Motorrad-Reifentest 2012 Sport- und Tourenreifen 2012 im Vergleich

Die Reifenkombination 120/70 und 180/55 ist populär und umfasst eine Vielzahl von Motorradtypen: tourentaugliche Allrounder, drahtige Naked Bikes, supersportliche 600er. Doch welche Reifengattung sollte man beim nächsten Wechsel aufziehen? Unsere Typberatung für alle Tage.

Foto: Jahn

Der Wahnsinn beginnt direkt in den zahlreichen Werkshallen auf dieser Welt: Da werden Motor-räder, die in den klassischen Saisonmonaten von März bis Oktober bevorzugt auf Landstraßen, Passstrecken oder Autobahnen bewegt werden, mit reinrassigen Rennreifen bestückt. Bei der Seitenwandwertung ist man mit diesen Pseudo-Slicks vielleicht noch der Hero, doch wie schaut es damit tatsächlich in der Praxis aus? Dazu vielleicht ein Blick in die Fahrtenbücher des MOTORRAD-Dauertests: Die Überschallgranate BMW S 1000 RR, in der Erstausrüstung mit dem straßenzugelassenen Rennreifen Metzeler Racetec K3 unterwegs, knickt damit beim üblichen Alltagseinsatz in der Redaktion mächtig ein. Ausfahrten an kühleren Frühsommertagen, womöglich noch durch feuchte Asphaltdecken gewürzt, verlangen nach einem nervenstarken Piloten. Allenfalls in wenigen heißen Wochen im Jahr - von Rennstreckeneinsätzen mal abgesehen - mag der Trip auf diesen ultrastabilen Rennreifen wirklich sinnvoll sein und entsprechend Lust bereiten. Aber lohnt es, sich dafür den Frust für die vielen anderen Fahrtage in der Saison aufzubürden? Also her mit den Sport-reifen, die von nahezu jedem Premiumhersteller mit Prädikaten wie Super- oder Hypersport versehen werden. Bereits mit diesen ist man für den sportlichen Ritt über die Hausstrecke besser gerüstet als mit den semiprofessionellen Rennreifen.

Vor allem aber, das hat der zweite Teil des MOTORRAD-Reifentests in der vorangegangenen Ausgabe gezeigt, lässt sich hier eine unglaubliche Vielfalt an Charaktertypen finden: kerniges Material für fetzige Landstraßenausritte (Conti Sport Attack 2) oder knackige Gummis für das Zeitenfeilen auf dem Rundkurs (Pirelli Diablo Rosso II). Dazwischen Breitband-Allrounder, die -einen nahezu unglaublichen Spagat von „Race“ bis „Regen“ hinlegen. Bridgestones brandneuer S 20 schnappt sich mit dieser Abstimmung schließlich den Siegerkranz im diesjährigen Sportreifen-Test.

Zudem offenbart der Blick auf die neue Generation sportlicher Schluffen eine Trendwende, die vor Jahren noch undenkbar schien: Sportreifen hatten vor allem ultrastabil zu sein, erkauft mit allen Defiziten, die das Leben im Alltag verdammt hart machten. Man führe sich nur die Entwicklungsschritte bei Bridgestone oder Dunlop vor Augen: von vergleichsweise harten, unnachgiebigen Gummis, die im Alltag kaum weich zu kneten waren (BT 016, Qualifier), hin zu relativ geschmeidigen, deutlich handlicheren Reifen (S 20, Sportsmart) - natürlich mit der entsprechenden Abstufung untereinander. Bereits seit Jahren hat Michelin diesen alltagskonformen Kurs eingeschlagen: Der Pilot Power 2CT war ein exzellenter Reifen für alle Fälle, und mit dem Nachfolger Power Pure wird das konsequent fortgesetzt.

Stellt sich nun die Frage, ob nicht sogar das Potenzial der Tourenreifen, die ebenfalls von Herstellerseite aus mit sportlichen -Namensattributen geadelt werden, für die klassische Saison von Ostern bis Oktober ausreichend ist? Auf der 4000-Kilometer-Ausfahrt durch Europa mit zwölf Triumph Street Triples wurde dazu nicht nur ein exakter Vergleich der Laufleistung ausgelotet. Gleichzeitig ließ sich so auch das Wohlbehagen im Alltag analysieren. Und siehe da: Mit der aktuellen Tourenreifengeneration verliert man auch auf schnellen Landstraßenabschnitten oder beim Pässewedeln in den Pyrenäen keinesfalls den Anschluss an die sportlichen Schwestermodelle. Und Vorteile in puncto Laufleistung haben sie allemal. Wer beim nächsten Reifenwechsel alles richtig machen will, sollte zunächst den eigenen Fahrstil ehrlich und selbstkritisch analysieren: Auf welchen Strecken ist man die meiste Zeit unterwegs? Wie wichtig ist eine Top-Performance im Regen? Und: Hat man den alten Reifen wirklich an die Belastungsgrenze gebracht?

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Foto: Archiv

Touren- und Sportreifen nach 4000 km

Rein wirtschaftlich betrachtet ist die Kaufentscheidung zwischen einem Touren- und Sport-reifen schnell gefallen: Während Bridgestones touristischer BT 023 noch mit satter Profiltiefe von 80 Prozent an der Front bzw. 70 Prozent am Heck gesegnet ist, macht der sportliche S 20 dagegen gerade richtig schlapp: Gerade einmal 35 Prozent Restprofil hinten verbleiben nach der 4000 Kilometer langen Testrunde über deutsche Autobahnen, französische Landstraßen und spanische Passstrecken in den Pyrenäen bis zum gesetzlichen Limit von 1,6 Millimetern. Bei den anderen Herstellern fällt die Differenz zwar nicht so gewaltig aus, aber bis auf den Sportreifen von Dunlop hat die Hinterhand aller anderen Sportpaarungen über die Hälfte an Laufleistung eingebüßt. Die Tourenreifen sehen diese Übung, die übrigens in einer großen Zwölfergruppe im Format 120/70 (vorne) und 180/55 (hinten) auf Triumph Street Triples eingefahren wurde, deutlich entspannter. Sie büßen nach der Testdistanz hinten im Schnitt rund ein Drittel an Laufleistung ein, vorne zum Teil gerade einmal ein Viertel bis ein Fünftel.

Das sind in puncto Langlebigkeit schon einmal Top-Werte. Natürlich ist die reine Laufleistung nur die halbe Miete, weshalb nach der Verschleißfahrt noch einmal exakt die Funktion der verschlissenen Reifen geprüft wird. Hier zeigt sich, dass ein hoher Verschleißwert nicht automatisch mit einem hohen Verlust an Fahrqualitäten einhergeht. Probleme bereiten vor allem die Reifen, bei denen sich mittlerweile eine regelrechte Kante in die Lauffläche gefressen hat. Wie zum Beispiel bei den Contis, deren markante Zacke in der Profilgestaltung förmlich ausgewaschen wird. Darunter leidet vor allem das Fahrgefühl beim Tourenreifen Road Attack 2, der nach den 4000 Kilometern an Neutralität und Kurvenstabilität verloren hat.

Foto: MPS-Fotostudio

Bridgestone

BT 023
Grundsätzlich ist Bridgestones Tourenreifen ein -grundsolider Landstraßenreifen mit ausgewogenen, neutralen Fahreigenschaften. Im Reifentest kann er besonders mit einem geringen, gleichmäßigen Abriebbild nach der 4000 Kilometer langen Verschleißfahrt punkten. Die generellen Fahreigenschaften nehmen im abgefahrenen Zustand nur geringfügig ab. Bei Nässe muss der 023er mit Nachdruck umgelenkt werden, die Haftgrenzen sind früh erreicht.

Foto: MPS-Fotostudio

S 20
Chapeau! Nach der eher spröde ansprechenden BT 016-Generation hat Bridgestone mit dem S 20 einen erstklassigen Sportreifen für alle Tage gebacken. Seine Stärken sind vor allem ein brillantes Ansprechverhalten auf nassen Straßen mit hohem Grippotenzial, das Limit kündigt sich gut einschätzbar an. Auf der Landstraße gefällt er durch sein geschmeidiges Feedback auch bei kühleren Temperaturen. Kleines Sahnehäubchen obendrauf: die klasse Rückmeldung auf der Rennstrecke.

Fazit
In der Summe der Eigenschaften entpuppt sich der brandneue Sportreifen S 20 als die bessere Wahl. Mit seinem Breitbandangebot (sportliches Fahren auf der Landstraße, tolle Regenperformance, sauberes Ansprechverhalten bei kühlerer Witterung) spricht er viele Fahrertypen an. Wer einzig Wert auf hohe Laufleistung legt, ist mit dem 023er besser bedient.

Foto: MPS-Fotostudio

Continental

Road Attack 2
Contis Tourenreifen Road Attack 2 präsentiert sich in diesem Test als extrem agiler Landstraßenreifen, der auch ab Werk eher unhandlichen Bikes gehörig Beine macht. Doch bei zunehmender Laufleistung lassen die positiven Fahreindrücke spürbar nach - und die 4000-Kilometer-Runde zehrt zudem gewaltig am Restprofil. Bei Nässe kann der Road Attack 2 zwar von seinen guten Handlingeigenschaften profitieren, doch die abrupten Rutscher verbreiten zu viel Unruhe an Bord.

Foto: MPS-Fotostudio

Sport Attack 2
Das sportliche Schwestermodell schlägt in die gleiche Kerbe: Der Sport Attack 2 brilliert mit seiner messerscharfen Lenkpräzision und toller Kurvenstabilität auf der Landstraße. Auch auf der Rennstrecke weiß er sich mit überragender Handlichkeit in Szene zu setzen, baut dann aber schneller als die Konkurrenz ab. Bei Nässe trüben abrupte Rutscher den Fahreindruck. Toll dagegen die Langlaufeigenschaften mit geringen Ver-schleiß-werten und minimalen Qualitätseinbußen.

Fazit
Beide Contis punkten durch ihre tolle Landstraßenperformance, sind also gleichermaßen erste Wahl für Kurvenjäger, die auf sportlichen Motorrädern unterwegs sind. Wer zudem aber auf länger anhaltenden Fahrgenuss Wert legt, wird am Sport Attack 2 nicht vorbeikommen, der relativ betrachtet weniger Profil und Qualitäten einbüßt. Kein Tipp für Regenfans.

Foto: MPS-Fotostudio

Dunlop

Roadsmart 2
Die zweite Auflage des Roadsmarts kann sich durch gute Verschleißwerte in Szene setzen. Beim Vorgänger war der hohe Profilverlust noch ein heißes Thema, zumal auch die Fahreigenschaften spürbar nachließen. Der Roadsmart 2 bleibt auch bei zunehmender Laufleistung eine solide Wahl für die Landstraße, wo er mit Stabilität bei sportlicher Gangart punkten kann. Auf nassen Straßen gefällt er durch satte Haftung, verliert aber bei Handlichkeit und Lenkpräzision.

Foto: MPS-Fotostudio

Sportsmart
Auch der sportliche Kollege des Roadsmart 2 glänzt durch tolle Verschleißwerte - in der Kategorie Sportreifen gehört er zu den Klassenbesten. Bei -Regen punktet er mit guter Haftung, ist aber unterm Strich -etwas zu träge. Das ist anfangs auch das Gefühl, das er auf Landstraßen und Rennstrecken vermittelt. Der Sportsmart muss förmlich weich geknetet werden. Um mit ausreichender Stabilität bei flotten Kurvenfahrten und mit toller Lenkpräzision zu glänzen, braucht er Temperatur.

Fazit
Beide sind in ihren jeweiligen Klassen (Sport- und Tourenreifen) echte Dauerläufer, in den Absolutzahlen hat natürlich der Roadsmart 2 die Nase vorn. Gleichzeitig bringt der Tourenreifen von Dunlop aber auch genügend sportliche Gene mit, um beim verschärften Ritt im Alltag nicht einzuknicken. Der Sportsmart ist für die klassische Saison eine Spur zu kernig.

Foto: MPS-Fotostudio

Metzeler

Z8 Interact M/O
Was für eine Parade auf nasser Straße: Mit souveräner Haftung macht der neue Z8 mit der Sonderkennung M (vorne) und O (hinten) Ausflüge bei Regen zum Genuss. Da muss sogar der bislang beste Regenreifen im Tourensegment, Michelins Road 3, zurückstecken. Auf der Landstraße ist der Z8 nicht der handlichste, gefällt aber durch gute Kurvenstabilität und angenehme Rückmeldung. In Sachen Laufleistung gehört er zu den besten im Feld, die Qualitäten lassen dabei nur minimal nach.

Foto: Hersteller

M5 Interact
Nicht nur das ausgeprägte Verschleißbild nach der 4000-Kilometer-Testrunde prägt das Bild des sportlichen Schwes-termodells. Zudem hat sich beim M5 eine beim flotten Kurven-wedeln deutlich spürbare Kante gebildet, auch das Aufstellmoment hat zugenommen. Die sehr verhaltene Rückmeldung stört auf der Landstraße wie bei Fahrten auf der Rennstrecke, wo er generell verhältnismäßig lange braucht, um auf Temperatur zu kommen. Das Verhalten bei Nässe ist okay.

Fazit
Spiel, Satz und Sieg für den Tourenreifen. Der brandneue Z8 ist im Vergleich zum sportlichen Schwestermodell für Alltagspiloten eindeutig der bessere Reifen. Er macht flotte Landstraßenausritte ebenso mit wie schnelles Bolzen auf der Autobahn. Dazu liefert er eine Top-Performance im Regen und brillante Verschleißwerte. Der M5 ist dagegen eher farblos.

Foto: MPS-Fotostudio

Michelin

Pilot Road 3
Der Einsatz des Road 3 steht und fällt mit den Motorrädern, auf die er aufgezogen wird. Seine ausgeprägte Agilität kann schwerfälligen Bikes guttun, echte Kurvenjunkies wie die Triumph Street Triple werden bei großen Schräglagen dagegen zu kippelig. Der kleine Mangel an Neutralität ist auf jeden Fall -Geschmackssache. Keine Geschmackssache ist dagegen die glasklare Transparenz im Regen: Auf nassen Straßen ist die ausgeprägte Handlichkeit und hohe Lenkpräzision ein echter Trumpf.

Foto: MPS-Fotostudio

Power Pure „D“
Beim Nachfolger des hoch geschätzten Pilot Power 2CT hatte Michelin zunächst auf das Thema Leichtbau gesetzt, musste in den ersten MOTORRAD-Tests aber Kritik wegen mangelnder Stabilität einstecken. Mit dem daraufhin verbesserten -Vorderreifen (erkennbar an der D-Spezifikation, hinten unverändert) passt es wieder: Michelins Sportreifen überzeugt vor allem als breitbandiger Alltags-Allrounder, der im Regen kräftig aufdreht. Nur beim Verschleiß -bewegt man sich im Mittelfeld.

Fazit
Touren- oder Sportreifen? Bei Michelin nicht einfach zu beantworten: Bei Nässe trumpfen beide Paarungen auf, lassen sich geschmeidig bewegen und bieten hohe Gripreserven. Beide teilen auch dasselbe Manko: Wenn sie rutschen, dann kommt es sowohl beim Road 3 wie auch beim Pure ziemlich spontan. Auf der Landstraße gibt sich der Pure eine Spur stabiler.

Foto: MPS-Fotostudio

Pirelli

Angel ST
Getreu dem Motto der Marke gibt Pirelli dem Tourenreifen Angel ST auch eine betont sportliche Note. Was an sonnigen Tagen in der Saison auch bestens funktioniert. Der Reifen mit dem markanten Engel-Teufel-Profildesign bietet satte Haftreserven und überzeugt mit hoher Stabilität - selbst wenn die Gangart etwas schärfer wird. Auch beim Verschleiß punktet der Angel mit geringem Profil- und minimalem Qualitätsverlust. Etwas zu viel Unruhe kommt allerdings auf nassen Straßen auf.

Foto: MPS-Fotostudio

Diablo Rosso II
Ready to race. Der Rosso II ist ein waschechter Sportreifen, der sich erst an heißen Tagen und vor allem auf der Rennstrecke so richtig in Szene setzen kann. Dann punktet der Pirelli mit messerscharfer Lenkpräzision und vertrauenerweckend hoher Kurvenstabilität. An kühleren Tagen mangelt es aber vor allem bei der Landstraßenhatz an Rückmeldung. Beim Verschleiß trübt eine ausgeprägte Kante die Fahrdynamik spürbar, und bei Regen ist der Rosso II sehr schnell ans Limit gebracht.

Fazit
Auch für den schnellen Otto Normalfahrer gibt es bei Pirelli eine klare Kaufempfehlung: Der Angel ST deckt für den Alltagseinsatz im Laufe einer Saison das breitere Spektrum ab. Sportliche Reserven sind genügend vorhanden, die Laufleistungsqualitäten sind gut, und die Regenperfomance ist okay. Der Rosso II ist dagegen für alle Tage zu spitz konfiguriert.

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