Reifentest (Folge 2): Supermoto-Reifen (Archivversion) Querlenker

Schräg oder quer? Meist beides –
Supermoto-Gummis müssen einiges weg-stecken können. MOTORRAD ließ es auf zehn Sätzen straßenzulassungsfähiger Pneus ordentlich krachen.

Wofür halten sie sich eigentlich, diese Supermoto-Maschinen? Gierige Jäger der Joghurtbecher-Fraktion auf verwinkelten Land- oder Pass-Sträßchen? Freche City-Bikes, die sich – quasi als
enttarnte Roller – mit den Blechlawinen
der Großstädte anlegen? Poser, die ihre
aggressive Optik in den Fenstern der
Straßencafés widerspiegeln wollen? Oder schlicht Enduros, die ganz pragmatisch ihre Evolution hin zum Asphalteinsatz durchmachen? Keiner weiß das so genau. Und letztlich spielt es auch keine Rolle. Denn es gibt sie einfach. Seit ungefähr zehn Jahren. Zunächst von KTM, Husqvarna oder italienischen Edelbastlern, dann als Mutationen der kreuzbraven XT-, XR- oder DR-Fraktion und jetzt – siehe Supermoto-Vergleichstest Seite 16 – in Form der Yamaha XT 660 X sogar erstmals als japanisches Serienbike.
Den Löwenanteil in die Supermoto-Liga liefert jedoch nach wie vor KTM. Allein 5000 der österreichischen 625-cm³-Singles rollten in diversen Modellvarianten in den vergangenen fünf Jahren in Deutschland auf 17-Zöllern aus dem Laden. Husqvarna brachte im gleichen Zeitraum etwa 2500 Maschinen unters Volk. Über die Dunkelziffer der Enduro-Derivate lässt sich nur spekulieren. HE-Motorradtechnik beispielsweise, eine auf Supermoto-Umbauten spezialisierte Werkstatt im bayerischen Freilassing, stellte in diesem Zeitraum etwa 2000 Bikes auf kleine Räder. Insgesamt reicht die Zahl der Supermoto-Fans jedenfalls aus, um die Zulieferer
in Bedrängnis zu bringen. Engpässe beim Nachschub der 17-Zoll-Felgen sind seit Jahren Dauerthema in der Szene.
Zurück zum Thema Reifen. Zwanzig Prozent Offroad, achtzig Prozent Asphalt lautet die Faustformel der Rennstreckendesigner im Supermoto. Trotzdem: Von Grobstöllern will im Schrägbremser-Metier keiner was wissen. Racer setzen auf in Handarbeit profilierte Slicks oder Regenrennreifen. Verständlich, wenn das Thema Offroad-Tauglichkeit auch bei der Supermoto-Kundschaft auf wenig Interesse stößt. Will heißen: Entscheidend ist, was auf Asphalt am besten klebt.
In dieser Beziehung tut sich die Driftliga nicht leicht. Während die meisten gängigen Maschinen vorn auf die Dimension 120/70-17 setzen und die Auswahl
an sportlichen Reifen riesig ist, gehört die Standardgröße der Supermoto-Hinterreifen, 160/60-17, meist eher auf tourensportlich orientierte Mittelklasse-Maschinen.
Wenigstens wird die Reifenauswahl nicht durch Markenbindungen der Motorradhersteller eingeschränkt, diese existieren in aller Regel nicht. Auch nicht für die MOTORRAD-Testmaschine, eine KTM 640 LC4 Supermoto, mit 53 PS Spitzenleistung das derzeit meist verkaufte Supermoto-Modell der Österreicher. Eines vorweg: Die Fahrwerksabstimmung ist den Ingenieuren aus Mattighofen erstklassig gelungen. Je schärfer das Tempo, desto wohler fühlt sich die LC4. Insbesondere das Vorderradstempeln, neudeutsch Chattering genannt, bei scharfer Gangart vor allem bei
Supermoto-Rennmaschinen oder leichten 450er-Supermotos ein großes Problem und möglicherweise durch die Reifenwahl zu beeinflussen, kennt die massige KTM nicht. Egal, welche Reifen aufgezogen sind, sie liegt wie ein Brett.
Auch das besonders bei supersportlichen Straßenmaschinen auftretende Lenkerflattern im Bereich zwischen 60 und 90 km/h, dafür gibt’s die hippe Bezeichnung Shimmy, ist im Supermoto im Allgemeinen und bei der KTM im Speziellen mit keiner Reifenpaarung ein Thema. Übrigens genauso wenig wie unbotmäßiges Pendeln bei Längsrillen. Supermoto-Bikes haben die Ruhe weg – oft im Gegensatz zu ihrer Belegschaft. Dabei sollten es die Quertreiber bei Sportreifen, die ihre Stärken auf trockener Piste mit Schwächen bei Kälte und Nässe erkaufen, ruhig angehen lassen. Warmfahren ist oberstes Gebot.
Apropos kaufen. Auf eine Angabe der Listenpreise verzichtet MOTORRAD wohlweislich, da im Reifensektor der Preiskampf tobt. Preisempfehlungen der Hersteller sind unverbindlicher denn je. Realistische Tarife lassen sich nur bei Vergleichen zwischen Händlern oder im Internet eruieren. Und noch was: Das Niveau aktueller Supermoto-Reifen ist verdammt hoch. Nicht nur die Top-Reifen bieten gigantischen Grip, der auf Landstraßen selbst für die allerschärfsten Auftritte locker ausreicht. Wer sich ohne Angst um Leib und Leben mal an die Grenzen der Reifen oder seiner selbst herantasten möchte, sollte sich besser auf einer Kartpiste versuchen. Denn um mit dem Kabarettisten Erwin Pelzig zu sprechen: »Das kostet wenig und macht viel Spaß.« Wie Supermoto an sich.

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