Beratung: Reifenventile

Drucksache

Was haben Redakteure und Reifen gemeinsam? Ohne Druck arbeiten sie nicht wie gewünscht. Vertrauen in die Reifen mag daher gut sein, regelmäßige Kontrolle des Luftdrucks besser.

Kleine Ursache, große Wirkung, das gilt beim Thema Reifen leider in negativer Hinsicht wie folgendes Beispiel verdeutlicht. Ein Reifenhändler schickte ein Foto zum Reifenhersteller, auf dem eine demolierte Sportmaschine abgebildet war, die Folge eines Reifenplatzers auf der Autobahn kurz nach der Montage des neuen Pneus. Leider entlarvte das Foto den Reifenmonteur, denn darauf war zu erkennen, dass die Dichtkappe auf dem Ventil fehlte. Eine kleine Unaufmerksamkeit mit unter Umständen üblen Konsequenzen. Ohne das dichtende Käppchen kann sich das Ventil bei sehr hoher Geschwindigkeit wegen der Fliehkräfte öffnen, so dass Luft langsam entweicht. Dadurch überhitzt der reifen und platzt schließlich.
Solche Unachtsamkeit mag bei Profis die Ausnahme sein, unter den Motorradfahrern ist sie heutzutage jedoch vermehrt zu beobachten. Während frühere Biker-Generationen ihrer Maschine wegen der wartungsbedürftigen Technik zwangsläufig sehr viel Aufmerksamkeit widmen mussten, verführt die extrem hohe Zuverlässigkeit moderner Maschinen zur Nachlässigkeit. Die Folge: Es fehlen oft nicht nur die Ventilkappen, auch den Luftdruck kontrollieren manche Motorradfahrer erst dann, wenn der Druckverlust schon äußerlich am geplätteten Reifen erkennbar ist. Pessimistische Experten schätzen, dass die Hälfte aller Maschinen im Straßenverkehr mit dem falschen Luftdruck in den Reifen unterwegs ist.
Höchste Zeit also, sich des Risikos und der Konsequenzen bewusst zu werden. Denn der korrekte Druck in den Pneus ist bei modernen Maschinen, die zwischen 250 und 300 km/h rennen, trotz aller Fortschritte in der Reifentechnik lebenswichtig. Besonders vor Highspeed-Fahrten – aber auch sonst regelmäßig spätestens nach 1000 Kilometern – sollte daher der Druck überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden. Dabei kann gleich der Gesamtzustand des Reifens kontrolliert werden, Beschädigungen wie Risse in der Flanke oder gar eingedrungene Nägel in der Karkasse lassen sich rechtzeitig erkennen.
Manche sportlich orientierten Straßenfahrer senken auf der Suche nach optimaler Haftung und guter Eigendämpfung den Luftdruck unter das vorgeschriebene Maß. Während bei echten Rennsportreifen Drücke um zwei Bar durchaus Sinn machen, verlangen die Straßen-Sportreifen auch auf der Rennstrecke mindestens 2,2 bis 2,4 Bar. Für hohes Autobahntempo ist selbst das zu wenig, hier sind meistens um 2,7 bis 2,9 Bar erforderlich. Reifenhersteller geben daher heute statt einer Spanne oft nur noch einen, nämlich den höheren Wert an, da erfahrungsgemäß kaum jemand den Druck an die Belastung und Fahrweise anpasst.
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Ventile

Die Funktionsweise eines Reifenventils ist simpel: Ein federbelasteter Teller drückt eine Gummidichtung gegen den Ventilkörper. Durch Drücken auf den dünnen Stift, der in der Mitte herausragt, kann das Ventil von außen geöffnet werden. Für die Montage in Felgen gibt es Ventile in kurzen und langen Versionen, aus Metall zum Verschrauben oder mit Gummifuß zum Einstecken. In Schläuchen sind die langen Ventile eingebaut. Bei schnellen Motorrädern sollten prinzipiell kurze Ventile verwendet werden, da die langen bei hohen Geschwindigkeiten durch die Fliehkräfte seitlich wegknicken und am Sitz undicht werden können. Aber auch kurze Ventile bewegen sich immer ein bisschen, so dass die Abdichtung zur Felge allmählich schlechter wird. Daher Ventile beim Reifenwechsel stets erneuern. Auch bei den eingeschraubten Ventileinsätzen unterscheidet man zwischen kurzen oder langen Versionen. Die langen Einsätze erfordern auch einen langen Ventilkörper, die kurzen sind die moderneren, ein paar Pfennige teureren Varianten, passend in allen Ventilkörpern. Bei sehr hohen Geschwindigkeiten können sich Ventile infolge der Fliehkraft selbsttätig öffnen. Aufgrund der geringeren Masse passiert dies bei kurzen Ventilen in einem Reifen mit 2,9 bar Druck rechnerisch erst bei Fahrgeschwindigkeiten über 300 km/h, bei langen hingegen bereits bei unter 250 km/h. Theoretisch, denn in der Praxis können Stöße, erschlaffte Federn oder geringerer Reifenluftdruck zum Öffnen bei deutlich geringeren Geschwindigkeiten sogar schon unter 200 km/h führen. Zwar werden Ventileinsätze mit härteren Federn angeboten, erkenntlich am roten Dichtring. Verlassen sollte man sich aber auch auf diese nicht, sondern unbedingt das Ventil mit einer Kappe verschließen. Sowohl auf der Straße, wie bereits erwähnt, als auch im Rennsport kommt es immer wieder zu Stürzen und Unfällen durch platte Reifen aufgrund fehlender Ventilkappen. Am besten sind robuste Kappen aus Stahl, die grundsätzlich innen einen Dichtring haben. Bei den Kunststoffversionen muss man genau hinschauen, manche sind reine Staubschutzkappen und verzichten ebenso wie einige Zierkappen aus dem Zubehörhandel auf den wichtigen Gummiring. Plastikkappen dürfen nicht zu fest geschraubt werden, da sie sonst möglicherweise Risse bekommen.

Luftdruck prüfen

Die meisten Motorradfahrer kontrollieren den Reifenluftdruck an der Tankstelle. Was prinzipiell in Ordnung ist, man muss lediglich darauf achten, dass der Reifen dabei noch kalt ist. Denn darauf beziehen sich die Angaben der Motorrad- oder reifenherstellern. Also immer gleich zu Beginn einer Tour messen und nicht zwischendurch. Wer auf der letzten Rille zwanzig Kilometer bis zur Tankstelle heizt, darf sich über eine zu hohe Anzeige auf dem Manometer nicht wundern. Fatal wäre es, aus einem erhitzten Reifen Druck abzulassen. Wobei wohl kaum jemand auf die Idee kommen wird, da der Reifen üblicherweise ja im Lauf der Zeit etwas Luft verliert, man in aller Regel nachfüllen, nicht ablassen muss. Und wie ist es um die Genauigkeit der Füllgeräte an den Tankstellen bestellt? Diese sind geeicht und werden im Zwei-Jahres-Rhythmus überprüft, demzufolge sollten sie verlässlich anzeigen. Allerdings werden die Geräte ziemlich rau behandelt, können also im ungünstigen Fall eventuell lange Zet unentdeckt falsch anzeigen. Bei einem Test von MOTORRAD an zehn Tankstellen in Stuttgart erwiesen sich bis auf ein Messgeräte alle als sehr genau, das lag mit 0,15 Bar Differenz im gerade noch tolerierbaren Bereich. Sind private Messgeräte eine Alternative, obwohl sie weder geeicht sind noch kontrolliert werden? MOTORRAD überprüfte stichprobenartig die Anzeigegenauigkeit verschiedener Modelle. Die digitalen Versionen funktionierten durchweg ziemlich exakt. Ebenfalls gut: teure und robuste Werkstatt-Versionen aus Metall. Vorsicht ist bei einfachen mechanischen Modellen aus Kunststoff angebracht. Manche liegen bis 0,3 Bar daneben, und das ist zu viel.

Tipps

- Den vorgeschriebenen Reifendruck beachten, der findet sich in der Betriebsanleitung des Motorrads oder in den Empfehlungen der Reifenhersteller.- Falls eine Spannweite angegeben wird, im Zweifel vor allem bei gelegentlich hohem Tempo den höheren Wert wählen.- Luftdruck regelmäßig kontrollieren, besonders vor langen Touren oder schnellen Autobahnfahrten.- Druck in kaltem Zustande messen, denn dafür ist der Wert angegeben. Bei warmen Reifen erhöht er sich um bis zu 0,5 Bar.- Bei großer Zuladung wird manchmal noch ein höherer Luftdruck empfohlen. Daher für Urlaubsreisen oder längere Soziusfahrten Druck anpassen.- Zur Sicherheit immer Kappen auf die Ventile schrauben, niemals ohne fahren. Am besten sind Stahlkappen, Kunststoffkappen mit Dichtringen taugen aber auch. Vorsicht vor Zierkappen, zum Beispiel verchromte Ornamentkappen für Chopper, die haben teilweise keine Dichtung.- Beim Reifenwechsel das komplette Ventil plus Einsatz tauschen, neue Dichtkappe verwenden.- Auch bei langen Ventilen, zum Beispiel in Schläuchen, kurze Ventileinsätze benutzen.

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