Motorrad-Reifentest Tourenreifen im Landstraßen-, Nässe- und 4000-km-Verschleißtest

+++ Rückblick auf den Reifentest 2012 +++ Der Reifentest 2013 erscheint am 10. Mai 2013 in MOTORRAD 11/2013 +++ Handlichkeit für flottes Kurvenwedeln, Haftung auf nassen Straßen, Laufleistung für Tausende von Kilometern: Bei den Reifen wollen Motorradfahrer keine Kompromisse machen. MOTORRAD-Tester auch nicht. Weshalb die Crew in diesem Jahr mit mehr als einem Dutzend Motorrädern ausrückte. Teil eins im großen Reifentest: sechs Tourenreifen im 120er-/180er-Format.

Foto: Jahn

Die Entscheidung im ersten Teil des MOTORRAD-Reifentests 2012 fällt auf der Nassteststrecke. Seit Jahren stellt Michelin den Regengott. Die Franzosen haben es einfach drauf, einen Reifen zu bauen, der im Regen nicht in die Knie geht. Auch der vor einem guten Jahr neu eingeführte Michelin Pilot Road 3 übernahm beim 2011er-Test (MOTORRAD 11/2011) auf Anhieb das Zepter vom Vorgänger Road 2.

In diesem Jahr scheint alles beim Alten zu bleiben: Wie gewöhnlich düpiert der Michelin-Reifen mit sekundenlangem Vorsprung auf der Nassteststrecke die Konkurrenz. Doch dann kommt es ganz dicke: Metzeler hat für 2012 den vom Namen her bekannten Z8 Interact deutlich überarbeitet. Das Update ist erkennbar an der Sonderkennung „M“ (vorne) und „O“ (hinten) und soll zunächst nur in Deutschland erhältlich sein. Die Zeit des Road 3 steht auf dem 1530 Meter langen, permanent bewässerten Kurs des European Proving Ground von Bridgestone in Nettuno bei Rom: 1:13,4 Minuten. Der Abstand zum Folgenden, Dunlops neuem Roadsmart 2: gewaltige 3,7 Sekunden. Inzwischen ist die Yamaha FZ8, Trägerfahrzeug für die Reifenbeurteilung auf nasser Strecke, auf Metzeler umbereift. Eine Runde einrollen und zwei Vollbremsungen bringen den Reifen auf Temperatur. Dann gilt es. Nach vier Runden steht fest: Der König ist tot, es lebe der neue König! Der Z8 Interact hat es tatsächlich geschafft, den Pilot Road 3 vom Thron zu stoßen. Mit einer Bestzeit von 1:12,9 wird die Traumzeit des Michelin tatsächlich um fünf Zehntel unterboten. Dann folgt die Analyse anhand des 2D-Datarecordings. Die Kurvendiskussion zeigt klar: Im Referenzbereich der Teststrecke, des lang gezogenen Omegas, ist der Metzeler ganze 1,5 km/h schneller als der Michelin, obwohl dieser wiederum mit mehr Handlichkeit und höherer Zielgenauigkeit einen kleinen Vorteil in schnellen Wechselkurven herausfahren kann.

Natürlich runzelt nicht nur der geneigte Leser, sondern auch der Testfahrer an dieser Stelle die Stirn. Denn wer ist schon im Alltag bei einer verregneten Tour auf der letzten Rille unterwegs? Klar ist: Die Anforderungen, die man heute an einen guten Tourenreifen stellen kann, werden auch von den beiden Schlusslichtern im Nässetest, dem Bridgestone BT 023 und Continental Road Attack 2, erfüllt. Das Niveau ist insgesamt sehr hoch, einen echten Ausreißer nach unten, der auf der nassen Piste einen glitschigen, unkontrollierbaren Eindruck hinterlässt, gibt es in diesem Testfeld nicht. Vielmehr kommt es im Regen auf das ganz persönliche Geschmackserlebnis an.

Wenden wir uns deshalb noch einmal den Rote-Laterne-Trägern zu. Die Datenauswertung zeigt, dass sich der Conti deutlich schneller über die Teststrecke bewegen lässt als der punktgleich platzierte Bridgestone. Knapp 2,5 Sekunden Vorsprung bei der Rundenzeit, knapp 3 km/h mehr Tempo im Omega. Möglich wird das durch die überaus hohe Agilität, die den Road Attack 2 generell auszeichnet: Enge Linien bringen mit dem Conti einen echten Zeitgewinn! Der Bridgestone muss in deutlich weiteren Radien über den Kurs gesteuert werden. Das kostet eben Zeit. Beim Thema Bremsen hat dagegen eindeutig der Japaner die Nase vorn - bei der Vollbremsung aus 100 km/h steht der BT 023 nach 52,8 Metern. Zum Vergleich: Gegenüber dem Ersten im Nässetest, dem Metzeler Z8 Interact, sind das gerade einmal zwei Meter mehr; und der Zweite, Michelins Road 3, ist mit 52,1 Metern auf demselben Niveau. Dagegen fällt der kurvenstarke Conti deutlich ab. Ganze 57,6 Meter braucht der Road Attack 2, um die ABS-bestückte Yamaha aus Tempo 100 auf dem permanent bewässerten Kurs zum Stehen zu bringen.

Das ist auch ein Zeichen, wie es um die Hafteigenschaften der Reifen bestellt ist: Gutmütig, aber sehr früh kündigen sich die Rutscher beim BT 023 an, der Conti rutscht später, aber deutlich abrupter. So gesehen kein Fall für schreckhafte Naturen, deren Unsicherheit bei Regen so noch einmal deutlich gesteigert würde. Beim Bremsen zeigt sich jedenfalls eindeutig, dass der BT 023 grundsätzlich mit gutem Nassgrip aufwarten kann. Wagen wir an dieser Stelle den Sprung zum Führungsduo, das mit deutlichem Abstand den Nasstest dominiert.

In der Top-Liga werden im Regen noch einmal ganz andere Zeiten und Schräglagen gefahren. Mit dem Metzeler fast 10 km/h mehr als mit dem Bridgestone im Omega, die Schräglage steigt von 21,5 (Bridgestone) auf 27,1 Grad, der Michelin nur einen Wimpernschlag dahinter. Selbst versierten Fahrern wie Gasttester Volkmar Jacob von der Schwesterzeitschrift PS ist so viel Regenperformance nicht geheuer: „Mit den beiden Reifen lassen sich natürlich Top-Zeiten fahren. Auf der anderen Seite bist du damit aber bei widrigen Umständen plötzlich deutlich schneller und schräger unterwegs und musst in einer brenzligen Situation natürlich brillant reagieren!“ Zumal im freien Straßengeläuf etliche Gefahrenstellen lauern, die impulsiv nach einer souveränen Reaktion verlangen, sei es der glatte Kanaldeckel in einer Kurve oder ein fieser Bitumenstreifen, der auf der Ideallinie lauert.

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Foto: Jahn

Das Glück im Nassen liegt also jenseits von reinen Bestzeiten auf der Strecke. Überhaupt sollte die Kaufentscheidung für neue Reifen von einer ehrlichen Selbsteinschätzung des Fahrens im Regen begleitet werden. Unverzichtbar ist allerdings ein tadelloses Ansprechen auf Notbremsungen, weshalb diese Wertung in der Tabelle auf der folgenden Seite bei der Neubereifung nicht unberücksichtigt bleiben sollte. Für alle, die noch den letzten Tourenreifentest mit der 1250er-Suzuki Bandit von 2010 im Kopf haben: An dieser Stelle sei angemerkt, dass die jetzt längeren Bremswege auf das vergleichsweise grob regelnde ABS der FZ8 zurückzuführen sind. Trotz des höheren Gewichts waren die Anhaltewege mit dem fein ansprechenden ABS der Bandit im Schnitt fünf Meter kürzer.

Auch im Kapitel „Landstraße“ sollten die Wertungen mit Blick auf das eigene Wohlgefühl betrachtet werden. Wer einen wirklich agilen Landstraßenreifen sucht, wird am Conti Road Attack 2 nicht vorbeikommen. Mehr noch: Wer ein unhandliches Bike fährt, kann mit dem Conti eine wirklich effektive, deutlich zu spürende Tuningmaßnahme ergreifen. Gleichwohl könnten sich aber gewisse Fahrertypen an der Eigendynamik stoßen, die mit dem Road Attack 2 bei bereits ab Werk handlichen Bikes wie der Street Triple in unserem Test auftreten: dem spürbaren Abklappen oder einer gewissen Kippeligkeit bei großen Schräglagen. Diesen Charakterzug muss man auch bei dem Michelin Pilot Road 3 in Kauf nehmen, obwohl er bei schweren Tourenbikes wie beispielsweise einer 1250er-Suzuki Bandit, wie sie vor zwei Jahren im Test war, nicht so ausgeprägt ist. Was bei sportlichen Piloten für Lust sorgt, kann dem Tourenfreund also einigen Frust bereiten.

Universaltauglicher sind zweifelsohne die Reifen, die sich bei der Landstraßenwertung hinter dem Conti einreihen, allen voran der Angel ST. Dem Motto der Marke treu, ist auch der Tourenreifen von Pirelli mit reichlich Sportgenen gesegnet, ohne auf eine besonders gesteigerte Agilität Wert zu legen. Seine besondere Stärke ist die Ausgewogenheit auch bei sportlicher Gangart. Und das bei einer Vielzahl von Motorradtypen, die mit dem Angel weder überhandlich noch träge werden.

Zweiter Nebeneffekt: Auch bei steigender Laufleistung ändern sich die Fahreigenschaften des Angels ST nur minimal, im direkten Vergleich hat der Conti Road Attack 2 nach der 4000 Kilometer langen Verschleißrunde deutlich stärker nachgelassen. Mehr noch: Beim optisch ansprechend gestalteten Conti-Profil haben sich die 4000 Kilometer förmlich in die markante Zacke hineingefressen. Am Vorderreifen entsteht eine Kante, die sensible Fahrer beim Einlenken aus der Neutrallage deutlich wahrnehmen. Und das bei einem vergleichsweise moderaten Profilverlust. Schließlich sind nach diesem Test noch knapp 71 Prozent Restprofil am Vorderreifen vorhanden, wirtschaftlich betrachtet wäre der Conti also noch gut genug für eine satte fünfstellige Laufleistung. Doch was nutzt das, wenn der einst agile Fahreindruck durch diese Kante zunehmend getrübt wird?

Auch der Drittplatzierte in der Landstraßenwertung, Dunlops Roadsmart 2, steckt die Laufleistung deulich besser weg als der Conti. Vom Charakter folgt er dem Angel ST, wobei aber ein gewisser Aha-Effekt fehlt. Viel Entwicklungsarbeit scheint auf jeden Fall in die Neuabstimmung der Mischung geflossen zu sein. Sein Vorgänger, der Roadsmart, musste beim großen Tourenreifentest vor zwei Jahren jedenfalls noch reichlich Prügel einstecken: Auf Platz zwei in der Landstraßenwertung im Neuzustand folgte Platz 5 nach 4500 Kilometern. Aufgrund der hohen Verschleißwerte hatten auch die Fahreigenschaften spürbar nachgelassen. Für den Roadsmart 2 ist das kein Thema mehr: Geringer Verschleiß plus tolerierbare Einbußen bei den Fahreigenschaften mit zunehmender Laufleistung zeichnen den Dunlop-Reifen als guten Allrounder aus.

Mit einem regelrechten Quantensprung hat sich aber Metzeler an die Spitze dieses Tests katapultiert. Der Z6 Interact blieb im großen Tourenreifen-Test vor zwei Jahren farblos und wollte in keinem Kapitel überzeugen. Bei seiner Testpremiere im letzten Jahr (Heft 11/2011) konnte sich der Z8 Interact zwar deutlich von dem Vorgängermodell absetzen, doch umkrempeln konnte er das Feld noch nicht so ganz. Weshalb sich die Entwickler nochmals an die Mischung wagten und mit der Kennung M/O einen fast idealen Tourenreifen komponierten: solide Landstraßenqualitäten (bis auf das kleine Defizit in Sachen Handling), ein sehr ansehnliches Verschleißbild, akzeptable Qualitätseinbußen bei zunehmender Laufleistung und ein brillantes Auftreten auf nassen Straßen.

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Foto: Jahn

Die Tourenreifen auf der Landstrasse

Schon vor zwei Jahren musste man den Reifen beim Landstraßen-Praxistest auf der deutlich schwereren wie drehmomentstärkeren Suzuki Bandit 1250 S attestieren: Nicht sie geben das Limit vor, es ist das Motorrad. Spannend natürlich die Frage, ob sich diese Erkenntnis auch auf den 1a-Landstraßenfeger Triumph Street Triple in Normal- und R-Ausführung übertragen lässt. Kurz gesagt: ja! Sowohl in den schnellen Kurvenpassagen quer durch die französischen Cevennen wie auch auf engen Pass-abschnitten der spanischen Pyrenäen, die zu allem Überfluss vom just vergangenen Winter noch kräftig eingesalzen waren, stellte sich auf den tourenbereiften Triples nicht ein - einziges Mal eine kritische Situation- ein, die den Reifen geschuldet wäre. Das zur generellen Beurteilung. Im Detail lassen sich natürlich die Charaktereigenschaften der einzelnen Hersteller - von fein bis deutlich zu -spüren - herausfiltern: Conti brilliert mit seinem überaus handlichen Road Attack 2 weiterhin das Kurvengeschäft im Alltagsbusiness, für Kurvenjäger ist und bleibt das –Gummi aus Hannover erste Wahl. Dicht gefolgt von Pirellis Angel ST, der durch seine Ausgewogenheit mehr der Reifen „für alle Fälle“ ist.

Michelins Pilot Road 3 ist auf trockenem Asphalt dagegen nicht wirklich in seinem Element. Zwar kann er ob seiner Kontur und Mischung eher behäbigen Bikes etwas Agilität verleihen, im Falle der bereits überaus handlichen Triumph mangelt es dem -Michelin-Reifen aber an gewünschter Neutralität: Abklappen in großen Schräglagen, spürbares Aufstellmoment und leicht knautschiges Fahrgefühl sind die Kehrseite der Medaille.

Foto: Archiv

Fazit
Bei den etablierten Reifenmarken aus Europa und Japan herrscht lautes Säbelrasseln. Erst- und Letztplatzierten trennen in der Landstraßenwertung gerade einmal 13 Punkte - bei 150 möglichen ein Klacks. Conti bleibt mit dem Road Attack 2 weiterhin erste Wahl, während die beiden Neuzugänge im Revier (Metzeler Z8 Interact M/O und Dunlop Roadsmart 2) in diesem Kapitel unterm Strich zu farblos bleiben.

Foto: Jahn

Tourenreifen in der Verschleißwertung

Traumjob Testfahrer? Dem stehen heute die neuesten Erkenntnisse und Entwicklungen der Reifenindustrie im Wege; denn die Gummi-Tüftler lassen keine Möglichkeit ungenutzt, modernen Radialreifen eine möglichst hohe Laufleistung einzuimpfen. Was wiederum für den weltweit einmaligen Abriebtest von MOTORRAD bedeutet: Kilometer schrubben - bis am bitteren Ende die Testcrew aufgerieben ist. Um tatsächlich signifikante Aussagen über den Reifenverschleiß treffen zu können, sollten mindestens 3000 Kilometer abgefahren werden. Doch nicht nur das. Um alle Reifen wirklich seriös miteinander vergleichen zu können, muss eine einheitliche Beanspruchung stattfinden: ein identischer Fahrzeugtyp (in diesem Jahr Triumph Street Triple/R), kompaktes, gleichmäßiges Fahren in der Gruppe. Dazu kommt der regelmäßige Fahrzeugtausch, je nach Strecke (Autobahn oder Landstraße) alle 100 Kilometer, bzw. jede Stunde, um so die Unterschiede zwischen den einzelnen Fahrertypen (Gewicht und Fahrstil) auszugleichen. Das ganze in möglichst kurzer Zeit, und natürlich bei Wind und Wetter. Die Testbedingungen in diesem Jahr fassten in sechs Tagen eine typische Sechs-Monats-Saison zusammen: knapp 4000 Kilometer im 60:40-Mix auf Autobahnen und Landstraßen, einstellige Temperaturen im stundenlangen Dauerschiff, sonnige 25 Grad auf kurvenreichen Küsten- und Bergsträßchen. Immer wieder die spannende Frage: Was stresst den Reifen in puncto Abrieb am meisten? Der flotte Ritt mit aufgeheiztem Gummi auf der Autobahn, die Regenfahrten mit hohem Schlupf, das permanente Reinbremsen und Herausbeschleunigen aus alpinen Kurven und Kehren mit rauem Asphaltbelag? Unterm Strich ist keine allgemeingültige Antwort möglich - jede Fahrweise zerrt an der Gummimischung, führt zu erhöhtem Flankenverschleiß am Vorderreifen oder Kantenbildung in der mittleren Lauffläche des Hinterreifens.

Die Schlussmessung attestiert der aktuellen Tourenreifengeneration jedenfalls ein extrem hohes Potenzial: Die Kombination 120/70 und 180/55 ist in Sachen Laufleistung nach der Gewaltetappe durch Deutschland, Frankreich und Spanien für eine weitere Kilometerkollekte fit. Und in der prozentualen Restprofilbetrachtung liegt das Feld sehr dicht zusammen.

Foto: Archiv

Fazit
Nahezu unbeeindruckt vom Europatrip zeigt sich der Japan-Reifen im Testfeld: Bridgestones angejahrter BT 023 verliert beim Meilensammeln kaum an Profil. Platz zwei teilen sich die beiden Neulinge im Test, der überarbeitete Dunlop Roadsmart 2 und Metzelers Z8 Interact mit der Sonderkennung M/O.

Foto: Jahn

Die Tourenreifen nach 4000 km

Den Aha-Effekt neuer Reifen kennt jeder. Die alten Pellen sind abgenudelt, höchste Zeit also für frische Gummis - und mit einem Schlag fährt sich das Motorrad wie ausgewechselt: präzises Anpeilen von Linien, passgenaues Reinbremsen in Kurven ohne störrische Aufstellmomente, blitzsauberes Durcheilen von schnellen Wechselkurven. Doch gerade diese Merkmale geraten bei zunehmender Laufleistung früher oder später unter Beschuss. Auch wenn die Profiltiefe bis zum gesetzlichen Limit noch in absoluter Ferne liegt: Einige der Qualitäten, die man bei dem Reifen ab Kilometer null kennen- und schätzen gelernt hat, können sich bei manchen Profilen bereits nach 30 bis 40 Prozent Laufleistung wieder egalisiert haben.

Um diese Schwächen aufzudecken, prüft MOTORRAD nicht nur die Landstraßenqualitäten der Reifen im Neuzustand, sondern fährt das exakt gleiche Testprozedere noch einmal am Ende der Verschleißfahrt ab. Der Vergleich der Tabellen „Neureifen“ und „Gebrauchtreifen“ führt rein von den Platzierungen zunächst zu keiner neuen Erkenntnis. Contis Road Attack 2 führt weiterhin vor Pirellis Angel ST, Bridgestone BT 023 und Michelin Pilot Road 3 kämpfen weiterhin in der Abstiegszone. Allerdings ist das Feld nun dichter zusammengerückt. Ersten und zweiten Platz trennen nur noch zwei (vorher vier) Punkte, der letzte (Michelin) ist nur noch zehn Punkte hinter dem Führenden (vorher 14). Analysiert man nun die einzelnen Wertungskapitel, wird man feststellen, dass der im Neuzustand superbe Conti seinen Vorsprung in einigen Punkten nach 4000 Kilometern deutlich eingebüßt hat. Bei der Handlichkeit ist er jetzt punktgleich mit dem Michelin, und der Pirelli zieht bei der Lenkpräzision gleich. Während der Road Attack 2 in der Summe ganze fünf Punkte verliert, beendet der BT 023 den abgefahrenen Test mit gerade einmal zwei Punkten weniger als im Neuzustand.

Das klingt zwar nicht wirklich dramatisch, doch dem Conti-Piloten wird noch am ehesten auffallen, dass die Qualitäten bei zunehmender Laufleistung spürbar nachlassen. Wohingegen der Bridgestone-Fahrer im Laufe der Zeit und bei zunehmendem Gebrauch nur minimale Einbußen in Kauf nehmen muss.

Foto: Archiv

Fazit
Das Ranking bleibt wie bei den Neureifen, doch Contis Road Attack 2 muss nach 4000 Kilometern Federn lassen. Besonders bei der Handlichkeit müssen Abstriche gemacht werden: Das Testprotokoll vermerkt einen spürbaren Mangel an leichtem, neutralem Einlenkverhalten, und in Kurven muss nun gegengelenkt werden, um die Fuhre auf Kurs zu halten. Der weiterhin zweitplatzierte Pirelli Angel ST steckt die Kilometerleistung mit nur geringen Qualitätseinbußen dagegen deutlich besser weg.

Foto: Jahn

Die Tourenreifen im Nässetest

Das Verhalten bei Nässe ist und bleibt eine der Kernfragen beim MOTORRAD-Reifentest. Auf der Landstraße mögen die Geschmäcker je nach Reifencharakter noch unterschiedlich ausgeprägt sein, auf nasser Piste gibt es nur ein Thema: größtmögliche Sicherheit. Dazu zählen neben einer souveränen Kurvenhaftung ein klar spürbarer Grenzbereich sowie kurze Anhaltewege bei Vollbremsungen.

Idealerweise sind Motorradreifen so konstruiert, dass sich das Ende der Fahnenstange am Heck ankündigt. Sprich, der Hinterreifen rutscht vor dem Vorderreifen weg. Schmiert dieser zuerst weg, ist die Fuhre im Regelfall kaum noch zu retten und ein Sturz unvermeidlich. Als Allheilmittel für die Haftung auf nassem Asphalt hat sich das sogenannte „Silica“, eine Kieselsäurenverbindung, in der Reifenmischung etabliert. Sie soll unter anderem dafür sorgen, dass das Gummi auch bei kalten Temperaturen geschmeidig bleibt und genügend Grip für die Nasshaftung aufbaut.

Doch es ist nicht damit getan, mal eben einen Sack Kieselsäure in die Mischtrommel zu schütten. Ohne die feine Ausgestaltung des Grenzbereiches, die dem Fahrer das Limit des Reifens bei Nässe signalisiert, würde der Regentörn schnell in der Horizontalen enden. In den letzten Jahren hat Michelin sowohl mit seinen Sport- (Pilot Power und Power Pure), wie auch mit den Tourenreifen (Pilot Road) mit deutlichem Abstand dieses Testkapitel dominiert - und auch beim Test im letzten Jahr haben die Franzosen mit dem neuen Pilot Road 3 und seiner Lamellenoptik gezeigt, dass sie in der Nassperformance weiterhin die alles dominierende Macht sind. Ganz Gallien? Nun, in diesem Jahr geht der Regenpokal nach München …

Foto: Archiv

Fazit: 
Nein, der Michelin Pilot Road 3 ist nicht schlechter geworden und bleibt weiterhin ein Garant bei Nässe. Doch die Konkurrenz hat aufgeholt, allen voran Metzeler, die den Z8 Interact in neuer Abstimmung (Kennung M/O) absolut regenfest gemacht haben.

Foto: Archiv

Die Endwertung

Fazit:
Die Überarbeitung hat sich gelohnt: Mit überragenden Nassfahreigenschaften und einem souveränen Auftritt auf der Landstraße sichert sich der Metzeler Z8 Interact M/O den Sieg im MOTORRAD-Tourenreifentest. Weiterhin gut dabei: Pirellis Angel ST. Der zweite Neuzugang im Testfeld, Dunlops Roadsmart 2, spielt in allen Kapiteln gut mit, ist aber in keinem wirklich überragend.

Foto: MPS-Fotostudio

Bridgestone Battlax BT 023

Gewicht: vorn 4,9 kg, hinten 6,8 kg
Herstellungsland: Japan
Infos/Freigaben: Bridgestone Deutschland, Tel. 0 61 72/4 08 01, www.bridgestone-mc.de

Bewertung

Landstraße:(neu: 124 Punkte, Platz 5; nach 4000 km: 122 Punkte, Platz 5)
Der BT 023 ist nicht der handlichste Reifen, fährt aber auf der Street Triple sehr neutral und überzeugt nach kurzer Aufwärmphase mit guter Rückmeldung. Haftung, Geradeauslauf- und Bremsstabilität sind gut, das Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage stört. Die Fahreigenschaften verschlechtern sich nach 4000 km Laufleistung nur geringfügig. So sind leicht erhöhte Lenkkräfte erforderlich, um das Fahrzeug in Schräglage zu bringen und dort zu halten.

Nasstest: (76 Punkte, Platz 5)
Die Yamaha FZ8 verlangt auf der Nassteststrecke etwas mehr Nachdruck beim Schräglagenwechsel. Die Haftung dürfte üppiger ausfallen. Im lang gezogenen Omega erreicht der BT 023 die niedrigste Kurvengeschwindigkeit. Dafür überzeugt - wenn auch früh einsetzend - der breite Grenzbereich. Drittbester bei der Bremsmessung.

Verschleiß: (98 Punkte, Platz 1)
Geringer und gleichmäßiger Verschleiß an Vorder- und Hinterreifen, dazu ein gutes Abrollbild. Damit ist der BT 023 Bester im Test.

Fazit
Der BT 023 präsentiert sich in diesem Test als ausgewogener, neutraler Landstraßenreifen. Bei Nässe ist mehr Grip wünschenswert. In Sachen Wirtschaftlichkeit (Verschleiß) ein Top-Reifen!

MOTORRAD-Urteil: Platz 5, 420 Punkte

Foto: MPS-Fotostudio

Continental Road Attack 2

Gewicht: vorn 4,3 kg, hinten 6,4 kg
Herstellungsland: Deutschland
Infos/Freigaben: Continental Reifen, Tel. 05 11/9 38 01, www.conti-moto.de

Bewertung

Landstraße: (neu: 134 Punkte, Platz 1; nach 4000 km: 129 Punkte, Platz 1)
Rückmeldung und Haftung beim Herausbeschleunigen aus Kurven gefallen genauso wie die messerscharfe Lenkpräzision. Erst bei sehr großen Schräglagen zeigt sich der Road Attack 2 auf der ohnehin sehr handlichen Street Triple etwas kippelig. Nur in engen Kurven ist ein leichtes Aufstellmoment zu verzeichnen. Im abgefahrenen Zustand müssen spürbare Einbußen hingenommen werden: erhöhte Kräfte beim Einlenken, Abbau der Neutralität, erhöhte Gegenlenkkräfte in Schräglage, verstärktes Aufstellmoment.

Nasstest: (76 Punkte, Platz 5)
Handlich, aber aggressiv: Der Conti ermöglicht eine extrem enge Linienwahl und erreicht so ein hohes Kurventempo. Allerdings ist der Grenzbereich sehr schmal. Rutscher kündigen sich spät an und treten zudem sehr spontan auf. Schlechteste Werte bei der Bremsmessung.

Verschleiß: (89 Punkte, Platz 6)
Schwach: starker Profilverlust mit erhöhtem -Abrieb im Schulterbereich und spürbarer Kante. In Sachen Laufleistung haperts beim Conti.

Fazit
Der Road Attack 2 ist ein schneller, extrem agiler Landstraßenreifen und ein Tipp für unhandliche Motorräder. Doch im Regen und beim Verschleiß zieht die Konkurrenz locker an ihm vorbei.

MOTORRAD-Urteil: Platz 4, 428 Punkte

Foto: MPS-Fotostudio

Dunlop Roadsmart 2

Gewicht: vorn 4,6 kg, hinten 7,1 kg
Herstellungsland: Frankreich
Infos/Freigaben: Goodyear Dunlop, Tel. 0 61 81/68 01, www.dunlopmotorcycle.de

Bewertung

Landstraße: (neu: 127 Punkte, Platz 3; nach 4000 km: 124 Punkte, Platz 3)
Der Roadsmart 2 gefällt als stabiler und sportlicher Tourenreifen, ist aber unhandlicher als Conti Road Attack 2 und Pirelli Angel ST. Das Aufstellmoment beim Bremsen ist sowohl in schnellen wie langsamen Kurven spürbar. Auf den ersten Metern etwas trockene Rückmeldung. Nach 4000 km Laufleistung benötigt der Dunlop wie auch im Neuzustand weiterhin Nachdruck, um in Schräglage gebracht zu werden. Ist er auf Temperatur, verbessert sich die Handlichkeit. Auch das Aufstellmoment hat sich etwas verschlechtert.

Nasstest: (84 Punkte, Platz 3)
Der Roadsmart 2 ist ein guter Reifen für Schlechtwetteretappen, bleibt aber vom Niveau von Metzeler Z8 und Michelin Pilot Road 3 weit entfernt. Die Haftung in Kurven und beim Beschleunigen ist sehr gut, dafür müssen Abstriche bei Handlichkeit und Lenkpräzision gemacht werden.

Verschleiß: (95 Punkte, Platz 2)
Beim Vorgänger hoch, der Roadsmart 2 glänzt dagegen mit geringem Verschleiß. Abrieb an Vorder- und Hinterreifen sind sehr gleichmäßig.

Fazit
Insgesamt ein eher unauffälliger, unterm Strich aber ausgewogener Reifen, der auch im Nassen gefällt und beim Verschleiß punkten kann. Könnte bei der Handlichkeit noch etwas zulegen.

MOTORRAD-Urteil: Platz 3, 430 Punkte

Foto: MPS-Fotostudio

Metzeler Roadtec Z8 Interact M/O

Gewicht: vorn 4,5 kg, hinten 7,3 kg
Herstellungsland: Deutschland
Infos/Freigaben:
Pirelli Deutschland, Tel. 0 89/14 90 80, www.metzelermoto.de

Bewertung

Landstraße: (neu: 127 Punkte, Platz 3; nach 4000 km: 124 Punkte, Platz 3)
Ab dem ersten Meter beeindruckt der neue gemischte Z8 (Kennung M/O) mit angenehmer Rückmeldung. Handlichkeit und Lenkpräzision sind vergleichbar mit dem Dunlop, der Conti ist deutlich agiler. Die Kurvenstabilität ist bei zügigem Tempo auf einem guten Niveau. Nach der Laufleistung von 4000 km ist ein leicht erhöhtes Aufstellmoment zu verzeichnen, Handlichkeit und Lenkpräzision haben durch geringen Verschleiß nur minimal nachgelassen.

Nasstest: (91 Punkte, Platz 1)
Mit deutlich erhöhtem Silica-Anteil hat sich die Nasshaftung des Z8 in der Spezifikation M/O gegenüber der Standardversion deutlich verbessert. Mit maximaler Haftung beim Beschleunigen aus Kurven und dem sehr breiten Grenzbereich erreicht er in unserem Test nicht nur das höchste Kurventempo, sondern auch die besten Verzögerungswerte.

Verschleiß: (95 Punkte, Platz 2)
Trotz der geschmeidigen Gummimischung mit hohem Silica-Anteil ein sehr gutes Verschleißbild.

Fazit
Alltagsorientierter Tourenreifen mit guter Rückmeldung bei durchwachsenen Bedingungen, ausgezeichneten Nassfahreigenschaften und geringem Verschleiß. Macht in der Summe Platz eins.

MOTORRAD-Urteil: Platz 1, 437 Punkte

Foto: MPS-Fotostudio

Michelin Pilot Road 3

Gewicht: vorn 4,6 kg, hinten 6,4 kg
Herstellungsland: Spanien
Infos/Freigaben: Michelin Reifenwerke, Tel. 07 21/53 00, www.michelin.de

Bewertung

Landstraße: (neu: 121 Punkte, Platz 6; nach 4000 km: 119 Punkte, Platz 6)
Der sehr handliche Pilot Road 3 fährt sich auf agilen Bikes wie der Street Triple nicht ganz neutral, weil er bei sehr großen Schräglagen leicht einklappt. Der weiche Aufbau fühlt sich etwas knautschig an, das Aufstellmoment ist in schnellen und langsamen Kurven spürbar. Bei flottem Landstraßentempo muss er sich bei der Kurvenstabilität hinten einordnen. Abgefahren haben sich die Fahreigenschaften nur minimal verschlechtert.

Nasstest: (89 Punkte, Platz 2)
Das Profilbild mit den vielen Drainagerillen zeigt, dass der Pilot Road 3 weiterhin klar auf maximale Leistung bei Nässe getrimmt wurde. Auf der Nassteststrecke glänzt er durch sehr hohen Kurvengrip, die zweitbesten Verzögerungswerte beim Bremsen und die gute Handlichkeit mit enger Linienwahl und präzisen Lenkkorrekturen. Die Rutscher kommen aber etwas spontaner als beim Z8.

Verschleiß: (91 Punkte, Platz 5)
Hinten mit gutem, vorne aber mit deutlich höherem Verschleiß beendet der Road 3 die 4000-Kilometer-Testfahrt.

Fazit
Der Road 3 kann sich wie schon seine Vorgänger als sehr guter Reifen für Schlechtwetterpiloten präsentieren. Sein Manko: die mangelnde Neutralität und Stabilität auf der Landstraße.

MOTORRAD-Urteil: Platz 5, 420 Punkte

Foto: MPS-Fotostudio

Pirelli Angel ST

Gewicht: vorn 4,3 kg, hinten 6,4 kg
Herstellungsland: Deutschland
Infos/Freigaben: Pirelli Deutschland, Tel. 0 61 63/7 10, www.pirelli-moto.de

Bewertung

Landstraße: (neu: 130 Punkte, Platz 2; nach 4000 km: 127 Punkte, Platz 2)
Der Angel ST ist ein neutraler und sehr sportlicher Tourenreifen, auch wenn die Handlichkeit nicht auf dem Niveau des Road Attack 2 liegt. Über den gesamten Schräglagenbereich fährt er sich sehr ausgewogen und überzeugt auch beim Beschleunigen aus Kurven mit sehr guter Haftung. Beim Bremsen in Schräglage ist nur ein leichtes Aufstellmoment spürbar. Mit 4000 km Laufleistung müssen nur minimale Einbußen beim Einlenken und ein leicht verstärktes Aufstellmoment hingenommen werden.

Nasstest: (81 Punkte, Platz 4)
Der Angel ST lässt sich angenehm und handlich einlenken und kündigt in der lang gezogenen Omega-Kurve auf der Teststrecke rechtzeitig die Haftgrenze an. Beim Herausbeschleunigen dreht das Hinterrad zwar später, aber etwas abrupter als beim BT 023 durch. Auch bei der Bremsmessung zeigt sich der Angel etwas nervöser als der BT 023.

Verschleiß: (94 Punkte, Platz 4)
Geringer Verschleiß, ausgewogen auf Vorder- und Hinterreifen verteilt - das passt.

Fazit
Auch der Angel ST bleibt der sportlichen Linie von Pirelli treu und gefällt als agiler Tourenreifen mit hohen Haftreserven - das Ganze gepaart mit hoher Laufleistung. Kleines Manko bei Nässe.

MOTORRAD-Urteil: Platz 2, 432 Punkte

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