Reifenverschleißfahrt (Archivversion)

Kurvenräuber

Ein großer MOTORRAD-Reifentest ohne Verschleißfahrt? Undenkbar. Also ab nach Italien und viele tausend Kilometer Landstraße schrubben.

Same procedure as last year? Same procedure as every year! Das heißt: fast. Denn statt eine Woche lang italienische Autobahnen unsicher zu machen – wie vergangenes Jahr beim Reifentest mit den Suzuki GSF 1200 Bandit (siehe MOTORRAD 6/2002) – sollte die BMW F 650 GS auf ihrem Naturell entsprechendem Terrain bewegt werden. Und das sind ganz klar Landstraßen.Das siebenköpfige MOTORRAD-Team, bestehend aus Peter Badmann, Rainer Froberg, Karl Kaufmann, Rainer Koch, Mike Nägle, German Schneider und mir startete an einem grauen Oktobermorgen in aller Frühe von Stuttgart aus über das Allgäu, Fernpass, Reschenpass und Etschtal durch die Poebene in den Apennin. Im Gepäck Profiltiefenmesser, Luftdruckprüfer und Luftpumpe. Nach jedem zweiten Tankstopp wurden die Instrumente gezückt, sämtliche Reifen vermessen und die Daten in vorbereitete Listen eingetragen. Um keinen Reifen durch die unterschiedlichen Fahrstile oder Fahrergewichte zu benachteiligen, tauschen die im Konvoi fahrenden Tester nach jedem Stopp die Motorräder.Der eine oder andere mag sich fragen, wieso sich der Konvoi auf den Fotos aus sieben Fahrzeugen zusammensetzt, am großen Reifentest auf den vorhergehenden Seiten jedoch nur sechs Paarungen teilnehmen. Das ist schnell erklärt: Pirelli hat sich – ohne Kenntnis der Ergebnisse – nach Ablauf der Verschleißfahrten dazu entschlossen, den MT90 Scorpion zurückzuziehen.Als Basislager während der Verschleißwoche diente uns ein Hotel an der italienischen Riviera zwischen Genua und La Spezia. Zu den Tagesetappen starteten wir jeden Morgen ohne lästiges Gepäck in den sensationell kurvenreichen Ligurischen Apennin, der uns oft erst nach Sonnenuntergang wieder ausspuckte. Auf solchen kleinen, verkehrsarmen Landstraßen fühlen sich die BMW pudelwohl – und wir nicht weniger. Schnell haben wir uns auf das schwindelerregende Geschlängel eingeschossen und steigern uns in einen wahren Kurvenrausch.Kaffeepause? Fehlanzeige – kostet zu viel Zeit. Die ganzen Testreifen runter zu rubbeln geht nicht einfach so nebenbei. Doch die regelmäßigen Tankstopps und Mess-Arien gelingen uns immer schneller. Jeder Handgriff sitzt. Profilteife messen, Luftdruck prüfen, Ölstand kontrollieren, Kette prüfen und schmieren und natürlich tanken – alles läuft wie am Schnürchen, da jeder im Team genau weiß, was er zu tun hat. Das spart über den Tag gerechnet locker eine Stunde, in der wir zusätzliche Kilometer und Kurven sammeln.Unseren Teststrecken sind teilweise so schmal, dass keine zwei Autos aneinander vorbeipassen. Zum Glück sind wir mit Motorrädern unterwegs. Und gelegentlich verschlägt es uns auch mehr oder weniger freiwillig auf ungeteerte Wege, nämlich dann, wenn uns die Landkarten mal wieder einen Streich spielen und vermeintlich gut ausgebaute Straßen zu landwirtschaftlichen Holperstrecken mutieren lassen. Doch dank der durchaus schottertauglichen F 650 GS stört uns das wenig. Eine weitere angenehme Nebenwirkung der kleinen Provinzstraßen ist die Verkehrsdichte. Wobei der Begriff »Dichte« hier eigentlich fehl am Platz ist. Oft sehen wir 30, 40 Kilometer keine Menschenseele – geschweige denn Fahrzeuge.Stattdessen stoßen wir eines Abends urplötzlich auf eine Kuhherde, die ein Bauer auf der Straße heimwärts treibt. Offenbar haben die Rindviecher noch nie Motorräder gesehen, denn zunächst bleiben sie starr vor Schreck mitten auf der Straße stehen und dann büchsen drei von ihnen aus. Da sich rechts und links des Wegs Weidezäune befinden, können sie sich nirgends in die Büsche schlagen und traben kilometerlang vor uns her.Dabei tun wir alles, um die Kühe nicht zu erschrecken. Wir fahren Schrittgeschwindigkeit, schalten sogar den Motor aus und versuchen uns schiebend an ihnen vorbeizumogeln. Keine Chanche. Weder Helm absetzen noch beruhigendes Zureden nimmt ihnen die Angst – vielleicht verstehen sie nur akzentfreies Italienisch. Endlich, nach etwa 15 Minuten Verfolgung, findet die letzte Kuh ein Schlupfloch im Zaun und wir können wieder am Gas drehen.Am darauf folgenden Tag muss Mike leider im Hotel bleiben. Schon vergangenes Jahr verletzte sich unser Unglücksrabe auf dem Verschleißtest beim Aufbocken einer Suzuki Bandit. Damals hat er sich eine Sehne gerissen und fuhr trotzdem tapfer weiter. Diesmal erwischt ihn ein schwerer Magen-Darm-Virus und er hütet auf dringendes Anraten des Arztes das Bett. Wir gönnen deshalb zwangsläufig der bis dahin verschleißfreudigsten Reifenpaarung, den Conti Escape, ebenfalls eine Auszeit.Tags darauf fühlt sich Mike wieder fit genug, um gemeinsam mit uns die 900 Kilometer lange Heimfahrt anzutreten, die wir ab Bozen im Regen absolvieren müssen. Als wir schließlich spät abends ohne weitere Zwischenfälle Stuttgart erreichen, sind wir heilfroh und so platt wie die Reifen. Schließlich liegen über 4600 anstrengende Kilometer und rund 100 000 Kurven hinter uns. Und irgendwie war es doch wieder »the same procedure as last year« – nur eben mit anderen Handicaps.
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Reifenverschleißfahrt: Reportage (Archivversion) - Die Fahrt

Die abgebildete Landkarte zeigt das »Jagdrevier« des Verschleißkonvois an der ligurischen Küste und im Apennin. Hier finden sich unzählige, extrem kurvenreiche Straßen, die perfekt zur F 650 GS passen. Hin- und Rückfahrt erfolgten über Fern- und Reschenpass, das Etschtal und die Poebene. Lidia, gute Seele und Hotelchefin, ermahnt uns vor der morgendlichen Abfahrt zu vernünftiger, vorsichtiger Fahrweise. Wir halten uns zugegebenermaßen nicht immer so ganz dran – kommen aber trotzdem jeden Abend wohlbehalten ins Quartier zurück. Für die geruhsamen Momente, wie das Beobachten des Sonnenuntergangs in menschenleerer Berglandschaft, blieb nur selten Zeit. Grob geschotterte Provinzsträßchen gehörten glücklicherweise ebenfalls eher zur Ausnahme. Auf der rund 900 Kilometer langen und ab Bozen verregneten Rückfahrt nach Stuttgart halten wir für einen letzten Tank- und Snackstopp in Ulm.

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