Im Test: Tourenreifen der Dimension 120/70 ZR 17 und 180/55 ZR 17 (Archivversion) Sechs Meilenstiefel

Starke Tourer brauchen starke Reifen. MOTORRAD jagte die aktuellen Touren-Schlappen durch den Härtetest und verrät, welche Pneus den unterschiedlichsten Anforderungen standhielten - und welche nicht.

Wie an der Schnur gezogen, sausen sechs Yamaha YZF 1000 R um die winklige Rennstrecke im spanischen Calafat. Volle Beschleunigung, hart auf der Bremse, fallen die Reiter Sekunden später - klack, klack, klack - wie Dominosteine in Schräglage, fauchen von Kurve zu Kurve. Motorradballett? Rennfahrerschule? Weit gefehlt. Der MOTORRAD-Reifentest, Abteilung Verschleiß, ist unterwegs. Die Wahl der Yamaha YZF 1000 R als Reifentest-Maschine hat natürlich seine Gründe. Mit 233 Kilogramm Gewicht und 145 PS kommt die Thunderace dem optimalen Kompromiß zwischen bärenstrakem Tourensportler und flinkem Straßenrenner ziemlich nahe. Im flotten Landstraßentempo radiert die Truppe jede Menge Gummi vom Profil. Und das nicht nur in der Laufflächenmitte, sondern vor allem im seitlichen Schulterbereich von Vorder- und Hinterrad. Ein für schwere, leistungsstarke Maschinen typisches Verschleißbild, wie diverse MOTORRAD- Langstreckentests und auch die Erfahrungen etlicher Leser schon häufig gezeigt hatten. Weshalb der Verschleißtest von der Autobahn auf die Rennstrecke mit landstraßenähnlichem Charakter verlegt wurde.Freilich beurteilen die Routiniers auf ihrer 400-Runden-Tour auch die Fahreigenschaften der Testreifen. In genau festgelegten Wechselintervallen gehen dabei die sechs Maschinen durch die Hände aller Fahrer. Den unterschiedlichen Fahreigenschaften der sechs Testreifen ist neben dem Verschleiß-Sextett ein weiterer Profi auf der Spur. Ausgerüstet mit modernster Datenaufzeichnung, hat er die Aufgabe, sämtliche Testkriterien im direkten Vergleich akribisch genau auszuwerten und zu benoten. Schließlich sollten gute Tourenreifen etwas mehr drauf haben als nur eine abriebfeste Gummischicht. Handlichkeit, Lenkpräzision, Kurvenstabilität und Haftung lassen sich zwar nicht in Millimetern und Kosten-Nutzen-Rechnungen bewerten, gehören aber für den Spaß und die aktive Sicherheit am Motorradfahren zu den ganz entscheidenden Faktoren. Was nützt schon das beste Fahrwerk, wenn der falsche Pneu über die Felge gestülpt wird? Neben den Praxistests auf Rennpiste, Landstraßen, Autobahnen und einem Naßtestparcours wurde alle Hinterrad-Pneus einem Prüflauf auf der Rolle ausgesetzt, um mögliche Defekte bei Hochgeschwindigkeits-Dauerläufen aufzustöbern. Nach einem festgeschriebenen Zyklus sausten die Breitreifen mit einer Geschwindigkeit bis zu 280 km/h über die Rolle. Erfreuliches Ergebnis: Keiner der sechs Testreifen, die von MOTORRAD willkürlich aus einem Lagerbestand von mindestens 100 Stück bei den jeweiligen Herstellern oder Importeuren gezogen wurden, versagte bei dieser Tortour seinen Dienst.Einen echten Ausreißer im Praxistest konnte MOTORRAD dagegen in Sachen Naßhaftung dingfest machen. Pirellis Dragon GT benötigte nicht nur knapp achtzehn Sekunden mehr auf dem rutschigen Testparcours als der Sieger in dieser Disziplin, der Bridgestone BT 57, sondern verlor auch zu allen anderen Tourenpneus mehr als zehn Sekunden. Worauf MOTORRAD einen zweiten, nagelneuen Reifen zum Nachtest montierte - mit ein und demselben Ergebnis. Anschließend anberaumte Testfahrten auf öffentlichen Straßen im Großraum Stuttgart und Nordschwarzwald bestätigten das miserable Ergebnis auf der bewässerten Versuchsstrecke: Ungenügender Grip am Hinterrad auf nassem, glattem Asphalt oder Beton lassen die drehmomentstarke Yamaha YZF 1000 R bereits beim zaghaften Beschleunigen gnadenlos durchdrehen. Auch die Seitenführung in Kurven ist mehr als dürftig, permanent zackt das Hinterrad aus der Spur. Untermauert wird die dramatische Grifflosigkeit des Pirelli MTR 04 durch die elektronische 2D-Datenaufzeichnung (Diagramm Seite 182).Insgesamt belegt der aktuelle MOTORRAD-Reifentest eindrucksvoll die alte Erkenntnis, daß sich nicht alle positiven Eigenschaften in einem Reifen vereinen lassen. Sichere Haftung, und das auch bei Nässe, hat einen höheren Verschleiß zur Folge. Reifen, die federleicht ums Eck zirkeln, bekommen in Sachen Hochgeschwindigkeitsstabilität ihre Probleme - und anders rum. Bester Beweis dafür: das Bridgestone BT 57-Pärchen, das mit perfekten Handling- und Haftungseigenschaften glänzt, auf den holprigen Betonplatten der Test-Autobahn bei Höchstgeschwindigkeit dagegen ziemlich ungemütliche Stabilitätsprobleme an den Tag legt. Welcher Tourenreifen für welchen Einsatzzweck den idealen Kompromiß darstellt, muß immer noch jeder Biker selbst festlegen. Wer auf sportliche Qualitäten weniger Wert legt und eine solide Fahrstabilität agilem Kurvenwetzen vorzieht, wird sich beim Gebrauch der MOTORRAD-Wertungstabelle anders orientieren als Fahrer, denen Haftung und Handling alles bedeuten. Anhand der Punktetabelle läßt sich exakt das Reifenpärchen aussortieren, das die individuellen Ansprüche am besten erfüllt.Anzumerken bleibt, daß nicht alle Testergebnisse, die mit der »offenen« YZF 1000 R herausgefahren wurden, bedingungslos auf alle Maschinen mit dieser Reifengröße übertragen werden können. Doch die grundsätzlichen Eigenschaften wie Haftung, Handling, Fahrstabilität oder Verschleiß gelten ohne größere Abstriche auch für andere Motorräder dieser Gewichts- und Leistungsklasse. Nicht übertragen lassen sich die Resultate dagegen auf andere Reifengrößen. Die Ergebnisse dieses Tests gelten nur für Pneus in exakt dieser Baugröße, montiert auf 3,5- und 5,5-Zoll-Felgen und mit der in den Datenkästen aufgeführten Typenbezeichnung. Eine Ableitung auf andere Größen oder Typen ist in keinem Fall möglich, da jede Reifendimension eine speziell entwickelte Karkaßkonstruktion und Gummimischung aufweist.Andere als im Test gefahrene Luftdrücke können die Eigenschaften der Reifen leicht verändern. MOTORRAD empfiehlt für alle Einsätze mit hoher Zuladung oder bei Fahrten mit Höchstgeschwindigkeit, den Reifenluftdruck auf den Wert von 2,5/2,9 bar zu erhöhen, um eine Beschädigung von Karkasse oder Lauffläche durch Überhitzung vorzubeugen. Wem die sechs getesteten Tourenpneus in Sachen Haftung und Handling grundsätzlich nicht genügen, sollte noch etwas Geduld aufbringen. In MOTORRAD 12/1998 gehen die fünf aktuellsten Sportreifen in der Dimension 120/70 ZR 17 und 180 /55 ZR 17 auf die Strecke. Mit dabei: Bridgestone BT 56, Dunlop Sportmax D 207, Metzeler ME Z1, Michelin TX 15/25 und Pirelli Dragon. Ein rasanter Shoot-out mit erstaunlichen Ergebnissen.

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