Erschienen in: 11/ 2012 MOTORRAD

Motorrad-Reifentest

Tourenreifen im Landstraßen-, Nässe- und 4000-km-Verschleißtest

+++ Rückblick auf den Reifentest 2012 +++ Der Reifentest 2013 erscheint am 10. Mai 2013 in MOTORRAD 11/2013 +++ Handlichkeit für flottes Kurvenwedeln, Haftung auf nassen Straßen, Laufleistung für Tausende von Kilometern: Bei den Reifen wollen Motorradfahrer keine Kompromisse machen. MOTORRAD-Tester auch nicht. Weshalb die Crew in diesem Jahr mit mehr als einem Dutzend Motorrädern ausrückte. Teil eins im großen Reifentest: sechs Tourenreifen im 120er-/180er-Format.

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Reifentest 2012 Speed Triple

Sechs Tourenreifen im Landstraßen-, Nässe- und 4000-km - Verschleißtest auf Triumph Speed Triples.  

Foto: Jahn  

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12 Seiten
aus MOTORRAD 11/2012
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Die Entscheidung im ersten Teil des MOTORRAD-Reifentests 2012 fällt auf der Nassteststrecke. Seit Jahren stellt Michelin den Regengott. Die Franzosen haben es einfach drauf, einen Reifen zu bauen, der im Regen nicht in die Knie geht. Auch der vor einem guten Jahr neu eingeführte Michelin Pilot Road 3 übernahm beim 2011er-Test (MOTORRAD 11/2011) auf Anhieb das Zepter vom Vorgänger Road 2.

In diesem Jahr scheint alles beim Alten zu bleiben: Wie gewöhnlich düpiert der Michelin-Reifen mit sekundenlangem Vorsprung auf der Nassteststrecke die Konkurrenz. Doch dann kommt es ganz dicke: Metzeler hat für 2012 den vom Namen her bekannten Z8 Interact deutlich überarbeitet. Das Update ist erkennbar an der Sonderkennung „M“ (vorne) und „O“ (hinten) und soll zunächst nur in Deutschland erhältlich sein. Die Zeit des Road 3 steht auf dem 1530 Meter langen, permanent bewässerten Kurs des European Proving Ground von Bridgestone in Nettuno bei Rom: 1:13,4 Minuten. Der Abstand zum Folgenden, Dunlops neuem Roadsmart 2: gewaltige 3,7 Sekunden. Inzwischen ist die Yamaha FZ8, Trägerfahrzeug für die Reifenbeurteilung auf nasser Strecke, auf Metzeler umbereift. Eine Runde einrollen und zwei Vollbremsungen bringen den Reifen auf Temperatur. Dann gilt es. Nach vier Runden steht fest: Der König ist tot, es lebe der neue König! Der Z8 Interact hat es tatsächlich geschafft, den Pilot Road 3 vom Thron zu stoßen. Mit einer Bestzeit von 1:12,9 wird die Traumzeit des Michelin tatsächlich um fünf Zehntel unterboten. Dann folgt die Analyse anhand des 2D-Datarecordings. Die Kurvendiskussion zeigt klar: Im Referenzbereich der Teststrecke, des lang gezogenen Omegas, ist der Metzeler ganze 1,5 km/h schneller als der Michelin, obwohl dieser wiederum mit mehr Handlichkeit und höherer Zielgenauigkeit einen kleinen Vorteil in schnellen Wechselkurven herausfahren kann.

Natürlich runzelt nicht nur der geneigte Leser, sondern auch der Testfahrer an dieser Stelle die Stirn. Denn wer ist schon im Alltag bei einer verregneten Tour auf der letzten Rille unterwegs? Klar ist: Die Anforderungen, die man heute an einen guten Tourenreifen stellen kann, werden auch von den beiden Schlusslichtern im Nässetest, dem Bridgestone BT 023 und Continental Road Attack 2, erfüllt. Das Niveau ist insgesamt sehr hoch, einen echten Ausreißer nach unten, der auf der nassen Piste einen glitschigen, unkontrollierbaren Eindruck hinterlässt, gibt es in diesem Testfeld nicht. Vielmehr kommt es im Regen auf das ganz persönliche Geschmackserlebnis an.

Wenden wir uns deshalb noch einmal den Rote-Laterne-Trägern zu. Die Datenauswertung zeigt, dass sich der Conti deutlich schneller über die Teststrecke bewegen lässt als der punktgleich platzierte Bridgestone. Knapp 2,5 Sekunden Vorsprung bei der Rundenzeit, knapp 3 km/h mehr Tempo im Omega. Möglich wird das durch die überaus hohe Agilität, die den Road Attack 2 generell auszeichnet: Enge Linien bringen mit dem Conti einen echten Zeitgewinn! Der Bridgestone muss in deutlich weiteren Radien über den Kurs gesteuert werden. Das kostet eben Zeit. Beim Thema Bremsen hat dagegen eindeutig der Japaner die Nase vorn - bei der Vollbremsung aus 100 km/h steht der BT 023 nach 52,8 Metern. Zum Vergleich: Gegenüber dem Ersten im Nässetest, dem Metzeler Z8 Interact, sind das gerade einmal zwei Meter mehr; und der Zweite, Michelins Road 3, ist mit 52,1 Metern auf demselben Niveau. Dagegen fällt der kurvenstarke Conti deutlich ab. Ganze 57,6 Meter braucht der Road Attack 2, um die ABS-bestückte Yamaha aus Tempo 100 auf dem permanent bewässerten Kurs zum Stehen zu bringen.

Das ist auch ein Zeichen, wie es um die Hafteigenschaften der Reifen bestellt ist: Gutmütig, aber sehr früh kündigen sich die Rutscher beim BT 023 an, der Conti rutscht später, aber deutlich abrupter. So gesehen kein Fall für schreckhafte Naturen, deren Unsicherheit bei Regen so noch einmal deutlich gesteigert würde. Beim Bremsen zeigt sich jedenfalls eindeutig, dass der BT 023 grundsätzlich mit gutem Nassgrip aufwarten kann. Wagen wir an dieser Stelle den Sprung zum Führungsduo, das mit deutlichem Abstand den Nasstest dominiert.

In der Top-Liga werden im Regen noch einmal ganz andere Zeiten und Schräglagen gefahren. Mit dem Metzeler fast 10 km/h mehr als mit dem Bridgestone im Omega, die Schräglage steigt von 21,5 (Bridgestone) auf 27,1 Grad, der Michelin nur einen Wimpernschlag dahinter. Selbst versierten Fahrern wie Gasttester Volkmar Jacob von der Schwesterzeitschrift PS ist so viel Regenperformance nicht geheuer: „Mit den beiden Reifen lassen sich natürlich Top-Zeiten fahren. Auf der anderen Seite bist du damit aber bei widrigen Umständen plötzlich deutlich schneller und schräger unterwegs und musst in einer brenzligen Situation natürlich brillant reagieren!“ Zumal im freien Straßengeläuf etliche Gefahrenstellen lauern, die impulsiv nach einer souveränen Reaktion verlangen, sei es der glatte Kanaldeckel in einer Kurve oder ein fieser Bitumenstreifen, der auf der Ideallinie lauert.

Reifentest 2012 Nässe

Harte Testbedingungen auf nassem Untergrund.  

Foto: Jahn  

Das Glück im Nassen liegt also jenseits von reinen Bestzeiten auf der Strecke. Überhaupt sollte die Kaufentscheidung für neue Reifen von einer ehrlichen Selbsteinschätzung des Fahrens im Regen begleitet werden. Unverzichtbar ist allerdings ein tadelloses Ansprechen auf Notbremsungen, weshalb diese Wertung in der Tabelle auf der folgenden Seite bei der Neubereifung nicht unberücksichtigt bleiben sollte. Für alle, die noch den letzten Tourenreifentest mit der 1250er-Suzuki Bandit von 2010 im Kopf haben: An dieser Stelle sei angemerkt, dass die jetzt längeren Bremswege auf das vergleichsweise grob regelnde ABS der FZ8 zurückzuführen sind. Trotz des höheren Gewichts waren die Anhaltewege mit dem fein ansprechenden ABS der Bandit im Schnitt fünf Meter kürzer.

Auch im Kapitel „Landstraße“ sollten die Wertungen mit Blick auf das eigene Wohlgefühl betrachtet werden. Wer einen wirklich agilen Landstraßenreifen sucht, wird am Conti Road Attack 2 nicht vorbeikommen. Mehr noch: Wer ein unhandliches Bike fährt, kann mit dem Conti eine wirklich effektive, deutlich zu spürende Tuningmaßnahme ergreifen. Gleichwohl könnten sich aber gewisse Fahrertypen an der Eigendynamik stoßen, die mit dem Road Attack 2 bei bereits ab Werk handlichen Bikes wie der Street Triple in unserem Test auftreten: dem spürbaren Abklappen oder einer gewissen Kippeligkeit bei großen Schräglagen. Diesen Charakterzug muss man auch bei dem Michelin Pilot Road 3 in Kauf nehmen, obwohl er bei schweren Tourenbikes wie beispielsweise einer 1250er-Suzuki Bandit, wie sie vor zwei Jahren im Test war, nicht so ausgeprägt ist. Was bei sportlichen Piloten für Lust sorgt, kann dem Tourenfreund also einigen Frust bereiten.

Universaltauglicher sind zweifelsohne die Reifen, die sich bei der Landstraßenwertung hinter dem Conti einreihen, allen voran der Angel ST. Dem Motto der Marke treu, ist auch der Tourenreifen von Pirelli mit reichlich Sportgenen gesegnet, ohne auf eine besonders gesteigerte Agilität Wert zu legen. Seine besondere Stärke ist die Ausgewogenheit auch bei sportlicher Gangart. Und das bei einer Vielzahl von Motorradtypen, die mit dem Angel weder überhandlich noch träge werden.

Zweiter Nebeneffekt: Auch bei steigender Laufleistung ändern sich die Fahreigenschaften des Angels ST nur minimal, im direkten Vergleich hat der Conti Road Attack 2 nach der 4000 Kilometer langen Verschleißrunde deutlich stärker nachgelassen. Mehr noch: Beim optisch ansprechend gestalteten Conti-Profil haben sich die 4000 Kilometer förmlich in die markante Zacke hineingefressen. Am Vorderreifen entsteht eine Kante, die sensible Fahrer beim Einlenken aus der Neutrallage deutlich wahrnehmen. Und das bei einem vergleichsweise moderaten Profilverlust. Schließlich sind nach diesem Test noch knapp 71 Prozent Restprofil am Vorderreifen vorhanden, wirtschaftlich betrachtet wäre der Conti also noch gut genug für eine satte fünfstellige Laufleistung. Doch was nutzt das, wenn der einst agile Fahreindruck durch diese Kante zunehmend getrübt wird?

Auch der Drittplatzierte in der Landstraßenwertung, Dunlops Roadsmart 2, steckt die Laufleistung deulich besser weg als der Conti. Vom Charakter folgt er dem Angel ST, wobei aber ein gewisser Aha-Effekt fehlt. Viel Entwicklungsarbeit scheint auf jeden Fall in die Neuabstimmung der Mischung geflossen zu sein. Sein Vorgänger, der Roadsmart, musste beim großen Tourenreifentest vor zwei Jahren jedenfalls noch reichlich Prügel einstecken: Auf Platz zwei in der Landstraßenwertung im Neuzustand folgte Platz 5 nach 4500 Kilometern. Aufgrund der hohen Verschleißwerte hatten auch die Fahreigenschaften spürbar nachgelassen. Für den Roadsmart 2 ist das kein Thema mehr: Geringer Verschleiß plus tolerierbare Einbußen bei den Fahreigenschaften mit zunehmender Laufleistung zeichnen den Dunlop-Reifen als guten Allrounder aus.

Mit einem regelrechten Quantensprung hat sich aber Metzeler an die Spitze dieses Tests katapultiert. Der Z6 Interact blieb im großen Tourenreifen-Test vor zwei Jahren farblos und wollte in keinem Kapitel überzeugen. Bei seiner Testpremiere im letzten Jahr (Heft 11/2011) konnte sich der Z8 Interact zwar deutlich von dem Vorgängermodell absetzen, doch umkrempeln konnte er das Feld noch nicht so ganz. Weshalb sich die Entwickler nochmals an die Mischung wagten und mit der Kennung M/O einen fast idealen Tourenreifen komponierten: solide Landstraßenqualitäten (bis auf das kleine Defizit in Sachen Handling), ein sehr ansehnliches Verschleißbild, akzeptable Qualitätseinbußen bei zunehmender Laufleistung und ein brillantes Auftreten auf nassen Straßen.


WEITER ZU SEITE 2: Die Tourenreifen auf der Landstrasse

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10.05.2012 |  Artikel drucken | Senden | Kommentar

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