24.05.2012 Von: Jörg Lohse , Karsten Schwers
Erschienen in: 12/ 2012 MOTORRAD

MOTORRAD Reifentest 2012 Sportreifen in 120/70 ZR 17 und 180/55 ZR 17

+++ Rückblick auf den Reifentest 2012 +++ Der Reifentest 2013 erscheint am 10. Mai 2013 in MOTORRAD 11/2013 +++ Das Lastenheft für einen modernen Sportreifen kann nicht praller gefüllt sein: Stabilität auf der Rennstrecke, Agilität auf der Landstraße, solide Haftung bei Regen, ausreichende Laufleistung für eine kilometerreiche Saison. Im zweiten Teil des Motorrad-Reifentests müssen sechs Sportgummis Farbe bekennen.
In diesem Artikel: Suzuki GSX-R 600

Reifentest Suzuki GSX-R 600

Die Rennstreckenwertung im MOTORRAD-Reifentest wurde mit der Suzuki GSX-R 600 auf der Rennstrecke von Alcarráz nahe Lleida ausgefahren.  

Foto: Jahn  

Leben am Limit: In der wilden Rock ’n’ Roll-Zeit schien das auch für Motorradfahrer kein Problem zu sein. Lasche Fahrwerke, die sich bereits beim Abrufen der Maximalleistung von 100 PS in Wechselkurven wie ein Hubba Bubba-Kaugummi verformten. Der wabbelige Wahnsinn selbst ist unterwegs auf Holzreifen, deren Rückmeldung mit dem Abwurf des Fahrers gleichkam. Trotzdem - oder gerade deshalb - war man der König im Revier. Wenn ein Vier- oder gar Sechszylinder heranröhrte, wurde respektvoll eine Gasse gebildet. Doch heute? Gehören 200 PS zum erwünschten Ziel der Superbike-Gemeinde. Traut sich kaum noch ein Hersteller, ohne ABS und Traktionskontrolle in die Sportlerecke der Verkaufsstation zu rollen. Dem Ganzen steht aber ein wahnwitziger Verkehrsinfarkt gegenüber: Blitzergespickte Landstraßen, zähflüssiger Autobahnkolonnenverkehr, bei dem selbst Überschallgranaten wie eine Hayabusa oder ZZ-R 1400 von einer Meute TDI-getriebener Vertreterkombis links weggeblinkt werden. Endlich ist beherrschbare Leistung im Überfluss vorhanden, doch wohin damit? Ab auf die Rennstrecke, doch nicht jeder hat eine passende vor der Haustür. Und die 1445 Euro für die Nordschleifen-Jahreskarte muss man auch erst einmal auf der hohen Kante haben.

Resigniert könnten Sie jetzt den Reifentest zur Seite legen: Wozu noch die Vor- und Nachteile der aktuellen Sportreifengeneration gegeneinander abwägen, wenn selbst der Schwächste im Test noch gut genug für die meisten alltäglichen Fahrten ist? Ein Stück weit müssen wir Ihnen Recht geben. In der Tat würde eine Blindverkos-tung der Reifen zu erstaunlichen Ergebnissen führen, wahrscheinlich einige Stammtischparolen („Der XY ist eigentlich unfahrbar!“) ad absurdum führen und mit Sicherheit belegen, dass zumindest aus diesem Testfeld sechs Entwicklerteams in aller Welt eine solide, gute Arbeit gemacht haben. Doch ein Test ist wie die Bundesliga: Am Schluss muss ein Meister feststehen und sollen Champagnerkorken knallen.

MOTORRAD wäre aber nicht MOTORRAD, wenn wir uns unsere Leser nicht genauer anschauen und versuchen würden, uns in ihre Wünsche, Sorgen und Bedürfnisse hineinzudenken. Vieles davon landet zum Beispiel per Mail oder direkt am Telefon nach einem Reifentest bei den verantwortlichen Redakteuren und Testern: „Warum habt ihr nicht den Verschleiß getestet? Für mich der entscheidende Faktor beim Reifenkauf!“ - „Ich fahre doch nicht bei Regen wie eine besengte Sau am Limit. Der Nasstest wird bei euch viel zu hoch bewertet!“ - „Ich sehe immer nur neue Produkte im Test. Mich interessiert viel mehr, wie sich die Reifen mit zunehmender Laufleistung fahren.“

Reifentest 2012 Nässe

Bridgestone S 20 - der Beste bei Nässe.  

Foto: Jahn  

An dieser Stelle geben wir allen kritischen Kommentatoren unseres Reifentests Recht. Nahezu jeder Einwand von Leserseite hatte seine Berechtigung. Weshalb wir in den letzten Jahren an vielen Stellschräubchen gerüttelt und gedreht haben. Herausgekommen ist seit 2009 ein Test, den es weltweit kein zweites Mal gibt. Grundlegendes Merkmal ist die umfangreiche Bepunktung und Platzierung in den Einzelkapiteln. Der Vorteil liegt auf der Hand: Unabhängig vom Endergebnis kann so der individuell zu den eigenen Bedürfnissen passende Reifen herausgefiltert werden. Mehr noch: Wer sein ganz persönliches Setup wissen will, greift zum Taschenrechner und gewichtet die Kriterien neu, setzt zum Beispiel die Maximalpunktzahl bei Handling und Lenkpräzision hoch und wertet Geradeauslauf und Aufstellmoment ab. Ebenso kann am Gesamt-Ranking gedreht werden: Faktor X für Landstraße oder Rennstrecke, Abstufung bei Verschleiß oder Regenperformance. Hoppla, plötzlich gibt es neben dem MOTORRAD-Testsieger einen Hansi-Huber-Testsieger. Sie sollten Ihren Kumpels beim nächsten Stammtisch erzählen, wie der Reifen Ihren ganz persönlichen Test gewonnen hat.

Gleichwohl heften wir uns auf die Brust, dass Sie mit unserer grundsätzlichen Reifenempfehlung gut unterwegs sein werden. Für alle, die wie bei einer Traktionskontrolle den ab Werk vorgegebenen Modus „Sport“ einloggen und nicht erst irgendwelche Kennfelder neu programmieren wollen. Natürlich birgt der Begriff einigen Interpretationsspielraum: Wie viel Rennstrecke muss ein Sportreifen verkraften können? Sind Sportfahrer überhaupt bei Regen unterwegs? Muss ein Sportreifen wirklich lange halten? Auch für die einzelnen Reifenhersteller ist das natürlich eine Gleichung mit einigen Unbekannten. Dass dabei das Lastenheft der Motorradhersteller keine große Hilfe ist, zeigt das Beispiel Bridgestone: Nicht wenige japanische Supersportler sind allein in der letzten Dekade mit den Sportreifen von Bridgestone erstausgerüstet worden. Doch wirklich beliebt waren der steife, auf Hochgeschwindigkeitsstabilität und Geradeauslauf konzipierte BT 016 und seine Vorgänger bei kurvensüchtigen Alltagsfahrern nicht. Wer einen geschmeidigen Reifen für alle Fälle suchte, hat wiederholt zum Michelin Pilot Power gegriffen.

Umso erstaunter nimmt man jetzt den neuen Bridgestone S 20 zur Kenntnis. Schon beim BT 016 Pro (eigentlich einem Interimsreifen, der aber weiterhin im Programm bleiben wird) schien in Japan eine Trendwende bei der Sportreifenkonstruktion eingeläutet worden zu sein. Mit dem S 20 hat sie sich jetzt anscheinend vollzogen. Gemeinsamkeiten mit der BT 016-Generation gibt es so gut wie keine mehr. Der S 20 glänzt bei Nässe und macht den einstigen Regengöttern von Michelin die Hölle heiß. Der S 20 macht auf der Landstraße Spaß. Und das nicht nur bei perfekten Konditionen im Hochsommer mit gut durchgewärmter Asphaltdecke. Auch an kühleren Tagen, die in unseren Breitengraden typisch für die klassische Motorradsaison von Ostern bis Oktober sind, stimmt es mit Rückmeldung und Grip. Kurzum: Bridgestone hat einen 1a-Sportreifen für alle Fälle und viele Tage aus dem Hut gezaubert. Chapeau! Gleichwohl müssen aber auch noch ein paar andere kleinere Sieger geehrt werden. Zum Beispiel Conti: Der Sport Attack 2, auf der EICMA wie Kai aus der Kiste gesprungen, setzt die Tradition des Hannoveraner Reifenbäckers in puncto Landstraßenperformance fort. Agiler als der Conti ist kein Zweiter. Unter unseren Lesern gibt es jetzt bestimmt einige, die deshalb dem Sport Attack 2 den Testsieg umhängen. Genauso wie die Montagsfahrer aus Hockenheim oder Jahreskarteninhaber aus der Eifel, die schon ganz ungeduldig in die Rennstreckentabelle gespickt haben und dem Pirelli Diablo Rosso II die Reifentestkrone aufsetzen. Zu guter Recht: Wer Sport mit Rennstrecke kombiniert, wird an diesem präzisen wie ultrastabilen Reifen nicht vorbeikommen. Sie merken schon, das Thema Reifen ist und bleibt eine große Geschmacksfrage. Wie gut, dass es da kein Limit gibt.

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