Sportreifen 120/70 ZR 17 und 190/50 ZR 17 Aktuelle Sportreifen im Test

Reifen im Test:
Avon VP2 Supersport
Bridgestone BT 016
Continental SportAttack
Dunlop Qualifier 2
Metzeler Sportec M3
Michelin Pilot Power 2CT
Pirelli Diablo Rosso

Foto: Jahn
Andächtige Stille liegt über Stuttgart. Ein typischer Sonntagmorgen im Ländle: Leere, sauber gefegte Straßen, keine trägen Autokolonnen, die sich mühsam durch die Stadt wälzen. Hier und da ein einsamer Frühaufsteher, der sich die ersten Brötchen des Tages fürs Frühstück sichern will. Mit metallischem Scheppern schiebt sich das Rolltor der MOTORRAD-Tiefgarage nach oben. Aus dem Schacht durchbricht plötzlich ein vielstimmiger Vierzylinder-Sturm gefolgt von einem V2-Poltern die Sonntagsruhe.

Auf der Straße entfaltet sich das dichtgedrängte Lichtknäuel zu einer 50 Meter langen Perlenkette, die sich durch den Stuttgarter Westen Richtung Autobahn schlängelt. Sieben Honda Fireblade, gefolgt von einer Suzuki Bandit 1250 und als Schlusslicht die KTM RC8: Das sind die Einsatzfahrzeuge, auf denen der 2009er-Reifentest von MOTORRAD ausgefahren wird. 4000 Kilometer stehen in den nächsten fünf Tagen auf dem Programm. Jede Fireblade ist mit einem anderen Satz Sportreifen in der Dimension 120/70 ZR 17 und 190/50 ZR 17 bestückt, darunter brandneue Exemplare wie die Avon VP2 Supersport und die Dunlop Qualifier 2, außerdem bekannte Profile wie Bridgestone BT 016, Conti SportAttack, Metzeler Sportec M3, Michelin Pilot Power 2CT und Pirelli Diablo Rosso. Als Referenz läuft auf der Bandit der Michelin Pilot Road 2 2CT als bester Tourensportreifen aus den Reifentests der Jahre 2007 und 2008 mit. Auf der KTM ist zu Testzwecken der Michelin Power One montiert, ein Rennreifen mit Straßenzulassung. Die Ergebnisse dieses Quervergleichs werden in einem Konzeptvergleich in MOTORRAD 15/2009 zu lesen sein. Hier geht es zunächst bei den Sportreifen ans Eingemachte: Was kann die aktuelle Sportreifen-Generation im Jahr 2009 den Fahrern von Fireblade & Co alles bieten? Auf der Landstraße, im Hobby-Renneinsatz, bei Nässe und in puncto Haltbarkeit.
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Foto: Jahn

Der Weg ist das Ziel

Ziel des Tages ist das knapp 1000 Kilometer entfernte Gémenos, ein Städtchen nahe Marseille, bewährtes Basislager für die MOTORRAD-Testcrew in den Wintermonaten. Von dort aus sind 600 Kilometer lange Tagesetappen geplant, überwiegend auf südfranzösischen Landstraßen der „D“-Kategorie. Rauer Asphalt plus hohe Kurvendichte sollen den Gummiabtrag an den Reifenschultern fördern. Bei einem prognostizierten Schnitt von rund 60 km/h heißt das zehn Stunden Fahrzeit. Tank-, Kaffee- und Pinkelpausen nicht inklusive. Dazu natürlich Unwägbarkeiten: Halten die Motorräder ohne Ausfälle durch? Kippt ein Fahrer aus dem Sattel? Torpediert ein Plattfuß die Verschleißanalyse? Muss der Rennreifen auf der KTM mangels Restprofiltiefe vorzeitig in das Servicefahrzeug verladen werden?

Kilometer 124, A 5 bei Achern: Kollege Kaschel auf der RC8 zimmert an der Truppe vorbei und setzt den Blinker in Richtung Parkplatz. Macht der Power One etwa schon jetzt schlapp? Nein, nicht der Reifen ist das Problem. Am 800-Euro-Helm des Testredakteurs hat sich das Einfassungsband gelöst und wird binnen einer Minute mit Tape fixiert. Weiter geht es in der ursprünglichen Formation. Damit die Reifen gleichmäßig abgefahren werden, findet im regelmäßigen Turnus ein Fahrzeugwechsel statt. Dabei behalten alle Fahrer ihre Position innerhalb der Gruppe. Das Bike am Schluss wandert auf die Pole Position, die übrigen Motorräder um eine Position nach hinten. Die Wechsel sind so abgestimmt, dass jeder Fahrer pro Tag einmal mit allen Reifenpaarungen gefahren ist, um Unterschiede im Fahrstil auszugleichen.

Kilometer 546, A 40 bei Bourg-en-Bresse: Halbzeit auf dem Weg in den Süden. Das Team hat sich eingespielt. Alle zwei Stunden rollt der Tross an die Tankstelle. Paarweise stehen die Bikes an der Zapfsäule. Gasttester Mike Nägele gibt den freundlichen Tankwart. So können in einem Rutsch alle Maschinen mit frischer Füllung versorgt werden – innerhalb von zehn Minuten ist der Servicedienst einschließlich Bezahlen erledigt. Ein kostbarer Zeitgewinn, den die Fahrer für das eigene Tune-up nutzen. Im Begleitfahrzeug, das der Fotograf steuert, lagern die Betriebsstoffe für die Crew: Wasser, Saftschorle, Obst, Würstchen und Buletten. Warmer Kaffee rinnt für einen Euro aus der Automatenbatterie. Kleiner Konzentrationsmangel beim Kollegen Zeljko vom kroatischen Schwestermagazin „Motorrevija“, der den falschen Knopf erwischt und in eine trübe Brühe schaut. Die nicht gewollte, koffeinfreie Suppe muss er selbst auslöffeln.
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Foto: Jahn

Anreise geschafft

Kilometer 979, D 396 bei Gémenos: Nur noch wenige Meter bis zum Hotel. Die eintönige Anreise ist geschafft. Auf den ersten 1000 Kilometern haben die Reifen nur die Autobahn gesehen – retour steht noch einmal dieselbe Distanz an. Was aber nicht untypisch ist. Wer sich aus Deutschlands Norden zum Alpenurlaub aufmacht, spult ebenfalls lange Etappen auf der Bahn ab. Ebenso süddeutsche Biker, die zum Urlaub nach Skandinavien starten. Die vergleichsweise weichen, haftfreudigen Mischungen der Sportgummis können bei sturer Geradeausfahrt schnell einen Knacks wegbekommen. Weshalb Pneus wie der Bridgestone BT 016 und der Michelin Pilot Power 2CT mit unterschiedlichen Gummimischungen in verschiedenen Bereichen aufgebaut sind – Stichwort Multicompound. Harte Mischungen in der Laufflächenmitte reduzieren die Aufstandsfläche („Latsch“) und den Gummiabrieb. Weiche Mischungen an den Schultern bringen in Verbindung mit einer spitzen Reifenkontur eine große Auflagefläche, verbessern Handlichkeit und Grip. Wie guts funktioniert, wird sich in den nächsten drei Tagen zeigen. Noch ein Thema bei der Feierabend-Pizza im Hotel:

Auf deutschen Autobahnen darf man schnell fahren, kann es aber nicht. Kilometerlanges Zuckeln im zähen Kolonnenverkehr bei Tempo 100, dann sekundenlanges Beschleunigen auf mehr als die doppelte Speed, anschließend wieder hinten anstellen. Auf Frankreichs Autobahnen kommt man trotz Limit von 130 km/h im Schnitt nicht nur viel schneller, sondern in der Summe deutlich entspannter voran. Sagt nicht nur das Bauchgefühl, sondern auch die Datarecording-Aufzeichnung auf Bike 5, der bildschönen Repsol-Honda. Kilometer 1399, D 900, Lac de Serre-Ponçon: Die Sportreifen sind voll in ihrem Element. Auf den winzigen Landstraßen durchs Maurische Gebirge, vorbei am Lac de Ste. Croix, quer durch die Verdon-Schlucht und durch die Ausläufer der französischen Seealpen herrschen ideale Bedingungen: kaum Verkehr, trockener Asphalt, unzählige Kurven. Das belegt auch die tägliche Messung abends in der Unterkunft. Bis zu zwölf Prozent baut das Profil auf diesem 600-Kilometer-Trip an den Schultern ab. Favoriten gibt es noch keine. Die Tester sind sich einig, dass alle Reifen im flotten Landstraßentempo super funktionieren und dass Fireblade sowie RC8 beim Fast-forward-Touring deutlich mehr Laune bringen als die behäbig-softe Bandit 1250. Kilometer 1953, A 7 bei Montélimar: KTM, die zweite.

Testfahrer Mike rollt mit der RC8 auf dem Seitenstreifen aus, irgendwo hinter ihm liegt die Kette. Praktisch, dass der Fotograf nicht nur gut knipsen kann, sondern auch Gelbe-Engel-Qualitäten besitzt. Die KTM verschwindet im Redaktions-Vivaro auf der Suche nach einem Händler, der Rest der Verschleißtruppe im Kurvengeschlängel der Ardèche. Die fehlenden 150-Kurven-kilometer auf der Traumstrecke nördlich von Avignon wird Kollege Kaschel dem Michelin Power One später auf der Schwäbischen Alb aufbürden. Kilometer 2455, D 999 bei Le Vigan: Nach zwei Tagen mit stabilen Streckenverhältnissen kippt das Wetter am dritten Tourtag, an dem die längste Schrägseilbrücke der Welt, das Viaduc de Millau, angefahren wird. Trotzdem lassen sich zügig Meter machen. Laut Datarecording unterscheidet sich die Tour kaum von den übrigen: Im Schnitt ist man mit 56 km/h unterwegs, an den Tagen zuvor waren es 53 und 54 km/h. Als Spitzenwert erreicht die Reifentemperatur 50 Grad Celsius, auch damit folgt man exakt den Werten der Vortage (49 und 50 Grad). Einzig die deutlich niedrigere Durchschnittstemperatur (20 Grad gegenüber 30 und 33 an den Vortagen) dokumentiert, wie stark die Reifen im Regen abkühlen.
Foto: Jahn

Die Heimat ruft

Kilometer 2886, Gémenos-Pass: Funktionscheck aller Reifen im gut angefahrenen Zustand. Das ist die Stunde von Karsten Schwers. Die Streckenführung beherrscht der MOTORRAD-Top-Tester im Schlaf. Wenn im Winterhalbjahr in Deutschland nichts mehr geht, werden auf dieser Strecke Stärken und Schwächen der Testmotorräder analysiert. Nun wird den Reifen auf den Zahn gefühlt: Wie hat sich Handlichkeit, Lenkpräzision, Kurvenstabilität und Aufstellmoment bei gut halber Laufleistung verändert? Am Testende werden die Ergebnisse mit denen verglichen, die im Neuzustand auf dem Dunlop-Testgelände von Mireval ermittelt wurden.

Kilometer 3204, A 46 bei Lyon: und wieder die KTM. Kurz hinter der Zahlstelle fehlt plötzlich MOTORRAD-Cheflogistiker Rainer Froberg. Nach zähen Minuten des Wartens taucht in der Ferne schließlich ein Lichtpunkt auf. Die Erklärung folgt beim nächsten Tankstopp. Der Gang war schon eingelegt, als sich plötzlich eine Hand auf den Arm von Rainer legt und er in das strenge Gesicht eines Verkehrspolizisten blickt. Per Handzeichen gibt der Flic zu verstehen, dass er mit dem Sound der RC8 und dem aufgezogenen Rennreifen nicht einverstanden ist. In der Tat hat der Power One mit den Alibi-Profileinkerbungen fast schon Slick-Format. Warum der Polizist Rainer trotzdem weiterfahren ließ, werden wir wohl nie erfahren. Vermutlich hat es den aufmerksamen Flic besänftigt, als er wohlwollend registriert hat, dass es sich bei der beanstandeten Reifenpaarung immerhin um die große Traditionsmarke Frankreichs handelt. Vive la France!
Foto: Jahn
Kilometer 3700, A 5 bei Offenburg: Auf und neben der Autobahn wimmelt es von Polizeikolonnen. Deutschland ist im Obama-Fieber. In fester Formation pfeilen die Fireblade mit Bandit und RC8 im Schlepptau unbehelligt Richtung Stuttgart. Weniger als 200 Kilometer bis zur Tiefgarage. Mit einem kleinen Schlenker über die Schwäbische Alb könnten wir die 4000 noch knacken. Doch diese Aktion hätte nur symbolischen Charakter, und das lassen wir Mr. President. Wir brauchen keine Symbolik, sondern handfeste Fakten: Verschleiß- und Alltagswertung sowie weitere Funktionsprüfungen auf der Rennstrecke und bei Nässe, die auf dem Testgelände von Dunlop/Goodyear bei Montpellier absolviert werden. Erst dann steht der Gewinner des 2009er-Sportreifen-Tests fest. Es ist der Michelin Pilot Power 2CT, der in vielen Einzeldisziplinen auf dem Podium steht und damit auch die Abschlusstabelle anführt. Das schreit doch nach einer Ehrenrunde, oder? Auf, nach Frankreich?

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