Ratgeber: Reifen (Archivversion) Eine Luftnummer

Ärger wegen den Reifen: Trotz Freigabe wird manchem Bike bei der Hauptuntersuchung die Plakette verweigert.

Jörg Tischler ist sauer. Der Zweiradmechanikermeister aus dem hessischen Linsengericht macht seinem Ärger gegenüber MOTORRAD Luft: „Soll ich Konkurs anmelden und die Firma schließen?“ Angefangen hat die Sache mit einem harmlosen Reifenwechsel bei einer Kawasaki ZRX 1100 eines Kunden. Mit neuen Bridgestone-BT 021-Reifen ging es im Anschluss zur Hauptuntersuchung (HU). Doch die Prüfstation des hessischen TÜVs verweigerte trotz vorhandener Unbedenklichkeitsbescheinigung für die Reifenpaarung die Plakette. Begründung: Die Reifen mit veränderter Dimension seien nicht zulässig, somit liege ein erheblicher Mangel vor. Tischler wendet sich an den Kundendienst von Bridgestone und bittet um eine Stellungnahme. Die Antwort ist wenig hilfreich: „Das einfachste wäre, zu einer anderen Prüfstelle zu gehen. Das Problem liegt ja nicht bei uns, sondern beim TÜV, der sich querstellt.“

Tischlers Erlebnis ist kein Einzelfall. Auch andernorts wird Motorrädern mit geänderter Bereifung trotz vorhandener Freigabe bei der HU die Plakette verweigert (siehe MOTORRAD 5/2009). Als problematisch gilt, wenn Reifendimensionen ins Spiel kommen, die in der Typgenehmigung nicht auftauchen, etwa wenn am Vorderrad anstelle des antiquierten 120/65-Formats eine zeitgemäße 120/70-Größe aufgezogen wird. Für manche Prüfstelle ein Grund, einen erheblichen Mangel (EM) zu attestieren. Dass eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des Reifenherstellers für dieses Maß vorliegt, interessiert nicht. Bereits im Sommer 2008 hat deshalb das Bundesverkehrsministerium zur Klärung des Sachverhalts eine Erläuterung zum geltenden Recht an das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) und die betroffenen Verbände verschickt (siehe Kasten unten links). Dieser Auffassung ist kurz darauf auch der zuständige Bund-Länder-Fachausschuss gefolgt. Der Verfasser des Schreibens, Hans Hesse von der Bonner Zweigstelle des Tiefensee-Ministeriums, kann die Aufregung um die Unbedenklichkeitbescheinigung nicht nachvollziehen. Schließlich werden die Freigaben aus Gründen der Produkthaftung erstellt, und dem ganzen Prozedere liegt ein ausführliches Testfahrverfahren zugrunde. Natürlich, so erklärt Hesse in einem Telefonat gegenüber MOTORRAD, kann es bei der Erstellung einer Unbedenklichkeitsbescheinigung auch mal zu einem Fehler kommen. Doch die seitens der Prüforganisationen bemängelte Qualität der Freigaben scheint auf Ministerialebene kein Thema zu sein: „Ich habe noch keine falsche Herstellerbescheinigung gesehen.“ So bleibt folgende Formulierung die Kernaussage des Bonner Briefes: „Bei veränderten, aber zulässigen Reifengrößen ist eine, Unbedenklichkeitsbescheinigung‘ nicht erforderlich, stellt aber für alle Nutzer eine gute Hilfestellung dar und darf nicht zu einer ‚EM‘-Einstufung bei der Hauptuntersuchung führen.“

Der Dumme bleibt dennoch Kunde Motorradfahrer. Zwar heißt es seitens der Reifenhersteller, dass sich Differenzen mit den Prüfingenieuren bereits durch ein einfaches Telefonat ausräumen lassen (siehe Kasten „Reifenhersteller“). Aber Zeitaufwand und Mehrkosten, beispielsweise durch einen erneuten HU-Termin, bleiben beim Kunden hängen. Jörg Tischler hat den Stempel für seinen Kunden doch noch bekommen. Beim GTÜ im wenige Kilometer entfernten Bundes-land Bayern. Dort war die HU ein Routineakt: Freigabe vorhanden, Plakette erteilt.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel