Reifenmarkt mit Lieferengpässen (Archivversion)

Zirkusreif...

...wäre der Reifenzirkus in Deutschland seit Anfang der Saison. Wenn man nur über ihn lachen könnte. Aber anhaltende Lieferengpässe, unklare Hintergründe und Vertröstungen trübten die Stimmung doch nachhaltig

Wer in den letzten fünf Monaten in der wenig beneidenswerten Situation war, sein Motorrad neu besohlen zu müssen, durfte sich fühlen wie beim Topfschlagen ohne Topf: Alles abklappern und trotzdem nichts finden. Besonders schlimm war die Lage bei sportlichen Radialreifen. Im Online-Forum von MOTORRAD beispielsweise orakelt Stefan, Deutschland werde zur Reifendiaspora und Volker befürchtet, auf seine Frage nach einem Bridgestone BT 56 schlicht ausgelacht zu werden. Eine Inkognito-Umfrage von MOTORRAD bei über fünfzehn Reifenhändlern im gesamten Bundesgebiet bestätigt die Misere. Mit viel Geduld und noch mehr Glück gelang es, sich eine Paarung Dunlop, Michelin, Metzeler oder Pirelli über mehrere Händler zusammenpuzzeln. Die Chancen, einen Satz Bridgestone BT 56/57 oder 010/020 zu finden, waren allerdings gleich null. Ein Händler in Alsdorf erklärte, Bridgestone sei allein bei ihm mit über 2000 Decken im Rückstand. Ein anderer aus dem Rheinland spricht von einer Katastrophe; auch in der Mittelklasse wie etwa bei der 600er-Bandit sei Bridgestone komplett ausgefallen, die Händler würden hingehalten und es gebe immer wieder eine neue Ausrede. Im Mai ließ Wolfgang Terfloth, Leiter Verkauf bei Bridgestone, verlauten, man bemühe sich bis Juni oder Juli per Luftfracht Reifen nach Deutschland zu holen. Die waren bis Mitte Juli zumindest noch nicht eingetroffen, und auf weitere Nachfrage rückte Terfloth den Termin auf spätestens Ende Juli oder Anfang August. Die Lieferengpässe erklärt er mit einer extrem hohen Nachfrage, die die Disposition weit übertroffen habe. Die Produktion habe darauf so schnell nicht reagieren können. Für die zweite Saisonhälfte und das nächste Jahr sei die Versorgung durch zusätzlich eingerichtete Produktionsschichten jedoch sichergestellt. Michael Hottner, Leiter des Geschäftsbereichs Zweiradreifen bei Michelin, bezeichnet die gegenwärtige Situation als »deutlich besser als im Frühjahr«, als Nachfragespitzen und Lieferschwierigkeiten eines Mitbewerbers zu Engpässen geführt hätten. Mit einer flexiblen Produktion sei es möglich, ein Nachfrageplus von ungefähr 20 Prozent abzufangen. Dennoch werde es weiterhin vereinzelt Lieferprobleme geben, da die Lagerbestände beim Handel weitgehend abgebaut seien und erfahrungsgemäß noch zirka 35 Prozent der Reifenkäufe in den Monaten Juli bis Oktober erfolgten. Auch bei Metzeler und Pirelli setzt man laut Produktmanager Otto Kallenbach auf Flexibilität: »Wir haben die Produktion so weit hochgefahren wie nur irgendwie möglich und auf sehr stark nachgefragte Größen und Profile umgestellt, um somit zu versuchen, den Ausfall unseres Wettbewerbers so gut wie möglich aufzufangen.« Fraglich bleibt allerdings, ob die Ursache für die Lieferausfälle von Bridgestone allein die angeblich erhöhte Nachfrage ist. Plausibel wäre das insofern, als steigende Motorleistungen sportlicher Motorräder und hohe Haftfreudigkeit der entsprechenden Pneus einen erhöhten Reifenverschleiß mit sich bringen und zudem die Radialreifen von Bridgestone auf vielen Sportmotorrädern gut funktionieren. Andererseits weiß man das bei Bridgestone auch nicht erst seit gestern. Laut internen Quellen liegt die Ursache für die Lieferprobleme am Bridgestone-Zentrallager in Frankreich. Dort habe man die Bestellungen für Deutschland zu spät nach Japan übermittelt. Vom Handel wird vereinzelt die Vermutung geäußert, dass Bridgestone Deutschland die durchaus verfügbaren Reifen einfach nicht abnehmen wolle, da der derzeitige Yen-Kurs und damit auch der Einkaufspreis für die in Japan gefertigten Reifen zu hoch liege. Hinzu kämen Zwistigkeiten über die Übernahme der Frachtkosten. Terfloth hingegen bestreitet das. Darüberhinaus ist zweifelhaft, ob die Schwierigkeiten eines einzigen Herstellers für die Engpässe des gesamten Marktes verantwortlich sind. Eine sehr breite Modellpalette mit immer mehr Sonderkennungen erschwert die Disposition der Hersteller. Allein Metzeler bietet zum Beispiel über 350 verschiedene Motorradreifentypen an. Zudem gehe, so ein großer Händler in Düsseldorf, die Bereitschaft vieler Händler zur Lagerhaltung von Motorradpneus stark zurück und vielfach werde nur auf Nachfragedruck reagiert, um keine Ladenhüter einzulagern. Trotz aller Erklärungsversuche bleibt die Situation für den Kunden letztlich unbefriedigend bis ärgerlich. Wer kurz vor dem ersehnten Urlaub mit blanken Pneus da steht, den wird der Tipp, man möge sich doch schon am Jahresanfang mit den benötigten Reifen eindecken, kaum trösten.
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Reifenmarkt mit Lieferengpässen: Report (Archivversion) - Reifeninfos

Anders als für neue PKW gilt die europaweite Aufhebung der Reifenbindung nicht für Motorräder. Werden andere als die in den Fahrzeugpapieren aufgeführten Reifenpaarungen verwendet, so braucht man dazu eine vom Fahrzeughersteller zu beziehende Freigabe-oder Unbedenklichkeitsbescheinigung, die mitgeführt werden muss. Ändert sich zudem auch die Reifengröße auf ein nicht eingetragenes Format, ist eine Anbauabnahme beim TÜV erforderlich. Diese muss entweder über eine mitzuführende Anbaubestätigung oder einen Eintrag in die Fahrzeugpapiere nachgewiesen werden. Bei Reifenbestellung und Kauf sollten die Eintragungen in den Papieren oder der Freigabebescheinigung exakt angegeben werden. Der Code 170/60 ZR17 (73W) TL etwa steht für eine Reifenbreite von 170 Millimeter bei einer Bauhöhe, die 60 Prozent der Breite entspricht. Z markiert eine zugelassene Höchstgeschwindigkeit von über 250 km/h und R eine Radialbauweise. 73 bedeutet eine Tragfähigkeit von 287 Kilogramm bei 2,3 bar Luftdruck und einer zulässigen Geschwindigkeit W über 240 km/h, TL steht für tubeless (schlauchlos). Wichtig gerade für besonders leistungsstarke Maschinen, die auf eigens entwickelten Reifen rollen, ist die Sonderkennung. Sie folgt der Hersteller- und Modellbezeichnung, beispielsweise. Dunlop D205G. Das G steht für einen Reifentyp, der in Karkassenkonstruktion und/oder Gummimischung vom Standardreifen D205 abweicht. Diese Codes sind auf die Seitenwand des Reifens geprägt. Ferner findet sich dort auch die DOT-Nummer. Sie ist seit 2000 vierstellig und gibt den Herstellungszeitpunkt des Reifens an, so etwa 0700 auf einem Reifen der in der siebten Woche des Jahres 2000 produziert wurde. Bei Reifen, die vor 2000 hergestellt wurden, ist die DOT-Nummer nur dreistellig, womit sich das Produktionsjahr, nicht aber das Jahrzehnt feststellen ließ. Ein »neuer« Reifen sollte nicht älter als drei Jahre sein.

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