Reifenverschleißfahrt Konvoi in den Süden

Wie kommt man Ende März an aussagekräftige Verschleißergebnisse für den Reifentest ran? Ganz einfach: Man besorge sich identische Motorräder, telefoniere ein halbes Dutzend Kumpels zusammen – und ab geht’s nach Italien. Und weil es sich bei so einer Fahrt geradezu anbietet, wird gleich noch jede Menge Bekleidung und Zubehör getestet.

Foto: Hertneck
Flach hinter der Verkleidungsscheibe der Triumph Sprint ST geduckt, schleiche ich in Griffweite hinter einem Truck auf der Autobahn zwischen Rom und Neapel her. In meinem Schlepptau Hägges, Roberto, Karl, Franky, Andreas und German auf sechs weiteren Sprint ST. Der Bordcomputer zählt unaufhaltsam die verbleibenden Restkilometer bis zur Trockenlegung des Tanks runter: 28, 27, 26, 25. Langsam beginne ich zu schwitzen.

Dumm, dass wir nach der Umfahrung Roms die Tankstelle unmittelbar nach der Mautstation übersehen haben. Noch dümmer, dass die nächste Raststätte auf unserem Trip bis zur Spitze des Stiefels weiter entfernt ist, als es die Restreichweite laut Anzeige zulässt. Dass Raststätten auf italienischen Autobahnen oft mehr als 50 Kilometer auseinanderliegen, könnte jetzt fatale Folgen haben. Da hilft nur Po zusammenkneifen, vorsichtigst am Gasgriff zupfen und möglichst effektiv den Windschatten des Brummis ausnutzen. Auch wenn wir die vielen Lastwagen sonst immer verfluchen, weil sie den Verkehrsfluss lähmen, jetzt können wir zumindest diesen einen sehr gut gebrauchen.

Wir haben Glück. Nach 30 Kilometer Schneckentempo taucht die ersehnte Tankstelle auf. 21,16 Liter fließen in das 21 Liter fassende Spritfass – klasse, die Herstellerangabe stimmt. Meine Sprint war praktisch trocken, und bei den andern sechs schaut es ähnlich aus. Wenigstens konnten sie ein klein wenig vom Windschattenfahren profitieren – auch wenn wir stets ausreichend Abstände lassen und seitlich versetzt fahren.

Um mögliche geringe Unterschiede bezüglich des Reifenabriebs durch eine unterschiedliche Fahrweise zu minimieren, wechseln wir bei jedem Tankstopp die Motorräder – die Positionen innerhalb der Gruppe behalten wir allerdings bei. Auf diese Weise herrschen für die sieben getesteten Reifenpaarungen von Avon, Bridgestone, Continental, Dunlop, Metzeler, Michelin und Pirelli während der in sieben Tagen zurückgelegten Gesamtdistanz von 5350 Kilometern absolut vergleichbare Bedingungen.
Bella Italia, wir kommen! Pustekuchen. Bei Temperaturen um null Grad Celsius rollen wir trocken, allerdings leicht angefroren von Stuttgart bis über den Brenner. Danach wird es richtig mies. Durch die ganze Poebene hindurch Regen bis hin zu Wolkenbrüchen und auf der Autobahn zwischen Parma und La Spezia beim Überqueren des Apennin heftiges Schneetreiben! Den Reifen ist’s allerdings egal, ob es regnet oder schneit. Sie verschleißen munter weiter. Bei aggressivem Salz auf der Straße sogar besonders schnell. Bei Regenfahrt kühlt zwar das Wasser den Reifen, gleichzeitig tritt aber mangels Grip erhöhter Schlupf auf, was zu vergleichbarem Gummiabrieb führt wie bei trockenem Asphalt. Summa summarum eben Verhältnisse, wie Sie auch bei der ersten Alpentour des Jahres auftreten können. Sonne wäre uns trotzdem lieber.

Glücklicherweise kenne ich die Strecke aus dem Effeff und weiß, dass die Autobahn gleich nach dem Tunnel kurz vor La Spezia steil bergab führt. Somit dürften wir die Schneefallgrenze hoffentlich zügig unterschreiten. Außerdem liegen kurz hintereinander zwei Raststätten an der Autobahn, Mensch und Maschine können Betriebsstoffe auffüllen. Frisch betankt – die Bikes mit Sprit, wir mit Espresso – geht’s auf die letzten 90 Tageskilometern bis ins nördliche Cinque Terre. Im Städtchen Moneglia laufen wir im Hotel La Vigna ein, wo uns die rührige Chefin Lidia bereits erwartet und mit einem wahrlich verdienten Willkommenstrunk empfängt. Nach einer heißen Dusche, einem üppigen Mahl und diversen Gläschen Rotwein sinken wir ermattet in die Kojen. So schmeckt Italien.

Testroutine bestimmt die folgenden Tage: Fahren, fahren, fahren, nur kurze Pausen zum Tanken oder zum Reifenprofiltiefe messen, höchstens mal einen Espresso oder ein paar Kekse einwerfen und spät abends irgendwo in einem Hotel oder Gasthaus stranden. Dort noch einmal die Reifen messen, Luftdruck prüfen sowie Ölstand und Kettenspannung kontrollieren.

Sind die »Pferde« im Stall und versorgt, kommen die Reiter an die Reihe. Nasse Klamotten aufhängen, heiß duschen, um wieder Wohlfühltemperatur zu erreichen, frische Klamotten überziehen und dann im nächstgelegenen Ristorante die leckeren italienischen Spezialitäten genießen – schließlich sollen ja nur die Gummis an Profil verlieren und nicht wir.

Auf diese Weise umrunden wir nahezu den kompletten italienischen Stiefel, rauschen an Städten wie Pisa, Rom, Neapel, Reggio di Calabria, Bari, Pescara, Ancona, Rimini, Bologna, Genua sowie unzähligen herrlichen Landstrichen vorbei und nehmen all die interessanten Eindrücke lediglich im Vorbeiflug auf.

Und dass der Job manchmal gar gefährlich ist, erleben wir südlich von Salerno. In einer scharfen Autobahnkurve steht auf dem Mittelstreifen plötzlich eine parkbankgroße Straßenabsperrung, die irgendein Lkw wohl vom Straßenrand her dort hingeschleudert haben muss oder einem unachtsamen Bautrupp von der Ladefläche purzelte. Da wir mit einem ordentlichen Zacken ums Eck biegen, gelingt es mir gerade noch auszuweichen und die nachfolgenden Triumph-Fahrer mit erhobenem Arm zu warnen. Im Spiegel sehe ich, wie sie links und rechts am Hindernis vorbeischießen. Noch abends beim Essen schaudert es uns bei der Erinnerung an diesen Vorfall. Das war ganz schön knapp, meinen alle – bis auf Roberto. Er behauptet bis heute steif und fest, keine Absperrung gesehen zu haben.

Die Konzentration auf die Verschleißfahrt scheint ihn derart zu fesseln, dass er alles andere ausblendet. Immerhin bemerkt er den erneuten Wetterumschwung mit Schneefall am Brenner. Es ist der siebte Tag der Testwoche. Wir nehmen Frau Holles kurzes Intermezzo mit Humor und vor allen Dingen sturzfrei.

Spät abends in der heimatlichen MOTORRAD-Tiefgarage in Stuttgart werfen wir einen zufriedenen Blick auf die Reifen. Zugegeben: Komplett plattgefahren haben wir sie nicht, aber die Verschleißfahrt ging ihnen ganz ordentlich an die Substanz. Wie auch uns, nur mit dem einen Unterschied: Wir sind in ein paar Tagen wieder fit und könnten erneut loslegen. Das nächste Mal allerdings – praxisnahe Testbedingungen hin oder her – gerne bei Sonnenschein. Und hoffentlich mit genügend Tankstellen am Wegesrand...

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