aber praktisch gar nicht möglich ist.
Besonders ärgerlich ist die Tatsache, dass der Verbraucher meist nicht nachvollziehen kann, aus welchem Land die Ware stammt. Denn trotz gesetzlicher Verpflichtung fehlt vor allem bei Billigkombinationen immer wieder die Angabe des Herstellungslands. Und viele Verkäufer können diese Frage nur mit einem Achselzucken beantworten.
Noch halten die renommierten Hersteller von Motorrad-Schutzbekleidung am Produktionsstandort Europa fest. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis nach der ersten Osterweiterung in Richtung Rumänien oder Ukraine auch für die Upperclass-Marken das ferne China zur ersten Adresse wird.
Für viele Billiglabel ist der Gang nach Fernost schon seit Jahrzehnten Usus. Der Anteil der Handarbeit an einer Lederkombi ist hoch, folglich müssen gerade diese Kosten gedrückt werden, will man im Low-Budget-Bereich mithalten. Als zweiter Standort für die Lederfertigung hat sich neben China das Nachbarland Pakistan etabliert. Während sich die Fertigungsqualität im Reich der Mitte inzwischen auf einem akzeptablen Niveau bewegt, müssen bei der Ware aus Pakistan deutliche Abstriche gemacht werden. Das gilt für das verwendete Material ebenso wie für die Verarbeitungsqualität.
Grundsätzlich gerät aber die gesamte Textilbranche in Südasien zunehmend ins Gerede. Kritische Stimmen mehren sich, die das Lohngefüge, den Umgang mit Umwelt- und Energieressourcen oder den Arbeitsschutz in den Fabriken anprangern. Oft kommt es hier zu Schreckensmeldungen. Durch Baumängel und marode Technik sterben jedes Jahr Dutzende Arbeiter, vornehmlich Frauen, deren Anteil in der Textilindustrie in Staaten wie Bangladesh oder Pakistan rund 90 Prozent ausmacht. Das mittlerweile arg strapazierte Wort der Nachhaltigkeit – in der Bekleidungsindustrie Asiens hat es noch keinen Einzug gefunden.
In Verbindung mit der veränderten Altersstruktur der Motorradfahrer sehen jedoch einige bekannte Hersteller aus Deutschland gerade darin ihre große Chance. Der gealterte Easy Rider – so die Vermutung – legt andere Konsumgewohnheiten an den Tag. Für ihn gewinnt die »Nachhaltigkeit« eine größere Bedeutung. Auf billige Wegwerfware legt diese Klientel, auch aufgrund schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit, wenig Wert. Sie stellt sich und immer mehr auch dem Verkäufer kritische Fragen: Was passiert, wenn der Reißverschluss nach drei Jahren den Geist aufgibt? Kann die Kombi nach einem Ausrutscher überhaupt repariert werden? In einer solchen Kosten-Nutzen-Bilanz erweist sich so manches billige Schnäppchen im Nachhinein als teures Gesamtpaket.
Fakt ist: Ein großer Teil der in Deutschland angebotenen Lederkombis kommt aus Billiglohnnähereien über mächtige Containerschiffe in die Läden. Und verkauft wird, was sich seit Jahren bewährt hat. Echte Innovationen sucht man mittlerweile vergeblich. Im direkten Vergleich mit Schutzanzügen aus Synthetikfasern, die stets mit neuen Highlights aufwarten, können die Lederkombis nur noch wenig Akzente setzen. Dabei hat die Tierhaut nach wie vor einen riesengroßen Vorteil: Bezüglich Abriebfestigkeit rangiert sie unverändert auf der Pole Position. Nur sehr aufwendig konstruierte Textilanzüge reichen inzwischen annähernd an die Schutzfunktion einer Lederausrüstung heran. Doch der Vorsprung wird weiter schmelzen, wenn die Produktentwicklung in der Lederindustrie immer weniger Gas gibt oder sich unter enormem Preisdruck zu fragwürdigen Konstruktionen hinreißen lässt (siehe Kasten rechts).
Verbesserungen tun dringend not. Ein großer Angriffspunkt ist und bleibt die Allwettertauglichkeit. Diesbezüglich ist Textil Leder weit überlegen. Hier können und müssen Lederanzüge aufholen. Erste Schritte hat man bereits vor etlichen Jahren mit wasserdicht und atmungsaktiv gefertigten Lederkombis unternommen, aber ein weiterer Ausbau ist bislang unterblieben. Lobens- und lohnenswerte Ansätze wie der von Dainese sind wieder in der Schublade verschwunden. BMW hat seit Jahren den wasserdichten Lederanzug »Atlantis« mit nachrüstbarer Gore-Tex-Membrane im Programm. Viel mehr ist in den verschiedenen Sortimenten leider nicht zu finden. Beobachter der Szene berichten zwar von neuen Projekten, die in den Entwicklungsküchen namhafter Ausstatter der Branche brodeln. Die konkrete Umsetzung in käufliche Ware indes hat bislang nicht stattgefunden.
Ein anderer Schritt war der, ein speziell gegerbtes Leder zu verwenden, das sich bei Sonneneinstrahlung weniger stark aufheizt. Mit einigem Erfolg: Das sogenannte »Cool Leather« (siehe auch MOTORRAD 20/2006) ist mittlerweile bei einigen Marken als Ausstattungsfeature vorhanden. Unterm Strich zeigt sich: Ideen sind da, was allerdings fehlt, ist die mutige und großflächige Umsetzung.
Kaufinteressenten von Lederkombis sei auf jeden Fall empfohlen, sich nicht im Vorfeld auf eine bestimmte Preisregion festzulegen. Ganz im Gegenteil: Seien Sie mutig und schlüpfen nach einer 400-Euro-Kombi in eine für 1400 Euro. Sie werden erstaunt sein, wie sehr sich die Passform trotz gleicher Konfektionsgröße unterscheiden kann. Und wer bereits im normalen Leben mit Zwischengrößen hantiert, dem sei ohnehin der Gang zu einem Maßschneider empfohlen. Es muss ja nicht gleich das komplette Ornat im Vollmaß geordert werden, manchmal reichen auch schon kleine Änderungen an einer gewöhnlichen Kombi von der Stange (siehe Kasten »Upgrade« Seite 86). Dererlei Arbeiten sind mit Preisen von bereits unter 100 Euro durchaus bezahlbar. Und noch etwas sei Ihnen als kritischem Verbraucher ans Herz gelegt: Hinterfragen Sie sämtliche Informationen, die Ihnen per Aufnäher oder Beipackzettel mit auf den Weg gegeben werden. Richtig überzeugt hat in diesem Test lediglich das Info-Kärtchen der FLM-Kombi. Darauf war alles, was der Käufer wissen muss, klar und eindeutig aufgelistet. Daneben gab es bedauerlicherweise etliche irreführende Angaben. So suggerierte beispielsweise bei der Modeka-Kombi ein Aufnäher auf der Einschubtasche im Rücken das Vorhandensein eines CE-geprüften Protektors. Im Innern befand sich aber nur ein dünnes Polster, das allenfalls als ärmelschonende Unterlage für den Schreibtisch taugt. Auch beim vermeintlich günstigsten Kauf darf nicht vergessen werden: Es geht um Ihre Haut!
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BÜSE SEPANG

Anbieter: Büse, Telefon 02471/12690, www.buese.com
Preis: ab 399,95 Euro
Materialien: Rindleder, Nylon-Stretch-einsätze, Polyester-Netzfutter
Größen: Herren 48 bis 60, Damen 36 bis 42*
Farben: Schwarz, Schwarz/Rot, Schwarz/Orange, Schwarz/Blau, Schwarz/Gelb, Schwarz/Grün
Gewicht: 4,5 Kilogramm (Größe 52)
Besonderheiten: langer Verbindungsreißverschluss; Knieschleifer nachrüstbar
PLUS Bis auf nachlässig aufgebrachte Beschriftung sehr ansehnliche Verarbeitung; griffiges, angenehmes Leder; weicher, geschmeidiger Kragenabschluss; hochwertige Protektorenausstattung; Lederdopplung an den Sturzzonen
MINUS Scharfkantiger Verbindungsreiß-verschluss aus Metall; keine Reflektoren; Schulterprotektoren drücken; Ellbogen zu weit geschnitten, Protektoren verrutschen leicht; Kniepartie zu voluminös, wirft Falten, schneidet in Kniekehle ein; Knieprotektortaschen nicht am Leder fixiert; bei sportlicher Haltung störende Wulst im Rücken plus Faltenbildung am Bauch
FAZIT Akzeptable Tourenkombi, die sich aber gegenüber den rund 100 Euro günstigeren Kombis der Konkurrenz nicht deutlich absetzen kann. Top sind die hochwertigen Protektoren, die allerdings zu nachlässig positioniert sind

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CORAX BLACK TRACK

Anbieter: Two Wheel Distribution, Telefon 07145/93620, www.corax-online.de
Preis: 299,90 Euro
Materialien: Rindleder, Nylon-Stretcheinsätze, Polyester-Netzfutter
Größen: Herren 48 bis 58
Farbe: Schwarz
Gewicht: 4,0 Kilogramm (Größe 52)
Besonderheiten: langer Verbindungsreißverschluss; winddicht hinterlegte Perforation; Knieschleifer nachrüstbar
PLUS Geschmeidig anliegendes Leder in guter Qualität; sehr leicht; Reflektoren; gute Protektorenausstattung inklusive Hüftprotektoren; viele, gut zugängliche Taschen; effektive Belüftungszipper im Brustbereich und angenehm wirkende Per-foration; sehr gute Reißverschlussausstat-tung; gedoppeltes Leder an den Sturzzonen
MINUS Extrem rutschige Sitzfläche, dadurch sehr schlechter Halt auf dem Motorrad; Kragen klafft weit auseinander; Oberarme zu lang, Unterarme zu kurz und zu eng, Jacke schnürt in der Armbeuge stark ein; Achselbereich schneidet stark ein; Reißverschluss drückt auf Wade; Protektorentaschen nicht optimal platziert und fixiert
FAZIT Gutes Leder, gute Protektoren. Doch leider sind die einzelnen Elemente nicht in gleicher Güte zusammengefügt worden. In puncto Passform und Tragekomfort nicht überzeugend

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FLM STREAM

Anbieter: Polo Expressversand, Telefon 0180/5225785, www.polo-motorrad.de
Preis: von 269,90 bis 309,90 Euro*
Materialien: Rindleder, Polyamid-Stretch-einsätze, Polyester-Netzfutter
Größen**: Herren 48 bis 60, Damen 34 bis 42**
Farben: Schwarz, Rot, Blau
Gewicht: 4,0 Kilogramm (Größe 52)
Besonderheiten: langer und kurzer Verbindungsreißverschluss
PLUS Griffiges Leder in sehr ansehn-licher Verarbeitung; druckfrei anlie-gende Protektoren; sehr guter Halt auf dem Motorrad; bequem nur bei bei aufrechter, touristischer Körper-haltung; sauber abgesteppte Sicher-heitsnähte; vorbildlich gestaltetes Booklet mit ausführlichen Informationen; Lederdopplung an den Sturzzonen
MINUS Antiquierte Hartschaumpro-tektoren; wenig abriebfester Stoffstretch an wichtigen Sturzzonen; insgesamt zu zäh und unbeweglich für sportliche Gangart; labberige Klettverschlüsse; sehr hakige Reißverschlüsse
FAZIT In dieser Preisklasse sehr ansehnlich verarbeitete Lederkombination, die besonders gut zu bequemen Tourenmotorrädern passt. In Sachen Protektorenausstattung sollte die Kombi noch deutlich zulegen

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BEFRIEDIGEND

MODEKA SPEEDTEC

Anbieter: Beckumer Leder-Bekleidungswerk, Telefon 02521/850316, www.modeka.de
Preis: 420 Euro
Materialien: Rindleder, Kevlar- und Nylon-Stretcheinsätze, Polyester-Netzfutter
Größen: Herren 48 bis 58, Damen 36 bis 44
Farben: Schwarz/Silber, Schwarz/Blau
Gewicht: 4,9 Kilogramm (Größe 52)
Besonderheiten: Verbindungs-reißverschluss in zwei Längen; Knieschleifer nachrüstbar
PLUS Materialdopplungen an den Sturzzonen; Reflektoren; bis auf Wadenbereich abriebfeste Stretcheinlagen aus Keprotec; viele Taschen; effektiver Lederstretch im Hüftbereich
MINUS Korsettähnliches, extrem einschnürendes Tragegefühl, drückt auf Bauch, spannt am Rücken; starke Falten-bildung; Zuschnitt und Längenproportionen insgesamt wenig gelungen, Nähte zum Teil sehr schlampig gezogen; störende Druckknöpfe an den Ärmeln; alle Testkombis ohne Protektoren ausgerüstet
FAZIT Wenig überzeugende Kombi im Patchwork-Design. Die Passform ist mangelhaft, die Nähte sind wenig über-zeugend. Besonders ärgerlich: In sämt-lichen Testkombis fehlten die Protektoren. Laut Aussage des Herstellers handelt es sich um ein Versehen

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MANGELHAFT

PROBIKER SPORTS

Anbieter: Detlev Louis, Telefon 040/73419360, www.louis.de
Preis: 299,90 Euro
Materialien: Rindleder, Nylon-Stretcheinsätze, Polyester-Netzfutter
Größen: Herren 48 bis 58
Farben: Schwarz/Silber, Schwarz/Blau, Schwarz/Rot
Gewicht: 4,6 Kilogramm (Größe 52)
Besonderheiten: langer Verbindungsreiß-verschluss; Knieschleifer nachrüstbar
PLUS Geschmeidig anliegend; vermit-telt sehr gutes Kontaktgefühl zum Mo-torrad; sehr angenehm und druckfrei im Wadenbereich, sehr gutes Protek-torenpaket; Reflexeinsätze; effektive Belüftungszipper an Front und Rücken; Lederdopplungen an den Sturzzonen; sehr ansehnliche Verarbeitung mit guten Nähten; sehr gute Reißverschlüsse
MINUS Wenig abriebfester Textilstretch an den Sturzzonen; Knieprotektoren nach unten nicht am Leder fixiert; Ellbogenprotektoren können sich durch zu weiten Schnitt wegdrehen
FAZIT Gutes Komplettpaket zu einem guten Preis. In puncto Verarbeitung, Passform und Ausstattung ist die Kombination von Louis durchaus empfehlenswert. Bei Details wie dem Zuschnitt der Ärmel oder dem Materialeinsatz in der Kombi kann noch zugelegt werden

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BEFRIEDIGEND

Auf dem Prüfstand - EINGESCHLAGEN

Die gute Nachricht zuerst: Echte Versager gibt es in diesem Test nicht. Einzig der Ellbogen-Protektor aus der FLM-Kombi ist mit 35,6 Kilonewton (kN) Restkraft grenzwertig. Um die Güte der Protektoren zu beurteilen, hat MOTORRAD den TÜV Rheinland beauftragt, die Restenergie in Anlehnung an die Norm EN 1621-1 durch insgesamt drei Schläge in verschiedene Zonen der Protektoren (Zentrum, mittlerer Ring, Randbereich) zu ermitteln. Bei diesem Schlagtest trifft ein Fünf-Kilo-Fallkörper aus einem Meter Höhe auf den Protektor. Sensoren zeichnen die Restkräfte auf, die im Mittel 35 kN (kein Einzelschlag über 50 kN) nicht überschreiten dürfen. Die Mittelwerte sind in der Tabelle unten gelistet.
Obwohl sich die Protektoren bis auf die erwähnte Ausnahme im erlaubten Rahmen bewegen, zeigt sich dennoch, dass Neuentwicklungen auf diesem Sektor mit besonders guten Ergebnissen beeindrucken können. Vor allem die neueste Protektorengeneration von Sas-Tec (eingesetzt unter anderem in der Büse- und Probiker-Kombination) erreicht Ergebnisse, die den mittlerweile zehn Jahre alten Grenzwert in weite Ferne rücken lassen. Sie erfüllt teilweise sogar die viel strengere Vorgabe für Rückenprotektoren (maximal 18 kN).
Von den fünf Test-Kombis waren bereits mehr als die Hälfte mit Weichschaumprotektoren ausgestattet. Nur Polo rüstet seine FLM-Kombination noch mit Hartschaumprotektoren aus EPS (bekannt unter dem Handels-namen Styropor) aus. Neben den besseren Schlagdämpfungswerten zeigt die Grafik einen weiteren Vorteil der Weichschaum-Protektoren gegenüber Pendants aus Hartschaum auf: Anstelle eines schnellen, steilen Kraftanstiegs können sie die einwirkende Kraft besser über die Zeit verteilen und hohe Kraftspitzen vermeiden.

Billigkombis beim Profischneider - SCHERKRÄFTE

Mit einer kleinen Nagelschere nähert sich Stefan Röttger der Kombi. Binnen Sekunden ist die Naht von außen aufgetrennt: »Stell dir vor, du schleifst nach einem Sturz über den Asphalt. In dem Fall ist das Garn noch viel schneller weg!« Dann klappt er das Leder auf. Schon tritt die zweite Naht offen zutage, und auch diese stellt für die Nagelschere kein Problem dar. Plötzlich klappt das Bein über die komplette Länge auf. Pseudo-Sicherheitsnähte nennt Rött-ger so etwas, und die sind bei Günstig-Leder-kombis immer wieder zu finden. »Die Nähte«, doziert der Saarländer, »sind das A und O einer Lederkombi: Was nützt die 1,2 Millimeter dicke Lederschicht, wenn das 0,2 Millimeter dünne Garn beim Sturz sofort schlappmacht?«
Dass es in dieser Preisliga auch anders geht, beweisen akkurat gezogene Sicherheitsnähte an anderer Stelle. Hier hat die Schere keine Chance, und auch im realen Fall müsste erst einmal reichlich Leder auf der Strecke bleiben, bevor es für die erste von zwei Nähten gefährlich wird. Licht und Schatten liegen eng beisammen. In Sachen Nahtgüte müssten nach Ansicht des Lederschneiders, der sich auf die Reparatur von Sturzkombis spezialisiert hat, alle Billigkombis entweder grundsätzlich oder zumindest in Teilbereichen überarbeitet werden.
Ein weiteres Problem sind falsche Schnitte oder Längenproportionen. Besonders im Ärmelbereich rund um die Ellbogenprotektoren passt das Maß nicht. Mit der Folge, dass sich Wülste bilden und das Leder in den Armbeugen unangenehm ein-schneidet. Beim Sturz droht zudem die Gefahr, dass sich die Protektoren verdrehen und kaum noch schützen können. Unterm Strich sieht Röttger bei keiner der Testkombis einen einwandfrei ge-lungenen Zuschnitt. Ein Manko, das mit einem ergonomisch durchdachten Schnittmuster schnell behoben wäre.
Ein weiteres Problem der Low-Budget-Kombis ist die Materialgüte. Die Kombis bestehen zum Großteil aus vielen kleinen, zusammengenähten Lederversatzstücken, Reste, die von einer großen Haut übrig bleiben. Dabei kann es leicht passieren, das manches Stück zu den Rändern hin ausgedünnt ist und schnell reißt. Dazu gesellt sich in der Regel einfaches Textilstretch-Material, das ebenfalls wenig widerstandsfähig ist. Hier regiert ganz klar der kaufmännische Rotstift. Denn anders wäre der Preis für diese Kombinationen nicht zu reali-sieren. Röttgers Fazit: »Die Kombis haben ein eng umrissenes Einsatzgebiet. Sie sind ein klarer Fall für Einsteiger und natürlich allemal besser als jede Jeanshose. Erfahrene Vielfahrer sollten dagegen in höheren Preisregionen suchen. Und trotz manch sportlicher Optik: Für den Einsatz auf der Renn-strecke ist kein Zweiteiler geeignet.“

Lederexperte im Interview - »GEIZ IST NICHT GEIL«

Stefan Röttger, 40, betreibt eine Lederwerkstatt (www.skill-skin.com) in Heusweiler nahe Saarbrücken. Zu seinen Kunden zählen Profis wie IDM-Pilot Andy Meklau oder der TV-Entertainer Stefan Raab (»Wok-WM«). MOTORRAD sprach mit dem Experten über die ideale Lederkombination.
Was sollte eine Lederkombi im Jahr 2007 leisten?
Die Lederkombi sollte ein Schutzanzug sein. Motorradfahrer müssen sich bei Low- und High-Level-Kombis darauf verlassen können, dass Verletzungen bei einem Unfall weitestgehend eingeschränkt werden. Das funktioniert jedoch nur, wenn größte Sorgfalt bei der Ver-arbeitung und Materialauswahl bezüglich des Leders, des Garns, der Protektoren und dessen Positionierung an den Tag gelegt wird.
Das ist ja nichts Neues. Was leistet eine Lederkombi denn tatsächlich?
Wir sind heute an einem Punkt, wo 180 PS im Serienmotorrad selbstverständlich sind. Wäre das Niveau bei der Lederschutzbekleidung analog zur Technikentwicklung der Motor-räder gestiegen, dann hätten wir heute einen sehr hohen Sicherheitsstandard. In der Praxis sind jedoch überwiegend Gimmicks und Design gegenüber der Sicherheitstechnik der bestimmende Faktor. Seit Ende der Neunziger ist zu beobachten, dass aufgrund des schwer umkämpften Marktes die Lederkombi zum reinen Modeartikel verkommt. Das Interesse diverser Produzenten sollte jedoch auf bestmöglichen Schutz gerichtet sein – nicht auf Produktions-kostenminimierung und Marketingstrategien.
Worauf sollte der Motorradfahrer beim Kauf unbedingt achten?
Eine Lederkombi soll – wenn sie gut gemacht ist – wie eine zweite Haut sitzen. Sie darf nicht schlabbern, aber auch nicht zu eng sein – vergleichbar mit einem Neoprenanzug.
Ist eine gute Lederkombi denn eine Frage des Geldes?
Es ist nicht unbedingt eine Frage des Geldes, sondern eine Frage des Verwendungszwecks. Gäbe es dafür eine Norm, wäre die Entscheidung einfacher, ob man ein Low- oder High-Level-Produkt wählt. Jedoch dürfte jedem klar sein, dass Geiz nicht geil sein kann, wenn es um Vermeidung von Verletzungen geht.

Qualitätskontrolle bei der Anprobe - EINKAUFSFÜHRER

Was nehmen: das teuerste Produkt eines Billiglabels oder zum gleichen Preis die Einstiegskombi einer bekannten Marke? Fakt ist: Die Kombi muss in jedem Fall auf dem Motorrad gut sitzen. Aber auch im Laden lassen sich bereits wichtige Punkte abchecken. Bei Unklarheiten oder dürftigen Produktinfos den Verkäufer fragen. Zuckt der nur ratlos die Schultern, lieber vom Kauf Abstand nehmen!


Reißverschlüsse: Ein massiv wirkender Metallreißverschluss ist noch kein Qualitätsmerkmal. Bewährt haben sich vor allem kunststoffummantelte Spiralreißverschlüsse von YKK. Verbindungsreißverschlüsse sollten fest im Leder vernäht sein


Nähte: Je weniger Nähte, desto besser. Denn beim Sturz sind Nähte der Schwachpunkt. Selbst doppelte Steppnähte sind schnell aufgetrennt. An das Garn von guten, zusätzlich abgesteppten Sicherheitsnähten kommt man von außen nicht ran


Protektoren: Hochwertige Protektoren müssen gut positioniert sein. Sicherstellen, dass die Schutz-polster eng, aber druckfrei anliegen. Protektorentaschen dürfen nicht lose im Futter eingehängt, sondern müssen am Leder fixiert sein


Leder: Billigkombis sehen aus wie ein Flickenteppich, teure erscheinen wie aus einem Guss. Der Grund: Ganze Häute sind teuer, deshalb wird aus Resten zusammengenäht. Die Güte dieser Stücke ist bisweilen sehr fraglich


Innenfutter: Bei teuren Kombis ist das Futter herausnehmbar und waschbar. Beim Low-Budget-Leder ist es fest vernäht. Bei der Anprobe prüfen, ob das Futter belastbar ist. Krachen bei der Sitzprobe gleich die Nähte? Finger weg


Stretch: Günstigkombis haben einfachen Textilstretch, teure sind mit abriebfestem Kevlarstretch (innen mit gelb-schwarzer Struktur) ausgestattet. Prüfen, ob der Stretch sich auch in die richtige Richtung (quer, nicht längs!) dehnen lässt

Protektoren in der Praxis - FALLBEISPIELE

Keine Frage, die Prüfstandswerte sind rein theoretischer Natur. Und die Kräfte, die gemes-sen werden, würden ohnehin jeden mensch-lichen Körper überfordern. Nur als Anhaltspunkt: 35 Kilonewton beträgt die maximal zulässige Restkraft, die ein Protektor durchlassen darf. Ein menschlicher Knochen bricht bereits bei sechs bis neun Kilonewton. Die Prüfstandsdaten helfen aber vor allem, die Protektoren zu typi-sieren und durch die Reproduzierbarkeit der Werte vergleichbar zu machen.
MOTORRAD wollte es genauer wissen und hat den TÜV Rheinland beauftragt, ausgewählte Protektoren zusätzlich zur Prüfung gemäß EN 1621-1 im eingebauten Zustand zu messen. Was bringen Leder, Materialdopplungen oder zusätzlich aufgebrachte Schaumpolsterungen auf der Außenhaut?
Die Ergebnisse zeigen: Je nach Konstruktion der Umgebung des Protektors kann die Rest-kraft teils drastisch reduziert werden. Auch die Kraftverteilung kann, wie in der Grafik ersichtlich, deutlich positiver verlaufen. Aus einer steilen Kurve mit hoher Kraftspitze (Protektor solo) wird im eingebauten Zustand eine weiche, flach ansteigende Welle. Um wirklich effektiv zu schüt-zen, darf sich der Protektor beim Sturz nicht verschieben oder verdrehen. Ansonsten liegt der Knochen frei, die Kräfte können nahezu ungefiltert einwirken, ein Bruch ist programmiert. Besonders am Arm (Schulter, Ellbogen), aber auch im Knie-bereich zeigten unsere Testkombis immer wieder Schwächen. Und dann hat selbst das gute Ergeb-nis bei der Aufschlagsprüfung wenig Wert. Auf den Punkt bringt es Lederexperte Stefan Röttger: »Das wäre genauso, als würde man einen Airbag im Kofferraum verbauen.“

Fazit: günstige Lederkombis

Auch wenn die Aufnahmen für Knieschleifer, die bis auf eine Ausnahme bei allen Testkombis vorhanden sind, auf etwas anderes hindeuten: Für echte Sportpiloten ist das Low-Budget-Leder kaum geeignet. Einen geschmeidig anliegenden Anzug, gepaart mit hoher Beweglichkeit und optimal anliegenden Protektoren konnten wir in diesem Test nicht ausmachen. Fahrer drahtiger Sportbikes würden durch diese Lederkombis eher behindert werden. Empfehlenswert ist die Preisklasse bis rund 400 Euro vor allem für Einsteiger auf anfängerfreundlichen Bikes wie einer Kawasaki ER-6 oder Honda CBF 600.

Mehr Geld, mehr Leder? - UPGRADE

Die Preisspanne bei Lederkombinationen ist enorm. Sie reicht von knapp 200 bis zu 2000 Euro. Heißt »mehr Geld« nun auch »mehr Wert«? MOTORRAD hat sich in den oberen Preisklassen umgeschaut und eine Auswahl aus vier verschiedenen Preiskate-gorien zusammengestellt.
600 Euro: Hier sind die bekannten Günstigmarken nur noch vereinzelt zu finden. 599,90 Euro verlangt Polo für den Zweiteiler Evo 1, Büse bietet die Sportkombi Donington für 699,95 Euro an, beide inklusive eines CE-geprüften Rückenprotektors. Im Fachhandel finden sich die Einstiegsangebote bekannter Marken wie Harro (www.harro.de). 669 Euro kostet das oben abge-bildete Modell Classic. Die Farben des zeitlos geschnittenen Zwei-teilers sind frei wählbar, eine Maßanfertigung ist ab 79 Euro Aufpreis für drei Änderungen (Vollmaß 229 Euro) möglich.
800 Euro: die obere Mittelklasse bei den Lederkombis. Schnitt und Tragekomfort können meist deutlich mehr überzeugen als bei den Einsteigerkombinationen bis 400 Euro. Auch die Qualität der verwendeten Materialien (Leder-güte, abriebfeste Stretcheinlagen aus Kevlar) ist meist höher. Ixs (www.ixs.com) bietet für 799 Euro die abgebildete Kombi Scream mit Aramid-verstärkten Textileinsätzen an, Alpinestars verlangt für die rennsportlich vorgekrümmte Kombi Vector knapp 900 Euro. Ärgerlich: Ein Rückenprotektor ist noch nicht Standard.
1000 Euro: Die Oberklasse der Lederkombis ist fest in italieni-scher Hand. Die zweiteilige Kombi Izalco (Foto, 998 Euro) von Dainese (www.dainese.com) verfügt über etliche Features wie beispielsweise Titaneinsätze an den Sturzzonen – Elemente, die direkt aus dem Rennsport kommen. 1069 Euro kostet die Spidi-Rennkombi R-Course Wind Pro (www.spidi.com), die sich zusätzlich mit einem Trinksystem aufrüsten lässt. Und Arlen Ness (www.held-biker-fashion.de) setzt sich für rund 1000 Euro mit einem Rind-Känguru-Ledermix in Szene.
1200 Euro: Ab dieser Summe sind individuell angepasste Leder-kombinationen zu bekommen. Im Bild zu sehen ist das Modell DynaPro Tour 405 von Erbo (www.erbo.de), das maßgefertigt 1339 Euro kostet. Alne (www.alne-leder.de) hat sich schon seit Jahren auf Kombinationen aus Känguru-Leder spezialisiert (auf Maß ab rund 1200 Euro), und Schwabenleder (www.schwaben-leder.de) bietet neben seinen bekannten Rennkombinationen Classic-Anzüge (1129 Euro plus Maßanfertigung ab 99 Euro) im Stil der legendären Superbike-Ära.

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