Reifentest 120/70 ZR 17 und 190/50 ZR 17 (Archivversion) Traktions-Kontrolle

Wenn Yamaha YZF-R1 und Konsorten loslegen, hilft nur eins: Reifen mit sattem Grip und exquisiten Fahreigenschaften. Ein Test im Grenzbereich – und darüber.

Reifentest bei MOTORRAD. Ein Vorhaben, das die Redaktionsstuben erschüttert wie ein Erdbeben. Transporter sind für Wochen ausgebucht, mannshohe Reifenstapel werden schwankend durch Lagerräume geschunkelt, Ersatzteilkisten und Messapparaturen penibel nach Ladelisten zusammengestellt und verfrachtet. Die Testcrew, so groß wie eine Fußballmannschaft samt Ersatzspielern, gondelt mit dem Equipment durch halb Europa.Der Riesenzirkus hat einen guten Grund. Schließlich möchten die Fahrer sportlicher Big Bikes deren schiere Dynamik tagtäglich genießen. Handlichkeit und Kurvenspaß stehen zwar ganz oben auf der Anforderungs-Skala, aber die verlässliche Fahrstabilität beim Kondensstreifenblasen auf der Autobahn darf auch nicht zu kurz kommen. Und wenn’s schüttet wie aus Kübeln, sollte der Heimweg für die Reiter von PS-Monstern keinesfalls im Acker, sondern möglichst in der heißen Badewanne enden. Höchste Ansprüche also an die Konstrukteure der schwarzen Gummiringe, die im speziellen Fall Yamaha YZF-R1 durch das Phänomen des Lenkerschlagens auf schlechtem Belag und bei Topspeed schier nicht zu erfüllen sind.Weil die aktive Sicherheit in entscheidender Weise von der Bereifung abhängt, wählte MOTORRAD für die Stabilitäts-Fahrversuche mit der YZF-R1 eine Autobahn-Teststrecke mit extrem holprigem und von Querrillen gespicktem Belag, auf der auch einige japanische Hersteller die beinharte Erprobung ihrer Powerbikes durchziehen. Wirklich kein Spaß, sondern Knochenarbeit mit haarsträubenden Situationen, weil derbes Lenkerschlagen bei Tacho 280 selbst abgebrühte Testfahrer über den Sinn des Lebens nachdenken lässt. Für freudige Erleichterung sorgten nur die Metzeler- und Pirelli-Konstruktionen, die mit einer hervorragende Eigendämpfung die R1 einigermaßen im Zaum hielten. Eine positive Eigenschaft, die sich auf anderen, für das hässliche Lenkerschlagen ebenfalls empfindlichen Big-Bikes abzeichnete.Bei weitem amüsanter, wenn auch nicht weniger anstrengend, die Nässeprüfung. Barbarisches Drehmoment aus dem vollen Liter Hubraum und ein eher glitschiger Belag auf der Industrie-Teststrecke, zwangen zu manchem Rodeoritt durch die Wiese. Meist nur Ausflüge ohne ernsthafte Folgen. In Minuten repariert, rollte die Yamaha leicht verschrammt, aber voll funktionstüchtig, wieder auf die Piste. Und der Reiter? Bestätigte mit absolut identischen Rundenzeiten, dass der Ausrutscher nur das Leder, nicht aber das Nervenkostüm aufgerieben hatte. Richtig schnelle Runden ermöglichten die Michelin Pilot Sport mit messerscharfer Lenkpräzision. Die anderen Testpaarungen liegen mit knapp drei Sekunden Abstand dicht beieinander. Wobei die Metzeler/Pirelli-Gummis durch ihren seidenweichen, gutmütigen Grenzbereich und spektakuläre Slides beim Fahrer und Helfer-Publikum für Unterhaltung sorgten. Als kleiner Ausreißer im negativen Sinn wurde Dunlops Sportmax D 207 in Q/N Spezifikation dingfest gemacht, der als Erstausrüstung auf den Yamaha-Felgen montiert ist. Speziell beim Beschleunigen auf der nassen Piste fehlte es dem Stahlgürtel-bewehrten Hinterreifen an Traktion, während die Front noch sicher in der Spur blieb und somit kein unkontrolliertes Wegrutschen oder Untersteuern zu befürchten war. Alle anderen Reifenpaarungen bestanden den Nasstest ohne markante, sicherheitsrelevante Auffälligkeiten.Mit ein Grund für solche Ergebnisse ist die verstärkte Verwendung sogenannter Silika-Bestandteile (Kieselsäure) in der Laufflächenmischung. In Pulverform zugesetzt, verbessert der Silika-Anteil die Grundbaustoffe Ruß und Kautschuk in Sachen Nasshaftung enorm, ohne dass deshalb die Abriebfestigkeit darunter leidet. Und auch in diesem Bereich sollten sich die acht Paarungen beweisen müssen. Im Rahmen der Testfahrten auf der Rennstrecke umrundete ein Konvoi aus je vier Yamaha YZF-R1 die hügelige Piste im südfranzösischen Ledenon. In festgelegten Tempo und mit mehrfachem Durchwechseln der Fahrer rubbelte das Quartett allen Testreifen das Gummi von der Pelle. Die Ergebnisse können natürlich nicht als absolute Verschleißwerte, sondern nur zum Vergleich der Reifen untereinander herangezogen werden. Sensationell dabei die Abriebfestigkeit des japanischen Bridgestone-BT-010 Hinterreifens, der in Verbindung mit der hohen Anfangsprofiltiefe von sechs Millimetern und dem günstigsten Preis in Sachen Wirtschaftlichkeit den anderen um Längen voraus ist.Der wohl wichtigste Test für Sportreifen, Kurvenverhalten und Haftung, wurde ebenfalls in Ledenon gefahren. Um subjektive Ergebnisse und Rundenzeiten zu ergänzen, zeichnete MOTORRAD unzählige Daten und Messwerte während der Testfahrten auf. Erfreuliches Resultat der Heizerei: Fast alle Paarungen lagen auf einem enorm hohen Niveau, was Haftung und Beherrschbarkeit betrifft. Aufatmen auch für den Hersteller Metzeler, der seinen ME Z3 nach der unglücklichen Premiere auf der ersten Yamaha-R1 (wenig Grip, schwerfälliges Handling) jetzt wieder auf ein tadelloses Kurvenverhalten getrimmt hat.Zufrieden packt die MOTORRAD-Testcrew nach über 5000 Testkilometern die Koffer: Die aktuellen Sportreifen im 190er-Format sind besser als je zuvor. Sogar das störrische, instabile und nervige Breitreifen-Syndrom in Kurven ist weitgehend beseitigt. Dass schmale 180er-Pneus dennoch Vorteile bringen, demonstrierten die auf der Yamaha ebenfalls zugelassenen und versuchsweise aufgezogenen Metzeler und Pirelli in 180er-Dimension. Eine ganze Ecke handlicher und kurvenwilliger raste die derart schmal besohlte Yamaha fast eine Sekunde schneller um die anspruchsvolle Piste. Allerdings harmonieren 180er-Reifen nur im Fall der Münchner Produkte mit der breiten 6.00-Zoll-Felge. Andere Hersteller raten von dieser Kombination meist ab, da sich Kontur und Stabilität oft ungünstig verändern. In jedem Fall sollte vor einer Umbereifung auf 180er-Gummis beim jeweiligen Hersteller nachgefragt werden Wer für zackige Runden auf der Rennpiste noch mehr Grip verlangt, muss schon schärfere Geschütze auffahren. Die zum Teil straßenzugelassenen Renngummis vom Schlag eines Dunlop D 207 GP, Pilot Race oder Supercorsa zum Beispiel. Mehr über die klebrigen, mitunter aber auch recht kapriziösen Rennsportreifen in MOTORRAD XX/2001.

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