Test: Textilkombis der Oberklasse

Textil Royal

Nicht im Dienste Ihrer Majestät und dennoch majestätisch gut. Acht Top-Agenten aus der textilen Motorradwelt zeigen, für welche Aufträge sie einsetzbar sind. Ihre Preise: ebenfalls exklusiv, aber keinesfalls streng geheim.

Foto: Dentges, Jahn, Zdrahal
Nicht im Dienste der Majestät und dennoch majestätisch gut: acht Textilkombis der Oberklasse.
Nicht im Dienste der Majestät und dennoch majestätisch gut: acht Textilkombis der Oberklasse.
Wem die Welt nicht genug ist, wer schon mal Diamantenfieber hatte oder mit einem Goldfinger locker 800 Euro und mehr für eine Motorradklamotte auf den Tisch schnippen kann, der hat einen speziellen Auftrag und sucht einen vertrauenswürdigen Verbündeten fürs perfekte Fahren. Den interessiert allein die Leistung, nicht das Geld. Immer noch an einem der hier vorgestellten Vertreter interessiert? Dann überlesen Sie bitte die Preisangaben, oder legen Sie einen Koffer mit abgezählten Scheinen bereit.

Wie viel ein Top-Produkt kosten darf, ist sicherlich diskutierbar. Die Anbieter rechtfertigen ihre wenig transparenten Preise oftmals schwammig durch hohe Kosten bei Entwicklung und Produktion sowie durch die Verwendung von exklusiven Materialien. Dass aber nicht jede neue Erfindung auch tatsächlich eine Verbesserung darstellt, dass bei geringen Stückzahlen kaum günstig zu produzieren ist und dass Werbe- und Marketingkosten von Firma zu Firma sehr unterschiedlich ausfallen, bleibt häufig eine Geheimsache. Umso wichtiger ist es, den Gegenwert bei diesen Highend-Kombis genau ins Visier zu nehmen und kritisch auszuspionieren.

Unstrittig bei den getesteten Kombis ist deren gute bis sehr gute Verarbeitungsqualität und die überwiegend vorbildliche Ausstattung. Insbesondere bei Letzterer sind zwei Trends zu beobachten: Vielseitigkeit und Spezialisierung. Tausendsassas sind die Anzüge von Rukka und Stadler, bei denen die erhältliche Air-Vantage-Innenjacke (einzeln schon über 400 Euro teuer) das nicht gerade billige Gesamtpaket aufwertet. Im Labor von Hersteller W. L. Gore wurde die aufblasbare und dadurch unterschiedlich stark isolierende Jacke mit Klima-Membran für Outdoor-Sportarten entwickelt. Eine technische Spielerei, die wohl auch der fiktive Erfinder »Q« seinem Geheimagenten James Bond verschreiben würde. Ist die Innenjacke mit integrierter Membran abgekoppelt und verstaut, lassen sich die Anzüge wegen ihres modularen Aufbau selbst bei hochsommerlichen Temperaturen angenehm tragen. Mit viel Stauraum und Wärmekragen ausgestattet, sind sie ausgebuffte Helfer bei Touren zu jeder Jahreszeit und in unterschiedlichste Klimazonen. Dass eine derart aufwendige Ausstellung seinen Preis hat, ist nachvollziehbar.

Sag niemals nie – auf Vielseitigkeit setzt auch der schwedische Anbieter Halvarssons. Er liefert seine Kombi mit zwei Überziehgarnituren: eine wetterfeste mit eigener Klimamembran auf Sympatex-Basis sowie eine mit luftdurchlässigem Mesh-Gewebe für heiße Sommertage. Ein tolles Konzept, zumal die legere, protektorenlose Außenschicht genauso gut zum Wandern oder Skifahren taugt. Ebenso eignet sich die Softshell-Innenjacke von Spidi für ein Leben abseits vom Motorrad.

BMW und Hein Gericke verzichten indes auf ein Innenfutter. Sie haben einen Spezialauftrag und wollen lediglich im Hochsommer und beim Sport agieren. Das Resultat: extrem leichte, bequeme Anzüge, die dem Körper genug Luft zum Atmen und viel Bewegungsfreiheit gönnen, ihn beim Sturz jedoch als hautnaher Leibwächter vor Verletzungen schützen sollen. Der leichte Kushitani ist eher ein verdeckter Ermittler. Unauffällig, dafür vielseitig ausge-stattet. Obwohl er in verschiedenen Disziplinen punktet, sind seine Spezialität wegen der atmungsaktiven XCR-Membran vorwiegend Einsätze in südlichen Gefilden. Und mit dem eleganten Dainese-Anzug könnte man sich sogar in einem Casino sehen lassen. Er kommt nicht nur gut bei Bond-Girls an. Aufgrund einiger geringfügiger Schwächen und den ärgerlichern Patzern beim Schlagdämpfungstest erhält er allerdings noch gerade so die Lizenz zum Gekauftwerden, weil der Rest der Sicherheitsausstattung (guter Protektorensitz, robustes Obermaterial) okay ist.
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Die Alleskönner

Teurer geht’s kaum noch, besser auch nicht. Die Tausendsassas von Rukka und Stadler sollen mit 1a-Verarbeitung den Käufer jahrelang treu begleiten und ihn in keiner Situation beim Motorradfahren enttäuschen. Dies gelingt beiden Kombis ziemlich gut. Nutzt man sie ohne Innenjacke, sorgt luftiges Außenmaterial für eine prima Belüftung im Hochsommer, bei Regen und auf der Passhöhe schützen die aufblasbare, variabel isolierende Air-Vantage-Innenjacke von W. L. Gore sowie ein abtrennbarer Wärmekragen vor Durchnässung und Unterkühlung. Hosen und Jacken überlappen bei beiden Kombis perfekt und sind aufeinander abgestimmt. Bei der Rukka gehören Hosenträger zur Ausstattung. Die Stadler verfügt modular über eine Überweste mit großer, fast schon einem Rucksack ähnlicher Rückentasche. Der enorme Stauraum der Stadler ist in Ermangelung wasserdichter Außentaschen allerdings nur bei trockener Witterung nutzbar. Nachteil beider Alleskönner: Sie lassen sich durch die vielen Funktionen und Schichten oftmals nur umständlich bedienen.

Sommer Touring

Wasserdichte, sommertaugliche Top-Produkte wie die Kushitani verfügen häufig über die besonders atmungsaktive Gore-XCR-Membran. BMW indes setzt erstmalig auf die neue, sich wechselnden Klimabedingungen anpassende c_change-Membran von Textil-Spezialist Schoeller. Die vergleichsweise dehnbare Membran ist auf ein ebenfalls elastisches, abrieb- und reißfestes Obermaterial aufgebracht. Das Resultat: ein extrem leichter und bequemer Motorradanzug ohne Thermofutter (ist laut BMW im Hochsommer ohnehin überflüssig), der mit voller Protektorenausstattung und besten Schlagdämpfungswerten aufwartet. Allerdings neigt die Kombi leicht zum Flattern, und beim MOTORRAD-Nässetest lief etwas Wasser in den Kragen. In kaltem Zustand stören die steifen, visko-elastischen CE-Protektoren, die erst bei Körperbewegungen auf Temperatur kommen, dann weicher werden und die Gelenke sehr gut umschließen. Die solide ausgestattete und wegen ihres herausnehmbaren Thermofutters vielseitiger einsetzbare Kushitani schränkt wegen eines nur mäßigen Schnitts trotz vieler Weitenverstellmöglichkeiten die Bewegungsfreiheit des Fahrers ein und bietet nur wenig Stauraum für Utensilien.

Statt Leder

Für sportliche Motorradfahrer ist bisher Leder die erste Wahl. Halvarssons hat von einem unabhängigen Prüfinstitut für ihr teppichähnliches Synthetikgewebe namens »Hi-Art« bessere Abriebwerte als für gebräuchliche Motorrad-Lederkleidung bescheinigt bekommen. Im Auftrag der britischen Behörden schneiderten die Schweden daraus für Motorrad-Polizisten nach eigenen Angaben die bisher einzige Textil-Kombi, die den strengen europäischen Normen für Berufsfahrer voll entspricht. Mäßige Schlagdämpfungswerte und ein aufpreispflichtiger Rückenprotektor passen indes nicht ins selbst auferlegte Sicherheitskonzept. Noch schlechter ist aber, dass aufgrund des extrem schweren »Hi-Art«-Stoffs (Kombi-Gewicht: rund 7,5 Kilogramm) insbesondere die Hose nur wenig tragefreundlich ist. Hersteller Hein Gericke geht mit der PSX-XCR den umgekehrten Weg und »tunt« im Grunde genommen eine Lederkombi zum wetterfesten, jedoch nur wenig isolierenden Leichtge-wicht (unter vier Kilogramm), indem er Leder und hochwertiges Textil (sehr abriebfestes Armacor-Material, Gore-XCR-Membran) mixt. Bis auf einen zu weiten Kragen und ein fehlendes Thermofutter gibt’s nichts zu mäkeln.

Modischer Chic

Eine praktische Textilkombi kann auf dem City-Boulevard oder vor dem Café ebenfalls eine Funktion haben: gut auszusehen. Speziell die italienischen Hersteller schneidern motorradtaugliche Kleidung mit einem gewissen modischen Chic, den andere Hersteller manchmal leider vermissen lassen. Die Dainese mit Gore-Tex-Membran bietet wegen ihrer vier großen, aufgesetzten Fronttaschen – ganz im Trend modern-urbanen Designs – erfreulich viel und gut zugänglichen Stauraum für Habseligkeiten wie Handy, Organizer oder Geldbörse und ist absolut wasserdicht. Allerdings waren die Schlagdämpfungswerte von zwei Protektoren mies, und der Preis für die recht konventionell gemachte Kombi ist sehr hoch. Konkurrent Spidi bietet mit der grundsoliden Hose ebenfalls wenig Originelles, das leichte und extrem bequeme Oberteil »First« ist hingegen erfreulich frisch gestaltet und funktioniert mit guter Klimatisierung und ordentlicher Sicherheitsausstattung auf dem Motorrad ganz ausgezeichnet. Die leicht herausnehmbare, vor Wind schützende Softshell-Jacke ist zudem ein hervorragender Begleiter für den City-Bummel und Outdoor-Aktivitäten.

So testet MOTORRAD

Schlagdämpfungstest
In Anlehnung an die CE-Norm 1621-1/2 ließ MOTORRAD beim TÜV Rheinland die Schlagdämpfungswerte der entsprechend ausgewiesenen Protektoren überprüfen. Die gemessene Restkraft darf als gemittelter Wert 35 Kilonewton (kN) nicht überschreiten, ein einzelner Schlag darf nicht über 50 kN liegen. Abzüge gab es ebenfalls, wenn der ermittelte Kraftanstieg zu steil verläuft oder etwa, wenn entsprechend der Konfektionsgröße der Kombi nicht die empfohlene Protektorengröße eingesetzt wurde.

Praxistest
Auf einer definierten Testrunde in der Südprovence mit qualitativ sehr unterschiedlichen und kurvigen Straßen, Tempostrecken sowie Passfahrten offenbaren sich schnell Unterschiede bei Passform, Tragekomfort und Klimatisierung. Verarbeitung, Ausstattung und deren Praxistauglichkeit bewerteten die Tester nach ausgiebiger Inspektion im Gruppengespräch.

Die Tops und Flops

Ein perfekter Sitz der Protektoren (BMW) ist enorm wichtig. Bei BMW umschließen die Schützer die Gelenke vorbildlich.

Hosenträger (Halvarssons, Rukka, Spidi) sehen zwar etwas spießig aus, sorgen aber für einen besseren Sitz der in der Regel schweren Hose.

Große Außentaschen (Dainese) sind besser zugänglich und idealerweise wasserdicht.

Nur große Lufteinlässe, die nicht von einer Membran unterlegt sind (BMW, Halvarssons, Rukka, Stadler), sorgen im Hochsommer für eine gute Kühlung.

Ein abnehmbarer Wärme-kragen (Rukka, Stadler) ist keine Spielerei, sondern gehört bei Allroundern zu einer perfekten Ausstattung dazu.

Oberklasse-Kombis ohne Protektoren-Vollaus-stattung (Dainese, Halvarssons, Kushitani, Rukka) oder nur gegen Aufpreis.

Fummelige oder nicht vorhandene Koppel-möglichkeiten von Jacke und Hose (BMW, Dainese).

Schnittbedingt lassen BMW und Spidi etwas Wasser eindringen, obwohl die Membranen dicht halten.

Ein zu weit geschnittener Kragen (BMW, Hein Gericke) bedeutet Zugluft am Nacken. Sehr unangenehm.

Die Handschuh-Stulpen lassen sich bei der Kushitani schlecht im Ärmelbündchen unterbringen.

Fazit

Dass sieben der acht Top-Agenten insgesamt gut bis sehr gut abschneiden, ist wenig verwunderlich, schließlich wurden sie für schwierige Aufträge ausgebildet. Störende Mängel sind bis auf die schlecht dämpfenden Hartschalen-Protektoren bei Dainese nicht zu entdecken. Auf die Sicherheitsausstattung sollten einige Hersteller jedoch generell ein größeres Augenmerk legen, denn in dieser Liga darf man eine Protektoren-Vollausstattung mit glänzender Schlagdämpfung erwarten. Und lediglich die BMW-Kombi erfüllt diesen Anspruch. Auch wenn man mit dem Motorrad keine gefährliche Mission zu erfüllen hat – man lebt eben nicht zweimal.

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