16 Retro-Kombis im Test

Retro-Kombis zwischen 350 und 1600 Euro

16 Retro-Kombis für Motorradfahrer wurden im Test in MOTORRAD 17/2017 getestet, bewertet und miteinander verglichen: Alpinestars Oscar Brass/Copper Out, BMW Darknite, Büse Brooklys/Detroit, Dainese Stripes D1/Charger, Difi Mercury/Reno, Fuel Dirt Track/Resurgence Cafe Racer, Held Street Hawk/Marph, Highway 1 Authentic/Vanucci Armalith 2.0, Icon Retrograde/Akramont, IXS Nick/Clayborne, Modeka August 70/Bronston, Rokker Street/Rokkertec, Speedware Coventry, Spidi Tank/Fatigue, Spirit Motors City 2.0, Trilobite Acid Scrambler

Manchmal zählt auch auf dem Motorrad lässiges Aussehen mehr als die größtmögliche Sicherheit und der bestmögliche Wetterschutz. In solchen Momenten haben Retro-Kombis ihren großen Auftritt.

MOTORRAD überließ es den Anbietern, je eine Jacke und eine Hose aus ihrem ­Programm zu kombinieren – ob Leder mit Leder, Leder mit Jeans, komplett Jeans beziehungsweise mit Wachscotton, Canvas oder welchem auch immer in der Vintage-Retro-Szene akzeptierten Material. Die Kombis brauchten nicht wasserdicht zu sein, denn üblicherweise werden Retro-Klamotten kaum für lange Touren genutzt. Getestet und verglichen wurden die Retro-Kombis in zwei Preisklassen: bis 700 Euro (Gesamtpreis Kombi inklusive etwaiger Zusatzausstattung) und darüber.

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Foto: mps-Fotostudio
In Anlehnung an die CE-Norm kam die Protektorenausstattung auf den Prüfstand.
In Anlehnung an die CE-Norm kam die Protektorenausstattung auf den Prüfstand.

So testete MOTORRAD die Retro-Kombis

Neben ausgiebigen Fahrten auf genretypischen Retro-Bikes mussten die Leder- und Textilkombinationen Labor-Tests und
weitere genaue Untersuchungen überstehen. Die stylishen Kombinationen mussten sich unabhängig von Aussehen und Haptik, also eher subjektiven Kriterien, ähnlichen Test- und Bewertungskriterien unterziehen lassen wie etwa eine normale Tourenkombi. Schließlich sind die Klamotten als Motorradbekleidung ausgewiesen. Dementsprechend nahm das Kriterium Sicherheit einen relativ hohen Stellenwert (30 Prozent) ein. Die Güte der Obermaterialien wurde auf Sturzschutz (z. B. Doppellungen, ­Spezialgewebe, Lederdicke) ausgelotet, und zudem wurden Protektoren beziehungsweise Möglichkeiten zur Nachrüstung von Schützern überprüft.

Schlagdämpfungswerte von CE-Protektoren konnte MOTORRAD auf dem Prüfstand der Firma Sas-Tec in Markgröningen ermitteln, den Protektorensitz – bei der Bewertung gleich stark gewichtet – bei Testfahrten.

Auf den Motorrädern (Triumph Thruxton, Harley Sportster) bewerteten die Tester Passform und Tragekomfort in Fahrt, abseits vom Motorrad die Alltagstauglichkeit der Kleidung. Ein wichtiger Aspekt, denn ­Retro-Kombis sollen im Gegensatz zu normalen Tourenkombis auch bei längeren Spaziergängen oder beim Chillen im Café funktional eine gute Figur machen.

Ein weiteres genretypisches Kriterium ist die Bewertung der Klimatisierung bei Wärme. Unsere Testfahrten führten durch Großstadtverkehr bei über 26 °C und über die Land- und Schnellstraße (bis Tempo 130). Gut, wenn die Kombi gut durchlüftet ist, schlecht, wenn Zugluft und Flattern das Fahrvergnügen einschränken. Guter Wind- und ein gewisser Wetterschutz bei kurzen Schauern ist wünschenswert, aber die Kombis brauchten nicht wasserdicht zu sein.

Zu guter Letzt überprüften die Tester Wertigkeit und Ausstattung. Dazu wurden die Materialen und Verarbeitung genauestens in Augenschein genommen und verglichen, bei Leder und textilen Geweben ließen sich Qualitätsunterschiede ausmachen. Ausstattung und Verarbeitung flossen immerhin mit 20 Prozent in die Gesamtnote mit ein.

Foto: Sdun
Der Preis für technische Bekleidung hängt manchmal nur an dünnen Fäden. Qualitätsunterschiede bei Textilgeweben und gegerbten Tierhäuten können Laien kaum erkennen.
Der Preis für technische Bekleidung hängt manchmal nur an dünnen Fäden. Qualitätsunterschiede bei Textilgeweben und gegerbten Tierhäuten können Laien kaum erkennen.

Qualität und Preis

Die teuerste Lederjacke im Test kostet fünfmal so viel wie die billigste, auch bei den Hosen gibt es Preisunterschiede bis zu 350 Euro. Lässt sich alles nur mit entsprechend besserer Qualität erklären? Welche Faktoren spielen sonst noch mit? Eine Analyse.

Bei Modebekleidung stellt sich oft die Frage: Ist sie das Geld wert? Vor allem, wenn für manche Designer-Jeans ein halbes Monatsgehalt aufgerufen wird. Zwar existieren auch hier Qualitätsunterschiede (Langlebigkeit, Formstabilität, Farbechtheit etc.), aber solche Preise lassen sich kaum rational erklären. Anders bei technischer Bekleidung: Die Unterschiede bei Ausstattung, Materialgüte und Verarbeitung sind gravierender.

Beispiel Lederjacke: Die Häute für eine kos­tengünstige, also um 300 Euro teure Retro-Jacke stammen meist aus Südamerika und werden oft in Asien gegerbt. Fehler und Unschönheiten werden kaschiert, und die Jacke besteht oftmals nur aus eher kleinteiligen Stücken. Das Leder besitzt aber eine relativ hohe Stärke (um 1,0 mm) und bietet ordentliche Abrieb- und Reißfestigkeit, voll tauglich für Motorradjacken. Das Design entsteht am Computer, Schnittmuster können digital an die Fabrik des Konfektionärs gesendet werden.

Spezialisierte Dienstleis­ter in Pakistan, China, aber auch in Osteuropa bieten eine vergleichsweise günstige Produktion an, der Hersteller muss sich allerdings um die Qualitätssicherung kümmern – häufig schwierig bei großen räumlichen Distanzen und wird deshalb gerne vernachlässigt. Und die Rechnung geht meistens nur ab einer gewissen Mindeststückzahl auf. Klarer Vorteil für Branchengrößen.

Anders sieht es für einen Kleinsthersteller mit ökologischem und sozialem Anspruch aus, der mit vielfach höheren Einkaufspreisen und Produktionskosten pro Stück kalkulieren muss. Bei Top-Lederqualität aus europäi­schen Tierhäuten und Verwendung großflächiger Stücke davon sowie hochwertiger Metallreißverschlüsse, Druckknöpfe etc. liegen allein schon die Materialkosten für eine Jacke schnell bei über 300 Euro. Kommt noch eine Fertigung in einem EU-Land (eine Fabriknäherin in Portugal verdient 700 bis 900 Euro, in China nur rund 250 Euro) hinzu, treibt das die Kosten weiter nach oben.

Ähnlich sieht die Lage bei der Herstellung von Textilien, etwa Motorradjeans, aus. Entwickelt man eigene technische Gewebe, wird es meist teuer. Kauft der Hersteller hingegen in Massenfertigung hergestellte Fremdentwicklungen zu, diktiert die Bestellmenge den Preis.

Eine Jeans mit zugekaufter Kevlarschicht zu unterlegen, ist eine günstige Lösung. Aber keine schlechte, denn auch billigere Hosen können gute ­Sicherheit bieten und jahrelang halten. Schließlich fallen Kosten für Logistik, Marketing, Werbung und Vertrieb an, die bei exklusiven Nischenanbietern meistens anteilig höher ausfallen. Davon hat der Käufer erst mal wenig – außer einem vielleicht angesagten Markennamen mit damit verbundenem Image.

Also: Kritisch prüfen, ob der Nimbus auch gerechtfertigt ist, dann entscheiden, ob das Stück den Preis wert ist.

Fotos: Archiv
Thorsten, Rolf und Iris, Durchschnittsalter: 41 Jahre
Thorsten, Rolf und Iris, Durchschnittsalter: 41 Jahre

Die total subjektive Bewertung

Weil Stil schwer in Punkte zu fassen ist, gab es für die Retro-Kombis eine Sonderwertung, bei der die 16 Retro-Kombis ihre emotionale Anziehungskraft unter Beweis stellen konnten.

Das Mode-Tribunal:

  • Thorsten Dentges: testet bei MOTORRAD seit über 15 Jahren Bekleidung, ist bereits in Hunderte Kombis geschlüpft
  • Rolf Henniges: Kopf der Zeitschrift FUEL, ausgewiesener Kenner der Retro- und Vintage-Szene
  • Iris Schaber: Bei der Redaktions-Assis­tentin fährt das Auge immer mit.

Die drei Motorrad-Fa­shion-Aficionados fahndeten während der total subjektiven Bewertung nach Stilbrüchen und modischen Sünden bei den 16 Retro-Kombis. Gemein? Na klar!

Zunächst wurden alle 16 Kombinationen wie in einem Shop auf Kleiderstangen aufgereiht, um zu sehen, wie vorbeigehende Fachkundige und Motorrad-Unbedarfte unterschiedlichen Geschlechts und aus verschiedenen Altersgruppen bei dieser Auswahl spontan ­zugreifen würden. Einige Dutzend Menschen durften die Kleidung ein paar Minuten lang anschauen und anfummeln. Dann sollten sie 16 Erbsen nach Gutdünken für die persönlichen Favoriten verteilen.

Informationen zu Preisen, Materialien oder Wertigkeit wurden bewusst vorenthalten, auch wenn einige motorradfahrende Probanden sich sofort auf etablierte Marken stürzten. Trotzdem blieb genügend Spontaneität, um mittels Erbsenzählerei am Ende gut zu ersehen, welche Kombis beim ersten Eindruck am meisten punkteten.

Die Jeans-Anzüge von Hein Gericke und Polo bekamen nur einen niedrigen "Geil!"-Faktor zugeschrieben und wurden als "Mofaklamotten" bezeichnet. Ähnlich mau kam die Ware aus Italien von Alpinestars und Dainese beim Publikum an. Sieger der Herzen: die Leder-Jeans-Kombi Fuel/Resurgence, knapp gefolgt von IXS und Büse. Teuerste Ware also die begehrteste? Mitnichten, wie man sieht.

Bekanntermaßen sind die Geschmäcker verschieden, so gab es beim Erbsenzähler-Test gerade im Mittelfeld sehr heterogene Stimmen mit unklarer Tendenz. Daher nahm im zweiten Teil der total subjektiven Bewertung die MOTORRAD-Style-Polizei alle 16 Kombis in Untersuchungshaft und ging während hitziger Diskussionen mit einigen Kandidaten hart ins Gericht. Die Dainese-Jacke fühle sich an "wie ein Kunstledersessel aus den 1970ern". "Geht gar nicht, wie Plastik", echauffiert sich FUEL-Mann Henniges. Motorrad-Lady Iris Schaber erinnern die mit braunem Leder abgesetzten Ärmel der Trilobite an einen Hundeabrichter, zur Highway 1-Jacke bemerkt sie nur kühl: "Retro-Überdosis – gewollt, aber nicht gekonnt."

Überfrachtete und mit Brechstange auf 1960er/70er/80er getrimmte Klamotten zählten öfter nicht zu den persönlichen Hits, während zeitlos schlichte Designs (z. B. Rokker) mit griffigem Leder und knackiger Jeans super ankamen, genauso wie die originelle Spidi mit ihren spannenden Details. Der Icon-Blouson mit Ami-Flair polarisierte, dennoch: "Irgendwie cool und lecker anzufassen!" Beim BMW-Anzug schieden sich die Geister. Während Dentges und Henniges das toll gegerbte Leder angrabschten und jubilierend wertschätzten, spottete die deutlich jüngere und attraktivere Jurorin Schaber: "Altherrenmode!", "biedere Polizei-Uniform!" Tja, die Geschmäcker. Die total subjektive Bewertung erbrachte dennoch klare Sieger und Verlierer in diese Hitliste. Hoffentlich hilft sie, wenn man mit purer Vernunft nicht weiterkommt.

  1. Fuel/Resurgence
  2. IXS
  3. Rokker
  4. Spidi
  5. Icon
  6. Büse
  7. Difi
  8. Held
  9. BMW
  10. Alpinestars
  11. Speedware
  12. Modeka
  13. Highway 1/Vanucci
  14. Trilobite
  15. Dainese
  16. Spirit Motors

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