Fotoreporter im Gaza-Streifen (Archivversion) Im Einsatz

Dies ist keine Motorradtour, kein Reisebericht und auch sonst nichts, was nachzufahren ratsam wäre. Es ist der Arbeitsalltag des Presse-Fotografen Kai Wiedenhöfer auf seiner BMW R 75/5.

Im Oktober 1993 rollt eine 20 Jahre alte BMW R 75/5 mit deutschem Kennzeichen durch den zerstörten Teil eines zweikuppigen Torbogens am Eingang nach Gazastadt. »Welcome to Gaza« stand einst darauf zu lesen. Am Lenker sitzt Fotograf Kai Wiedenhöfer, der für die großen Nachrichten- und Reisemagazine in Deutschland arbeitet. Wiedenhöfer ist zum dritten Mal hier, aber zum ersten Mal mit einem Motorrad. Ein wohlwollender Onkel hatte ihm das alte Ding vor ein paar Jahren mal vermacht, mit 165 000 Kilometern auf dem Tacho und für die wüsten Pisten Gazas gerade recht. Kai hofft, daß sie hält. Zunächst hilft sie ihm jedenfalls. Zum Beispiel bei den Kontrollen der israelischen Armee. Ohne Probleme läßt man ihn durch. Mit deutschem Kennzeichen für die Israelis zwar nur schwer einzuordnen, ist Kai aber auf jeden Fall kein Araber. Für die Araber wiederum eindeutig kein Israeli und daher weniger gefährdet, mit Steinen beworfen zu werden. Er paßt in keines der Feindbilder. Kai fährt das einzige Motorrad in Gaza, und es macht ihn bekannt in diesem rund 200 Kilometer langen Küstenstrich. Leicht zu identifizieren, wird er immer wieder angesprochen, schließt Bekanntschaften und gewinnt Einblicke, die sonst kaum möglich wären. Viele haben von ihm gehört, und sie wissen, daß er ihre Sprache spricht. Das öffnet Türen - die Sprache und die BMW.Der Fotograf ist hier, um den alltäglichen Krieg aus der Sicht der Bewohner - unabhängig, zu welchem Volk sie gehören - von Gaza zu sehen und zu zeigen. Ohne Wertung. Das entspricht seinem Wunsch nach Ehrlichkeit, fotografisch und überhaupt. Früher hatte Kai Partei bezogen. Erst für die Israelis, später für die Palästinenser. Heute für keine der verfeindeten Seiten mehr so richtig. Heute betrachtet der 29jährige lieber die einzelnen Menschen, und Menschen sind es auf beiden Seiten. Bei aller Unmenschlichkeit, die in dieser Region herrscht. Diese Offenheit öffnet auch die Menschen, die er fotografiert. Sie schafft Vertrauen und macht die Nähe möglich, die ihm so wichtig ist. Wichtig, um Gefühle zu transportieren und Einblicke zu schaffen, Verständnis zu wecken für die Menschen hier, die so ganz anders sind. Herzlicher, sagt Kai, und dennoch fremd. Und seine Offenheit schafft auch räumliche Nähe. Dennoch ist es bisweilen paradox: mit seinen Objektiven mit kurzen Brennweiten mitten im Geschehen und irgendwie doch nicht anwesend zu sein. Exponiert und abgegrenzt, scheinbar versteckt hinter seiner Kamera, ist er mehr Beobachter als Teilnehmer. Offensiv, aus der Perspektive der Fotografierten manchmal vielleicht aggressiv. Nähe bedeutet aber auch Gefahr. Wie der Kontakt zu einer Gruppe von Untergrundkämpfern. Als diese vor einer israelischen Patrouille fliehen, läuft Kai mit und fotografiert. Die Guerillias werden steckbrieflich gesucht und im Zweifelsfall ohne Warnung erschossen. In solchen Momenten verwischen die Grenzen zwischen Beobachten und Teilnehmen gefährlich.Kais Art ist ruppig-geradeaus. Das macht ihn zwar nicht unbedingt sympathisch, verschafft ihm aber Glaubwürdigkeit. Und die hilft ihm genauso weiter wie das Image des »grazy german with a motorbike«, das ihm vorauseilt. Sogar während eines Generalstreiks, als eine Ausgangssperre verhängt wird, kommt er mit dem Motorrad unbehelligt durch die Stadt. Kaum zu fassen.Kai versucht, sein Bild von der Situation zu machen. Doch die ändert sich ständig. Den Glauben an eine allesumfassende Objektivität hat er nicht mehr. Nur noch den Glauben an die Wahrheit für den Moment. Es ist schwierig, Realitäten abzubilden. Ein Foto ist fragmentarisch, abhängig vom Standpunkt und vom Blickwinkel - im doppelten Sinne. Einmal führt Kai seinen inneren Kampf um die persönliche Wertung von Richtig und Falsch, der wohl nie endgültig gewonnen werden kann. Der andere Konflikt ist ähnlich schwer auszufechten. Er gilt dem Realitätssinn der Medienschaffenden, der sich mitunter eher am Aufmerksamkeitswert, sprich den Auflagenzahlen richtet als nach der treffenden Schilderung eines Sachverhaltes. Ein Beispiel: Arabische Kinder und Jugendliche werfen spaßeshalber Steine und Steinchen gegen ein israelisches Militärcamp. Da Stacheldrahtrollen und ein fünf Meter hoher Zaun das Camp umschließen, machen die Soldaten sich noch nicht einmal die Mühe, die Kinder zu vertreiben. Doch mehr als zehn Fotografen sind zugegen und drücken ab. Die Szene ist grotesk - jedes dieser Kinder will Medienstar sein, alle werfen bis zur Erschöpfung. Bilder, die die öffentliche Meinung mitbeeinflussen.Weniger harmlos ist ein anderes Beispiel: Zwei Berufskollegen Kais sitzen während des libanesischen Bürgerkriegs mit ein paar palästinesischen Guerillas auf dem Dach eines Hochhauses. Zu diesem Zeitpunkt finden keine Kampfhandlungen statt. Einer der beiden Fotografen deutet auf die Panzerfaust eines Guerillas und erkundigt sich nach ihr. »Do you want to know how it works?« fragt der Palästinenser. Der Fotograf bejaht. Der Guerillero hebt die Panzerfaust auf die Schulter und feuert auf ein vorüberfahrendes Auto. Keiner der Insassen überlebt. Das Foto wird prämiert. Ein auflagensteigernder Eyecatcher. So etwas will Kai nicht. Einige der Regeln, die gute Fotografen zu erfolgreichen Fotografen machen, ignoriert er. Auch wenn dies bisweilen mit seinem Geschäft kollidiert. Er versucht die Wanderung auf dem schmalen Grat zwischen aktueller Berichterstattung und Sensation, zwischen Einblick und Voyeurismus. Und immer wieder schießt er Fotos, die für aktuelle Berichterstattung kaum Verwendung finden: Bilder einer Ernte oder von Kindern, die einfach fröhlich sind. Soweit dies unter den gegebenen Zuständen eben möglich ist. Bilder von feiernden Menschen am Strand. Sie feiern am ersten Tag nach dem Abzug der israelischen Truppen die »wiedergewonnenen« Gebiete. Mit Pferderennen, Ballspielen und Ghettoblustern. Kinder erklettern Umzäunungen von Militärcamps, die einen Tag zuvor noch israelische Soldaten beherrbergten. Robert Cappa, einer der bekanntesten Fotojournalisten, vertrat die Meinung, man müsse die Menschen mögen, die man ablichtet. Und man müsse sie das spüren lassen. Das sieht Kai ebenso. Er versucht das zu zeigen, in dem er einfach da ist. Nicht dominierend kamerabehangen, sondern mit kleinem Equipment. Durch Dableiben, wenn andere bereits gegangen sind, und durch Zuhören, wo andere nicht verstehen. Und immer wieder ist es sein Motorrad, das ihn auffallen läßt. Taxifahrer, die von ihm gehört haben, berichten ihm die neuesten Geschehnisse. Mitglieder des bewaffneten palästinensischen Widerstands fordern ihn auf, zu ihnen zu kommen, Fotos zu machen. Sie haben Vertrauen. Und er ist neugierig. Neugier sei eines der Hauptmotive seiner Arbeit, sagt Kai. Und er macht Erfahrungen. Mit den Grenzen des Menschseins und mit seinen eigenen. Gar nicht so sehr in spektakulären Situationen, sondern oft in den ganz leisen. Die Schmerzen einer Frau, die um ihren getöteten Sohn weint. Der Nervenzusammenbruch einer jungen Frau, die von der Arbeit kommt und nur noch ihr zerstörtes Haus vorfindet. Kai kommt zufällig vorbei, und Angehörige der jungen Frau fordern ihn auf hineinzugehen und ein Foto zu machen. Er sieht diese Frau und läßt die Aufnahme bleiben. Eine Woche später begegnet er ihr wieder. Jetzt fotografiert er sie. Ein ästhetisches Bild. Sehr paradox. So paradox und dennoch folgerichtig wie der Umstand, daß gerade in der Gegenwart von soviel Gewalt und Leiden die komplementären Gefühle so deutlich spürbar sind. Gefühle wie Liebe, Freude, Dankbarkeit und Freiheit. Dankbarkeit und Freiheit vor allem. Kai hat sich vorgenommen, seine eigenen Möglichkeiten bewußter wahrzunehmen und zu leben. Nicht zuletzt ist es Neugier auf sich selbst - und Sehnsucht.Als Kai im Juni 1994 Gazastadt mit seiner BMW verläßt, kommt er noch einmal durch den doppelkuppigen Torbogen. Diesmal durch den noch erhaltenen Teil. »Rafaqatukum Al-Salama« - Gehe in Frieden - steht darauf.

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