Reifenberatung Yamaha YZF-R1 (Archivversion)

Rillenträger

Erfolgreiche Superathleten sind oft sehr eigenwillig. Die R1 macht da keine Ausnahme und reagiert recht heikel, zumindest dann, wenn es um die Frage der Bereifung geht.

Begonnen hat alles Anfang März, als das erste serienmäßige Testmotorrad von Mitsui Deutschland in der MOTORRAD-Tiefgarage stand. Schon bei der Probefahrt stellte sich heraus, daß diese R1 die Leichtfüßigkeit vermissen ließ, mit der das Vorserienmotorrad wenige Wochen zuvor im ersten Einzel- und Vergleichstest brilliert hatte. Eine Überprüfung einer zweiten Serienmaschine (MOTORRAD 4/1998) ergab das gleiche Bild: Handling einer 600er? Niemals.Die Ursache für diesen nicht unerheblichen Unterschied wurde in der Bereifung vermutet. Auf der getesteten Vorserienmaschine war die spanische Erstausrüstung Michelin TX 15 Race vorn und TX 25 hinten montiert. In Deutschland wird Yamahas Topstar dagegen auf Metzeler ME Z3-Reifen ausgeliefert. Für Klarheit sollte eine Erprobung aller freigegebenen Reifen sorgen, wobei die Dunlop D 207 sowie Michelin Macadam zum Testzeitpunkt leider noch nicht lieferbar waren.Wie üblich konzentrierte sich MOTORRAD bei den Testfahrten im spanischen Calafat dabei auf die Überprüfung alltagsbestimmender Eigenschaften wie Haftung, Handling, Kurvenstabilität, Dämpfungseigenschaften und die lästige Aufstellneigung beim Bremsen. Diese Kriterien wurden mit dem vorgeschriebenen Luftdruck von 2,5/2,9 bar auf der Rennstrecke und auf der Landstraße beurteilt. Daß die Entwicklung hin zu immer stärkeren und leichteren Motorrädern auch kritische Nebenwirkungen mit sich bringt, ist nicht zuletzt am Beispiel TL 1000 S klar geworden. Daher legte MOTORRAD besonderes Augenmerk auf die Neigung zum Lenkerschlagen, auch Kickback genannt.Im ersten Moment überrascht, daß alle Reifenpaare besser mit der R1 harmonieren als der Serienreifen. Sie bieten ein einfacheres Handling, erfordern geringere Lenkkräfte und stellen sich beim Bremsen in Schräglage nicht so extrem auf. Die R1 fährt sich daher leichter und zielgenauer. Nur der eigens für die R1 entwickelte Michelin TX 15/25 mit der Zusatzbezeichnung N zeigt in Sachen Fahrstabilität und Aufstellneigung Schwächen. Der Serienreifen ME Z3 schneidet darüber hinaus auch in puncto Haftung enttäuschend ab (siehe Interview Seite 55).Der einzige offensichtliche Vorteil, den der Z3 gegenüber der Konkurrenz verbuchen kann, ist ein harmloseres Kickback-Verhalten, während er ansonsten die hervorragenden Anlagen der R1 zunichte macht. Um die Neigung der R1 zum gefährlichen Lenkerschlagen zu überprüfen, wurde auf einer extrem holprigen und welligen Landstraße beschleunigt, wie etwa bei einem Überholvorgang. Dabei wird in der Beschleunigungsphase, die bei etwa 80 km/h beginnt, eine leichte Lenkbewegung ausgeführt. Und unter diesen Bedingungen reagierten alle getesteten Reifen mit relativ starkem Kickback. Selbst auf den Serienreifen schlägt die R1 immer noch recht bedenklich mit dem Lenker, allerdings etwas gedämpfter.Natürlich muß man sich bei Motorrädern vom Kaliber einer R1 darüber im klaren sein, daß sicheres Fahren kühlen Kopf und Disziplin verlangt. Doch beim Lenkerschlagen hilft einem auch das nicht weiter, da es leider oft unerwartet auftritt.Einziges Beruhigungsmittel ist ein Lenkungsdämpfer. Der kann unliebsame Schrecksekunden wirksam verhindern, ist für die brandneue R1 bis jetzt aber noch nicht lieferbar. MOTORRAD hofft, schon in einer der nächsten Ausgaben über erste Erfahrungen mit Zubehörteilen berichten zu können. Denn bevor die Saison auf der Nordschleife oder im Schwarzwald richtig eröffnet wird, empfehlen die MOTORRAD-Tester allen Heißspornen, sich einen Lenkungsdämpfer für ihre R1 zuzulegen. Mit den Problemen konfrontiert, sah sich Yamaha-Deutschland spontan nicht in der Lage, Stellung zu nehmen. Eine offizielle Antwort und eventuelle Reaktionen möchte man zuerst mit dem japanischen Stammhaus beraten.Doch offensichtlich sind die Probleme bei Yamaha nicht unbekannt. Nicht umsonst verwies man bei der Präsentation auf den überdurchschnittlichen Negativfederweg, der das Rad auch auf Bodenwellen beim Beschleunigen am Boden halten soll. Auch die nur im Kickback überzeugende Reifenwahl deutet darauf hin. MOTORRAD bleibt auf jeden Fall am Ball.
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Bridgestone BT 56 F/R (Archivversion) - 120/70 ZR 17 / 190/50 ZR 17

Der Bridgestone gehört zu den Reifen, die den handlichen, leichten Charakter der R1 betonen. Er zeichnet sich durch sein neutrales Lenkverhalten aus und ärgert auch nicht mit störrischer Aufstellneigung beim Bremsen in Schräglage. In Sachen Haftung liegt er nur im Mittelfeld. Die steife Karkasse des Hinterreifens beeinflußt den Dämpfungskomfort zwar negativ, wirkt sich aber vorteilhaft auf die Kurvenstabilität aus. Einziger, aber sehr entscheidender Nachteil der ansonsten empfehlenswerten BT 56-Kombination ist die Neigung zu extrem hartem Lenkerschlagen auf schlechten, welligen Straßen.

Metzeler ME Z1 Racing (Archivversion) - 120/70 ZR 17 / 190/50 ZR 17

Deutlich besser als die Serienbereifung aus gleichem Hause. Gewohnt gute Eigendämpfung und gute Kurvenstabilität machen den Z1 Racing zu einem sehr komfortablen Begleiter. Allerdings erfordert der Z1 höhere Lenkräfte als die Konkurrenz und stellt sich beim Bremsen in Schräglage unangenehm stark auf. Seine Haftungsqualitäten sind dagegen sowohl im Alltag als auch auf der Rennstrecke ausgezeichnet. Leider reagiert er beim harten Beschleunigen auf schlechten Straßen ähnlich kritisch wie der BT 56 von Bridgestone: Die R1 schlägt immer wieder recht energisch mit dem Lenker.

Metzeler ME Z3 (Archivversion) - 120/70 ZR 17 / 190/50 ZR 17

Ausgerechnet mit dem serienmäßig montierten Reifenpaar büßt die R1 viel von ihrer Leichtigkeit ein. Außer in Sachen Lenkerschlagen hinkt der Z3 der Konkurrenz in allen getesteten Punkten hinterher. Er benötigt die höchste Lenkkraft, stellt sich extrem beim Bremsen auf, das Hinterrad dämpft schlecht, und die Haftung reicht vielleicht für ein Tourenmotorrad aus, eine R1 hat aber Besseres verdient. Schon bei moderater Schräglage wird der Gummi nicht mehr mit dem Drehmoment des Yamaha-Kraftpakets fertig, er rubbelt beim Gasaufziehen schon sehr früh aus der Spur. Einziger Pluspunkt: Der Z3 minimiert die Neigung zum Lenkerschlagen.

Michelin TX 15 N/25 N (Archivversion) - 120/70 ZR 17 / 190/50 ZR 17

Komfortabel durch gute Eigendämpfung und geringe Lenkkräfte, zeigt der TX 15N/25N Schwächen in Sachen Fahrstabilität. Vor allem in schnellen welligen Kurven neigt die R1 dazu, mit dem Heck zu schaukeln. Auch gegen Kickback ist die Michelin-Paarung nicht immun. Größter Schwachpunkt ist die starke Aufstellneigung beim Bremsen, diesbezüglich verdient der Michelin die rote Laterne noch knapp vor dem Z3. Die Haftung ist nicht sensationell, aber ordentlich. Wie man einen Spitzen-Reifen für die R1 baut, haben die Franzosen mit ihrem Race 3 gezeigt, der bei Redaktionsschluß leider noch keine Freigabe hatte.

Pirelli Dragon MTR 01/02 (Archivversion) - 120/70 ZR 17 / 190/50 ZR 17

Na bitte, es geht doch. Der Pirelli harmoniert besser mit der Yamaha als die artverwandten Metzeler-Paarungen. Zwar mit deutlich spürbarer Aufstellneigung beim Bremsen in Schräglage, aber sonst leicht und neutral einzulenken, unterstreicht er den agilen Charakter der R1. Sehr guter Komfort im Abrollen auch auf schlechten Straßen und hohe Fahrstabilität gehören ebenso zu seinen Tugenden wie seine gute Haftung auf Landstraße und Rennstrecke. Auf schlechten Straßen reagiert die R1 erst in extremen Situationen mit Lenkerschlagen, das änhlich wie beim Z3 etwas weicher einsetzt.

Pirelli Dragon MTR 01/02 Corsa (Archivversion) - 120/70 ZR 17 / 190/50 ZR 17

Das supersportliche Schwesterpaar zum Pirelli Standard-Reifen ist nur durch den Zusatzaufdruck auf der Reifenflanke zu identifizieren. Trotz spürbarer Aufstellneigung beim Bremsen begeistert es durch bestes Handling, prima Eigendämpfung und hohe Fahrstabilität. Die Haftungsqualitäten stehen wie beim Metzeler Z1 Racing jenseits jeder Kritik. Wie sein Markenkollege versteht es auch der Corsa, die Leichtfüßigkeit der R1 zu unterstreichen. Allerdings reagiert auch mit ihm die R1 recht empfindlich mit Kickback, wenn das Vorderrad beim Beschleunigen auf schlechter Fahrbahn mal den Bodenkontakt verliert.

Lenkerschlagen/ Kickback (Archivversion) - Was ist das uns woher kommts

Lenkerschlagen oder neudeutsch Kickback ist eine Erscheinung, die in letzter Zeit immer öfters für Schlagzeilen sorgt. Jüngstes Beispiel: die Suzuki TL 1000 S, die deswegen per Rückrufaktion werksseitig mit einem Lenkungsdämpfer nachgerüstet wurde.Das Lenkerschlagen, früher eigentlich nur bei hohen Geschwindigkeiten bekannt, tritt bei modernen Motorrädern in der Beschleunigungsphase bereits bei mittleren Tempi ab zirka 80 km/h auf und kann sogar zum Sturz führen.Die Ursachen sind vielfältig. Auslöser ist aber immer eine Bodenunebenheit, nach deren Überfahren das Vorderrad kurzzeitig den Fahrbahnkontakt verliert. Beim Aufsetzen erhält die Frontpartie vor allem in Schräglage einen Impuls, der die gesamte Vorderradaufhängung zu einer Drehung um die Lenkachse anregt. Abhängig von der Fahrbahn und dem Motorrad kann die Anregung so stark sein, daß der Lenker blitzartig von Anschlag zu Anschlag pendelt und je nach Fahrzeug mehr oder weniger lang mit der Eigenfrequenz des Lenksystems nachschwingt.Durch die geringen Fahrzeuggewichte, den kurzen Radstand und das hohe Antriebsmoment moderner Motorräder hebt beim Beschleunigen durch die dynamische Radlastverlagerung das Vorderrad viel eher ab als bei älteren Maschinen. Zusätzlich fördert der Trend zu immer breiteren Reifen diese Erscheinung. Und die Dämpfungseigenschaften unterschiedlicher Pneus wirken sich extrem auf die Intensität des Lenkerschlagens aus. Wirkliche Abhilfe kann in kritischen Fällen aber nur ein optimal abgestimmter Lenkungsdämpfer bringen.

Interview mit Helmut Dähne (Archivversion)

Quote: »Wir arbeiten an einer Lösung“
? Soll der ME Z3 nicht die Nachfolge des bewährten ME Z1-Sportreifen antreten?Der ME Z3 ist im Segment der Supersport-Reifen angesiedelt. Er löst den ME Z1 nicht ab, sondern ergänzt ihn und bietet so die Möglichkeit, die Vorteile der Null-Grad-Gürtelstruktur auch für das Vorderrad zu nutzen. Besonders Fahrer von leichten Hochleistungsmotorrädern werden diese Vorteile schätzen.? Der ME Z3 hat unter anderem in Sachen Haftung enttäuscht. Ist eine Verbesserung für die laufende Serie zu erwarten?Die neuen Sportmotorräder erfordern Mischungstypen für höchste Schnellaufsicherheit. Die Laufflächenmischung des Z3 Standard wurde diesbezüglich optimiert. Ihre Kritik an der Haftung haben wir aufgegriffen und arbeiten bereits an einer Lösung. Für Renn-Grip gibt es ja noch den ME Z3 Racing.? Die Kurvenstabilität ist ebenfalls schlechter als beim Z1.Stabilitätsschwäche haftet dem Z3 grundsätzlich nicht an. Gerade seine Stabilität überzeugte die Motorradhersteller, Metzeler als Erstausrüster zu wählen.? Und was ist mit den schlechten Handlingseigenschaften?Handling ist eine Frage der Produktphilosophie beziehungsweise des individuellen Geschmacks und schließlich auch der Gewöhnung. Handlichkeit muß meist über andere Nachteile erkauft werden. Es war noch nie Metzelers erklärtes Ziel, die handlichsten Reifen zu bauen. Wir arbeiten auch an diesem Thema, werden aber weder Kurven- noch Bremsstabilität dafür opfern.? Welche Forderungen stellte Yamaha für die R1 bezüglich Hochgeschwindigkeits-Haltbarkeit, Fahrstabilität und Haftung?Alle Motorradhersteller stellen hohe Anforderungen, aber nur selten spezifische. Die hochgeschwindigkeitsrelevanten Kriterien stehen im Vordergrund.

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