Der Praxis-Tip: Reifen richtig einfahren (Archivversion) Technik transparent

1531 Da freut man sich tierisch auf die große Wochenendtour, läßt extra noch einen Satz neue Gummis aufziehen, und schwupp, haut`s die Kiste in der erstbesten Kurve auf den Asphalt. Und das, obwohl die Schräglage geringer war als beim SchiefenTurm von Pisa. Neue Reifen, das weiß man jetzt, haben ihre Tücken. Der Grund: Die Oberfläche wird bei vielen Herstellern mit einem Konservierungsmittel beschichtet, das das Gummi vor Alterung schützt. Um diese schmierige Schicht abzutragen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Im Rennsport ist es gang und gäbe, die Reifenoberfläche mit einem mit Bremsenreiniger getränkten Lappen abzureiben. Aber Vorsicht, nicht den Reifen einsprühen, das Gummi könnte unter dem aggressiven Mittel aufquellen und noch rutschiger werden.Eine andere, etwas mühseligere Methode: das Aufrauhen mit grobem Sandpapier. Dabei wird ebenfalls ein Großteil der glitschigen Oberfläche entfernt. Die dritte Möglichkeit, die MOTORRAD auch beim Reifentest anwendet (nur für Fortgeschrittene ratsam): Man fährt auf einer freien Fläche, zum Beispiel einem leeren Parkplatz, Kreise mit etwa 30 km/h. Dabei zwingt man die Maschine im Enduro-Fahrstil, also aufrechter Oberkörper und Maschinen »drücken«, bei jeder Runde stärker in Schräglage. Nach sechs bis acht Runden in beide Richtungen hat sich die oberste Reifenschicht meist abgeschmirgelt. Der Beweis dafür bleibt auf dem Parkplatz zurück: dicke, schwarze Kreiselspuren.Alle drei Methoden ändern aber nichts an der Tatsache, daß die ersten Kilometer mit Vorsicht zu genießen sind. Fahren Sie auf kurvigen Straßen anfangs etwa so schnell und rund wie bei Nässe, steigern Sie Tempo und Schräglage mit zunehmender Kilometerleistung und Reifentemperatur. Denn auch die Gummitemperatur beschleunigt das Ablösen der rutschigen Partikel. Nach zwanzig bis dreißig Kilometern hat der Reifen seine optimale Haftung erreicht - wenn auch sein Schulterbereich beansprucht wurde. Wer nur geradeaus fährt, wird die schmierige Oberfläche auch nur in der Laufflächenmitte los.Ein kleines Problem bei sportlichem Galopp ist natürlich die Reifentemperatur, über die so mancher Sportfahrer schon gestolpert ist. Kalte Reifen verfügen je nach Reifentyp nur über einen mehr oder weniger guten Grip im Vergleich zu durchgewärmten Pneus. Denn der regelrechte Klebeeffekt, den sportlich ausgelegte Gummimischungen entwickeln, basiert auf dem Ausgasen bestimmter Inhaltsstoffe ab einem bestimmten Temperaturbereich (etwa 40 Grad). Auch die Karkasse wird durch Erwärmen elastischer und trägt zur besseren Haftung bei. In der Aufwärmphase sollte man hartes Bremsen oder Beschleunigen aus der Schräglage vermeiden. Je höher die Geschwindigkeit, desto schneller die Erwärmung von Gummi und Karkasse durch das Walken und die mechanische Beanspruchung der Kraftübertragung. Auf kurvigen Strecken ist bei Asphalttemperaturen über 20 Grad ein Reifen bei zügiger Fahrweise nach etwa acht bis zehn Kilometern ausreichend durchgewärmt. Je niedriger die Asphalt- und Außentemperaturen, desto länger die Aufwärmphase. Bei regennasser Fahrbahn findet nur noch eine sehr geringe Erwärmung statt, da das Regenwasser dem Reifengummi enorm viel Wärme entzieht. Unter diesen Umständen ist es entscheidend, daß die Gummimischung auch bei niedrigen Temperaturen eine gute Haftreibung aufbaut. Die Wasserabführung, die sogenannte Drainage, über die Profilrillen ist bei Kurvenfahrten weit weniger wichtig als eine effektive Verzahnung des Laufflächen-Gummis mit der Fahrbahn.

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