Praxisberatung: Regenausrüstung

Tropfenweise heiter

Keine Frage, Motorradfahrer sind extrem wetterfühlig. Aber muss einem ein kleiner Regenschauer gleich die Stimmung verhageln? Müssen die Klamotten durchweichen und das Gepäck absaufen? Lesen Sie, worauf es bei der Ausrüstung ankommt.

Foto: fact
MOTORRAD gibt Tipps, damit genau das nicht passiert.
MOTORRAD gibt Tipps, damit genau das nicht passiert.
Die Eiskristallparty steigt weit oben in der Troposphäre. Ein paar Hartgesottene haben sich dort versammelt, warten auf weitere Gäste. Die, von der guten Stimmung angezogen, schon bald herbeiströmen. Rambazamba ist angesagt, es wird kräftig geschluckt. Plötzlich aber gibt es für die Partygäste kein Halten mehr, unerbittlich meldet sich die Schwerkraft
zu Wort. Milliarden kleiner Schneeflöckchen taumeln im freien Fall nach unten, reiben sich an der Luft, werden flüssig und rasen mit knapp sieben Metern pro Sekunde Richtung Erde. Wie kleine Geschosse schlagen sie dann unten auf den Motorradfahrer auf, zerplatzen auf Visieren,
zerspringen auf der Kombi, bilden Bäche, sickern herunter, werden vom Fahrtwind
in Ritzen und Nähte gepresst, laufen in Stiefel und Handschuhe.
Das Dilemma, für das die Eiskristallparty sorgt, ist so alt wie das Motorrad selbst: Was tun bei Regen? Die Nase
direkt im Wind, allen Unbilden des Wetters unmittelbar ausgesetzt, war es schon immer das Bestreben des Kradlers, trotzdem so kommod wie möglich von A nach B
zu reisen. Zu den ältesten Formen gehört zweifelsohne die gewachste Baumwolljacke à la Belstaff oder Barbour, auf die echte Fahrensmänner seit über 50 Jahren setzen. Zum Universalheilmittel gegen nasse Klamotten sollte jedoch die Regenkombi werden. Seit gut drei Jahrzehnten schwören Motorradfahrer auf den Plastiksack, in den man sich unter Autobahnbrücken reinzappelt und aus dem bei der Pause in der Raststätte mächtige Dampfschwaden entweichen. Denn dicht heißt bei den Regenkombis wirklich dicht. Dank PU- oder PVC-Beschichtung kommt durch das Nylongewebe von außen kein Tropfen rein, von innen aber auch nichts raus.
Das Angebot an Regenkombis auf dem Markt ist irre. Es reicht von One-way-Produkten für weniger als zehn Euro, die unter jede Sitzbank passen und folglich einen riesengroßen Vorteil haben: Sie sind immer dabei. Den Großteil bildet schnörkellose Standardware, die im Schnitt 20 Euro kostet, daneben werden aber auch atmungsaktive Luxuskombinationen für rund 50 Euro angeboten. Egal, wie teuer die Kombi ist, sie sollte vor allem eines sein: wasserdicht. Schon beim Kauf lässt sich mit kritischem Blick abschätzen, ob man in der Regenpelle den ersten Schauer gut überstehen wird: Ist der Kragen hoch genug gezogen und dichtet richtig ab, fallen die Arm- und Beinabschlüsse lang genug aus?
Sensible Punkte sind die Nahtstellen. Der Blick geht also ins Innere der Kombi, wo alle Nähte sorgfältig abgedichtet sein sollten. Kritisch ist außerdem die Einstiegsöffnung. Auf der einen Seite sollte diese so weit wie möglich ausfallen, um bequem und binnen Sekunden im vollen Ornat ins Trockene schlüpfen zu können. Auf der anderen Seite sind große Einstiegsöffnungen oftmals mit zu kurzen Lätzen hinterlegt, weshalb sich Wasser einen Weg ins Innere suchen kann. Deshalb sollte man schon im Geschäft die Probe aufs Exempel machen: Klappt das Anziehen easy, sind die Wassersperren hoch genug gezogen? Ein quer verlaufender Frontreißverschluss sowie komplett gefütterte Kombis erleichtern das Anziehen übrigens enorm.
Obwohl der Nylonschlauch auch heute noch zu den Top-Produkten für den Wetterschutz zählt, ist der Absatz mittlerweile rückläufig. Zum Problem für die Regenkombi wird der Verbundpartner, die Lederkombi. Denn hier haben sich die Kaufinteressen inzwischen deutlich verschoben.
Beim Neukauf von Schutzbekleidung ist der textile Allwetteranzug auf Platz eins gerückt, Insider sprechen von einer Ver-
teilung von 80 zu 20 zugunsten der Syn-
thetikfaser. Die textilen Wunderwaffen à la Gore-Tex (Eigenwerbung: »Guaranteed to keep you dry«) und Co. wollen dem Motorradfahrer auf jeden Fall eines vermitteln: Wir lassen dich nicht im Regen stehen.
Das Preisgefüge ist enorm: Man kann bereits für rund 150 Euro fündig werden, aber auch schnell den zehnfachen Betrag hinblättern. Die Formel »je teurer, desto dichter« geht indes nicht auf. Unsere Tests diesbezüglich haben immer wieder gezeigt: Ausreißer, sprich Versager im Nässetest gibt es in allen Preiskategorien. Wer auf der sicheren Seite einkaufen will, greift zu Produkten, die mit langen Garantie-
zeiten gesegnet sind. Namhafte Hersteller
gewähren zum Teil bis zu fünf Jahren, Platzhirsch Gore-Tex propagiert gar die
lebenslange Garantie. Und die sollten Sie auch umgehend einfordern, wenn Sie auf einer Regentour ein unfreiwilliges Vollbad genossen haben. Viele Undichtigkeiten sind auf simple Schlampereien bei der
Verarbeitung zurückzuführen. Das Anforderungsprofil ist ähnlich wie bei der Regenkombi: Nass wird’s in der Regel da, wo Abschlüsse oder Übergänge nicht stimmen oder schlicht zu kurz geraten sind.
Und noch etwas kann zum Problem
bei den Anzügen mit den hauchdünnen Nässeschutzfolien werden. Bei mangelhafter Pflege oder unachtsamer Handhabe (falsche Wäsche, fehlende Imprägnierung, nachlässig verschlossen) ist man darin schneller nass als in einer schnöden Lederkombi. Die gibt es übrigens mittlerweile auch in wasserdichter Ausführung mit eingearbeiteter Klimamembrane bei renommierten Herstellern wie BMW, Stadler
oder Dainese. Empfehlenswert für alle, die das einbeinige Zappeln unter Autobahnbrücken leid sind.
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Die Nasse Wahrheit über Heizgriffe

...Heizgriffe: warme und trockene Finger? Das kann manchmal in die Hose beziehungsweise Hände gehen. Denn die Regentropfen, die auf Heizgriffen verdunsten, können als Wasserdampf durch die Klimamembrane
in das Handschuhinnere dringen. An
kalten Regentagen bleibt die Qual der Wahl: warme oder trockene Finger?

Axo Nitro

Axo Nitro: einfach ausgestattete, körperbetont geschnittene Regenkombi. Erweist sich im Test
als absolut wasserdicht, kann durch ordentliche Verarbeitung punkten.
Auch der Tragekomfort ist akzeptabel.
Momentan als Schnäppchen für 39,90 Euro im Angebot.
Test in MOTORRAD 17/2003,
Urteil: empfehlenswert

Die Nasse Wahrheit über trockene Füße

...trockene Füße: Wer wasserdichte Stiefel anbietet, verwendet in der Regel Kunststoff-Folien. Es geht auch natürlicher. Beispiel Kaiman (www.kaiman.de). Hier setzt man auf Leder, das beim Gerben mit wasserabweisenden Eigenschaften versehen wird. Und auf einen Träger, der seine Schuhe regelmäßig putzt und einfettet.

Tipps fürs richtige Verpacken - Gut verpackt im Regen: rät

Nach zig Kilometern Dauerregen am Urlaubsort ankommen. Jetzt raus aus den klammen Klamotten, schnell was Trockenes anziehen. Doch dann der Horror. Im Koffer steht die Brühe zentimeterhoch, im Tankrucksack spielen Mobiltelefon und Geldbörse eine Partie Schiffe versenken. Unsere Empfehlungen für den trockenen Transport auf zwei Rädern.
Gepäckrolle: zweifelsohne erste Wahl und eine der sichersten Lösungen im Regen. Und obendrein eine besonders günstige. Bereits für rund 15 Euro sind 70 wasserdichte Liter im Handel erhältlich. Der Rollenverschluss ist idiotensicher zu handhaben.
Hartschalen-Koffer: in der Regel dicht, aber... Sind die Dichtungen nicht sauber eingelegt oder
haben sich verschoben, droht Wassereinbruch. Ebenfalls problematisch: Oft sammelt sich in den Verschlussmulden Wasser, welches dann beim Öffnen in den Koffer sickert. Deshalb Kofferinhalt stets wasserdicht verpacken.
Tankrucksack: kann im Regen die meisten Probleme bereiten. Angriffsflächen sind die vielen Reißverschlüsse, an denen Wasser schnell durchsickern kann. Die in der Regel mitgelieferte Regenhaube ist leider keine optimale Lösung: bläht sich im Fahrtwind auf, erschwert den Blick auf die Instrumente und kann nach unten nur bedingt gegen Nässe abdichten. Also Empfindliches wie Kameras, Telefone und Geldbörsen in wasserdichte Packbeutel (Outdoor-Fachhandel, ab zehn Euro) verstauen.

Kommentar Thorsten Dentges - Regenkombi an und weiter

Zu jeder Gelegenheit die passende Garderobe, bitte schön! Redakteur Thorsten Dentges kümmert sich bei MOTORRAD unter anderem um die Fahrerausstattung
Schon gut, wir wissen’s: Wasserdichte Textilbekleidung ist praktisch, bequem und bla, bla, bla. Mir egal, wenn ich
auf einer rassigen Sportmaschine oder einem sexy Naked Bike sitze. Bequemlichkeit und Motorradfahren? Passt
ohnehin nicht recht zusammen. Bequeme Menschen fahren Auto, Bus oder Bahn – oder hocken fett auf dem Sofa.
Ich will raus, weg vom Sofa. Da draußen auf der Maschine will ich gut aussehen und mich genauso fühlen, denn Motorradfahren hat mit Stil zu tun. Und stilvoll zu fahren bedeutet, Leder zu tragen. War so, ist so – bleibt hoffentlich auch so. Als Kultusminister würde ich es zum Gesetz machen. Tja, und wenn es regnet? Dann fahre ich rechts
ran, stelle mich irgendwo unter und warte den Schauer ab. Keine Eile, wozu stressen? Vielleicht trifft man dort ja
auch andere Leidensgenossen, die in der Regel allerdings weniger leiden als die meisten Textil-Ritter, die verkrampft durch den Wolkenbruch schiffen. Ansonsten, wenn’s pressiert: Regenkombi an und weiter. Ach ja, mein Anzug soll übrigens nicht nur gut aussehen, sondern auch gut schützen – und zwar nicht nur vor Regen. In dieser Hinsicht kann
kein Textil dem Verbund von Leder und Regenkombi das Wasser reichen.

Kommentar Stefan Kaschel - Schlauer ist Textil

Stefan Kaschel
ist Testredakteur und Vielfahrer, der zwischen Stuttgart und Ostwestfalen pendelt. Bei jedem Wetter
Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Ganz gewiss nicht. Es ist vielmehr
eine Vernunftehe. Hoffnungslos unromantisch, aber durch und durch vernünftig. Meine wilden Zeiten sind vorbei. Die, in denen ich in hautenger Tierhaut mir
völlig unbekannte Menschen beeindrucken wollte. Und im Wahn immer erst dann zur Regenkombi griff, wenn eh schon alles zu spät war.
Heute bin ich für alle Fälle gerüstet. Einfach so, ohne Zwangspause und Einbeinakrobatik. Muss schmunzeln, wenn ich triefende Helmträger unter Autobahnbrücken beim hilflosen Versuch beobachte, unwilliges Gummi über nasses Leder zu ziehen. Oder wenn sie vor Kälte bibbernd am beliebten Bikertreffpunkt auf der Passhöhe XY anzittern.
Denn es geht ja nicht nur um den einen oder anderen Regenschauer, um nass oder trocken. Wer einen herrlichen Frühherbstsonntag auf der Schwäbischen Alb genießen möchte, hat im Leder schlechte Karten. Friert morgens, wenn noch der Nebel über den Tälern wabert. Und abends, wenn sich die Sonne früher
als erwartet verabschiedet. Und zwischendrin schmort man auch im Leder. Vom
Urlaub ganz zu schweigen. Tausend Kilometer Anfahrt, Alpenhochstraße bei
fünf Grad, Adriastrand bei 30. Da hilft nur ein guter Kompromiss. Textil eben.

Die Nasse Wahrheit über klare Sicht

...klare Sicht: Vergessen Sie Mittelchen wie den Tropfen Spüli oder Wundersprays. Auch speziell beschichtete Visiere geben irgendwann auf. Empfehlung für den glasklaren Blick: das Doppelscheiben-Visier.
Funktioniert durch simple Physik
immer und ist fix nachgerüstet
(Pinlock-Visiere, im Fachhandel).

Die Nasse Wahrheit über Kühlschrankeffekte

...Kühlschrankeffekte: Das
Textilornat ist genial. Lässig, bequem, wetterfest. Doch Vorsicht, wer mangelhaft pflegt, dem hängt bald ein
nasser, schwerer Sack am Leib. Wasser dringt ins Gewebe und verdunstet wieder. Der Motorradfahrer wird nicht nass, aber er kühlt aus. Was hilft?
Waschen und regelmäßig imprägnieren.

BMW Allround

BMW Allround: absolut wasserdichter Tourenstiefel von BMW mit sehr bequemer Passform und hoher Beweglichkeit beim Fahren. Vermittelt dank hohem Absatz einen sicheren Halt auf der Raste. Ist durch langen Reißverschluss leicht an- und auszuziehen. Kostenpunkt: 165 Euro.
Test in MOTORRAD 8/2006, Urteil: sehr gut

Held Raindrop

Held Raindrop: erstklassiger
Regenhandschuh aus kompetenter Hand.
Super Tragekomfort durch leichte, hochwertige Stoffe, dank fest einlaminierter Gore-Tex-Membrane ein exzellentes Gefühl beim Greifen. Das Paar kostet zwar stolze 90 Euro, ist aber absolut wasserdicht.
Kauftipp in MOTORRAD 15/2006

Büse Toledo/ Highland

Büse Toledo/
Highland: im Test absolut
wasserdichte Textilkombi der mittleren Preiskategorie. Hohe Praxistauglichkeit aufgrund angenehmen Tragekomforts, Lederverstärkungen und herausnehmbaren Thermofutters. Jacke (174,95 Euro) und Hose (169,95 Euro) sind auch in Sondergrößen erhältlich.
Test in MOTORRAD 9/2005, Urteil: gut

Hein Gericke Cruise

Hein Gericke Cruise: top aus-
gestattete Textilkombi der Oberklasse mit vielen durchdachten Details und hochwertigen Materialien. Besteht den Nässetest mit Bravour, bietet mit
abnehmbarem Hosenlatz und Sturmkragen auch
Reserven für kalte Tage. Das wasserdichte Komplettpaket kostet 679,90 Euro.
Test in MOTORRAD 12/2005, Urteil: sehr gut

10 Anzugswerte für Regenfahrer

Kleiderordnung: Klingt banal, wird aber immer wieder gerne falsch gemacht –
Handschuhstulpen gehören unter die Ärmel,
Hosenbeine über den Stiefel.
Verschlusssache: Alle Klettverschlüsse im Stehen schließen. Nur so werden Falten vermieden und Wasser effektiv ausgesperrt.
Reingezogen: Wenn nasse Textilklamotten trocknen, wandert Feuchtigkeit durch die
Klimamembrane auch nach innen. Innenfutter deshalb beim Trocknen herausnehmen.
Wasserscheu: Funktionswäsche tragen. Fahrten im Regen können schweißtreibend sein. Wichtig sind Stoffe, die die Feuchtigkeit möglichst rasch vom Körper wegtransportieren, um Auskühlung zu verhindern.
Regenrinne: Das Visier justieren. Geht ganz einfach an der Aufhängung. Die Scheibe muss bündig an der Dichtlippe anliegen.
Fette Sache: Auch eine Lederkombi hält kurze Schauer ab. Regelmäßiges Einfetten birgt wahre Wunder.
Wegwerfgesellschaft: Egal, wie dicht Tankrucksack oder Koffer beim Verkauf angepriesen werden – günstigster Nässeschutz sind schnöde Müllsäcke, in denen selbst
sensibelstes Hab und Gut perfekt vor Feuchtigkeit geschützt ist.
Nicht gefühlsecht: Zu gummierten
Überziehern für Stiefel und Handschuhe sollte nur im äußersten Notfall gegriffen werden. Denn das Kontaktgefühl zum Untersatz schwindet damit dramatisch. Und das ist bei Regenfahrten unverzichtbar.
Nahtstelle: Beim Kauf von Regenkombis auf die Übergänge achten. Gute Regenkombis sind vernäht und die Nähte von innen sorg-
fältig verklebt.
Nichts für Weichspüler: Textilanzüge müssen regelmäßig gewaschen werden. Dreckpartikel können die Klimamembrane
zerstören. Auf Weichspüler verzichten. Der
kann die Imprägnierung und die Funktion
der Membrane außer Gefecht setzen. Folglich droht Wassereinbruch.

Anbieter

Axo: Telefon 07145/93620; www.axosport.de
Büse: Telefon 02471/12690; www.buese.com
BMW: Telefon 0180/5001972;
www.bmw-motorrad.de
Hein Gericke: Telefon 0180/5229522; www.hein-gericke.de
Held: Telefon 08321/66460;
www.held-biker-fashion.de

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