Reifenbauarten: Technik Reifen

Die Pionierarbeit leistete die Metzeler/Pirelli-Gruppe, nun finden auch andere Reifenhersteller Gefallen am Radial-Pneu mit Stahlgürtel.

Helmut Dähne, Entwicklungsmann und Aushängeschild des bayerischen Reifenherstellers Metzeler, erinnert sich noch ganz genau: »D’Japaner hamms scho vor zwanzg Johr probiert, aber se hams no net hie kriegt, des is net so oifach mit dem Stahl im Motorradreifen.« Damals laborierten die Bridgestone-Techniker an einem hochgeschwindigkeitsfesten Hinterradpneu für die großen Honda-V4-Modelle. Das Projekt wurde jedoch eingestellt, der gekreuzte Diagonalgürtel aus Stahl machte erhebliche Probleme in der Haltbarkeit und wurde durch konventionelle Fäden ersetzt, die flexibler und einfacher zu bearbeiten waren. Damit war erst einmal Schluss mit Stahl im Motorradreifen.
Die Lösung bahnte sich an, als Michelin Mitte der achtziger Jahre den ersten Radialreifen mit endlos gewickeltem Null-Grad-Gürtel, den M 59, auf den Markt brachte. Michelin selbst verbaute zwar noch eine hochfeste Kunstfaser, doch bei Metzeler sah man mit dem neuen Produktionsverfahren eine echte Chance, reißfeste und wärmeleitfähige Stahlfäden in den Unterbau zu integrieren. Mit dem Metzeler ME Z1 wurde die Idee in die Tat umgesetzt. Klarer Vorteil der Konstruktion: Der in Laufrichtung angelegte, endlos gewickelte Gürtel verknüpfte gute Schnellaufeigenschaften mit tadellosem Geradeauslauf, guter Stoßabsorption und hoher Steifigkeit der Lauffläche.
Doch die Konkurrenz zog mit und verbaute anstatt Stahl hochfeste Aramaid-Fasern (zum Beispiel Kevlar), die ähnlich gute Fahreigenschaften vorweisen konnten. Bei der Produktion eines Null-Grad-Gürtels spulen computergesteuerte Maschinen mehrere Gürtelfäden beziehungsweise geflochtene Stahldrähre von einer Reifenschulter zur anderen auf die in Form gebrachte und sich drehende Karkasse. Michelin ging beim Pilot Sport noch einen Schritt weiter und kombinierte den Null-Grad-Gürtel mit zwei dünnen Schnittgürtellagen im Bereich der Lauffläche, um neben der erforderlichen Eigendämpfung ein verbessertes, kurvenstabiles Fahrverhalten zu erzielen.
Der Erfolg der endlos gewickelten Gürtellage ist darin begründet, dass er in Verbindung mit den radial, also quer zur Laufrichtung angelegten Karkassfäden, Verformungen durch Bodenwellen oder Querrillen sehr gut und damit ohne große Wärmeentwicklung aufnimmt. Versuche, den Null-Grad-Kunstfasergürtel auch am Vorderradreifen zu verbauen, waren bislang zum Scheitern verurteilt. Zu teigig und unpräzise in der Lenkung, mussten die Versuche einiger Hersteller eingestellt werden. Die an den handelsüblichen Vorderreifen so genannten Kreuzgürtellagen aus Kunsfasern (siehe Skizze Seite 169 unten) dagegen stabilisieren die Lauffläche selbst bei hoher Belastung durch Bremsen und schnelles Kurvenfahren sehr gut (Lenkpräzision, Kurvenstabilität, Handling), dämpfen Stöße jedoch nur ungenügend ab und leiten sie in Fahrwerk respektive Lenkung weiter.
Womit das nächste Problem für die Reifenkonstrukteure der 90er Jahre bereits im Anrollen war: Leichte Powerbikes mit knapp 200 Kilogramm Gewicht und über 130 PS, Leistung forderten Vorderreifen, die zum einen maximalen Grip und Kurvenstabiltät, zum anderen gute Dämpfungseigenschaften liefern mussten, um das gefürchtet Lenkerschlagen zu eliminieren. Honda versuchte den Anspruch nach besseren Federeigenschaften mit 16-Zoll-Vorderrad und einem 130/70er-Vorderreifen an der Honda CBR 900 RR zu realisieren. Dieser hat dann eine größere Bauhöhe und somit mehr »Federweg« als ein 120/70er. In der Szene wegen ungenügender Lenkpräzision und starkem Aufstellmoment heftig umstritten und nicht jedermans Geschmack, kam das 16-Zoll-Projekt schnell in die Kritik.
Auch die Testabteilung von Yamaha hatte bei der Premiere der YZF-R1 das Problem Lenkerschlagen bereits in der Vorentwicklung ausgemacht. Just zu diesem Zeitpunkt hatten es die Münchner Reifenbauer geschafft, die Null-Grad-Technologie auf Vorderreifen zu übertragen. Ohne gravierende Einbußen an Lenkpräzision und Handling, war diese Konstruktion in der Lage, das Vorderrad selbst in extremen Situationen so gut abzufedern, dass Lenkerschlagen in abgeschwächter Form auftrat. Für Yamaha Grund genug, die erste Baureihe der YZF-R1 mit dem Metzeler ME Z3 auszurüsten.
Im aktuellen Reifentest auf der mit tückischen Absätzen gespickten Testautobahn traten die Metzeler/Pirelli-Pneus wiederholt den Beweis an, dass diese Konstruktion einen enormen Fortschritt in der aktiven Sicherheit bedeutet und die konventionellen Radialreifen mit gekreuzter Gürtellage übertrifft. Nicht umsonst trägt auch Suzukis neues 1000er-Flaggschiff einen speziell entwickelten Bridgestone-BT-011-Pneu mit Null-Grad-Stahlgürtel auf dem Vorderrad. Kleine Anmerkung am Rande: Auch Suzuki wählte für die Entwicklung ihrer GSX-R 1000 und die dafür passenden Pneus die höchst selektive MOTORRAD-Teststrecke.

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