Reifenfreigaben für ältere Motorräder

Bitte nicht wackeln

Um Freigaben für moderne Pneus auf älteren Motorrädern zu erlangen, müssen die Reifenhersteller und -importeure in Tests die einwandfreie Funktion beweisen. MOTORRAD hat den Bridgestone-Importeur beobachtet.

Clemens scheint großen Durst zu haben. Auf dem Gepäckträger einer ältlichen Kawasaki ZX-10 hat er einen Zehn-Liter-Wasserkanister verzurrt. Der Hinterreifen der Kawa ist stark abgenutzt. Fast kein Profil mehr im Mittelbereich der Lauffläche. Ist der Mann lebensmüde? »So wollen es die Hersteller, wenn wir den Worst case simulieren«, begründet Clemens Goth, der bei Bridgestone für Technik und Kundendienst zuständig ist, die seltsame Bestückung des alten Krads. Im Hof einer Motorradwerkstatt in einem Vorort von Wetzlar in Hessen hat das Bridgestone-Team sein Hauptquartier aufgeschlagen, um moderne Reifen auf älteren Motorrädern zu testen. Ziel der Übung: Reifenfreigaben erstellen.
Über 40 Reifenkombinationen haben die Bridgestone-Mannen in zwei Wochen erprobt. Die meisten Motorräder vom Schlage einer Honda VFR 750 Typ RC 36 von Anfang der 90er Jahre oder einer Yamaha FZR 600 Baujahr 1990, um nur zwei zu nennen, haben die Handling- und Hochgeschwindigkeitsfahrten anstandslos überstanden. Ohne Lenkerflattern – im Fachjargon Shimmy – oder Pendeln zu zeigen. Und das mit einem bis auf die Mindestprofiltiefe abgefrästen Hinterradpneu in Verbindung mit einem neuen Vorderreifen. »Wir können unseren neuen Radialsportreifen BT 010, den BT 020, ein Tourenreifen, und den Diagonalreifen BT 45 für viele ältere Motorräder freigeben«, ist sich Clemens Goth jetzt sicher.
Bikes, die beim Worst-case-Test nur leichte Schwächen gezeigt haben, bekommen noch eine Chance. Wenn sie mit neuen Reifen bestückt weder durch Shimmy noch durch Pendeln unangenehm auffallen, ist es auch okay. Lediglich Honda setzt strengere Maßstäbe: Beide Reifen müssen in der Mitte maximal abgenutzt sein, und dennoch muss das Motorrad ein akzeptables Fahrverhalten an den Tag legen.
»Die Wasserkanister montieren wir nur bei Maschinen, die serienmäßig einen Gepäckträger besitzen. Tourer mit Koffersystem müssen sogar mit je zehn Kilogramm links und rechts am Heck als Simulation für beladene Koffer stabil liegen«, räumt Clemens die Sache mit dem großen Durst aus dem Weg.
Seit März 2000 erlaubt das Bundesministerium für Verkehr den Reifenherstellern, die Freigabetests selbst zu fahren. Zuvor war das den Fahrzeugproduzenten vorbehalten. Selbst der TÜV ist jetzt außen vor. »Für Unbedenklichkeitsbescheinigungen, die der Fahrzeugbesitzer lediglich mitführen muss – die Eintragung in die Papiere entfällt –, braucht man uns nicht mehr«, bedauert Diplomingenieur Claus Weber von der Technischen Überwachung Hessen. Wenn er bei den Bridgestone-Tests dennoch mitmachte, ist das als zusätzliche Absicherung seitens Bridgestone zu verstehen. Keinesfalls missen möchte man die gestrengen TÜV-Prüfer, wenn es um so genannte Teilegutachten geht. Wenn etwa einem Big Bike vom Schlage einer Honda CBR 1000 F ein Vorderreifen mit einem anderen Querschnittsverhältnis verpasst wird. Das muss der TÜV gutheißen, weil der Reifen einzutragen ist.
Auf einem Autobahnzubringer der Sauerlandlinie zeigt der Bridgestone-Tester Goth sein Handwerk. Bei 100 km/h steigt er in die Rasten der Triumph Trophy 1200 und zerrt heftig am Lenker. Ein kurzes Schütteln, schon beruhigt sich das schwere Bike wieder. Nächste Übung: 100 km/h in mittlerer Schräglage durch die Autobahnauffahrt. Jetzt rührt sich die Triumph ein wenig, weil sie auf der Kante des abgefrästen Hinterreifens rollt. Aber unbedenklich. Alsdann noch ein paar Kilometer voll Stoff auf der BAB. »Sie hat leicht geschaukelt. Nicht schlimm«, urteilt der Fachmann. Jetzt hat er aber doch Durst bekommen.
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Infos über Reifenfreigaben

Sämtliche Hersteller geben sich große Mühe, möglichst viele ältere auf dem Markt befindliche Motorräder mit Reifen der neuesten Generation zu homologieren. In Zusammenarbeit mit den Motorradherstellern und -importeuren taten sie dies bereits in der Vergangenheit, während sie seit Frühjahr dieses Jahres selbst Test- und Freigabefahrten durchführen. Metzeler/Pirelli hat seit Anfang 1998 einen so genannten Fax-on-demand-Service eingerichtet. Unter der Faxnummer 089/66612243 kann sich der Kunde eine Freigabebescheinigung für Pirelli- oder Metzeler-Reifen zufaxen lassen. Für Beratungen rund um Reifen lautet die Kundendienstnummer für Metzeler Motorradreifen: 089/14908-440 oder 089/14908-490, Fax 089/14908-510. Infos über Pirelli-Reifen können unter Telefon 089/14908-350 und Fax 089/14908-510 abgerufen werden. Freigabescheinigungen für Bridgestone-Reifen sind erhältlich bei Clemens Goth, Telefon 06172/408-255, Fax 06172/408-249.Michelin ist erreichbar per Telefon unter 0721/530 3349, per Fax unter 0721/530 1460. Dunlop schließlich offeriert Freigabebescheinigungen und Mustergutachten über die Firma Alpha-Technik GmbH unter Telefon 08036/4545, Fax 08036/1572.Für den britischen Reifenhersteller Avon ist der deutsche Ansprechpartner die Firma Cooper-Avon Reifen (Deutschland) GmbH unter Telefon 02739/87440, Fax 02739/874444. Das Service von Continental schließlich hat die Telefonnummer 01802/111230, Fax 01802/111220.Sämtliche Infos über Reifenumrüstungen bieten die Reifenfirmen ebenfalls über ihre Internetseiten an. Hier die Adressen: www.avontyres.com, www.bridgestone.de, www.conti.de, www.dunlop.de, www.metzeler.com, www.michelin.de, www.pirelli-moto.com.

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