Reifenverschleißfahrt Kalt erwischt

Eigentlich sollte der Reifenverschleißkonvoi ins Warme fahren. Dass es Mitte März selbst in Süditalien eiskalt sein würde, konnte keiner ahnen.

Foto: Hertneck
Sonntag, 12. März, 5.15 Uhr. Das Handy bimmelt. Es ist German, einer der Testfahrer. »Sollen wir uns bei dem Schneefall wirklich um sechs Uhr treffen und losfahren?« fragt er zweifelnd. »Ja«, entgegne ich, »denn wer weiß, ob es morgen besser wird.« Zumindest schlechter kann es nicht mehr werden, denke ich mir und verschwinde in der Redaktionstiefgarage, um die sechs Motorräder vorzubereiten. Draußen schneit es wie verrückt, und das Thermometer zeigt zehn Grad unter Null.

Eine halbe Stunde später treffen nacheinander Andreas, Hägges, Mike, Rainer und German ein – alle mit dem Auto. Eine weitere halbe Stunde vergeht, bevor uns die Tiefgarage in die völlig verschneite Stuttgarter Innenstadt ausspuckt. Bereits die ersten Meter werden zum Eiertanz. Mit Samthandschuhen und ständig an der Rutschgrenze schleichen wir auf einer geschlossenen Schneedecke aus dem Stadtkessel hinauf Richtung Autobahn. Voller Hoffnung, dass wenigstens auf der A 8 gestreut wurde. Fehlanzeige: Der Streik im öffentlichen Dienst verhindert den nächtlichen Einsatz der Streufahrzeuge. Wir fluchen wie die Rohrspatzen und kämpfen uns 40 Kilometer bis zur Raststätte Gruibingen am Aichelberg durch. Durchschnittstempo maximal 30 km/h. Es grenzt schon an ein Wunder, dass sich bis dahin keiner ablegt, denn selbst vorsichtigstes Zupfen am Gasgriff lässt an jedem der frisch bereiften Motorräder das Heck ausbrechen.

Nach gut einer Stunde Aufwärmen und heißen Diskussionen, ob weiterfahren Sinn macht, rollt die Antwort in Gestalt zweier Streufahrzeuge vorbei. Wir warten noch einige Minuten, bis das Salz seine Wirkung zeigt und schwingen uns dann wieder auf die Maschinen. Erst lange nach Überqueren des Brenners, etwa ab Bozen, klettert die Temperatur über null Grad, und die ständigen Schneeschauer hören auf.

Nicht gerade perfekte Voraussetzungen, um Kilometer zu schrubben – was ja das Ziel von unserem Tross ist. Nur bei völlig identischen äußeren Bedingungen lassen sich Verschleißergebnisse miteinander vergleichen. Darum zieht MOTORRAD alljährlich mit baugleichen Fahrzeugen los, die alle mit verschiedenen Reifen besohlt werden und im Konvoi tausende von Kilometern zurücklegen.

Als Untersatz dienten diesmal sechs fabrikneue Buell XB12S. Die Fahrer behielten während der gesamten Tour ihre Position innerhalb der Gruppe bei, tauschten jedoch bei jedem Tankstopp die Motorräder durch. Auf diese Weise gleichen sich mögliche Unterschiede in der Fahrweise oder der Beladung auf die Gesamtdistanz gesehen aus.

4600 Kilometer legte der MOTORRAD-Konvoi Mitte März zurück. Glücklicherweise nicht immer bei Verhältnissen wie am Morgen des Starttags. Gelegentlich ließ sich sogar die Sonne blicken. Richtig warm wurde es allerdings nie. Und das, obwohl der Umkehrpunkt in Palermo auf Sizilien lag. Sogar die Vulkane Ätna und Vesuv waren bis weit hinunter in ein weißes Kleid gehüllt. Fungierte auf der Runterfahrt noch das Wetter als Tempobegrenzer, so zeigte sich auf dem Rückweg eine der XB12S als Spielverderber. Schnee, Salz, Regen und Schlamm hatten ihr wohl so zugesetzt, dass sich allmählich ein Temperatursensor der Einspritzanlage verabschiedete. Teammitglied Mike, hauptberuflich Buell-Mechaniker, schraubte, was das Zeug hielt, bis er nach etlichen Zwangspausen den Verursacher fand. In einer Buell-Vertragswerkstatt bei Genua konnten wir schließlich das Corpus Delicti auf Garantie tauschen.

Übrigens wäre es kurz vor Palermo auf der Hinfahrt auch schon mal fast zum Ausfall einer Testmaschine gekommen. Beim Tanken entdeckten wir, dass ein Drahtstift in einem der Reifen steckte. Vorsichtig zogen wir ihn heraus und überprüften mit etwas Spucke, ob sich am zurückgebliebenen Loch Luftbläschen bilden. Das war nicht der Fall – es konnte also weitergehen.

Am letzten Tourtag erreichte dann der erste der zwölf Testreifen die Verschleißgrenze. Auf der Rückfahrt über die Alpen,bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen um null Grad (an die wir uns längst gewöhnt hatten) unterschritten die Continental Sport Attack als einzige der Gummipaarungen die vorgeschriebenen 1,6 Millimeter Mindestprofiltiefe am Hinterrad. So gesehen ein perfektes Timing.

Dass der Verschleißtest nicht nur die Reifen in Mitleidenschaft zog, sondern aufgrund der klimatischen Verhältnisse den Fahrern ebenfalls arg zusetzte, hätte sich, wie wir inzwischen wissen, bei einer etwas späteren Abfahrt nicht vermeiden lassen. Denn der Frühling ließ, abgesehen von vereinzelten schönen Tagen, bis Anfang Mai auf sich warten. Und so lange wollten wir nun wirklich nicht in der Tiefgarage verharren. Selbst German nicht.

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