Erschienen in: 11/ 2014 MOTORRAD

Tourenreifen der Größe 120/70 ZR 17 und 180/55 ZR 17 im Test

Sonne, Regen, Haltbarkeit

Was manche beim Handeln mit Schwarzgeld fürchten, wünschen sich andere beim Umgang mit dem schwarzen Gold: Nimm mich in Haft! Und das unter allen Umständen – ob es zum Freigang raus in die Sonne oder durch den Regen geht. Sieben aktuelle Tourenreifen im Test.

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aus MOTORRAD 11/2014
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Wagen wir am Anfang mal eine Art virtuelle Blindverkostung und stellen ganz mutig die These auf, dass Sie als erfahrener Tourenfahrer jede Reifenpaarung aus diesem Test aufziehen könnten, ohne dass es Ihnen schwer auf den Magen schlägt. Jetzt blättern Sie natürlich quer durch die Tabellen und schütteln ungläubig mit dem Kopf. Wahrscheinlich hätten Sie bei manch einem Reifen Bedenken, wenn Sie sich vorstellen, mit ihm mutig in die Kurven ­Ihrer Hausstrecke hineinzustechen. Dann haben Sie einen komplett verregneten Tag vor Augen, und Ihnen wird bei dem einen oder ­anderen Gummi aus diesem Test plötz­lich ganz schummerig.


 Zum neuesten Motorradreifen-Vergleichstest


Natürlich sind Ihre Einwände berechtigt. Sie zeigen aber auch, dass jeder Motorradfahrer ganz unterschiedliche Anforderungen an seinen Wunschreifen stellt. Der eine liebt auch beim Tourenreifen das sportlich angeschärfte Profil, der andere setzt auf maximale Sicherheit selbst unter den widrigsten Umständen. Das sind aber jeweils ganz persönliche Idealbedingungen. Natürlich weiß manch ein Fahrer, dass auf der Hausstrecke nicht immer eitel Sonnenschein herrscht und „was Sportliches“ auch im Regen funktionieren muss. Andere Piloten steigen nicht nur bei Schlechtwetter in den Sattel und ärgern sich zu Recht, wenn ihnen im Hochsommer allzu knautschige Gummis die Linie verhageln.

Schlusslicht bildet Avon Storm 3D X-M

In jedem Fall müssen die Entwickler ­einen möglichst ausgewogenen Mix der ­Ex­treme aus dem Hut zaubern. Womit wir jetzt wieder die Eingangsthese aufgreifen und konstatieren, dass sich Ihr Motorrad mit keiner Paarung aus diesem Test in eine unberechenbare Fuhre verwandelt. Denn dazu muss man sagen, dass unsere sieben Premiummarken mittlerweile einen sehr hohen Qualitätsstandard erreicht haben. Natürlich hat jeder Hersteller seine Präferenzen anders gesetzt – was Ihnen dann wiederum die Auswahl erleichtert. Rollen wir dazu das Feld einmal von hinten auf.


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Auf einem undankbaren letzten Platz ist der Avon Storm 3D X-M gelandet. Damit setzt auch der mehr sportlich konzep­tionierte England-Reifen leider die Tradition fort, die bereits von seinem Schwestermodell Storm 2 Ultra bekannt ist: verhaltene Handlichkeit, geringe Eigendämpfung, Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage. Auch auf nasser Strecke kann der Avon keine echten Highlights setzen. Vor allem seine im Vergleich zu den Mitbewerbern auffällig schwachen Haftreserven setzen dem Storm 3D kräftig zu. Weshalb er bei Regen mit ­einem besonders gefühlvollen Händchen ums Eck gesteuert werden will. Bei Regen braucht er 14 Prozent mehr Wegstrecke, um aus 100 km/h zum Stillstand zu kommen. Seine eigentlichen Vorzüge kommen in ­diesem Test nicht zum Vorschein. Aber aus Erfahrung wissen wir, dass Avon-Reifen in puncto Laufleistung immer wieder Best­werte erreichen. Beim Storm 3D steht das Typenkürzel X-M laut Hersteller für einen nochmals reduzierten Verschleiß. Das Schwestermodell Storm 2 Ultra konnte den 2010er-Reifentest nach 4500 Kilometern mit einem Restprofil von 78,9 bzw. 70,8 Prozent (vorne/hinten) beenden (Heft 11/2010). Aus wirtschaftlichen Erwägungen könnte der Avon also für kilometerfressende Vielfahrer interessant sein. Allerdings muss er dazu einige Defizite im Alltag kompensieren.

Metzeler tragischer Verlierer im Mittelfeld

Kommen wir nun zum eng gestaffelten Mittelfeld. Tragischer Verlierer in dieser Grup­pe ist Metzelers Z8 Interact auf Platz sechs. Tragisch deshalb, weil das Gummi der Münchner Traditionsmarke 2012 noch den Testsieg einfuhr und 2013 auf einem veritablen Platz zwei landete. Wie wird man plötzlich so durchgereicht?

Zum einen gibt natürlich der Blick auf die Seitenwand eine Antwort. In den Vorjahren schickte Metzeler den Z8 in der Spezifikation M (vorne) und O (hinten) ins Rennen. Beim aktuellen Testexemplar ist vorne wie hinten ein M eingeprägt. Die Spezifikation gibt vor allem einen Hinweis auf die unterschiedliche Reifenkonstruktion. Während O-Reifen mit einer zweilagigen Karkasse aufgebaut werden, von der vor allem schwerere Motorräder profitieren sollen, handelt es sich bei den M-Gummis um Reifen mit einlagiger Karkasse. Des Weiteren liegt auch der Schluss nahe, dass Metzeler im Zuge der permanenten Modellpflege die Gummimischung neu abgestimmt hat – weshalb sich der Z8 gerade im aktiven Fahr­betrieb einen Tick anders fährt. Auf nassen Strecken profitieren davon vor allem die Konkurrenten von Bridgestone und Dunlop, die nun auf der Punkteskala mit einem ­kleinen Vorsprung vorbeiziehen können. Vom Charakter her hat sich bei beiden im Vergleich zum Metzeler nichts geändert.

Bridgestone konnte sich mit dem 2013 neu eingeführten T 30 gut vom Vorgänger BT 023 absetzen, dem immer wieder etwas zu viel Behäbigkeit attestiert wurde. Mit der auch an den Typkürzeln erkennbaren Neuausrichtung ihrer Reifen (T für Tour, S für Sport, R für Race) hat auch der Bridgestone T 30 an Alltagstauglichkeit gewonnen. Bei Regen gefällt zwar sein breiter Grenzbereich doch das Ende der Haftreserven kündigt sich eine Spur zu früh an. Dafür legt er aber beim Bremsen im Regen mit 45 Metern aus 100 km/h einen absoluten Bestwert auf den nassen Asphalt. Und auch bei Idealbedingungen im Kurvendickicht gibt er sich wirklich handlicher.

Dunlops Roadsmart 2 erreicht zwar die gleiche Gesamtpunktzahl wie der T 30, ist aber vom Charakter her ein komplett anderer Reifen. Er setzt mehr auf Stabilität denn Handlichkeit. Bis sich der Pilot wirklich wohlfühlt, muss er den Roadsmart 2 förmlich durchkneten. Erst dann biegt er mit Schmackes und hohem Grip ums Eck. Im Nassen kann der Roadsmart 2 dem T 30 mit besser nutzbaren Haftreserven etwas davonfahren, und auf der Bremse zeigt er eine ähnlich gute Performance.

Michelin Pilot Road 4 setzt Bestmarken im Regen

Rücken wir damit aufs Podium vor. Platz drei bleibt unbesetzt, weil sich berechtigterweise weder Pirelli noch Conti von Platz zwei verdrängen lassen wollen. Pirellis Angel GT hat seinen Einstand bei den Tourenreifen 2013 gleich mit einem Testsieg gekrönt. Der Nachfolger des Angel ST zeigt klipp und klar, dass die Italo-Marke mit ihrem starken sportlichen Flair auch alltagstaugliche Tugenden hat. Vor allem aber spricht der Angel GT sportliche Fahrer an, die auch bei Schlechtwetter nicht auf eine hohe Performance verzichten wollen. Mit dieser Einstellung ist der Angel in Sachen Ausgewogenheit nahe am Optimum. Der neue Conti Road Attack 2 Evo ist trotz gleicher Punktzahl dagegen spürbar spitzer konfiguriert. Wie auch schon sein Vorgänger Road Attack 2 setzt der Evo auf absoluten Kurvenspaß: Agilität, Agilität und nochmals Agilität! Das tut besonders von Haus aus eher trägen Bikes spürbar gut. Und auch bei Nässe kann der Evo mit besserer Haftung nun deutlich weiter vorne ankern.

Doch noch lange nicht so weit vorne wie es Michelin wieder geschafft hat. Deren brandneuer Pilot Road 4 setzt Bestmarken im Regen. Und fährt sich nun deutlich souveräner als der etwas nervöse Vorgänger Road 3. Jetzt sind Sie gefragt. Greifen Sie zu. Am besten da, wo es Ihnen wirklich schmeckt!

MOTORRAD-Helden: Welcher Reifen ist der richtige für mich und mein Bike? Clubmitglieder können unter www.motorrad-helden.de eine individuelle Typberatung anfordern.


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08.05.2014 |  Artikel drucken | Senden | Kommentar

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