Reifentest: Sportreifen der Dimensionen 120/70 ZR 17 und 180/55 ZR 17 (Archivversion) Letzte Rille

Damit MOTORRAD-Leser nicht die Katze im Sack kaufen, jagte die Testmannschaft fünf aktuelle Sportreifen der Dimension 120/70 und 180/55 auf Messers Schneide um die Ecken.

Schluß, aus, vorbei. Kabeltrommeln saugen schnurrend ihre Tentakel ein, Meßblätter werden sortiert, gebündelt und zusammengetackert, Dutzende von Reifen gestapelt, markiert und zwischen Testmaschinen, verschwitzten Lederkombis, Werkzeugkisten und Meßapparaturen im Transporter verstaut. Zapp! Zischend versprüht ein kaltes Dosenbier seinen Schaum - das ham` wir uns verdient. Der letzte Tango ist getanzt. Mit strammen 145 PS unterm Hintern in fast 100 Runden auf dem klatschnassen Asphalt der französischen Michelin-Versuchsstrecke mehr quer als vorwärts geschleudert, das zermürbt selbst eine hochmotivierte MOTORRAD-Testcrew. Auch der Strecken-Arzt atmet auf: keine zersplitterten Schlüsselbeine, keine blutig geschliffenen Ellenbogen - ein ruhiger Tag.Als Gegenleistung für die konzentrierte Schinderei von Fahrern, Mechanikern und den unentbehrlichen »Buben für alles« ist das gut behütete Aktenköfferchen gefüllt mit Ergebnissen, die dem MOTORRAD-Leser eine Menge Ärger und Geld ersparen sollen. Denn welcher Motorradfahrer hat schon einen verläßlichen Überblick über die Qualitäten der angebotenen und meist auch homologierten Nachrüstbereifung? Selbst erfahrene Motorradhändler müssen bei der Beratung ihrer Kundschaft in Sachen Bereifung oft passen, da ihnen nicht die Zeit bleibt, die unterschiedlichen Möglichkeiten im direkten Vergleich zu fahren.Mit dabei im MOTORRAD-Reifentest:Bridgestone BT 56Dunlop D 207Metzeler ME Z1Michelin TX 15/25Pirelli Dragon MTR 01/02Die Freigabebescheinigungen von TÜV und DEKRA geben über die spezifischen Eigenschaften der Pneus leider keinerlei Informationen. Geprüft werden dabei in der Regel nur Kriterien der Fahrstabilität. Haftung, naß wie trocken, Lenkverhalten oder andere den Spaßfaktor steigernde Dinge interessiert die Graukittel bei den Freigabebescheinigungen kaum.Also rückte MOTORRAD aus, auf Rennstrecken, vollgasfreien Autobahnen, glitschigen Naßtest-Pisten und nicht zuletzt auf dem Indoor-Prüfstand die Haltbarkeit der Hinterradreifen bei Topspeed zu ermitteln. Und was hat der Suzuki Bandit 1200-Fahrer oder ein Honda CBR 1000 F-Treiber von den Testergebnissen auf der Yamaha YZF 1000 R? Ziemlich viel, den abgesehen von wenigen durch Fahrwerksgeometrie und Abstimmung beeinflußten Kriterien (siehe Kasten Seite 169) werden sich Fahreigenschaften wie Haftung, Fahrkomfort, Stabilität sowie Verschleiß auch auf Maschinen anderer Bauart wiederfinden. Vorausgesetzt, es sind exakt die im Test gefahrenen Reifentypen in der Dimension 120/70 ZR 17 und 180/55 ZR 17 montiert. Nur bei einer Handvoll Testkriterien können sich die Ergebnisse tatsächlich umkehren. Aber die sind in der MOTORRAD-Punktewertung ganz klar gekennzeichnet. Die Entscheidung für den einen oder anderen Reifen hängt natürlich davon ab, ob dieser für die jeweilige Maschine überhaupt eine Freigabebescheinigung besitzt - oder nicht. Erster Schritt, um dies zu klären: Erkundigen Sie sich bei Ihrem Motorrad-Vertragshändler nach den aktuellen Freigaben des Herstellers, die meist in jedem Frühsommer auf den aktuellen Stand gebracht werden. Kommen Sie dort nicht weiter, fragen Sie telefonisch oder schriftlich bei den Reifenherstellern beziehungsweise Reifen-Importeuren an. Denn die haben den Überblick, welche Pneus für welche Maschinen zugelassen sind. Dort erfahren Sie auch, welche Motorrad- Händler Sonderfreigaben für Ihre Maschine erstellt haben. Anders als die kostenlosen Importeurs-Freigaben müssen diese jedoch mit rund 100 bis 150 Mark bezahlt werden. Adressen und Kundendienst-Telefon finden Sie in den jeweiligen Bewertungs-Kästen auf Seite 172 und 173.Und seien Sie wählerisch: Überdenken Sie gründlich Ihre eigenen Vorstellungen der nächsten Bereifung, die ein ganze Menge Geld kosten wird und über die Sie sich ein paar tausend Kilometer lang freuen -oder ärgern werden. Eines nämlich ist gewiß: Den Superhaftreifen mit unbeschränkter Lebensdauer gibt es nicht. Also vor dem Kauf entscheiden, auf welches Kriterium Sie größeren Wert legen.Und wie kommt MOTORRAD zu den Ergebnissen? Zum einen auf der Test- und Rennstrecke im spanischen Calafat, wo neben allen anderen Kurveneigenschaften die Haftgrenze ausgelotet wird. Um ein Sturzrisiko so weit wie möglich einzugrenzen, werden ganz heikle Streckenpassagen mit reichlich Sicherheitsreserven durchfahren. Andererseits werden Kurven, die mit freundlich auslaufenden Kiesbetten umgarnt sind, unerbittlich auf der allerletzten Rille, dort wo sich Haftung in Schlupf verwandelt, gemeistert. Der winklige, mit wüsten Wellen und grobschlächtigen Flickstellen ausstaffierte Testkurs bringt fast alle Schwächen der Testreifen an den Tag. Zusätzlich werden die Gummis über holprige Landstraßen und Autobahnen getrieben, die noch mehr dem sonntäglichen Jagdrevier sportlicher Biker entsprechen. Dort kehren sich die Ergebnisse nicht selten um. Reifen, die aufgrund ihrer weichen, flexiblen Karkasse, wie zum Beispiel der Michelin TX 15/25, beim rennsportlichen Kurvenräubern keine Freunde fanden, brettern mit solider Stabilität und bester Eigendämpfung über die zerfurchten Betonplatten der Autobahn. Kein Pendeln, kein Zucken in der Lenkung, einfach easy mit 280 km/h auf der Uhr. So, und jetzt das gleiche noch einmal, dieses Mal mit dem supergriffigen, kurvenstabilen Handlings-Weltmeister BT 56 von Bridgestone. Trotz enormer Anstrengungen der Reifenkonstrukteure ist es noch nicht gelungen, perfekte Handlingeigenschaften mit souveränem Geradeauslauf bei Topseed zu kombinieren. In der Kategorie Sportreifen hat Dunlop was Neues zu bieten. Als Straßenableger des weltweit erfolgreichen D 207 Sportmax in »GP«-Mischung rollt der neue D 207 ohne »GP« durchs Land. Und das mit mächtigem Tempo. Etablierten Pirelli- und Metzeler-Pneus heizt der neue Dunlop gehörig ein. Superschnell bei Nässe und auf trockener Strecke, souverän im Alltag, knüpft der neue Gummi endlich wieder an traditionelle Sportmax-Qualitäten an. Der Preis dafür: ein relativ hoher Verschleiß im Schulterbereich. Immer noch eine gute Nummer: die Metzeler- und Pirelli-Pneus. Verläßlicher Grip, fahrstabil, glasklare Rückmeldung, einfach ein gutes Gefühl, auch wenn der Metzeler ME Z1 mit kräftigem Druck eingelenkt werden muß. Dennoch gilt: Wenn die Münchner Entwicklungsabteilung nicht schleunigst am Gas dreht, fährt ihnen die Konkurrenz auf und davon, und das nicht nur bei Nässe. Eine Möglichkeit für die Bayern, den Anschluß an die Konkurrenz zu sichern, ist der neue ME Z3-Stahlgürtelreifen. Doch der war zu Testbeginn in der 180er Dimension weder lieferbar, geschweige denn freigegegeben. Und Michelin? Mit zig Weltmeistertiteln gekürt, haben es die Franzosen mit dem TX 15/25 immer noch nicht geschafft, dieses unerschöpfliche Potential an Know-how in ihren Straßenreifen umzusetzten. Wann können wir endlich wie Mick Doohan auf seinen Michelin-Slicks um die Ecken wetzen?

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote