Praxistest Sommeranzüge

Luft-Fahrt

Nach dem extrem heißen Sommer des vergangenen Jahres haben viele Motorradbekleidungs-Anbieter ihre Modellpaletten in dieser Saison um luftige Sommeranzüge erweitert. MOTORRAD testete acht Zweiteiler mit großflächigen Belüftungsöffnungen. In welchem dieser Anzüge bleiben Biker selbst bei großer Hitze wirklich cool?

Foto: Künstle
Luftig und sicher? Sommeranzüge im Test
Luftig und sicher? Sommeranzüge im Test
Beim Verschleißtest im Schulterbereich zeigt sich die Anfällig-
keit zur Sägezahnbildung an den Profilrillen, die quer oder diago-
nal angelegt sind
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bmw AirFlow II - Plus Hervorragende Ver- arbeitung; geringe Flatterneigung aufgrund des engen Schnitts; sehr wirkungsvolle Belüftung, die auf kürzeren Strecken selbst bei gemäßigten Temperaturen nicht als unangenehm empfunden wird, da empfindliche Bereiche wie die Nieren vor Zugluft gut geschützt sind; exakt positionierte Protektoren; gut zugängliche Innentasche Minus Passform und Trage- komfort deutlich eingeschränkt; in Fahrerhaltung zieht es die Ärmel nach oben, während es an den Schultern, unter den Achseln und an den Knien kneift; Jacke mit zu kurzem Schnitt; Verbindungsreißverschluss nur im Rückenbereich; dürftige Ausstattung; Kragenabschluss scheuert; Ärmelbündchen fallen bei korrekter Einstellung zu wulstig aus; wenig abriebfeste Kunststoff-Reißverschlüsse; keine Weitenverstellung im Jackenbund Bemerkungen Wetterschutzanzug AirFlow gegen Aufpreis (Jacke 119 Euro, Hose 69 Euro); Jacke fällt etwas knapp aus

-Urteil: befriedigend
(61 Punkte)

FLM Airvent - Plus Gute Verarbeitung; trotz legeren Schnitts geringe Flatterneigung dank zahlreicher Weitenverstellmöglichkeiten mit praxisgerechtem Verstellbereich; sehr wirkungsvolle Belüftung; richtig positionierte, gut sitzende Protektoren; gut zugängliche Innentasche; Kragen eng schließbar Minus Sehr kurzer Verbin- dungs-Reißverschluss im Rücken; fummelige Verbindung von Jacke und Hose über Gürtelschlaufen an Front und Seite; Passform in Fahrerhaltung nicht ideal, aber noch akzeptabel dank legeren Schnitts; Kragenabschluss scheuert; einfache Beinabschlüsse mit Gummizug; wenig abriebfeste Kunststoff-Reißverschlüsse Bemerkungen Jacke und Hose fallen etwas knapp aus

-Urteil: befriedigend
(67 Punkte)

Hein gericke Maxwell Summer II - Plus Gute Verarbeitung; legerer Schnitt ermöglicht trotz der nicht hundertprozent geglückten Passform akzeptablen Tragekomfort; geringe Flatterneigung; sehr gute Bundweitenverstellung an Jacke und Hose; gut zugängliche Innentasche; Kragen eng schließbar; umlaufender Verbindungs-Reißverschluss Minus Schwacher Front-Reiß- verschluss aus Kunststoff; Protektoren können beim Sturz durch weiten Schnitt verrutschen; Passform in Fahrerhaltung etwas eingeschränkt; Hose zu kurz geschnitten und Knieprotektoren zu hoch platziert; schwache, nur punktuelle Belüftung; Kragenabschluss scheuert Bemerkungen Realistische Größen- angabe bei Jacke, Hose fällt etwas kurz aus

-Urteil: befriedigend
(64 Punkte)

Held Rouky/Zeffiro - Plus Prima Verarbeitung; legerer, bequemer Schnitt mit sehr guter Passform und angenehmem Tragekomfort; ideal platzierte Protektoren; lange Rückenpartie; weicher Kragen; sehr effektive Belüftung; akzeptable Flatterneigung; leicht zugängliche Innentasche; sehr gute Bundweitenverstellung an der Hose Minus: Kein Verbindungs-Reißverschluss zwischen Jacke und Hose; einfache Ausstattung; Reißverschlüsse aus Kunststoff; aufgrund der sehr effektiven Belüftung für Temperaturen unter 20 Grad weniger geeignet; Beinabschlüsse zu weit, eingeschränkte Tourentauglichkeit Bemerkungen CE-Protektorenausstattung (jeweils 9,95 Euro pro Paar für Ellbogen, Schultern und Knie) und Einsätze mit Reissa-Funktionsmembran gegen Aufpreis (Jacke 34,95 Euro, Hose 42,95 Euro)

-Urteil: gut
(72 Punkte)

Louis Probiker Breeze - Plus Gute Verarbeitung; überaus legerer, Blouson- artiger Schnitt mit prima Passform und sehr angenehmem Tragekomfort; richtig platzierte Protektoren mit gutem Sitz an den Ellbogen; Weitenverstellung an Ärmeln mit großem Verstellbereich; eng schließbarer Kragen; sehr effektive Belüftung; Innentasche und Handytasche leicht zugänglich; sehr gute Bundweitenverstellung an der Hose Minus Jacke ohne Verbindungs-Reißverschluss; einfache Ausstattung; Reißverschlüsse aus Kunststoff; aufgrund der sehr effek- tiven Belüftung für Temperaturen unter 20 Grad weniger geeignet; erhöhte Flatterneigung; eingeschränkte Tourentauglichkeit Bemerkungen CE-Protektorenausstattung gegen Aufpreis (Ellbogen 7,95 Euro, Schultern 6,95 Euro, Knie 8,95 Euro, jeweils pro Paar); realistische Größenangabe

Urteil: gut
(72 Punkte)

Richa Air Vent - Plus Sehr gute Verarbeitung; relativ enger, körpernaher Schnitt mit sehr guter Passform und angenehmem Tragekomfort in Fahrerhaltung; richtig platzierte Protektoren mit gutem Sitz; hervorragende Weitenverstellung an Ärmeln und Hosenbund; weich gepolsterter, eng schließbarer Kragen; sehr effektive Belüftung der Jacke; geringe Flatterneigung; gut erreichbare Innentaschen; gute Ausstattung Minus Kurzer Verbindungs- Reißverschluss; Reißverschlüsse aus Kunststoff; aufgrund der sehr effektiven Belüftung für Temperaturen unter 20 Grad weniger geeignet; mit Innenjacke schweißtreibend Bemerkungen Herausnehmbare, wind- und wasserdichte Innenjacke (mit Thermofutter) und -hose; realistische Größenangabe

Urteil: gut
(79 Punkte)

Rukka APR 3 - Plus Hervorragende Verarbeitung; sehr gute Passform in Fahrerhaltung, sowohl mit als auch ohne Innenjacke und -hose; mit Einsätzen körpernaher Schnitt, ohne etwas luftiger, aber dank zahlreicher Weitenverstellungen gute Anpassungsmöglichkeiten; verlängerte Rückenpartie; sehr angenehmer Tragekomfort durch weiches Obermaterial; richtig platzierte Protektoren mit gutem Sitz; weich gepolsterter, eng schließbarer Kragen; sehr effektive Belüftung; sehr umfangreiche Ausstattung; gut erreichbare Innentaschen; Anzug dank modularen Aufbaus nahezu ganzjährig tragbar Minus Reißverschlüsse aus Kunststoff; ohne Einsätze aufgrund der sehr starken Belüftung für kühlere Temperaturen unter 20 Grad weniger geeignet; erhöhte Flatterneigung an Oberschenkeln

-Urteil: sehr gut
(93 Punkte)

Stadler Traveler/Journey - Plus Sehr hochwertige Verarbeitung; gute bis sehr gute Passform mit ausreichend langem Rücken; prima platzierte Protektoren mit sattem Sitz an Ellbogen dank Weitenverstellung; hervorragender Tragekomfort, Anzug kaum zu spüren; wirkungsvolle Belüftung im Brustbereich, bei geöffneten Reißverschlüssen auch an Oberarmen, Oberschenkeln und Achseln; gut platzierte Innentasche; eng schließbare Ärmelbündchen; komplette Protektorenausstattung; aufgrund des mehrschichtigen Aufbaus nahezu ganzjährig zu benutzen Minus Wenig abriebfeste Kunststoff-Reißverschlüsse; Kragen und Jackenbund sowie Beinabschlüsse fallen etwas zu weit aus; fummeliges An- und Ausziehen mit Weste und Innenjacke

-Urteil: sehr gut
(91 Punkte)
Bemerkungen
Zweiteiler mit modularem Aufbau, bestehend aus der Basisjacke mit großflächigen Einsätzen aus luftdurchlässigem Material (Dynatec Air, Cordura AFT), einer Überweste mit hohem Schlechtwetterkragen sowie der herausnehmbaren Gore-Tex-Innenjacke mit aufblasbarem Luftkammersystem (Gore Airvantage), deren Ärmel zudem mit temperaturausgleichendem Funktionsmaterial ausgestattet sind; Jacke ist demnächst mit kleinen Änderungen auch als reines Sommer-Modell ohne Überweste und Innenjacke unter der Bezeichnung »Sundancer« für
259 Euro erhältlich; zehn Jahre Garantie; realistische Größenangabe

Motorradfahren bei großer Hitze - Interview mit Dipl.-Ing. Florian Schueler

Dipl.-Ing. Florian Schueler, Institut für Rechtsmedizin, Fachgebiet Technologische Biomechanik und Unfallforschung an der Universität Heidelberg, über Vor- und Nachteile von Sommeranzügen.

Wo liegen die Gefahren beim Motorradfahren mit korrekter Schutzbekleidung bei großer Hitze?
Unter einer korrekten Schutzkleidung verstehe ich einen Anzug mit maximalem Verletzungsschutz. Und der besteht nach wie vor aus geeignetem Leder mit eingearbeiteten Protektoren. Dies bedeutet jedoch an heißen Tagen, dass je nach Fahrsituation eine physiologische Temperierung des Körpers nicht mehr erfolgen kann. Stattdessen kommt es zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Aufheizung. Starkes Schwitzen beeinträchtigt nicht nur das Wohlbefinden stark, sondern führt auch zu einer zunehmenden Kreislaufbelastung. Darunter leidet die aktive Fahrsicherheit, indem sowohl Konzentration als auch Reaktionszeit und Reaktionsqualität extrem beeinträchtigt werden können.

Sind die luftigen Sommeranzüge aus textilem Material bei hohen Temperaturen eine empfehlenswerte Alternative?
Sommeranzüge sind insofern eine Alternative, als sie die aktive Fahrsicherheit unterstützen und somit das Unfall- und Sturzrisiko verringern

Wie steht es mit der passiven Sicherheit?
Was die passive Sicherheit anbelangt, müssen ganz klar Abstriche hingenommen werden, die zunächst mal zu einer Stärkung des Bewusstseins im Sinne einer defensiven Fahrweise führen sollten. Aber auch luftige Sommeranzüge können durch die
Ausstattung mit Protektoren und abriebfesten Textil- und Armierungsfasern gegenüber Anprall- und Schürfeinwirkungen einen nennenswerten, je nach Unfallgeschehen auch sehr effizienten Verletzungsschutz bieten.

Eine gute Belüftung ist bei Temperaturen über 30 Grad sicher wünschenswert. Besteht jedoch nicht die Gefahr von Zugluft oder gar Unterkühlung, wenn man mit solcher Bekleidung längere Strecken bei niedrigeren Temperaturen absolviert?
Die Gefahr von Zugluft und Unterkühlung besteht insbesondere dann, wenn man schon schwitzt, bevor der kühlende Fahrtwind wirkt. Deshalb sollte man unmittelbar nach dem Anziehen der Schutzkleidung mit mehr oder weniger geöffneten Belüftungseinlässen losfahren. Wie bei der Klimaanlage im Auto sollte die Luftkühlung allerdings nicht gleich maximal, sondern »homöopathisch« dosiert werden.
Sinken die Temperaturen bei längeren Ausfahrten deutlich ab, ist darauf zu achten, dass die Kleidung so dicht wie
möglich verschlossen werden kann. Und im Zweifelsfall eine Zwischenbekleidung, beispielsweise ein Windstopper-Shirt, einziehen oder auf eine andere Schutzkleidung umsteigen. Wichtig ist vor allem, dass die Nierengegend sowie der Schultergürtel- und Halsbereich vor Zugluft geschützt sind.

Wie sieht aus der Sicht des Unfallforschers die ideale Motorradbekleidung für heiße Tage aus?
Sommertaugliche Schutzkleidung ist ein Kompromiss, bei dem die Aufgabenteilung im Vordergrund steht. Dies gelingt am besten mit drei oder vier Schichten. Als direkte Körperschicht sollte die Unterwäsche nicht aus feuchtigkeitspeicherndem Material wie Baumwolle bestehen, sondern die Feuchtigkeit weitertransportieren. Darauf folgt die Schuppenschicht mit Protektoren an allen Sturz- oder unfallexponierten Körperstellen, die im Einwirkgeschehen lagestabil an der zu schützenden Körperstelle verbleiben müssen. Die Außenschicht sollte mit einer regulierbaren Belüftung versehen sein und einigermaßen vor Regen schützen. Diese Funktion könnte auch eine unter der Außenschicht getragene Funktionsmembran übernehmen.

Motorradfahren bei großer Hitze - Gut schützen oder gut lüften?

Interview mit Florian Schüler

Wo liegen die Gefahren beim Motorradfahren mit korrekter Schutzbekleidung bei großer Hitze?
Unter einer korrekten Schutzkleidung verstehe ich
einen Anzug mit maximalem Verletzungsschutz. Und der besteht nach wie vor aus geeignetem Leder mit eingearbeiteten Protektoren. Dies bedeutet jedoch an heißen Tagen, dass je nach Fahrsituation eine physiologische Temperierung des Körpers nicht mehr erfolgen kann. Stattdessen kommt es zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Aufheizung. Starkes Schwitzen beeinträchtigt nicht nur das Wohlbefinden stark, sondern führt auch zu einer zunehmenden Kreislaufbelastung. Darunter leidet die aktive Fahrsicherheit, indem sowohl
Konzentration als auch Reaktionszeit und Reaktionsqualität extrem beeinträchtigt werden können.
Sind die luftigen Sommeranzüge aus textilem Material bei hohen Temperaturen eine empfehlenswerte Alternative?
Sommeranzüge sind insofern eine Alternative, als sie die aktive Fahrsicherheit unterstützen und somit das Unfall- und Sturzrisiko verringern.
Wie steht es mit der passiven Sicherheit?
Was die passive Sicherheit anbelangt, müssen ganz klar Abstriche hingenommen werden, die zunächst mal zu einer Stärkung des Bewusstseins im Sinne einer defensiven Fahrweise führen sollten. Aber auch luftige Sommeranzüge können durch die
Ausstattung mit Protektoren und abriebfesten Textil- und Armierungsfasern gegenüber
Anprall- und Schürfeinwirkungen einen nennenswerten, je nach Unfallgeschehen auch sehr effizienten Verletzungsschutz bieten.
Eine gute Belüftung ist bei Temperaturen über 30 Grad sicher wünschenswert. Besteht
jedoch nicht die Gefahr von Zugluft oder gar Unterkühlung, wenn man mit solcher Bekleidung längere Strecken bei niedrigeren Temperaturen absolviert?
Die Gefahr von Zugluft und Unterkühlung besteht insbesondere dann, wenn man schon schwitzt, bevor der kühlende Fahrtwind wirkt. Deshalb sollte man unmittelbar nach dem Anziehen der Schutzkleidung mit mehr oder weniger geöffneten Belüftungseinlässen losfahren. Wie bei der Klimaanlage im Auto sollte die Luftkühlung allerdings nicht gleich maximal, sondern »homöopathisch« dosiert werden.
Sinken die Temperaturen bei längeren Ausfahrten deutlich ab, ist darauf zu
achten, dass die Kleidung so dicht wie
möglich verschlossen werden kann. Und
im Zweifelsfall eine Zwischenbekleidung, beispielsweise ein Windstopper-Shirt, einziehen oder auf eine andere Schutzkleidung umsteigen. Wichtig ist vor
allem, dass die Nierengegend sowie der Schultergürtel- und Halsbereich vor Zugluft geschützt sind.
Wie sieht aus der Sicht des Unfallforschers die ideale Motorradbekleidung für heiße Tage aus?
Sommertaugliche Schutzkleidung ist ein Kompromiss, bei dem die Aufgabenteilung im Vordergrund steht. Dies gelingt am besten mit drei oder vier Schichten. Als direkte Körperschicht
sollte die Unterwäsche nicht aus feuchtigkeitspeicherndem Material wie Baumwolle bestehen, sondern die Feuchtig-
keit weitertransportieren. Darauf folgt die Schuppenschicht mit Protektoren an allen Sturz- oder unfallexponierten Körperstellen, die im Einwirkgeschehen lagestabil an der zu schützenden Körperstelle verbleiben müssen. Die Außenschicht sollte mit einer regulierbaren Belüftung versehen sein und einigermaßen vor Regen schützen. Diese Funktion könnte auch eine unter der Außenschicht getragene Funktionsmembran übernehmen.

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