Sportreifen bei Kälte (Archivversion) Voll cool?

Reichlich Haftung versprechen sich Supersport-Fahrer von ihren Gummis. In der Übergangszeit aber gelten andere Werte.

Kennen Sie den: Kommt eine mit Metzeler ME Z4 bereifte Yamaha YZF-R1 ums Eck und fährt einer mit Metzeler ME Z Rennsport besohlten R1 um die Ohren. Kennen Sie nicht? Kein Wunder, ist auch kein Witz. Ist die reine Wahrheit. Die Mär, dass rassige Sport-Pneus jederzeit Grip im Überfluss bieten, stimmt nämlich nicht. Der Haken bei der Sache: die Temperatur. Rennreifen und deren Ableger funktionieren wegen der hohen thermischen Belastungen auf der Rennstrecke nur in einem entsprechend hoch angesiedelten und schmalen Temperaturfenster optimal. Bei weniger sportlichen Reifen beginnt dieser Bereich bei deutlich geringeren Temperaturen und ist erheblich breiter.Ein im Frühjahr oder Herbst nicht zu unterschätzendes Kriterium. MOTORRAD machte die Probe aufs Exempel. Eine Bergstrecke im Schwarzwald, Außentemperatur um acht Grad, Asphalttemperatur 11,5 Grad. Wie heiß werden drei unterschiedliche Metzeler-Pneus (ME Z4, Sportec und Rennsport, alle auf der R1 freigegeben) auf der Landstraße? Und wie fährt es sich damit?Um es kurz zu machen: mit den sportlichen Probanden nicht sehr gut. Wer schon mal versucht hat, es beim Renntraining mit kalten Reifen gleich in den ersten Runden richtig laufen zu lassen, weiß, was gemeint ist. Gautschig, unwillig beim Einlenken und gleichzeitig jede straßenbauliche Unzulänglichkeit mangels Eigendämpfung nicht absorbierend, vermiesen die kalten Gummis dem Fahrer die Tour. Der denkt derweil in erster Linie nicht an die Grenzen der Haftung, sondern ist vollauf damit beschäftigt, die Linie zu halten. Erst ein paar kernige Brems- und Beschleunigungsmanöver auf der Geraden bringen die Reifen einigermaßen auf Temperatur. Und dazu, wenigstens leidlich zu funktionieren. Das satte, keinerlei Zweifel duldende Gefühl von beinahe unbeschränkter Haftung, wie man es von Sportec und Rennsport unter optimalen Bedingungen kennt, kommt jedoch nicht auf.Auch nicht nach dem zweiten oder dritten Törn. Bergauf, bergab – es wird besser, aber nicht gut. Weil es kaum wärmer wird. Weder für den Fahrer noch für die Reifen. Von ihrem optimalen Temperaturbereich (siehe Tabelle) sind Letztere meilenweit entfernt. Der wird beim Sportec auf öffentlichen Straßen höchstens an heißen Sommertagen erreicht, beim Rennsport allenfalls am unteren Ende gestreift. Macht das Sinn?Beim ME Z4 stellt sich diese Frage gar nicht. Denn die Lücke zwischen tatsächlich erreichter und optimaler Betriebstemperatur fällt weitaus kleiner aus. Das ist auch von der ersten Kurve an zu spüren. Der ME Z4 geht nahezu mit dem gewohnten Fahrverhalten ans Werk. Lenkt willig ein, überrollt Bitumenschmierereien genauso gelassen wie Flickstellen und Bodenwellen, vermittelt ein ausgeprägtes Gefühl für die tatsächliche Haftung, kurz: schlägt sich selbst unter diesen motorradunfreundlichen Bedingungen immer noch gut. So wird das Einfangen der ersten frühlingshaften oder letzten herbstlichen Sonnenstrahlen zum Genuss ohne Reue. Und sollte für so manchen Supersportler-Fahrer die Frage aufwerfen, ob dies (neben der höheren Laufleistung) nicht für den Verzicht auf ein Quäntchen Maximalgrip unter idealen Bedingungen mehr als entschädigt.

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