Neue Sportreifen im Test (Archivversion)

Fünf Richtige

Wenn die 160 PS der Suzuki GSX-R 1000 losbrennen, sind nur die besten Reifen gut genug. Fünf neue Sport-Gummis von Avon, Bridestone, Dunlop, Metzeler und Michelin versuchen, dem Feuer zu widerstehen.

Kaum hatte MOTORRAD im großen Reifen-Spezial (Heft 6/2002) einen Teil der neuen Sportreifengeneration vorgestellt, kam umgehend die Forderung der Leser nach mehr Information und einem direkten Vergleich. Den alljährlichen großen Reifentest aufgrund der regen Nachfrage nachzuschieben ist jedoch aus verschieden Gründen unmöglich. Der enorme Aufwand kann nicht in einer Blitzaktion durchgezogen werden. Allein die 6000-Kilometer-Verschleißfahrt im Konvoi ist ein organisatorisches Husarenstück und reißt ein gewaltiges Loch ins Budget. Zudem sind die neuen Reifen der Saison 2002 erst seit wenigen Wochen verfügbar. Um also schnellmöglich einige wichtige Ergebnisse zu liefern, wurde das Testprogramm gestrafft und mit etwas geringerem Aufwand gefahren. Nicht ohne Grund fiel die Wahl der Testmaschine auf Suzukis GSX-R 1000: Sie ist immer noch der Verkaufsschlager bei den Big Bikes und bei über 160 PS im Umgang mit den Pneus nicht gerade zimperlich. Auch das Thema Handling wird auf der GSX-R 1000 gründlich durchleuchtet, da das PS-Monster in dieser Sparte keine allzu glänzende Vorstellung abgibt und der Bereifung hierbei eine erhebliche Rolle zukommt. Für das Ausloten von Trockengrip, Kurveneigenschaften und Stabilität suchte MOTORRAD die wettersichere Teststrecke L’Anneau du Rhin im Elsass auf. Mittendrin im Amateur-Renntraining ließen sich konstante, verwertbare Rundenzeiten nicht ermitteln, also konzentrierte sich der Tester ausschließlich auf die Funktionsprüfung. Neben dem Ausloten von Kurvenhaftung und Beschleunigungsgrip wurden weitere fünf Testkriterien wie Handling, Lenkpräzision und Kurvenstabilität überprüft. Um außerdem auch noch die Nässequalitäten aufzuspüren, rutschte die GSX-R 1000 einen Tag lang durchs tückisch glatte Conti-Versuchsgelände bei Hannover. Das erfreuliche Resultat: Fast alle Gummis schlugen sich beim Nässetest wacker und ohne sicherheitstechnische Auffälligkeiten. Mit einer Ausnahme: Die neuen Conti Force Max zeigten überraschend Mängel in Sachen Haftung in Kurven und beim Beschleunigen. Überraschend deshalb, weil MOTORRAD schon im Herbst 2001 die neuen Sportreifen aus Hannover hatte fahren können und von den Nässeeigenschaften durchweg positiv beeindruckt war. Die Conti wurden vorläufig aus der Wertung genommen, da die aktuell angelieferten Force Max einer kleineren Produktionszahl entstammten, die der Hersteller für Homologationsfahrten extra hatte nachschieben müssen, da sämtliche Pneus weltweit bereits an den Handel ausgeliefert waren. Erste Laborprüfungen ergaben eine zu große Shore-Härte, das bedeutet eine zu geringe Elastizität des Laufflächengummis. Laut Conti ist nur die letzte kleine Serie der Dimension 190/50 ZR 17 betroffen. Die im Handel befindlichen Reifen sollen diesen Mangel nicht aufweisen. MOTORRAD bleibt dran und wird bei der erst besten Gelegenheit einen Nachtest der neuen Conti-Produkte in der 190er-Dimension ansetzen.Allgemein gilt für die Testergebnisse: Sie sind zu einem gewissen Teil auf andere Sportmaschine, die auf denselben Dimensionen, rollen übertragbar. Dazu gehören beispielsweise die Nass- und Trockenhaftung. Bei Eigenschaften, die auch von der Fahrwerksabstimmung und Lenkgeometrie beeinflusst werden, wie etwa Kurvenstabilität oder das Aufstellmoment beim Bremsen, sind die Resultate lediglich in der Tendenz aussagekräftig. In keinem Fall dürfen die Eigenschaften der getesteten Reifen in der Dimension 120/70 ZR 17 und 190/50 ZR 17 auf andere Größen übertragen werden. Zu beachten ist außerdem die bei der Bridgestone-Serienbereifung verwendete Sonderspezifikation, in diesem Fall der Kennbuchstaben »E«. Diese Kennung ist Teil der Typenbezeichnung und besagt, dass sich der Reifen in einem oder mehreren Konstruktionsmerkmalen von den Standardreifen BT 011/010 unterscheidet. Alle Reifen wurden mit dem von Suzuki vorgegebene Luftdruck von 2,5/2,5 bar Luftdruck befüllt. Dieser Wert wurde auch beim Test auf der Rennstrecke beibehalten, schließlich geht es hier nicht um die Bewertung der Gummis unter Rennbedingungen. Zudem bringt ein deutlich abgesenkter Luftdruck bei diesen Reifenkonstruktionen wenig bis gar keine Vorteile in Sachen Haftung. Ein zu geringer Luftdruck sorgt eher für Nachteile beim Handling und der Lenkpräzision. Die Ursachen dafür: Karkasse und Gürtel verformen sich bei zu geringem Luftdruck sehr stark, wodurch sich die Reifenkontur unter hoher Last speziell am Vorderrad drastisch verändert, der Latsch, also die Aufstandsfläche zu groß wird und sich als Folge schwerfälliges Lenkverhalten einstellen kann. Am Hinterreifen walken bei zu geringem Luftdruck Karkasse und Gürtel ebenfalls übermäßig stark. Das bringt zwar den Reifen schneller auf Temperatur, verspricht aber nicht zwingend eine Optimierung der Haftung. Anders als bei reinrassigen Rennsportreifen, die einen wesentlich steiferen Unterbau aufweisen, hat die flexible Karkasskontruktion der Straßensportreifen die Aufgabe, Stöße und kleine Fahrbahnunebenheiten abzufedern und das Motorrad stabil zu halten. Zu beachten ist außerdem, dass sich die Kontur der Reifen, also die Krümmung der Lauffläche unmittelbar auf die Fahr- und Kurveneigenschaften auswirkt. Bereits bei der Konstruktion festgelegt, schreiben die meisten Hersteller deshalb für ihre 190er-Reifen die üblichen 6,00-Zoll-Felgen vor. Umgekehrt funktionieren die schmaleren und handlicheren 180er-Reifen nur in wenigen Fällen auch auf breiten 6,00-Zoll-Felgen. Für 5,5-Zoll-Räder ausgelegt, ergeben sich bei der Montage der meisten 180er-Reifen auf breiteren Felgen eine zu flach Kontur und eine instabiles Karkass-Gürtel-Geflecht. Nur bei den Metzeler Sportec M-1 sie der Hersteller bei der Verwendung des 180er-Stahlgürtelreifens auf einer 6.00-Zoll-Felge kein Problem. Mit einem Gutachten von Alpha-Technik gesegnet, erprobte MOTORRAD neben dem üblichen 190er-Sportec diese Kombination auf der GSX-R 1000. Mit dem Ergebnis, dass sich Handling und Lenkpräzision in engen Kurven leicht verbessern, der schmale Gummi beim Rennstreckentest jedoch etwas früher ins Rutschen kommt als die griffige 190er-Walze. Das ist nun mal der Tribut, den die brachiale Motorgewalt modernen Big Bikes fordert.
Anzeige

Avon (Archivversion) - Azaro SP AV 49/50

Hersteller/ImportuerCooper-Avon Reifen Deutschland, 63110 Rodgau Nieder-Roden, Telefon 0180/5676766, Internet: www.avonmotorcycle.comReifentyp Vorn Azaro SP AV 49, hinten Azarao SP AV 50Dimension v/h: 120/70 ZR 17, 190/50 ZR 17BewertungNassfahrverhalten: Der Avon legt ein präzises und sicheres Lenkverhalten an den Tag. Die gute Haftung am Vorderrad macht die Regenfahrt sicher, der gutmütige Grenzbereich kündigt sich klar an und informiert den Piloten rechtzeitig über das Ende der befriedigenden Haftfähigkeit des Azaro-Hinterreifens.Kurvenverhalten: Die neuen Avon benötigen ein paar Aufwärmrunden, bevor sich der maximale Grip einstellt. Mit sehr geringem Aufstellmoment lässt sich die GSX-R 1000 auch auf der Bremse leicht einlenken. Dabei stört jedoch das in dieser Situation spürbare Shimmy (Lenkerflattern). Sieht man von diesem Mangel ab, gibt es an der Lenkpräzision nichts zu kritisieren. Die Haftfähigkeit der AV 49/50-Paarung ist durchweg befriedigend und kündigt mit leichtem Rühren am Hinterrad die Grenzen an. Für mehr Grip bei supersportlichem Einsatz empfiehlt sich die weiche Pro-Series- oder Pro-Extrem-Mischung.Fazit: Aufgrund des pro Reifensatzes rund 50 Euro günstigeren Preises im Vergleich zu den Mitbewerbern ist der Azarao SP eine echte Alternative für den sportlichen Straßeneinsatz. Bedingt für Rennstreckenfahrten ohne Wettbewerbs-Charakter geeignet.

Bridgestone (Archivversion)

Battlax BT 011/010
Hersteller/ImporteurBridgestone/Firestone Deutschland,61325 Bad Homburg, Telefon 06172/408-255, Internet: www.bridgestone.deReifentypVorn Battlax BT 011 F »E«, hinten Battlax BT 010 R »E«, Dimension v/h: 120/70 ZR 17, 190/50 ZR 17BewertungNassfahrverhalten: Der BT 011-Vorderreifen benötigt etwas Kraft beim Einlenken, führt die GSX-R 1000 aber mit gutem Kurvengrip und passabler Lenkpräzision um den rutschigen Parcours, nur beim beim Beschleunigen dreht der BT 010-Kollege auf dem Hinterrad kräftig durch. Kurvenverhalten: Mit wenig Aufstellmoment beim Bremsen erfreut der Bridgestone BT 011 »E«, gibt sich dabei aber nicht so stabil und direkt wie die Konkurrnz, was in Sachen Lenkpräzision und Handlichkeit Punkte kostet. Durch den guten Grip und einen breiten Grenzbereich gehört die Serienbereifung der Suzuki zu der gutmütigen Sorte. Erst nach mehreren zackigen Runden baut der Hinterreifen Haftfähigkeit ab, kündigt dies mit deutlichem Schaukeln klar und umnissverständlich an. Wer mehr auf Sportlichkeit setzt, ist mit den neuen BT 012 in SS-Mischung besser beraten. Fazit: Der auf der Suzuki GSX-R 1000 serienmäßig montierte Bridgestone mit seinem gutmütigen Kurvenverhalten und der hohen Eigendämpfung am Vorderrad ist eine gute Empfehlung für den sportlichen Straßeneinsatz. Bedingt für Rennstreckenfahrten ohne Wettbewerbs-Charakter geeignet.

Dunlop (Archivversion)

Sportmax D 208
Hersteller/ImporteurSP-Reifenwerke GmbH, 63450 Hanau, Telefon 06181/681930, Internet: www.dunlop-tires.comReifentypVorn Sportmax D 208 F, hinten Sportmax D 208, Dimension v/h: 120/70 ZR 17, 190/50 ZR 17BewertungNassfahrverhalten: Mit dem neuen Dunlop D 208 lassen sich sehr präzise, enge Bögen fahren, die in Verbindung mit gutem Grip und klar definiertem Grenzbereich dem Dunlop einige Pünktchen und eine halbe Sekunde Vorsprung zum japanischen Bridgestone Battlax beschert. Kurvenverhalten: Der D 208 beeinflusst bei der Suzuki GSX-R 1000 das von Haus aus etwas sture Handling positiv. Wechselkurven und flottes Einlenken gehen leicht von der Hand, die Haftung ist durchweg gut, und der Grenzbereich beim harten Beschleunigen aus Schräglage kündigt sich wie bei Avon und Bridgstone durch leichtes Pumpen klar an. Leider stellt sich der neue Dunlop D 208 beim Bremsen in Schräglage kräftig auf. Mehr Grip für Sporteinsätze gefällig? Dann zum D 207 RR oder gar den D 208 in GP-Mischungen greifen. Fazit: Ein handlicher Reifen, der gut zur Charakteristik der Suzuki GSX-R 1000 passt. Mit gutem Grip selbst bei Nässe für den sportlichen Straßeneinsatz zu empfehlen. Bedingt für Rennstreckenfahrten ohne Wettbewerbs-Charakter geeignet.

Metzeler (Archivversion)

Sportec M-1
Hersteller/ImporteurMetzeler Reifen GmbH, 80922 München, Telefon 089/14908-440, Internet: ww.metzeler.de/ReifentypVorn Sportec M-1 Front, hinten Sportec M-1, Dimension v/h: 120/70 ZR 17, 190/50 ZR 17BewertungNassfahrverhalten: Nicht ganz so leicht einzulenken wie der Dunlop D 208, aber mit gutem Grip und einem sicheren Gefühl im Grenzbereich fährt der Sportec mit 1.43,9 Minuten etwas zügiger um den nassen Parcours als die drei Mitbewerber. Noch besser funktioniert’s mit dem 180er-Hinterreifen, dann zischt die GSX fast zwei Sekunden schneller um den Kurs. Kurvenverhalten: Vom ersten Meter an ein gutes Gefühl, lenkt der Sportec messerscharf, wenn auch nicht so handlich wie der D 208 ein und stellt sich beim Bremsen in Kurven nur sehr wenig auf. Mit brillanter Lenkpräzison und einem prima Handling lässt der Metzeler auf der bärenstarken Suzuki nichts anbrennen. Sport-Freaks begeistert der Sportec M-1 zudem mit enorm viel Grip, einem breiten Grenzbereich und hoher Kurvenstabilität. Und das über viele schnelle Runden. Etwas handlicher, aber mit nicht ganz so viel Grip beim Beschleunigen: der Sportec in 180er-Baubreite. Fazit: Ein hervorragender, gutmütiger Reifen mit perfekter Haftung und deshalb nicht nur eine sehr gute Empfehlung für sportlichen Straßeneinsatz, sondern auch für schnelle Rennstreckenfahrten ohne Wettbewerbs-Charakter.

Michelin (Archivversion)

Pilot Sport
Hersteller/ImporteurMichelin Reifenwerke KgaA, 76185 Karlsruhe, Telefon 0721/530-1238, Internet: www.michelin-motorrad.deReifentypVorn Pilot Sport, hinten Pilot Sport, Dimension v/h: 120/70 ZR 17, 190/50 ZR 17BewertungNassfahrverhalten: Mit 1.38,2 Minuten und enorm viel Grip ist der Pilot Sport immer noch der Chef im nassen Ring. Nur mit diesem Reifen reißt es das GSX-R 1000-Vorderrad vom Boden. Aufgrund einer tadellosen Lenkpräzision und eines locker beherrschbaren Grenzbereichs ist das Michelin-Pärchen hier nicht zu schlagen. Kurvenverhalten: Bis auf das hohe Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage ist der Michelin Pilot Sport in allen Belangen vorne dabei. Tadellose Haftung auch nach vielen Runden, kurvenstabil und handlich, ist sein Name Programm. Nur in ganz mächtigen Schräglagen drängt die GSX-R 1000 auf einen etwas weiteren Kurvenradius. Eine Steigerung in Sachen Haftung für die Rennstrecke bietet der Pilot Sport in Cup-Mischung oder die neuen Pilot Race 2. Fazit: Ein agiler Sportreifen mit hohen Haftungsreserven bei trockener Fahrbahn und perfektem Nässegrip. Daher ist der Michelin Pilot Sport nicht nur für den sportlichen Straßengebrauch, sondern auch für schnelle Rennstreckenfahrten ohne Wettbewerbs-Charakter zu empfehlen.

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote