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Hinter den Kulissen des MOTORRAD-Reifentests Reifentest 2012 - Das Making-of

Nicht nur bei den Reifen, auch bei Mann und Material gab es Verschleißerscheinungen. Noch dazu wurde ein kleines Hotel bei Marseille mal eben schnell zur Werkstatt umfunktioniert. Alltäglicher Wahnsinn während des MOTORRAD-Reifentests.

 Männer, wir müssen jetzt ganz tapfer sein“, schallt es in den Speisesaal des bodenständigen Hotels in Gémenos. Wie? Was? Wo? Nach knapp 1000 Kilometern und zwölf regenreichen Stunden auf dem Bock noch tapfer sein? Schlechter Scherz, denkt sich die Mannschaft der sonst unermüdlichen Verschleißfahrer. Doch tatsächlich: „Wer nach dem Abendessen nichts vorhat, die Triumphs brauchen noch den 1000er-Ölwechsel.“ Mal eben bei sechs Triumph Street Triples und ebenso vielen R-Schwestermodellen einen vollständigen Ölservice erledigen? Es ist 21 Uhr, am nächsten Tag geht es für weitere 800 Kilometer plus Fotofahrten um acht Uhr los, draußen schifft es wie Sau: Meinen die das wirklich ernst? Ja, sie meinen es - und damit herzlich willkommen zum MOTORRAD-Reifentest 2012. Aber beginnen wir die Geschichte doch von vorn. Zunächst stand, wie immer bei einem großen Produkttest, eine Idee auf dem Papier des verantwortlichen Redakteurs. Erwartete der langjährige MOTORRAD-Leser für dieses Jahr wieder ganz turnusmäßig eine Verschleißwertung für die Tourenreifen, tüftelten Redakteur Lohse und Top-Tester Schwers nicht lange rum: Warum nicht Touren- und Sportreifen gleichzeitig einer Verschleißfahrt unterziehen und somit noch den familieninternen Vorzug des einen gegenüber dem anderen Reifen des jeweiligen Herstellers ermitteln? Fuhrpark-Chef und Gute-Laune-Bär Froberg schaute ausnahmsweise nicht ganz so begeistert, als er von dem Plan Wind bekam, läge es doch an ihm, in kürzester Zeit zwölf nagelneue Motorräder zu besorgen und die Testreifen aufzuziehen.

Dienstagmorgen, acht Uhr, Redaktionstiefgarage: Die Wechselklamotten der Verschleißfahrer, 50 Liter Öl, ein paar Trichter und Messbecher, Ölfilter und Altölwannen zieren das Innenleben des Sprinters, der die Truppe begleiten wird. Alles startklar? Super, dann geht es jetzt los. 40 Meter später der erste unplanmäßige Stopp. Elf Motorräder sind abfahrbereit, nur Nummer zwölf wartet vergeblich auf die ersten Umdrehungen der Kurbelwelle: Fahrer fehlt. Zehn Minuten kollektives Bangen, dann folgt die Entwarnung: Der Mann ist auf dem Weg. Er dachte, es ginge erst um neun Uhr los. C’est la vie. So, nun aber endlich rauf auf die Bahn und fleißig Kilometer machen. 4000 davon sollen es am Ende werden, komprimiert in einen engagierten Sechstageplan. Immerhin, das Wetter verwöhnt mit angenehmen Temperaturen und reichlich Sonne. So lässt es sich arbeiten.

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Tester Werner Koch beantwortet Fragen zum MOTORRAD-Reifentest.
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Foto: Jahn
Idealer Stützpunkt für die Cevennen-Tour: das Hotel „Lou Cante Perdrix“.
Idealer Stützpunkt für die Cevennen-Tour: das Hotel „Lou Cante Perdrix“.

Zwei Stunden später in einer anderen Welt: Regen, Gischt und einstellige Temperaturen. Über Frankreichs Autobahnen gießt es wie aus Kübeln, und die ersten Textilkombis geben Hinweise auf Nachlässigkeiten im Produktionsablauf. Redakteur Lohse verteilt eifrig Zettelchen und Stifte und bittet um detailgenaue Beschreibungen der Wassereintrittsstellen. Der Mann hat vielleicht Nerven. Zugegeben, die braucht er auch. So mancher französische und spanische Automat an Mautstationen verhält sich schlimmer als eine adelige Grazie. Mal funktioniert die Tank-, mal nur die EC- oder Kreditkarte, häufig zickt er selbst beim Bargeldeinwurf. Bei zwölf Motorrädern ein ärgerliches Spielchen. Dafür -entstehen aber gern gesehene Raucherpausen - und noch wichtiger: Regenerationsphasen für den Allerwertesten. Die sind auch nötig, stellen sich doch die Street Triples erwartungsgemäß nicht als sonderlich langstreckentauglich heraus. Pitschnass und durchgefroren erreicht die Truppe schließlich um 20 Uhr das erste Etappenziel in Gémenos. Jetzt trennt die Fahrer nur noch der Ölwechsel von einer geruhsamen Nacht. Der Landregen macht die Sache nicht leichter, doch man weiß sich zu helfen. „Ich hab mit dem Inhaber des Hotels gesprochen“, verkündet Lohse. „Wir können den Ölwechsel bei denen hinten im Speisesaal machen.“ Wow, das ist mal Gastfreundlichkeit, sind sich alle einig. Doch irgendwie scheint der Besitzer den Redakteur missverstanden zu haben. Mit weit aufgerissenen Augen staunt dieser nicht schlecht, als plötzlich nicht nur eines, sondern alle zwölf Motorräder im fliegenden Wechsel seinen Speisesaal in eine Interimswerkstatt verwandeln. Um ein Uhr nachts fällt dann der Hammer: Motorräder und Personal sind fix und fertig. Tags drauf sieht man trotzdem in gut gelaunte Gesichter, die Fahrt bis in die Nähe von Lleida in Spanien verläuft ohne Zwischenfälle. Routine spielt sich ein. Alle 200 Kilometer heißt es tanken, flott einen Müsliriegel zwischen die Zähne klemmen, ausreichend trinken und wieder rauf auf den Esel. Die kommenden zwei Tage kurven die Verschleißfahrer geübt durch die Pyrenäenausläufer, im Visier zahlreiche fototapetentaugliche Landschaftspanoramen. Nur einen interessiert das wenig: Immer häufiger signalisiert der Hintern, dass er jetzt nicht mehr platt gesessen werden möchte.

Es ist Freitag, Tag vier, bei Sonnenuntergang mitten im Süden Frankreichs: Die Tarn-Schlucht liegt rechterhand der filigran in die Steinwand gezeichneten Passstraße. Die Blicke der Fahrer sind gefesselt. Ein sensationeller, nein, phänomenaler Anblick. Einfach abgefahren! Diese Szenerie entschädigt für viele Wehwehchen und muss ebenso für solche vorbeugen: Wieder einmal beginnt es zu tröpfeln, man hinkt dem Zeitplan zwei Stunden hinterher, und das Sonnenlicht verschwindet hinterm Horizont. „Noch 190 Kilometer zum Hotel?“, empören sich zwei Fahrer. Auch Top-Tester und Tourguide Schwers erhascht das Gefühl, dass die Laune der Truppe am Boden liegt. Dieser Abend wird sie auf die Probe stellen. Dunkelheit, Dauerregen und glatte Passstraßen vereiteln zügiges Vorankommen. Eineinhalb Stunden sind vergangen, und noch immer bleiben 100 Kilometer durch das französische Nirgendwo abzuspulen. Dieser Tag scheint kein Ende zu kennen. Selbst die Anfahrt zum Hotel erweist sich als Herausforderung. Den einspurigen Pass, der zum Hotel führen soll, kennt nicht mal die Landkarte. So muss kurzerhand das Begleitfahrzeug als Wegbereiter herhalten. Um halb elf Uhr abends ist dann alles vorbei. Ein zutiefst eindrucksvoller und intensiver Tag zwischen landschaftlicher Schönheit und körperlicher Tortur neigt sich dem Ende zu. Eine heiße Dusche und trockene Sachen sowie ein nächtliches Abendessen möbeln die Laune der Verschleißfahrer wieder ordentlich auf. Das ist gut so, denn was sie zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen können, offenbart die Heimreise am nächsten Tag schonungslos: Knapp 15 Stunden Fahrt im Dauerregen stehen ihnen bevor. Und das nach 3100 Kilometern in fünf Tagen: Männer, wir müssen jetzt ganz tapfer sein.

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